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Kinderaugen

© Annette Weimer


"Was ein Dreck", fluche ich. Gerade bin ich mit einem Absatz in dem Rost vor dem Kaufhaus hängen geblieben und habe mir das Leder abgeschrammt. "Das machen die doch mit purer Absicht", brumme ich vor mich hin und betrete das Kaufhaus. Aus Lautsprechern dudelt alle Jahre wieder die ganze Palette Weihnachtslieder, die mir jedes Jahr aufs Neue tierisch auf die Nerven gehen. Direkt gehe ich durch zur Schuhabteilung. Hat also auch was Gutes mein kleiner Unfall und so kaufe ich mir ein neues Paar Schuhe mit 6cm Absätzen. Ich kann schon jetzt das Gesicht meines Mannes vor mir sehen: "hast du nicht genau die Gleichen schon vor 2 Wochen gekauft? Die sehen genau so aus!" Typisch.
Entspannt fahre ich mit meiner Einkaufstüte die Rolltreppe nach oben.
Gedanken versunken lande ich in der Musikabteilung und lese die Rückseiten verschiedener Musik CDs. Neben mir bemerke ich ein Mädchen von ca. fünfzehn Jahren und sehe in letzter Sekunde wie eine CD in ihrer Jackentasche verschwindet, so als wäre das die normalste Sache der Welt. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Sie geht zwei Schritte zur Seite, schaut in aller Seelenruhe die nächste CD an und schwupp, ist auch diese in ihrer Jacke verstaut.
Als wäre ich eine Mittäterin beginne ich mich nach dem Personal umzuschauen und gehe dicht an das Mädchen heran. "Mach und stelle die CDs sofort in das Regal zurück, sonst trete ich dir dermaßen sonstwohin. Mach hier jetzt keinen Aufstand, sonst bist du in Sekunden fällig, verlass dich drauf." Das Mädchen schaut mich an, die Augen werden zu Schlitzen und ich erwarte fast, dass sie ausholt um mir Eine zu scheuern aber sie zieht die CDs aus ihrer Jacke, stellt sie trotzig in das Regal, dreht sich um und geht aus der Abteilung. Ich folge ihr. "Hey, Du bleibst bei mir und Du kommst jetzt mal mit!" Kurze Zeit später, nach dem ich dem Mädchen fast bis nach draußen nachgerannt bin, bleibt sie stehen. "Was?" schnauzt sie mich an. Was wollen Sie denn? Wenn sie mich anzeigen wollen, warum haben Sie das nicht schon drinnen getan?" Ihre Augen füllen sich mit Tränen und plötzlich sieht der fast erwachsene Teenager gar nicht mehr aus wie fünfzehn, sondern eher wie ein zwölfjähriges Häufchen Elend. "Warum stiehlst Du? Haben Dir deine Eltern nicht beigebracht, dass man sich Dinge auch von seinem Taschengeld kaufen kann? Was soll das?" schnauze ich vorwurfsvoll zurück.
"Ich habe keine Eltern!" mault sie mich an. "Wie, Du hast keine Eltern, klar hast Du Eltern, jedes Kind hat Eltern. Also was ist los mit Dir?" Nein, ich habe keine Eltern, ich lebe im Waisenhaus, draußen im Vorort und ich habe nicht genug Taschengeld um meinen Freunden und unseren Betreuern Weihnachtsgeschenke zu kaufen und der größte Wunsch meiner Zimmergenossin sind eben diese Musik CDs, die hätte weder sie noch ich im Leben kaufen können.
Verdammt, denke ich, jetzt stehst du mal wieder mit beiden Füßen im Näpfchen, super Annette. Ich komme mir unendlich dumm vor und in Gedanken äffe ich mich selbst nach: "jedes Kind hat Eltern!" Echt blöd. Da stehe ich selbstgerecht mit meiner Tüte, mit Schuhen drin, die ich eigentlich nun schon 2x habe und dieses Kind hat nichts und ich komme auch noch mit Neunmalklugen Sprüchen. Irgendwie fühle ich mich schuldig. "Kann ich dich nach Hause fahren?" "Wenn sie meinen Betreuern nichts erzählen, dann ja!" Ich lächle sie an und klopfe ihr zaghaft auf die Schultern und schüttele verneinend den Kopf. "Na komm, ich bringe dich zurück."
Ca. 45 Minuten später biege ich in die Einfahrt des Kinderheims ein. Mir war wohl bekannt, dass es in unserem Vorort ein Kinderheim gibt aber wirklich Gedanken habe ich mir nie darüber gemacht. Unterwegs erzählt mir Sandra, so heißt sie, dass sie 14 Jahre alt ist und im Kinderheim mit 10 anderen Kindern zusammen lebt. Ihr Leben dort ist eigentlich "ganz cool" wie sie es sagt, nur die Jungs würden sie ab und zu nerven und die Kleinen auch. Die Betreuer wären ganz nett, meint sie und eine Betreuerin hätte sie besonders gern. Das Mädchen, mit dem sie sich das Zimmer teilt ist erst 12 aber die hat schon richtige Brüste, "nicht so wie ich", sagt sie etwas traurig. Dabei ist Sandra eigentlich sehr hübsch. Sie hat lange blonde Haare, die sie sich am Hinterkopf locker hochgesteckt hat und sie trägt verhältnismäßig moderne Kleidung, fast würde ich sagen sie sieht sexy aus. Gerne würde ich sie fragen wieso sie im Heim leben muss aber ich traue mich nicht sie darauf anzusprechen. Im Heim angekommen gebe ich ihr mein Wort, nichts von ihrem Diebstahl zu erzählen, dafür muss sie mir versprechen, dass das nicht wieder vorkommt. Sie gibt mir ihr Ehrenwort, doch ich habe meine Zweifel.
