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Weihnachtsgeschichten Band 3

Weihnachtsgeschichten
Band 3
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-07-4

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Eine moderne Weihnachtsgeschichte

© Barbara Boos

Still war die Nacht, und die Straße vor ihm war wie leergefegt. Gleichmäßig pflügte sich seine Limousine durch die Dunkelheit in Richtung Norden, während er voller Vorfreude der letzten Arbeitswoche vor Weihnachten entgegensah. Sein letzter Auftrag in diesem Jahr war eine reine Standardsache und würde kaum mehr als fünfzig Prozent seines Könnens in Anspruch nehmen. Umso mehr Zeit würde er haben, um sich dem angenehmen Teil seiner Reise zu widmen. Seit Jahren schon pflegte er eine Beziehung zu Marielle, und ihre heimlichen Treffen waren ausschließlich auf die Weihnachtszeit beschränkt, da nur dann der volle Terminkalender ihres Gatten den notwendigen Spielraum für solche Eskapaden einräumte.

Bislang hatten sie sich immer für eine Nacht auf halber Strecke zwischen seinem und ihrem Wohnort im Sapin de Noël, einem kleinen Hotel nahe der Autobahn getroffen, aber dieses Mal hatte er einen Auftrag quasi direkt vor ihrer Türe, so dass er jeden Abend ohne besonderen Aufwand mit einem netten Unterhaltungsprogramm rechnen konnte. Um sicherzustellen, dass das Programm auch seinem Geschmack entsprach, hatte er sich zuvor bei einem namhaften Dessous-Hersteller in London mit ein paar kleinen Geschenken ausgestattet, die zwar eigentlich spärliche Kleidungsstücke für Sie waren, aber am Ende vielmehr dafür vorgesehen waren, Ihm zur Freude zu gereichen. Besonders stolz war er auf ein Set ganz in Rot mit weißen Bommeln im Nikolaus-Stil. Dies würde auf ihrer blassen Haut sicher ganz fantastisch aussehen, und so konnte er es kaum erwarten, ihr als Antwort darauf wie Knecht Ruprecht seine Rute zu schwingen.

Er bog von der Autobahn ab und steuerte sein Hotel an, während er noch kurz ein Telefonat mit seiner Frau führte und den Einkauf der Weihnachtsgeschenke für die Kinder besprach. Heiligabend gemeinsam mit seiner Familie zu verbringen war ihm wichtig, und seine Kinder gingen ihm über alles. Er erinnerte sich an die Weihnachtszeit zu seinen eigenen Kindertagen. Als er noch nicht zur Schule ging, war es ein Bekannter der Familie aus dem Nachbardorf, der für ihn und seine jüngeren Brüder immer den Weihnachtsmann spielte. Noch Jahre später gab seine Mutter immer wieder gerne zu allen passenden und unpassenden Anlässen zum Besten, wie er sich seinerzeit im Keller versteckt hatte, wenn es am Weihnachtsabend an der Tür klopfte, obwohl er eigentlich stets ein Musterknabe war und somit der letzte war, der von einer höheren Instanz eine Strafe zu befürchten gehabt hätte.

Am Horizont erschienen die Lichter seines Hotels. Höchste Zeit einzuchecken und sich auf seinen morgigen Tag vorzubereiten. Bei seinem neuen Auftrag handelte es sich um eine Wirtschaftlichkeitsanalyse für die Logistiksparte einer international agierenden Holding. Den Auftrag dazu hatte ein potentieller Investor aus Dubai gegeben. Er musste sich heute Abend noch ein paar Unterlagen anschauen, und er wollte morgen früh auf jeden Fall ausgeschlafen sein. Denn am Abend war er schließlich mit Marielle verabredet, und er konnte es kaum erwarten, sich an ihr und ihren neuen rot-weißen Nikolausstrapsen zu erfreuen.

