www.online-roman.de
www.ronald-henss-verlag.de

Weihnachtsgeschichten Weihnachten Kurzgeschichte Advent Weihnachtsmann weihnachtliche Geschichten

Ein ungewöhnliches Geschenk

© Patricia Koelle


Philip Ahrens ließ zum letzten Mal die schwere Tür hinter sich zufallen, mit deren heiserem Quietschen seit fünfundvierzig Jahren sein Arbeitsalltag begonnen und geendet hatte. Langsam überquerte er den Hof, dessen Kopfsteinpflaster sich in dieser Zeit unter unzähligen Schritten und Frösten immer mehr Senken und Beulen aneignete und an den schlimmsten Stellen Asphaltpflaster verpasst bekommen hatte, als müsse man Wunden schließen. "Tschüß, Herr Feldtmann", rief er dem Pförtner zu, der an der Parkplatzschranke in seinem Häuschen neben einem winzigen künstlichen Weihnachtsbaum saß und am Bleistift kaute. Herr Feldtmann ließ kein Preisrätsel in der Tageszeitung aus und träumte immer noch davon, eine Kreuzfahrt ans Nordkap zu gewinnen.
"Schönes Wochenende, Herr Ahrens", rief der Pförtner zurück. Er hatte keine Ahnung, dass er Philip nie wieder sehen würde. Woher auch. Philip wollte es ihm nicht sagen. Es hätte den Abschied noch endgültiger gemacht. Aber eines wollte er jetzt doch noch wissen, sonst würde er es nie erfahren, und so machte er einen Umweg und lehnte sich zu der offenen Glasklappe herunter. "Warum eigentlich das Nordkap, Herr Feldtmann? Warum nicht was Warmes?"
"Ich möchte einfach mal wohin, wo alles weiß ist. Keine Ölpfützen, kein Ruß, keine stinkenden Gullis. Außerdem, es muss ja nicht jeder Wunsch einen Sinn haben."
"Na dann, ganz viel Glück dabei. Vielleicht klappt es ja demnächst, schließlich ist bald Weihnachten."
Philipp verließ das Gelände endgültig und beschloss, die ersten Stationen zu Fuß zu gehen. Schließlich hatte er es nicht eilig. Vielleicht nie mehr. Ein bisschen mehr Abschied hätte er sich schon gewünscht, aber nicht erwartet. Nach fünfundzwanzig Dienstjahren hatte er immerhin noch eine Urkunde und eine Prämie von hundertfünfzig Mark bekommen. Davon hatte er sich beim Antiquitätenhändler den kleinen Schreibtisch gekauft, an dem er seine Figuren schnitzte, Krippenfiguren und Tiere, die er an Kollegen und Nachbarn verteilte, wenn er ihnen eine kleine Freude machen wollte. Er war kein wirklich geselliger Mensch, und so hatte es ihn auch nicht erstaunt, dass nur Werner aus dem zweiten Stock ihm heute Morgen auf die Schulter klopfte und alles Gute wünschte. Eigentlich hätte er eine Runde Pizza schmeißen müssen, aber er hatte ja nicht mal ein eigenes Büro. Stattdessen hatte er je einen kleinen geschnitzten Engel in die Fächer der Kollegen gelegt. Davon würden sie länger was haben.
Er war eben nicht bedeutsam in dem riesigen Amtsgebäude. Als junger Mann war er Springer gewesen, wurde mal in dieser, mal in jener Abteilung eingesetzt, und weil er so ordentlich und gewissenhaft war, landete er schließlich im Archiv. Man war dankbar dafür, dass er jede Akte, die von dort gebraucht wurde, sofort fand. Doch er war sich bewusst, dass auch jeder andere diese Aufgabe hätte übernehmen können. Das hieß nicht, dass er unzufrieden war. Aber dieses eine Mal, dachte er, hätte er sich gewünscht, dass man ihm irgendeine Anerkennung überreicht hätte, irgendetwas, das ihn ein Lächeln lang aus der bienenschwarmgleichen Masse heraushob.
Egal, nun war es vorbei. Philip schlug den Weg über den Trödelmarkt ein, auf dem er schon manchmal eine alte Vase oder einen Bilderrahmen erstanden hatte. Wer weiß, wann er wieder in diese Gegend kam.
Am dritten Stand fing ein Glänzen seinen Blick, und er blieb stehen. Zwischen einem Haufen Halsketten aus Plastik und einem Plüschhund, der ein deutliches Hüftleiden hatte, spiegelte sich in etwas Aufrechten, Rundem die Lichterkette, die die Händler zwischen die kahlen Bäumen durch das Wintergrau gespannt hatten. Philip trat näher. Es war ein Pokal. Irgendein Pokal auf einem Sockel, auf dem etwas eingraviert stand. Er zog die Hand aus der Wärme seiner Anoraktasche und fuhr mit dem Finger darüber. Nachdem er sonst immer nur mit Papier und Holz hantierte, tat ihm die Berührung mit dem glatten, kühlen Metall plötzlich seltsam wohl. Darin spiegelte sich nicht nur die Lichterkette, sondern die gesamte Umgebung, nur stand sie auf dem Kopf. Philip konnte auch sein eigenes umgekehrtes Gesicht darin erkennen.
