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Wenn Weihnachten einen Haken hat
© Patricia Koelle
Überrascht blieb Fips stehen. Was für ein merkwürdiger Anblick! Oder träumte er?
Er war glücklich einsam und ungestört am Fluss entlang spaziert, hüpfte dabei kindlich über den einen oder anderen Baumschatten, den die Gaslaternen auf den frischen Pulverschnee warfen, obwohl sein Rucksack schwer wog. Eine Flasche Brombeerwein war darin, von seinem Großvater persönlich zusammengebraut, Plätzchen von der Oma und eine dicke Kerze für Lisa, die Gastgeberin. Die Stadt schwieg, denn es war Heiligabend. Nur das Wasser gluckerte dunkel unter dem Eis. Wie Puzzlestücke waren die Schollen zusammengefroren. Fips hatte es nicht eilig, zu Lisas Weihnachtsparty zu kommen. Es würde sein wie Zusammentreffen von Studenten immer waren: unverbindlich lustig. Man kannte sich kaum und würde sich nicht besser kennen, wenn man wieder auseinander ging. Sicher, ein paar engere Freunde waren wohl auch dort. Und Enno machte diesen wunderbaren feurigen Hackbraten. Auf Conny freute er sich auch. Vielleicht trug sie zur Feier des Tages das blaue Samtkleid. Aber ob es einen Weihnachtsbaum geben würde, war nicht sicher. Fips formte einen Schneeball, warf ihn an den Stamm einer Kiefer und malte versonnen mit dem Finger ein Gesicht hinein. Die Weihnachtsbäume seiner Kindheit würde ohnehin niemand mehr hinbekommen. Nur zarte Strohsterne und weiße und durchsichtige Kugeln wie Seifenblasen, ein klein wenig Lametta und ein paar geschnitzte Holzfiguren. Echte Äpfel. Und der Duft, der in den Zweigen hing, fast als könne man ihn sehen, wie Spinnweben.
Als er weiterging, entdeckte er den Mann. Gebeugt saß der im Schnee auf der Böschung, in einen langen Mantel gehüllt, und starrte unbewegt auf den Fluss. Neben ihm steckte eine Angel in einem Schneehaufen. Fips wusste, dass es Angler gab, die ein Loch in das Eis bohrten und im Winter die besten Fische herausholten. Doch die saßen für gewöhnlich nicht an Heiligabend nachts um einundzwanzig Uhr am Wasser. Und vor allem nicht, wenn gar kein Loch im Eis war. Die helle Fläche war ungebrochen, und der Haken baumelte wurmlos wenige Zentimeter darüber.
Fips blieb stehen. "Frohe Weihnachten! Kann ich Ihnen helfen?"
Der Mann zuckte zusammen, schüttelte dann stumm den Kopf, ohne aufzublicken.
Doch Fips' Neugier war geweckt. So war er schon als Junge gewesen. "Der steckt seine Nase aber auch überall rein, wo's ihn nix angeht", hatte seine Oma kopfschüttelnd gesagt. "Hat er von mir", sagte Fips' Vater dann stolz. Das mochte stimmen. Deswegen waren seine Eltern jetzt auch mal wieder auf Forschungsreise in Argentinien, und er musste sich dies Jahr mit einer Studentenparty begnügen, wenn er nicht allein sein wollte. Der große dürre Mann im Mantel erinnerte Fips ein wenig an seinen Vater. Nur hätte der niemals so still gesessen.
"Was angeln Sie denn?"
"Offenbar nichts."
Fips konnte nicht anders, er setzte sich neben den Fremden, auf die andere Seite der Angel. Er streckte die Hand aus. "Ich bin Fips."
Zum ersten Mal wandte der Mann den Kopf. Fips schätzte ihn auf etwa sechzig. Vielleicht nicht ganz. Er hatte freundliche Augen, in denen ein schwerer Ernst lag. Zögernd erwiderte er den Händedruck. "Franz Oversiek."
Fips blieb sitzen. Eine Weile schwiegen sie gemeinsam. In der Ferne klangen Glocken, dann fiel wieder Stille. Schön friedlich war es hier, nur kalt von unten. Am anderen Ufer schlief ein Hausboot unter einer Weide, die Scheiben blind vom Frost. Fips stellte sich vor, wie im Frühling, wenn die hängenden Zweige hellgrüne Zukunft trieben, ein Künstler oder Dichter das Boot wieder zum Leben erwecken und darauf den Sommer verbringen würde.
