Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent - Patricia Koelle: Engel vor dem Fenster
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Engel vor dem Fenster

© Patricia Koelle

Julius Puskeppelies konnte nicht mehr schlafen, dabei war es erst halb sieben und ihm fiel keinerlei Grund ein aufzustehen. Es war die Woche zwischen dem dritten und dem vierten Advent, kurz vor Sonnenwende. Er zweifelte daran, dass die Tage wirklich wieder länger werden sollten, so dunkel war es. Himmel und Erde, Garten und Straße wurden von dem allgegenwärtigen Schwarz verschluckt. Tatsächlich konnte er zurzeit kaum glauben, dass es überhaupt jeden Tag einen Morgen geben würde. Selbst wenn es endlich heller wurde, blieb draußen ein gewichtiges Grau. „Morgen-Grauen!“, sagte Julius laut. Was für ein scheußlicher Ausdruck, dachte er. Seine Stimme schob die Stille nicht beiseite. Das Wort fiel in das Schweigen und zerbarst wie eine Glaskugel auf dem Boden.

Nicht nur die langen Nächte, auch die Kälte hatte das Land schon seit Wochen im Griff, ein trockener Frost ohne Schnee, der mit tonlosem Knirschen in seine Knochen kroch und in den Beeten auch die letzte Rose in eine trostlose braune Mumie verwandelt hatte.

Julius versuchte sich daran zu erinnern wie es war, als er noch zur Arbeit ging an solchen frühen Dezembermorgen und auf dem Bahnsteig mit den Kollegen gewartet hatte, bis der Zug kam. Sogar Nachtschicht hatte er geschoben; es hatte ihm nichts ausgemacht. Wann war er so alt geworden? Seit Jenny gestorben war? Das war nun auch schon drei Jahre her.

Ihm selbst unerklärlich, wachte er neuerdings mit dem Eindruck auf, in der Nacht etwas Schreckliches erlebt zu haben. Dazu kam das Gefühl bodenloser Einsamkeit, so als sei er in der Finsternis der einzige Mensch in dem winterlichen Land.

Mit leisem Stöhnen kämpfte er sich aus den Decken, zog sich an. Oben drüber noch seinen ausgeleierten Lieblingspullover, den ihm Jenny vor einer Ewigkeit gestrickt hatte; er spürte immer noch ein wenig Trost darin. Er schlurfte zum Fenster und zog den Vorhang einen Spalt weit auf. Gnadenlose Schwärze, wie immer. Wenigstens hatte Frau Zisselmeyer ihren violett blinkenden Leuchteengel ausgeschaltet, der den Abenden jeden Frieden nahm. Überhaupt, Engel! Julius konnte mit Engeln nichts anfangen. Sie gingen ihm auf die Nerven. Vor allem violette, blinkende. Aber auch die ewig blonden, belockten, federgeflügelten im weißen Wallegewand, die mit aufgerissenen Puppenaugen von Einkaufstüten und Baumspitzen aus Schaufenstern und Weihnachtskarten spähten.

Seine Jenny mit ihrem schwarzen glatten Pagenschnitt, ihren moordunklen Augen und ihrer damals gar nicht zeitgemäßen Vorliebe für kurze Hosen: das war ein Engel gewesen! Aber davon hatte es nur einen gegeben.

Julius schaltete den Fernseher ein, um die Stille zu verjagen. „Streichkäse, leicht und luftig wie Engelsflaum. Himmlisch!“, juchzte eine grelle Frauenstimme scharf durch den Raum, während sich vor einem postkartenblauen Himmel langbeinige, halbnackte, beflügelte Blondinen lasziv und mit vollem Mund kauend auf watteweichen Wolken räkelten, als wäre der richtige Frischkäse der Schlüssel zum Glück. Hastig drückte Julius den Knopf erneut und setzte Teewasser auf. Das Gluckern des Kessels lockerte das wiedergekehrte Schweigen ein wenig.

Der Spalt in der Gardine war offen geblieben. Draußen lag der Rasen leer im müden Schein der einen Gaslaterne. Wo waren sie denn, die trostbringenden himmlischen Heerscharen?

Alle mit Käse essen im Werbestudio beschäftigt? Jenny hatte Kitschengel auch nicht gemocht. Sie schmückte das Haus mit Tannenzweigen, Beeren und Blättern. „Engel kommen vom Himmel, nicht aus der Fabrik“, hatte sie gesagt. Aber eines hatten sie immer gemacht, bis Jenny mit siebzig nicht mehr gut laufen konnte: Schneeengelsilhouetten. Denn der Schnee kam ja vom Himmel.

Sie waren als Nachbarskinder aufgewachsen. Wenn es schneite war Jenny im Garten, schmiss sich rücklings hin und tat, was alle Kinder damals taten: bewegte die Beine und die Arme auseinander und zusammen und stand dann ganz vorsichtig auf. So blieb der deutliche Umriss eines Engels im Schnee zurück, und Jenny wiederholte das, bis die ganze Wiese voller Engel war. Sie verlangte von Julius, dass er ihr half. Nur: Jenny konnte nie warten, bis genug Schnee lag. Schon bei der ersten dünnen Schicht auf dem Boden war sie nicht zu halten. Und wenn sie dann aufstand, waren ihre Jacke und ihre Hosen hinten voll schwarzer Erde und auch die Engelsilhouetten waren nicht gerade engelhaft weiß. „Engel sind nicht immer weiß“, sagte Jenny zufrieden. „Hauptsache, es sind Engel und sie kommen von oben.“

Aber es hatte seit Jahren keine weißen Weihnachten mehr gegeben und die Wiese kannte Jennys Schritte schon lange nicht mehr.