"Merkwürdige Sachen gehen hier vor." Angelo lief quer über den Hof auf Rupert zu.

"Was meinst Du mit merkwürdig?", fragte Rupert zurück, wobei er nicht aufhörte, den Hof zu kehren.

"Weiß noch nicht so genau. Aber irgendwas stimmt nicht. Den ganzen Tag über helle Aufregung im Verwaltungsgebäude, alle rennen wie verrückt durch die Gegend, und seit heute morgen arbeitet auch noch so ein komischer Schnösel im Büro neben dem Chef. Auf seinem Türschild steht Chief Restructuring Officer. Was auch immer das sein mag - auf jeden Fall ist er wichtig, denn wenn er was will, rennen alle, inklusive dem Seniorchef.

"Chief Wasfürn Officer? Kann ich mir nichts drunter vorstellen."

"Ich auch nicht. Aber vielleicht hat das zu tun mit den Mindestlöhnen für die Briefzusteller. Mein Schwager ist doch beim Ortsvorstand in der FDP, und er hat gesagt, dass deswegen viele Arbeitsplätze in Gefahr sind und dass auch unsere Firma bald Pleite gehen könnte."

"Na ja, bis wir zwei in Rente gehen, wird der Laden noch durchhalten, hoffe ich mal."

"Bestimmt. Mist, ich muss los. Wahrscheinlich schon wieder so ein komischer Araber." Angelo setzte sich in Bewegung.

"Araber?"

"Oder von sonst einem Wüstenstaat. Auf jeden Fall nicht von hier. Ich muss echt los, bis später vielleicht."

Angelo rannte quer über den Hof auf seiner Pförtnerloge zu, wo bereits eine große dunkle Limousine auf Einlass wartete.

Rupert sah Angelo kopfschüttelnd nach. Früher, als er in seinem Beruf angefangen hatte, hatte die Postzustellung zur Weihnachtszeit absolute Priorität. Schließlich war dies die Hauptsaison für das Unternehmen, und damals wäre niemand auf die Idee gekommen, in dieser Zeit irgendwelche Chief Sonstwie Officers zu engagieren oder ausländische Wüstengäste zu empfangen. Zum Glück aber blieb der Hof von all diesem Geschehen unbenommen, und so fuhr Rupert unbekümmert mit dessen Säuberung fort, bevor er endlich Feierabend machte.

"Good Evening, Mrs. Claus. Hier bin ich. Warst Du auch schön brav in diesem Jahr?"

"Viel mehr, als mir lieb war." Marielle versank in seinen Armen. "Du kommst spät. Aber es besteht kein Grund zur Eile, Nick hat eben angerufen. Er muss noch eine Sitzung für morgen vorbereiten und wird nicht vor Mitternacht nach Hause kommen."

Sie hatte schon wieder zugenommen. Beim Bestellen der Dessous hatte er sich überlegt, ob er eine Nummer größer nehmen sollte als im vergangenen Jahr, hatte aber davon abgesehen. Nach seinen eigenen Beobachtungen war eine neue Größe jeweils alle ein bis zwei Jahre fällig, aber dieses Mal hatte er sich vom Prinzip Hoffnung leiten lassen und war bei der alten Größe geblieben. Ob es ein Fehler war, würde sich gleich herausstellen.

"Ich habe Dir etwas mitgebracht, meine Liebe. Du wirst sicher zauberhaft darin aussehen."

"Und ich sag' Dir, hier stimmt was nicht."

"Was denn nun schon wieder?" Angelos Hang zu wüsten Verschwörungstheorien war im Unternehmen hinlänglich bekannt, und so leicht ließ Rupert sich nicht aus der Ruhe bringen. Außerdem hatte er eigentlich schon seit über einer Stunde Feierabend und war gerade am Gehen.

