Der verkehrte Engel
© Patricia Koelle
Jedes Jahr freute sich Sanni darauf, dass am ersten Advent das Engelsglockenspiel aufgestellt wurde.
Schon die Schachtel klapperte so aufregend, wenn Oma sie aus dem großen Karton holte. Oma kam jedes Jahr zum ersten Advent zu Besuch und blieb, bis das neue Jahr anfing. Weil Mama mit dem Backen soviel zu tun hatte, waren es Oma und Sanni, die für den Adventsschmuck zuständig waren. Es gab große Strohsterne, die mit spitzen Reißzwecken an die Wände geheftet wurden, und lange Lichterketten. Um die aufzuhängen, brauchten sie die Leiter, weil Oma schon ein wenig krumm und klein geworden war.
Aber am liebsten mochte Sanni das Engelsglockenspiel.
Es schimmerte golden. Unten war ein Teller mit vier Kerzenhaltern, in die Sanni rote Kerzen stellen durfte. In der Mitte steckte ein Stiel, und an diesem Stiel hingen drei Glocken. Ganz oben drauf kam ein Rad, das sich drehte, wenn die Kerzen an waren.
Und an dieses Rad hängte Oma ganz zum Schluss das Allerwichtigste: fünf goldene Engel. Die Engel hielten jeder eine zarte Stange, und mit der schlugen sie gegen die Glocken, wenn das Rad sich drehte. Dann spielten sie eine feine, silberhelle Musik. Sanni spürte jedes Mal ein glückliches Kribbeln im Bauch, wenn sie das Klingeln hörte.
Oma und der Vater konnten die Musik nicht mehr hören, weil ihre Ohren schon so alt waren. Das machte die Musik noch aufregender, weil sie fast nur für Sannis Ohren war, so als teilte sie mit den Engeln ein Geheimnis.
Diesmal aber blickte der Vater streng auf das Glockenspiel, als sie beim Kaffee saßen und die erste Kerze auf dem Adventskranz leuchtete. "Da stimmt was nicht", sagte er vorwurfsvoll. "Der eine Engel ist verkehrt!"
Tatsächlich hatte Oma den Engel falsch herum aufgehängt. Alle Engel flogen ordentlich vorwärts, nur dieser eine, der flog rückwärts.
Sanni staunte, wie gut er das konnte.
Oma strich sich eine widerspenstige weiße Haarsträhne aus der Stirn und aß seelenruhig ihren Marzipanstollen. "Das macht gar nichts, wenn sich einer mal anders benimmt als alle anderen", sagte sie. "Auch bei Engeln nicht."
Mama versuchte, den Engel richtig herum zu hängen, doch der Engel war ganz heiß von den Kerzenflammen, und sie konnte ihn nicht anfassen.
Also flog er weiter rückwärts.
Am nächsten Tag, als die Kerzen aus waren, sah Sanni, wie der Vater den Engel richtig herum drehte.
Doch seltsam, als sie am zweiten Advent neue Kerzen anzündeten, flog der Engel wieder rückwärts.
Vater schüttelte den Kopf. Oma aß Marzipanstollen. Und Sanni bewunderte den Engel. Sie fand ihn mutig.
"Oma", fragte sie, "Engel, die rückwärts fliegen, laufen die auch rückwärts?"
"Ganz bestimmt laufen die rückwärts", sagte Oma.
Vater pustete laut in seinen Kaffee.
Am Montag in der Schule schüttelte die Lehrerin den Kopf über Sanni. "Du sollst doch mit der rechten Hand schreiben, nicht mit der linken", sagte sie. "Die anderen Kinder machen das auch alle so."
"Das ist doch nicht schlimm", sagte Sanni. "Es gibt sogar Engel, die sich anders benehmen als alle anderen."
"Soso", sagte die Lehrerin. "Ich dachte, gerade Engel sind besonders brav."
Am Mittwochmorgen zeigte Jörg mit dem Finger auf Sanni und lachte sie aus. "Guckt mal, die Sanni kann sich noch nicht mal richtig anziehen!"
Sanni sah an sich herunter und merkte, dass sie ihre Jacke in der Eile verkehrt herum angezogen hatte.
"Na und", sagte sie. "Es gibt schließlich sogar Engel, die verkehrt herum fliegen!" Jörg lachte noch mehr, aber Sanni ließ sein Lachen einfach nicht in ihre Ohren, sondern stellte sich vor, es wäre das helle Klingeln der Engelsglocken.
Am Freitag sah sie, wie Rolf und Jörg auf dem Pausenhof mit harten Schneebällen nach dem kleinen Hajo warfen. "Seht mal, wie der Esel rennt!" riefen sie. Hajos eines Bein war kürzer als das andere und auch nicht so kräftig. Wenn er rannte, sah es ein wenig aus wie ein Galopp.
Sanni nahm Hajo bei der Hand. "Lasst ihn in Ruhe!" schrie sie. "Es macht nichts, dass er anders ist. Es gibt auch Engel, die anders laufen als alle anderen! Das sind ganz besondere Engel!"
"Die spinnt mit ihren Engeln", sagte Jörg zu Rolf. "Hast Du schon mal ´nen Engel gesehen, der rückwärts fliegt?"
"Ich hab überhaupt noch keinen Engel gesehen", sagte Rolf. "Die Sanni hat'n Knall."
Als Oma Sanni ins Bett brachte, erzählte sie der Oma alles.
"Hmmm", sagte Oma nur.
An diesem Sonntag brannten drei Kerzen auf dem Adventskranz, und der eine Engel flog immer noch rückwärts. Draußen schneite es zum ersten Mal in diesem Jahr.
Am Montag schneite es immer noch, und weil die Wolken so schwer und dunkel waren, wurde es gar nicht richtig hell draußen.
Mitten in der Mathestunde sprang Jörg, der am Fenster saß, plötzlich auf und zeigte aufgeregt nach draußen. "Da, seht mal!" Die anderen rannten auch zum Fenster. "Kinder!" rief die Lehrerin und schüttelte den Kopf. Niemand hörte ihr zu, also wurde auch sie neugierig und sah hinaus.
Draußen lief eine Gestalt über den Hof. Sie ging ein wenig krumm, aber das konnte an den bunten Päckchen liegen, die sie trug. Ihr Haar war weiß, aber das war bestimmt, weil es schneite. Auf dem Haar trug sie einen goldenen Heiligenschein, und ihr Gewand war hellblau und reichte bis zum Boden. Sanni fand, es hatte Ähnlichkeit mit Omas Bademantel, nur waren weiße Federn darauf verteilt.
Die Gestalt trug auch eindeutig zwei große, weiße Flügel auf dem Rücken.
"Ein ... ein Engel!" stotterte Rolf.
"Und er geht rückwärts!" stellte Jörg fest und sah Sanni mit großen Augen an.
Sie wollen wissen, wie es weitergeht?
Die vollständige Geschichte erscheint im Herbst 2007 in dem Buch
Patricia Koelle
Der Weihnachtswind
Weihnachtsgeschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-01-2
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