Das Heim hat 6 Schlafzimmer, ein großes Wohn- und Esszimmer und eine Küche. Wirklich gemütlich finde ich eigentlich nur das Esszimmer. Obwohl in diesem Haus 11 Kinder leben, ist es sehr ruhig und Sandra erklärt mir, dass von den Kleinen nur Simon da wäre und die Großen würden wohl oben lernen oder schlafen. Der kleine Simon ist ca. 7 Jahre alt, sitzt im Wohnzimmer auf dem Boden und schiebt einen Feuerwehrlastzug vor sich her.
Das jüngste Kind ist gerade mal fünf Jahre alt erklärt mir Sandra, der älteste Junge neunzehn und müsste eigentlich schon ausgezogen sein aber er darf bis nach Weihnachten bleiben hätte der Heimleiter versprochen. Danach würde er in einer Art Internat eine Lehrstelle antreten.
Einige Wochen später stehe ich mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt und halte eine Tasse Glühwein in den Händen. Plötzlich hält mir jemand die Augen von hinten zu. Keine Ahnung wer das ist. Ich drehe mich herum und vor mir steht Sandra und strahlt mich an. Plötzlich umfährt sie mich mit ihren Armen um die Taille und drückt ihren Kopf an meine Brust, fast so als wären wir dicke Freunde oder ich eine Freundin oder Verwandte von ihr. Wir reden kurz belangloses Zeug und dann ist sie mit ca. sieben Kindern und einem Betreuer in der Menge der Menschen verschwunden. "Du kennst dieses Mädchen?" fragt mich eine meiner Freundinnen. "Ja, ich habe sie vor einiger Zeit mal in einem Kaufhaus in der Musikabteilung angesprochen, weil...., weil ich nach einer CD suchte." "Du, die ist aus dem Heim, draußen im Vorort. Die wurde als kleines Kind von ihrem Stiefvater vergewaltigt und die Mutter hat das alles zugelassen und... .." Nun bekomme ich Informationen, die ich mir in meiner heilen Welt nicht vorstellen kann. Das gibt es doch nicht. Meine Freundin erklärt mir, dass sie diese Informationen von der "liebsten Betreuerin" hat und nun wird das als Sensation an mich weitergegeben. Ich fühle mich beschämt, beteiligt, betroffen, fast hilflos. Ich kann meine Gefühle hier nicht ordnen und noch Tage später muss ich an Sandra und ihr Verhalten denken, wie sie mich umarmt hat.
Die Weihnachtszeit und viel Arbeit lenkt mich in den nächsten Tagen von Sandra ab, doch einige Tage vor Weihnachten sitze ich abends am Fernseher und schaue mir einen Spendenmarathon an. Es geht um Kinder in der dritten Welt. Das alles spielt sich weit weg von mir ab und die Reportage ist wie ein unwirklicher Film. Plötzlich fällt mir Sandra ein und die Kinder, die noch keine 10 Minuten von mir weg wohnen. Von diesen Kindern redet kein Mensch und sie sind so nah und brauchen auch Hilfe weil sie nichts und niemand haben und weil man sie schlecht behandelt hat. Ich habe das Gefühl ich muss etwas tun und es lässt mir keine Ruhe.
Am nächsten Tag rede ich mit meinen Kindern und frage sie ob sie mir helfen wollen. Ich erzähle ihnen vom Kinderheim und spontan haben unsere Kinder tausend Ideen, wollen Freunde nach Spielsachen fragen und beginnen selbst damit noch gute Spielsachen und Kleidungsstücke aus ihren Schränken herauszuholen. Ich fahre am nächsten Tag in das Kaufhaus und hole die beiden CDs, die Sandra hatte stehlen wollen und am Heiligen Abend fahre ich am späten Nachmittag mit meiner Familie in das Kinderheim. Einige der Kinder sind nicht da. Simon wurde von einer Pflegefamilie abgeholt und der Älteste Junge feiert mit einem Freund in dessen Familie. Die anderen Kinder sind gerade beim Essen als wir eintreffen. Sandra springt von ihrem Stuhl und wie bei unserem letzten Treffen drückt sie mich ganz fest an sich. Die Verwunderung und die darauf folgende Freude ist sehr groß. Wir haben alle Geschenke schön eingepackt und die Kinder packen CDs, Spielsachen, Kleidungsstücke und Süßigkeiten aus. Danach werden wir überraschenderweise zum Essen eingeladen. Die Kinder rücken ganz selbstverständlich die Stühle zusammen und teilen mit uns ihr Abendbrot. Wir sind alle sehr glücklich und die Kinder fangen an zu singen und hüpfen aufgeregt um uns herum. Erst als unser Kleiner fragt, ob wir denn nun nach Hause fahren könnten um zu Hause zu bescheren, fällt mir ein, da war ja noch was. Wir verabschieden uns also von den Heimkindern und fahren nach Hause um dort noch einmal mit unseren Kindern zu bescheren.
Ich kann nicht wirklich sagen warum es so ist, doch zum ersten Mal seit vielen Jahren ist auch in meinem Herzen ein wirkliches Gefühl von Weihnachten.


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Eingereicht am 26. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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