"Ich hab dir doch von diesen Arabern erzählt. Die kommen nun schon seit Wochen jeden Tag hier an und halten uns alle von der Arbeit ab. Fahren mit dicken Limousinen vor und haben dann stundenlange Sitzungen bis uns. Wir machen zum Teil doppelte Schicht an der Pforte, damit wir schnell genug die Besucherausweise ausstellen und deren teuren Wagen parken können. Verdammt viel Arbeit, und das ausgerechnet jetzt vor Weihnachten, wo hier eh der Teufel los ist."

"Na ja, das ist schon komisch, aber doch noch kein Grund zur Panik."

"Ist es nicht? Dann aber vielleicht das. Ich hab munkeln gehört, dass die Araber diesen Schnösel bezahlen, von dem ich dir erzählt hab. Der, der die ganze Zeit durchs Unternehmen rennt und irgendwelche Zahlen haben will. Die kleine Angela kennst du doch, oder, die süße Sekretärin aus dem Fünften. Die steht den ganzen Tag am Kopierer für den. Aber jetzt kommt der Clou, das glaubst du nicht!"

Angelo machte eine Kunstpause.

"Ja, was denn nun?!", bohrte Rupert ungeduldig nach. Noch immer hatte er nicht vergessen, dass seine Frau eigentlich schon seit einer Weile mit dem Abendessen auf ihn wartete.

"Ich hab meinen Augen nicht getraut, sag ich dir. Als ich gestern Nacht den Chef aus dem Büro nach Hause gefahren habe, seh' ich doch, wie der Mercedes von dem Schnösel gerade vor seinem Haus wegfährt. Und das war gestern und vorgestern auch schon so!"

"Und was schließt du daraus? Meinst du, er hat was mit der Frau vom Chef? Das kann ich mir nicht vorstellen, was will die denn von so einem."

"Keine Ahnung, was das bedeutet. Aber auf jeden Fall ist da was faul dran. Wie auch immer, im Moment ist er nicht bei ihr, er sitzt nämlich noch in seinem Kabuff und arbeitet. Siehst du, im Fünften brennt noch Licht, das ist sein Büro. Scheint was ganz Geheimes zu sein. Er schließt seinen Stapel Dokumente immer im Schreibtisch ein, und dann schließt er noch sein Büro ab, bevor er geht. Als ob wir uns hier im Betrieb gegenseitig was zu verbergen hätten. So was gab's hier früher nicht, sag ich dir."

"Du hast Recht. Da ist was faul. Ob der den Chef hintergeht, und die komischen Araber stecken dahinter? Vielleicht sollten wir den Chef warnen …"

"Aber vor was? Eigentlich wissen wir doch gar nichts …" Angelo sinnierte. "Weißt du was? Als Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung hab ich hier die Schlüssel für alle Büros. Wir warten einfach, bis er weg ist, und dann schaue ich nach, was er da in seinem Schreibtisch einschließt. Dann wissen wir es genau."

Still war die Nacht, eiskalt und sternenklar. Ein scharfer Ostwind ließ die Luft in den Lungen brennen, und der Mond schien fahl vom Himmel. Mit einem heimlich kopierten Dokument in der Hand lief Rupert fassungslos über den Hof, erreichte den Eingang des Hauptstalls und ließ sich taumelnd auf einem Strohballen vor Rudolfs Box nieder. Rudolf war das dienstälteste Rentier und hatte aufgrund seiner chronischen Erkältung heute als einziger im Gespann dienstfrei. Instinktiv fühlte das Tier, dass etwas nicht in Ordnung war. Es legte Rupert den Kopf auf die Schulter und blies ihm aus seiner roten Nase seinen warmen Atem ins Ohr. Aber auch das konnte Rupert nicht darüber hinwegtrösten, was in dem Abschlussbericht des Strategieberaters schwarz auf weiß geschrieben stand:

"Nach eingehender Prüfung der uns überlassenen Unterlagen müssen wir abschließend konstatieren, dass sich der Schlitten des Weihnachtsmanns nicht rentiert."

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