Weihnachtsgeschichten - Adventsgeschichten
Kurzgeschichte Weihnachten Weihnacht Advent
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Weihnachtsgeschichten Band 2

Weihnachtsgeschichten
Band 2
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-03-6

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Aus der Sicht eines Obdachlosen

© Laura Windsberger

Glocken klirrten, bunte Sterne flackerten an Straßenlaternen. Dicke Schneeflocken flogen lustig hin und her und setzten sich hier und dort auf Bänke oder Mülleimer. Bald war alles mit einer feinen Schneeschicht bedeckt. Alexander sah auf, ihm gefiel das gar nicht. Es war sehr kalt und das Geld, das ihm gutmütige Leute in Weihnachtsstimmung zugeworfen hatten, hatte nur für einen Glühwein und einen Laib Brot gereicht. Wobei Ersterer schon ausgetrunken und die Wärme, die er verteilt hatte verflogen war. Der Winter war eine harte Zeit, die härteste, das wusste Alexander von dem letzten Jahr. Es ist das zweite Mal, dass er zu dieser Zeit nicht in einem Haus feierte. Er hatte alles verloren. Und warum? Es war ihm selbst nicht richtig bewusst. Die Trennung von seiner Freundin und auf einmal saß er auf der Straße. Es war alles so unwirklich. Und jetzt konnte er nicht mal fröhlich sein. Obwohl man doch fast täglich Kinderchöre hört, die auf den Straßen singen. Dann ist da noch der Duft von Keksen, gebrannten Mandeln und Glühwein, der vom Weihnachtsmarkt herüber weht. Die Welt kam Alexander so ungerecht vor. Er wünschte sich, er hätte wenigstens Verwandte, welche die ihm Unterkunft gegeben hätten wenigstens über den Winter, aber er war als Waisenkind aufgewachsen. Es trifft immer die, die schon von Anfang an arm sind. Dieser Gedanke flog ihm häufig durch den Kopf. Dabei hatte Alexander immer versucht, alles richtig zu machen, nur gelungen war es ihm selten. Er wollte auch nicht stehlen, doch die Armut hatte ihn selbst dies tun lassen, wenn auch erst einmal. Sehr schlecht hatte er sich gefühlt, aber er hatte Essen gebraucht. Zwei Äpfel waren es gewesen und eine handvoll Erdbeeren, vom Wochenmarkt im Sommer, als der Verkäufer gerade nicht hingeschaut hatte.

So verging die Nacht und irgendwann schlief er eingewickelt in Wolldecken bei ein paar Müllsäcken ein. Am nächsten Morgen fühlte er sich halb erfroren, seine Finger spürte er kaum noch. Einem Eisklumpen gleich, starr und unbeweglich marschierte er in Richtung Weihnachtsmarkt. Vor einem geschlossenen Bücherladen blieb er stehen. Früher hatte er gerne gelesen, sehr gerne. Seine Augen fielen auf die Bücher, die im Schaufenster standen, es waren ausschließlich Weihnachtsgeschichten. "Aus der Sicht eines Obdachlosen" hieß eines dieser Werke. Alexander fühlte sich mit ihm verbunden, obwohl ihm der Inhalt nicht bekannt war. Er fragte sich ob die Geschichte ein glückliches Ende genommen hatte und er überlegte, ob seine eigene das auch tun würde. Heute war Heiligabend, erinnerte sich Alexander. Er konnte niemandem etwas schenken und würde von niemandem etwas bekommen. Außer vielleicht ein paar Münzen.

Um zehn Uhr setzte sich der Mann auf den Marktplatz, alles sah so wunderbar aus, der Schnee hatte den großen Weihnachtsbaum auf der Fläche in einen weißen Mantel gehüllt. Vor dem eingeschneiten Wunschbrunnen stand ein Mann, der freudig und mit einem Glöckchen klingelnd Süßigkeiten an Kinder verteilte, die an ihm vorbeigingen. Die Passanten waren glücklich und lachten, sie unterhielten sich. Alexander setzte ebenfalls ein Lächeln auf, seine Tasse hatte er vor sich gestellt. "Fröhliche Weihnachten!", rief er dem Passanten hinterher, der ihm als Erstes etwas hineinwarf.

Als nächstes kam eine alte Frau, eingehüllt in einen dicken Pelz. Sie stecke Alexander fünf Euro in die Tasche, dann sagte sie: "Wir haben das gleiche Schicksal, wir sind beide einsam."

Der Angesprochene nickte und bedankte sich herzlich.

"Ich wünschte ich hätte eine Verwandtschaft, die mit mir herzhaft und glücklich essen kann", meinte die Frau, sie klang traurig.

"Ich versichere Ihnen, ich wünschte es ebenso", sagte Alexander aufrichtig.

"Wie kann es sein, dass so ein höflicher Mann wie Sie es sind hier sitzt? Und wie kann es sein, dass eine alte Frau wie ich es bin genauso einsam zu Hause ist?"

"Das kann ich Ihnen nicht beantworten, die Welt war schon immer ungerecht", meinte Alexander.

"Ich weiß wie ich einen Teil ausbügeln kann.", sagte die Frau. "Kommen Sie mit mir nach Hause und essen Sie mit mir, ich bin so einsam."

"Das meinen Sie nicht ernst!", sagte der junge Mann.

"Doch, doch, mein Lieber. Würde es nicht uns beide glücklich machen?"

Als Alexander mit der alten Dame in ein Auto stieg, dachte er an das Buch. Es war eine Weihnachtsgeschichte und irgendwie war er sich sicher, dass sie ein ähnliches Ende genommen hatte. Wenn es auch nur eine Mahlzeit sein würde ...

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Eingereicht am
30. März 2007

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