Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
Unser Buchtipp

Patricia Koelle: Der Weihnachtswind

Patrica Koelle
Der Weihnachtswind
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-01-2

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Der Weihnachtswind

© Patricia Koelle

"Betrachten Sie es als Weihnachtsgeschenk", hatten sie vor zehn Tagen zu ihm gesagt. Und jetzt war er draußen im Leben gelandet, ausgerechnet am Heiligen Abend, drei Monate früher als er gerechnet hatte. Stand mit einem Beutel Sachen bei seiner flippigen Tante Mirjana vor der Tür und fand es seltsam zu klingeln. Wann hatte er das letzte Mal bei jemandem geklingelt? Er war es nicht gewohnt, dass sich eine Tür öffnete, wenn er es wollte.

Merkwürdig sah das Haus aus. Klein, und die Fenster so nackt. Erst beim zweiten Blick fiel ihm auf, dass keine Gitter davor waren. Keine Gitter und kein Lochblech. Im Knast hatten sie das Lochblech zusätzlich vor dem Gitter befestigt, um das Pendeln zu unterbinden. Die Häftlinge hatten Mitteilungen, Zigaretten und andere verbotene Dinge um Haarbürsten oder Seifenstücke gebunden und an Bindfäden vor dem Fenster hin- und hergeschwungen, bis der Mann in der Nebenzelle das Pendel greifen konnte. Durch das Lochblech aber konnte man gerade noch eine Kippe drücken. Ihm war es egal, er hatte mit den anderen sowieso nicht viel am Hut, und die Aussicht auf Mauern und Schornsteine war ohne Blech auch nicht schöner als mit. Da betrachtete er lieber das Bild vom Meer, das er aus einer Zeitschrift gerissen und mit Zahnpasta an die Wand geklebt hatte, um das müde Altweiß der Ölfarbe ein wenig aufzumuntern.

An Tante Mirjanas knallgrüner Haustür hing ein Engel aus Stroh, der ein Schild mit der Aufschrift "Frohe Weihnachten" in den Armen hielt. Es gab keinen Riegel, und das Holz sah aus, als würde ein Fußtritt genügen, um sie zu Staub zerfallen zu lassen.

Noch immer hatte er nicht geklingelt. Stand da Auge in Auge mit dem Engel und dachte über das Wort "froh" nach. War er froh?

Er hatte sich ein Taxi genommen. Die Stadt war ihm fremd geworden und er wollte sich nicht in einen Bus setzen, als wäre das Alltag für ihn. Als er aus dem Tor getreten war und an der Straße stand, war ihm, als schwanke der Boden. Jetzt ging es ihm schon besser. Er streckte die Hand aus und stupste den Engel an, fuhr mit dem Zeigefinger über die alberne, verschnörkelte Klinke.

Die Tür seiner Zelle hatte anders ausgesehen. Grau, mit einem Spion, einem Schloss und einem schweren Riegel. Beim Tagverschluss wurde der Schlüssel nur einmal im Schloss gedreht, nachts zweimal, und nachts wurde auch der Riegel zugeschoben.

An der Tür stand sein Name, Maiko Sonnenborn. An manchen Türen klebten neben den Namen farbige Punkte. Rot für selbstmordgefährdet, Grün für gewaltbereit. An seiner Tür war kein Punkt. Maiko fiel durch nichts auf. Er fiel sich ja selbst nicht mehr auf, er war nur irgendeiner zwischen anderen. Es war gar nicht so furchtbar im Knast, wie draußen im Allgemeinen angenommen wurde. Man war versorgt, und die Zeit verging eben, nur die Tage schienen immer mehr an Farbe zu verlieren, so wie seine Gedanken. Für andere war es schlimmer, für die, die Familie hatten und nur alle vierzehn Tage Besuch bekommen durften. Maiko war noch zu jung gewesen für Familie, gerade zweiundzwanzig, als sie ihn eingebuchtet hatten. Seine Mutter hatte er nie gekannt, und als sein Vater in einer stürmischen Winternacht in seinem überladenen Kleinbus eine Leitplanke durchbrach und von einer Brücke stürzte, kam Maiko ins Heim. Es gab also in den ersten Jahren im Knast niemanden, auf den er alle zwei Wochen wartete. Später, als Tante Mirjana von seinem Aufenthaltsort erfahren hatte, kam sie gelegentlich vorbei, wenn es ihr gerade einfiel. Sie war nicht mehr jung und ohnehin schusselig, aber sie meinte es gut. Nur kannten sie sich kaum.