"Ich bin nicht verrückt", sagte Franz Oversiek plötzlich. Von der Weide fielen kleine Schneeklumpen und plumpsten gewichtig auf den Fluss, als wären es seine Worte gewesen. "Ich bin Arzt. Chirurg. Im Sommer angle ich zur Entspannung. Fische natürlich."
Fips wartete. Franz lachte leise auf. "Heute hatte ich das Gefühl, die Angel würde mir beim Denken helfen. Ich bin auf der Suche nach weihnachtlichen Gedanken. Aber es beißen keine an. Am Nachmittag ist mir ein junger Mann auf dem Tisch geblieben. Ungefähr so alt wie Sie. Motorradunfall. Wir waren fast mit der Operation fertig. Dann Herzstillstand. Hilflosigkeit. Ende." Franz fuhr sich durch die grauen Haare. "Nicht das erste Mal. Auch nicht das letzte. Aber es ist Heiligabend. Das ist anders." Er starrte weiter auf die Angel, die bewegungslos in der Frostnacht hing. "Und zuhause wartet auch niemand", fügte er hinzu. "Meine Frau ist nicht mit meinem Schichtdienst zurechtgekommen. Mit den Überstunden. Wir haben uns nebeneinander vergessen. Dann ging sie. Ist lange her."
"Hmmm." Fips kramte in seinem Rucksack. "Ohne Köder werden Sie wohl auch nichts fangen."
"Wie bitte?"
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"Haben Sie schon einmal mit einem nackten Haken einen Fisch gefangen? Was soll daran einen weihnachtlichen Gedanken anlocken?" Er öffnete die Tüte mit den Plätzchen, die dabei vergnüglich knisterte, und nahm einen Stern heraus, der nach Zimt duftete und mit goldgelbem Guss bestrichen war. Er hatte Augen aus Schokoladenstückchen und einen lachenden Mund aus bunten Zuckerperlen. Mit dem Draht, der die Tüte verschlossen hatte, befestigte Fips den Stern an der Angel. "So", sagte er zufrieden. "Nun wollen wir mal sehen, was wir fangen."
"Haben Sie nichts Besseres zu tun?"
"Später. Erst könnte auch ich ein oder zwei weihnachtliche Gedanken gebrauchen. Das heißt, einer überfiel mich schon auf dem Weg." Er erzählte von den Weihnachtsbäumen seiner Kindheit und hielt Franz dabei die Plätzchentüte hin. Der nahm geistesabwesend einen Engel heraus. Fips kostete einen Mond.
Während Franz in ein erstaunlich großes Taschentuch schnäuzte, nutzte Fips die Gelegenheit, die Schnur der Angel anzutippen. Wind gab es heute nicht. Dann stupste er Franz mit den Ellenbogen in die Seite. "Bei Ihnen hat was angebissen!"
Franz schüttelte nur den Kopf. "Netter Versuch. Lassen wir das lieber. Sie holen sich bloß noch was weg."
Doch Fips beugte sich vor und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf den Keks an der Angel. "Ich seh es aber genau", beharrte er. "Die Frau, der sie vor sehr vielen Jahren den Blinddarm rausgenommen haben, ganz kurz vor dem Durchbruch. Es war eine schwierige Operation, aber genau an Heiligabend konnten Sie sie gesund nach Hause entlassen, zu ihren Kindern. Sie hat sich später noch ein paar Mal bei Ihnen bedankt und ist auch mit ihren Kindern zu Ihnen gekommen. Mit selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen."
Franz hatte sich zum ersten Mal gerade hingesetzt und starrte Fips verblüfft an. "Sind Sie Hellseher?"
Fips' Lachen sprang hell über das Eis wie im Sommer flache Kieselsteine über das Wasser. "Nee. Mathematiker. Wahrscheinlichkeitsrechnung. Junge Chirurgen nehmen doch immerzu Blinddärme raus."
Franz lächelte jetzt vor sich hin. "Tatsächlich. Frau Goverdina. Eine wunderbare Familie hat sie. Sieben Kinder. Nicht auszudenken, wenn sie ... Ihre Kekse waren fast so gut wie diese hier."
"Die machen aber Durst", stellte Fips fest und holte die Flasche Brombeerwein heraus. "Haben Sie ein Taschenmesser?"