So etwas zum Beispiel hätten sie ihm doch überreichen können für fast ein halbes Jahrhundert Dienst, dachte er und lächelte über sich selbst.
"Für Sie, elf Euro", sagte der Händler hinter seinem Schal hervor.
Philip dachte an die Worte Herrn Feldtmanns. Es muss ja nicht jeder Wunsch einen Sinn haben.
"Neun", sagte er zu dem Händler.
Als Philip weiterging, den Markt hinter sich ließ und am Kanal entlang an frierenden Enten vorbei zur nächsten Bushaltestelle lief, trug er den in einen Lappen gewickelten Pokal, der angenehm schwer wog in seiner Hand wie ein Anker, der ihn hielt. Für einen Moment wollte er sich einfach einbilden, wichtig zu sein. Es war sein Weihnachtsgeschenk an sich selbst. Ein wenig verfrüht vielleicht, denn übermorgen war der erste Advent. Aber er war ein freier Mann. Er konnte tun, was er wollte. Und darüber, was er wollte, hatte er schon lange nicht mehr nachgedacht. Im Moment wollte er sich einen Pokal schenken, zur Belohnung für den jahrzehntelang bewältigten Alltag. Es war ein Spiel. Der Ernst des Lebens lag hinter ihm, wieso also sollte er nicht ausnahmsweise etwas Lächerliches tun.
"Wo haben sie den her?", hatte er den Händler gefragt.
"Oh, der hat, glaube ich, einer Wettgemeinschaft gehört. Fußballwetten. Ein Wanderpokal. Wer die Ergebnisse am besten getippt hatte, bekam den Pokal, bis die nächste Saison zu Ende war. Daher sind so viele Namen eingraviert."
Zu Hause wischte Philip seine Trophäe sorgfältig ab und stellte sie auf den Schreibtisch. Er las die Namen auf dem Sockel. "Udo. Heinz. Rudi. Eckardt. Mirko. Nikolas. Elmina. Oliver."
Er stutzte. Elmina? Eine Frau unter so vielen Männern? Wer sie wohl gewesen war? Eine Schwester? Freundin? Ehefrau? Von wem, von Rudi? Oder einfach nur Fußballfan?
Das Telefonklingeln schrillte ein Loch in seine Gedanken. Christel. Seine Cousine. Vor einem halben Leben war er einmal in sie verknallt gewesen, aber sie war seine Cousine, und sie war verheiratet. Inzwischen wohnte sie in einer anderen Stadt und sah sich in keiner Weise mehr ähnlich, aber hin und wieder sorgte sie sich um ihn.
"Glückwunsch. Jetzt kannst du tun und lasen, was du willst", sagte sie. "Aber dass du mir nicht verlotterst. Möchtest du uns nicht eine Weile besuchen kommen?"
Christel besuchen. In den Haushalt mit den zwei lärmenden Papageien und den vergoldeten Kuchengabeln. Nein.
"Du, ich kann nicht. Ich bin morgen verabredet. Zum Skat. Und nächste Woche zu einer Weihnachtsfeier."

Sie wollen wissen, wie es weitergeht?
Die vollständige Geschichte erscheint im Herbst 2007 in dem Buch

Patricia Koelle
Der Weihnachtswind
Weihnachtsgeschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-01-2




Weihnachtsgeschichten
aus unserem Verlag
Weihnachtsgeschichten
Weihnachtsgeschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-9-5
Eva Markert: Adventskalender zum Lesen und Vorlesen
Eva Markert
Adventskalender
zum Lesen und Vorlesen
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-5-2
Alle Jahre wieder. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest
Alle Jahre wieder
Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-4-4
Heiligabend überall. Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest
Heiligabend überall
Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-1-X

  • Weihnachts-Blogs
    »»» Blog Weihnachtsgeschichten
    »»» Blog Weihnachtsmarkt
    »»» Blog Weihnachtsmuffel
    »»» Blog Weihnachtsgedichte
    »»» Blog Weihnachtsbuch
    »»» Blog Wintergedichte
    »»» Blog Wintergedichte
    »»» Blog Weihnachtsgedichte 1
    »»» Blog Weihnachtsgedichte 2