Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
Unser Buchtipp

Weihnachtsgeschichten Band 2

Weihnachtsgeschichten
Band 2
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

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Bin ich jetzt schon älter?

© Ulrich Balzar

16 Kerzen darf ich tragen und goldene Schleifen bekomme ich auch noch. Von weitem schon bin ich zu sehen, weil ich hoch über Zeppenfeld throne, mit freiem Ausblick auf die Fahne vor dem Haus, die nahen neuen Häuser, die Tankstelle, den Ort, die Hellertalbahn und die auf der anderen Seite des Tals liegenden Bauernhöfe. Meine Kerzen brennen immer, am Tag und in der Nacht. Das ist nicht selbstverständlich. Ich weiß daher sicher, dass mich viele sehen und bewundern. Zunächst natürlich die Menschen, aber wie ich aus eigener Erfahrung weiß, auch meine Artgenossen von dahinten gegenüber, die es alle nicht soweit gebracht haben wie ich, zumindest bisher noch nicht. Ich glaube, ich bin die Glücklichste auf der ganzen Welt, denn mein größter Wunsch ist in Erfüllung gegangen, Ich bin ein ... Weihnachtsbaum.

Aber jetzt erst mal schön der Reihe nach. Also, ich heiße Nadelheid, bin 10 Jahre alt und nicht ganz 2 m groß und stamme aus einem Wald oberhalb von Wilnsdorf, unweit von der Straße, die zur Autobahn führt. Man kann nicht gerade sagen, dass ich ein Wunschkind bin, eher ein Zufallsprodukt. Kein Mensch hat mich zu einem bestimmten Zweck, zum Beispiel für die Holzgewinnung oder zur Weihnachtsbaumzucht, gepflanzt, gehegt und gepflegt. Nein, ich bin ganz natürlich von meiner Mutter, die unmittelbar in meiner Nähe stand, gesämt und nicht groß beachtet worden. Ganz im Gegenteil: ich musste mich ganz schön durchsetzen gegenüber meinen Brüdern und Schwestern, die mir so dicht auf die Pelle rückten, dass ich mich ständig wehren musste. Das ist ein Problem, wenn die Blagen so dicht hinter einander kommen. Ganz zu schweigen von der Wildsau, die mir bei der Suche nach essbaren Wurzeln eine empfindliche Verletzung verpasste. Wenn du glaubst, dass sich das Borstenvieh entschuldigt hätte, täuschst du dich gewaltig. Ich habe jahrelang gelitten, bis die Wunde endlich verheilt war. Aber die große Narbe kannst du heute noch sehen.

Wenn du wissen willst, wie es trotz dieser widrigen Bedingungen dazu kam, dass mein größter Wunsch in Erfüllung ging, ein Weihnachtsbaum zu werden, dann pass auf:

"Der Herbst ist schon vorbei", knurre ich meine Mutter an, "die ersten Schneeflocken sind auch schon gefallen, da müsste doch der Weihnachtsbaum unten im Ort wieder beleuchtet sein, nun schau doch noch mal nach."

"Ja, ja, er ist wieder da und Lampen brennen auch, um 5 Uhr sind sie angegangen, seit gestern übrigens", antwortet sie genervt aus 25 m Höhe mit dem Blick auf Wilnsdorf. Vater tut völlig unbeteiligt.

"Warum hast du mir das denn nicht schon gestern gesagt?" will ich wissen.

"Warum, warum. Es ist sicher auch noch früh genug, wenn du es heute erfährst. Außerdem kann ich mir schon denken, was jetzt wieder kommt", grandelt sie.

"Woher willst du denn wissen, was jetzt kommt?"