Franz griff in seine Tasche und reichte ihm wortlos etwas Längliches.
"Das ist ein Skalpell."
"Geht auch. Geben Sie lieber her." Er bohrte eine Weile behutsam im Korken herum und zog ihn schließlich triumphierend heraus.
"Gläser hab ich nicht", entschuldigte sich Fips.
"Macht nichts. Wir sind ja, dem Himmel sei Dank, nicht im OP. Es muss nicht das ganze Leben steril sein. Darf ich?"
Fips nickte. Franz nahm einen tiefen Schluck bevor er Fips die Flasche reichte.
"Mhmmm", sagte er erstaunt. "Dieser Geschmack ist allerdings feiertäglich."
"Hat mein Opa gemacht", erklärte Fips. "An dem Friesenhaus, in dem er wohnt, wächst ein Brombeerstrauch um die Tür. Jeden Herbst muss der Durchgang neu freigeschnitten werden. Im Frühling darauf liegt eine Wolke weißer Blüten darum wie Schnee, und im Sommer hängt eine Fülle blauschwarzer Früchte schwer vom Boden bis zum Dach, während die neuen Ranken für das nächste Jahr sich schon eilig über das Reet zum First aufmachen." Fips kostete ebenfalls und reichte die Flasche zurück an Franz.
Plötzlich kam ein schüchterner Wind auf und ließ den Angelhaken schwanken.
"So sehe ich diese Stadt hier manchmal - wie den Brombeerstrauch", fuhr Fips fort. "Die Stadt kann einen Menschen umranken, bis er nicht mehr zu sich selbst durchkommt. Dieselbe Stadt treibt aber auch eine Menge erstaunlicher Blüten und ist so voller Licht, dass man nicht weiß, wo man zuerst hinsehen soll." Fips kramte im Rucksack, während er weiterredete, holte die dicke rote Kerze heraus, stellte sie in den Schnee und zündete sie an. Die kleine Flamme flackerte tapfer der Kälte entgegen. "Ein Tag beginnt hier frühmorgens klein und frisch und grün wie die Brombeeren, schwillt mit dem Sonnenstand an, füllt sich fast unverschämt mit Leben und einzelnen Begegnungen, so wie die reife Beere verlockend zu duften beginnt und sich aus immer mehr Perlen zusammensetzt, und endet mit einem dunklen, geheimnisvollen Geschmack und einem rätselhaften matten Glanz. Manchmal stößt man unerwartet auf eine Made, manchmal verblüfft einen das Aroma und macht süchtig nach mehr." Fips reichte Franz noch einen Keks. "Währenddessen wächst die Stadt um einen, breitet sich aus und reckt sich in die Höhe, schlingt unkontrolliert Wurzeln überallhin in tiefer Lebendigkeit. Ja, und wenn man eine reife Beere nicht beachtet, fällt sie einem irgendwann auf die Füße und hinterlässt Flecken, die nicht zu entfernen sind. Wie das Leben hier, wenn es gelegentlich schneller oder wacher ist als man selbst. Aber es ist großartig und schmeckt wie Opas Brombeerwein."
Franz hatte schweigend zugehört und versonnen eine Sternschnuppe verzehrt.
"Das war allerdings kein weihnachtlicher Gedanke", sagte Fips entschuldigend. "Der gilt eigentlich nicht. Aber es war der erste, der vorbeikam."
"Doch", widersprach Franz. "Er war grün, und Grün ist weihnachtlich. Außerdem gefällt er mir."
"Dann sind Sie jetzt dran."
"Mir will nichts einfallen. Nur Listen schwirren in meinen Gedanken herum, Anträge, Formulare, die ganz tägliche Bürokratie, die mich in den Wahnsinn treibt."
"Oh nein. Der hat nicht angebissen. Der ist gleich weitergeflogen, flussabwärts verschwunden", sagte Fips und zeigte auf die Angelschnur, die wieder ruhig hing. "Sehen Sie in die Kerzenflamme. Dann wird schon was auftauchen."
Eine angenehme Weile schwiegen sie gemeinsam ins Licht. "Das Lächeln meiner Frau", sagte Franz schließlich. "Aber gilt das noch? Es ist vorbei."