Die Arbeit in der Gefängnisgärtnerei war es vielleicht, die ihn die Jahre gut ertragen ließen. Er pikierte Salat, Mohrrüben und Radieschen und beobachtete Ameisenvölker, denen Zäune und Mauern nichts bedeuteten. Außerdem fertigte er Grabgebinde, die nach draußen verkauft wurden, und überlegte dabei, für welche Menschen sie wohl bestimmt waren und ob sein Vater auch so eines bekommen hatte.

Das Schlimmste war die Langeweile nach der Arbeit, wenn er auf dem Bett lag und auf das Bild von den tobenden Wellen oder an die Decke starrte, oder das einzige interessante Abenteuerbuch aus der veralteten Gefängnisbibliothek zum x-ten Male las. Eigentlich hatte er es nur ausgeliehen, um darin die Blüten und Blätter zu pressen, die er bei der Arbeit in der Gärtnerei mitgehen ließ. Wenn sie trocken waren, legte er daraus Bilder auf den Boden und stellte sich vor, es wäre eine Wiese ohne Wände drumherum. Er war dankbar für seine Einzelzelle, denn hätten ihn die anderen bei diesem Spiel erwischt, wäre er verloren gewesen.

Manchmal hatte er das Gefühl, sich in der überflüssigen Zeit vom Feierabend bis zum Nachtverschluss einfach aufzulösen, und warf einen Blick in den Spiegel, um sich zu vergewissern, dass er noch existierte. Dann war ihm, als könne er durch sein Spiegelbild hindurchsehen, so unwesentlich schien es.

Der Spiegel war in die Wand eingelassen, damit kein Gefangener auf die Idee kam, Scherben als Waffe gegen sich oder andere zu richten. Vielleicht gab es ja auch deshalb jeden Morgen um halb sieben die "Lebendkontrolle", wenn die Schließer von außen das Licht anmachten und durch den Spion nachsahen, ob der Gefangene sich bewegte. Damit die Insassen nicht die Glühbirnen herausschrauben konnten, waren die Lampen ebenfalls vergittert, als sollte das Licht auch einsperrt bleiben.

Jetzt aber war die Zelle Vergangenheit und der Engel erwiderte ruhig seinen Blick.

"Bin ich froh?", fragte sich Maiko wieder. "Nein, eher ratlos", sagte er zu dem Engel. Seine Stimme klangt ungeübt und ihm selbst unvertraut, als hätte er im Knast nie gesprochen.

"Guten Tag", rief ihm jemand freundlich zu, der auf der Straße vorbeiging und im Nachbarhaus verschwand. Maiko zuckte zusammen. Ob er froh war oder nicht, er war zurück in der Welt und konnte nicht ewig hier stehen.

Er drückte entschlossen auf die Klingel und lauschte dem fremden Geräusch nach, das sie durchs Haus warf. Von weit hinten näherten sich Schritte. Frauenschritte, leicht. Auch das ein fremd gewordenes Geräusch.

Tante Mirjana wirkte hier viel größer als im Knast hinter der Glasscheibe, wo sie ihm winzig erschienen war. Sie mochte schusselig und exzentrisch sein, aber sie war zuhause in dieser fremd gewordenen Welt. Sie trug ein Kleid, das weit und ebenso knallgrün war wie ihre Haustür.

"Komm rein, Junge", sagte sie.

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