"Weil du mir in der Weihnachtszeit, immer wenn unten im Ort der Baum brennt, schon seit Jahren die Ohren voll jammerst, dass du auch ein Weihnachtsbaum werden möchtest. Nichts anderes als ein Weihnachtsbaum mit brennenden Birnen und möglichst goldenen Schleifen. Du willst strahlend die Menschen erfreuen und dir selbst gefallen. Das kannst du dir aber ein für alle mal aus dem Kopf schlagen. Denn kein Mensch kommt auf die Idee, uns als Weihnachtsbaum auszusuchen. Weihnachtsbäume werden in speziellen Plantagen gezüchtet, in Massen geerntet, in Gärtnereien verkauft, sind gleichmäßig gewachsen, haben viel dickere Nadeln und sind vor allem ohne jede Narbe, wie du eine hast. Nicht gleichmäßige oder die mit Narben werden aussortiert und entsorgt, weil sie keiner haben will. Schock schwere Not, wann willst du das endlich einsehen und Ruhe geben?"

"Aber, aber im vorigen Jahr hast du mir noch gesagt, dass ich vielleicht, vielleicht einer werden könnte, wenn ich älter bin. Bin ich denn jetzt nicht schon älter?"

"Doch, doch du bist jetzt älter. Das ist eben der Grund, warum ich dir jetzt die volle Wahrheit sagen kann. Es tut mir sehr leid für dich."

Während dessen hält ein Auto am Straßenrand, der Fahrer kommt in den Wald, vorbei an den Sträuchern und den vereinzelten Eichen und schaut hinüber zu uns. Weniger zu den riesigen Verwandten, vielmehr zu uns Kindern; wir sind etwa 20, kleine und etwas größere, vereinzelt angeordnet und in Gruppen.

Was hat er vor, der Zweibeiner? Was verbirgt er unter seiner Jacke? Vorsichtshalber rufe ich, so laut ich kann: "hierher, wenn du einen Weihnachtsbaum suchst!" Und Mutter schnauft schon wieder genervt, während Vater völlig unbeteiligt tut.

Aber der Mensch versteht mich nicht. Kein Wunder, denn wir können nicht mit ihnen und sie nicht mit uns sprechen. Und trotzdem kommt er näher. Ich rufe gegen alle Vernunft noch einmal aus vollem Hals "hier gibt's den schönsten Weihnachtsbaum, den man sich denken kann". Hat er mich doch verstanden? Denn er kommt ganz nahe, drückt die Geschwister beiseite und begutachtet mich von allen Seiten. Dabei habe ich sein Gesicht ganz nah vor mir und muss schon sagen, dass er mir gut gefiele, wenn er mich denn auswählen würde.

Seine Begeisterung scheint sich allerdings in Grenzen zu halten, denn er schaut sich auch noch einige Geschwister an, was man sich mal vorstellen muss. Wo die doch noch nie in ihrem Leben, aber auch nicht im Entferntesten, vom Weihnachtsbaum geträumt haben. Mit einer Ausnahme, mein kleiner Bruder Harzig.

Aber es dauert nicht lange, bis er wieder zu mir kommt und sich zu meiner großen Freude für mich entscheidet. Und jetzt kann ich ganz deutlich erkennen, wie sehr mir dieser Mensch gefällt.

Alles geht nun in Windeseile. Er packt mich zusammen mit Bruder Harzig, der für Oma Anni gedacht ist, unter den Arm und eilt festen Schrittes zum Auto. Gerade noch gelingt es mir zurückzuschauen und sehe Mutter mit Freudentränen in den Nadeln und Vater, von wegen unbeteiligt, wie er voller Begeisterung mit den Ästen winkt, ehe wir im Kofferraum verschwinden.

Bald hat er mich richtig herausgeputzt, in einen Ständer geschraubt, die Lichterkette angebracht und auf diesen Balkon mit der herrlichen Aussicht gestellt. Und ob du es glaubst oder nicht, ich bekomme auch noch goldene Schleifen. Das hat er mir versprochen. Und versprochen ist versprochen.

Nun komm mal zu mir. Gefalle ich auch dir?


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