Nicht einmal Sterne waren zu sehen; die Wolken hingen tief. Julius hatte plötzlich das Gefühl, das Schweigen verdichte sich zu Watte, die ihn erstickte. Er öffnete das Fenster, atmete tief. Plötzlich zuckte er zusammen. Irgendetwas Dunkles segelte steil von oben herab. Er dachte zunächst, der eisige Nordwind habe einen Fetzen Dachpappe heruntergeweht.

Doch dann sah er eine Bewegung, einen Flügelschlag in der trockenen Brombeere an der Hauswand, genau in seiner Augenhöhe. Im schwachen Lichtecho der Gaslaterne glänzte etwas: ein Blick traf seinen, aus moordunklen Augen.

Die Amsel begann zu singen. Klare, süße Flötentöne tröpfelten erst leise, dann leidenschaftlich aus dem toten Gestrüpp, schlichen in Julius’ Ohren und trafen von dort pfeilgerade seine Seele. Sie stahlen das Dunkel aus der Nacht und die Angst aus Julius und stiegen weiter in den Himmel, wo sich, wie von ihnen gerufen, das erste goldene Schimmern über den Horizont hob.

Wann hatte er zum letzten Mal einen Vogel singen gehört? Im Mai, die Blaumeisen? Nein, im Juni war es, die Nachtigall im Birnbaum. Danach gab es nur hin und wieder ein empörtes Tschilpen, wenn sich die Spatzen um Abfall balgten.

Und nun, mitten im Dezember, in der dunkelsten Zeit, in Dauerfrost und Nordwind, sang ihm eine Amsel.

Er wagte nicht, sich zu rühren, verharrte beglückt in der Kälte und sah den kurzen Tag aus einem Leuchten geboren werden. Fast zehn Minuten dauerte das schlichte und doch zauberhaft verschlungene Lied, schwebte fast sichtbar zwischen ihm und dem unverhofften Besuch, ehe der Vogel verstummte, eine schwarze Feder glättend durch den Schnabel zog und in die Dämmerung aufflog.

Julius schloss das Fenster und schenkte Tee ein. Wie der dampfte und duftete – jederzeit Grund genug aufzustehen, dachte er und atmete tief ein. Der Geruch vermischte sich heiter und wärmend mit den Tönen, die tief in ihm noch zärtlich umhertrieben.

„Engel sind nicht immer weiß“, fiel ihm ein. „Aber sie kommen von oben.“

In den nächsten Tagen konnte er sich darauf verlassen, dass die Amsel ihn mit den Morgen nicht allein ließ. Sie saß mal in der Brombeere, mal in der alten Weide, mal oben auf der Kiefer und schreckte auch vor der Mülltonne nicht zurück. Immer rief sie das Licht hervor, das Versprechen eines Tages, und am Samstag vor dem dritten Advent brachte sie zwei Gefährten mit. Aus drei Richtungen sangen sie im Chor. Julius war froh, dass die Dunkelheit zögerte, als wolle auch sie lauschen, denn Frau Zisselmeyer von der anderen Straßenseite sollte seine Tränen nicht sehen.

Als sich am vierten Advent der Zeitungsbote pünktlich um sieben dick vermummt auf seinem Fahrrad gegen das erste zögernde Schneetreiben des Jahres die Straße entlang kämpfte, sah er etwas, das ihn aus seinem Rhythmus brachte. Der Herr Puskeppelies aus der Nummer neun saß bei minus fünf Grad im Stockdunkeln in eine Decke gewickelt und mit einer Mütze über die Ohren gezogen auf der Treppe seiner Veranda, eine dampfende Teetasse und ein Brötchen in der Hand.

„Guten Morgen, Herr Puskeppelies!“, rief der Bote. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Was machen Sie da?“

„Guten Morgen!“, tönte es zurück. „Es ist alles gut. Ich frühstücke mit den Engeln!“

In der Stimme lag ein Schmunzeln, also war wohl nichts Schlimmes, dachte der Postbote, schade nur, dass alte Leute so wunderlich werden.

Wäre er dieselbe Strecke zurückgefahren, hätte er etwas gesehen, das ihn noch mehr in Erstaunen versetzt hätte.

Im verhaltenen Glanz der Winterdämmerung legte der alte Herr Puskeppelies sich unter den Birnbaum, bewegte die Arme und Beine, stand mühsam wieder auf und wiederholte den Vorgang an einer anderen Stelle, während oben in den kahlen knorrigen Ästen eine Amsel sang, als sei es Frühling.

Als der Morgen ganz angekommen war, umringte den Baum ein Kranz aus Engelsilhouetten in der dünnen Schneedecke. Sie waren nicht ganz weiß, ebenso wie Herr Puskeppelies von hinten. Er verschwand zufrieden im Haus um den Tag zu beginnen, der heute zum ersten Mal wieder ein wenig länger sein würde.

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