"Nun, es ist nicht vorbei. Es ist nur woanders", meinte Fips. "Außerdem es gibt noch mehr Lächeln. Was ist mit den vielen Krankenschwestern? Lächelt da keine für Sie?"
Franz hob eine abwehrende Hand. "Das ist nichts für mich, das Arzt-Krankenschwester-Ding. Und es ist auch kein Lächeln dabei, das passt."
"Und was ist mit der Frau an dem Kiosk, wo Sie nach Feierabend Ihre Currywurst essen?"
"Woher wissen Sie ...? Ach so, wieder Wahrscheinlichkeitsrechnung?"
Fips stellte die Flasche in den Schnee. "Es gibt doch immer einen Kiosk, wo wir uns eine Currywurst holen."
"Sie hat ein Lächeln, das passen könnte", gab Franz zu, während ihm selbst erneut eins um die Mundwinkel huschte.
Am anderen Ufer zog ein Schwan den Kopf aus dem Gefieder, sah zu ihnen herüber, stieß wie zum Gruß einen leisen Trompetenton aus und schlief wieder ein.
"Und Sie?", fragte Franz. "An wessen Lächeln denken Sie gerade?"
"Sieht man das?"
"Wahrscheinlichkeitsrechnung", sagte Franz verschmitzt und griff nach dem Rest Brombeerwein.
"Conny. Vielleicht trägt sie heute das blaue Samtkleid." Fips merkte plötzlich, dass da seit irgendwann viel mehr war als die gewohnte alltägliche Vorfreude. Ein helles Kribbeln, ein leuchtendes Zittern, ein stiller Jubel. "Wissen Sie was? Ihre Angel hat mir klargemacht, dass ich verliebt bin! So richtig und ganz besonders. Ich hatte vorher noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken."
"Das freut mich", sagte Franz. Das Lächeln war an ihm hängengeblieben. Ganz anders wirkte er jetzt als die zusammengefallene Silhouette, die am Beginn des Abends Fips' Besorgnis geweckt hatte. "Mir ist auch was klargeworden."
"Jetzt bin ich aber neugierig."
"Gibt es noch ein Plätzchen?"
"Zwei." Fips reichte Franz ein rotweißes Herz, nahm sich die übriggebliebene schokoladenbraune Gans und steckte die leere Tüte und die Flasche wieder ein.
"So ein unerwarteter Augenblick wie dieser", sagte Franz etwas undeutlich durch die Krümel hindurch, "ist ebenso großartig wie Ihr Brombeerstrauch. Er wiegt die anderen Dinge auf. Die Winterstille am Wasser, der nächtliche Ruf eines Vogels, ein Geschmack von Sommer auf der Zunge, der Gedanke an ein vergangenes aber liebes Lächeln, das Gespräch mit einem Fremden. Selbst der Tod wird weniger erschreckend in Gegenwart all dieser Dinge, und um die Hoffnung wiederzufinden braucht man manchmal nur einen Angelhaken."
"Und einen Köder", beharrte Fips.
Im diesem Moment begann der Haken an der Schnur sich zu bewegen. Der Stern der daran hing zappelte deutlich, obwohl keinerlei Wind zu spüren war. Verblüfft starrten die beiden Männer darauf.
"Haben Sie das gehört?" fragte Franz.
"Es klang wie ... eine leise Glocke."
"Ohne Zweifel", bestätigte Franz. "Haben Sie dafür auch eine Wahrscheinlichkeitsrechnung?"
Fips hatte keine Worte und sah zum Himmel auf, wo auch die Sterne schwiegen.
"Und nun gehen Sie zu Ihrer Conny", drängte Franz. "Herzlichen Dank für die Weihnachtsgeschenke!"
"Soll ich Sie noch nach Hause begleiten?" Fips schulterte den leicht gewordenen Rucksack.
"Nicht nötig. Ich wohne gleich hier." Franz wies mit dem Daumen über seine Schulter, wo auf der anderen Straßenseite ein altes Haus still und mit geschlossenen Läden im Schein der Gaslaternen wartete. "Ich möchte noch einen Augenblick hierbleiben."
An der Ecke wandte sich Fips noch einmal um. Ganz leise glaubte er das Echo einer unsichtbaren Glocke zu hören. In der Ferne sah er wie die Kerzenflamme um den Stern an der Angel herum kleine Lichter über das Eis huschen ließ. Daneben saß aufrecht ein Schatten und hob die Hand zum Gruß.
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