Zum Geburtstag viel Glück
© Antonia Stahn
Wieder steht Sophia am Fenster. Aufmerksam beobachtet sie die Person auf dem Plattenweg im Vorgarten. Nicht schlecht, die neue Haushälterin. Umsichtig, fleißig, bei weitem nicht so geschwätzig wie ihre Vorgängerinnen. Beinahe zu still. Dennoch. Wenn sie geht, ist die Stille in dem riesigen Haus größer als je zuvor. Bis heute hat Sophia sich nie Gedanken über ihre Angestellten gemacht. Befehlsempfänger, die gut bezahlt werden. Privatleben ausgeschlossen! Sophia sträubt sich vehement. Nachdenken über eine Fremde
bringt Unruhe. Nur keine Veränderungen im augenscheinlichen Gleichmaß ihrer alten Tage. Jahrzehntelang lebt Sophia G. allein in dem großen Haus. Umgang mit der Nachbarschaft pflegt sie nicht. Niemand sucht Kontakt zu ihr. Sehr wahrscheinlich hat man sie längst vergessen. Gut so! Das große Haus ist eine Insel inmitten pulsierenden Lebens. Eine sehr einsame Insel, umgeben von Mauern aus höflicher Distanz. Zutritt verboten! Da! Da ist es wieder! Die alte Dame zieht sich vom Fenster zurück. Doch das Geschehen auf
der Strasse entgeht ihr nicht. Auf dem Dach des alten, schäbigen Autos liegt eine Tanne. Mehr schlecht als Recht festgezurrt. Unwillig wirft Sophia einen Blick auf den Kalender: 24. 12,.. Heiligabend! Weihnachten! Ein Fest ohne Bedeutung! Seit Jahrzehnten schon! Die Beifahrertür des klapprigen Wagens öffnet sich. Fahrer und Insassen kann Sophia nicht erkennen. Aber hören. "Hallo Oma! Endlich kommst du! Spielst du gleich mit uns, ja? Weißt du. Dann fällt uns das Warten aufs Christkind nicht so schwer!",
sagt ein Kind. Sophia mag keine Kinder. Sie empfindet die kleinen Menschen als notwendiges Übel. "Deshalb bekommen auch nur die Leute Kinder, die sie verdient haben", denkt sie manchmal gehässig. Merkwürdigerweise gefällt ihr die helle Kinderstimme. Ein winziger Funke Neid lodert auf, wird aber sofort im Keim erstickt. Etwas ist heute anders. Frau Sonntag steigt nicht sofort ein. Sie klappt den Autositz zurück. Zwei Kinder steigen aus. Ein Junge und ein Mädchen. Der Junge hält einen künstlichen Weihnachtsbaum
mit bunter Lichterkette versehen in den Händen. "Sie werden doch nicht! Bitte, nein! Bleibt wo ihr seid! Ich will euren Besuch nicht!", möchte Sophia den drei Menschen dort im Vorgarten zurufen.
Angst und Aufregung lassen die ablehnenden Worte nicht hinaus. Sophias Hals ist wie zugeschnürt. Atemnot überkommt sie. Hastig lässt sie sich in den Rollstuhl fallen.
Als Frau Sonntag an die Tür klopft, sitzt Sophia vermeintlich ruhig da. Ein Buch in den bebenden Händen. "Was ist Frau Sonntag? Haben Sie etwas vergessen?"
Der bewusst hochmütige Blick bringt die Haushälterin keineswegs aus der Fassung.
"Vergessen? Wie könnte ich! Heute ist ein ganz besonderer Tag! Heiligabend und Ihr Geburtstag! Ein zweifaches Fest für Sie! Niemand sollte ein so wichtiges Ereignis allein feiern. Für meine Enkel ist es unvorstellbar, Weihnachten oder Geburtstage ohne Familie und Freunde zu erleben."
"Deshalb sind wir zu dir gekommen", erklärt die kleine Klara freundlich. "Für heute sind wir deine Familie. Mein Bruder Chris, Oma und ich. Ich habe extra für dich ein Gedicht gelernt." Unbefangen stellt sich die Fünfjährige in Positur. "Pass auf, es geht so: Ich bin noch so klein, mein Herz ist so rein, soll niemand drin wohnen, als Du allein!"
Ein winziges Lächeln entzaubert die steinerne Miene der alten Frau. Zaghaft, jedoch freundlich reicht sie dem Kind die Hand. "Danke, Kleine! Das hast du sehr schön gemacht. Ein hübsches Gedicht."
Klara freut sich sehr über das Lob. Eifrig zieht sie ihren Bruder an ihre Seite. "Dann singen Chris und ich jetzt noch ein Weihnachtslied für dich", sagt sie fröhlich.
Chris fühlt sich unbehaglich. Er wollte nicht hierher kommen. Singen schon gar nicht! Aber: Versprochen ist versprochen! Scheu schaut er Sophia an.
Die alte Frau zuckt ein wenig zusammen. Diese Augen! Blau, nein fast grau, von langen schwarzen Wimpern umrandet. So jung! Und doch glaubt Sophia plötzlich, das gesamte Wissen der Welt in ihnen zu sehen. Genau so ein Augenpaar hat ihr Leben für einige Zeit beeinflusst. Mit Macht überfluten die Erinnerungen ihr Denken. Sophia wehrt sich.
Vergessen geglaubte Empfindungen und Gefühle stellen sich plötzlich ein. Das Singen der Kinder dringt schwach in ihr Bewusstsein. Mit einem kaum hörbaren Seufzer gibt die alte Frau der Vergangenheit Raum. Stationen eines langen Lebens rauschen in schneller Folge an ihr vorüber. Sie sieht ein kleines, niedliches Mädchen. Hört die glockenreine Stimme des begabten Kindes. Begabt! Dieses Wort hat Sophia lange begleitet, ihrer Zielstrebigkeit und ihrer Eitelkeit Nahrung gegeben. Zu viel Liebe und Bewunderung verstellten
den Blick. Ein normales Leben hat sie nie kennen gelernt. Sie fühlte sich wohl in der glamourösen Welt der Oper. Unendliche Leichtigkeit des Seins bestimmte Sophias Leben. Die kurzen Augenblicke der Irritationen gingen in einer steilen Karriere unter. Endlich lässt die alte Dame auch die Erinnerung an ihr letztes Weihnachtsfest zu. Eher eine rauschende Ballnacht. Der letzte Tanz. Sie sieht sich, von starken Armen gehalten, über die Tanzfläche schweben. Mit einem Male hört sie die Worte wieder, spürt beinahe schmerzhaft
den Blick der warmen, liebevollen Augen. "Du bist die letzte deiner Generation, Sophia!" Welch ein Ansinnen! Eine Familie gründen? Womöglich die Last der Schwangerschaften tragen? Angesichts einer Welt, die ihr und ihrer Kunst zu Füßen lag? Niemals! Der Trennungsschmerz hinterließ keine sichtbaren Spuren. Jahr für Jahr vermehrte sich die Schar der Bewunderer. Die größten Opernhäuser der Welt bemühten sich um sie. Ein wunderbares Gefühl. Die Sonne drehte sich um Sophia. Sie genoss es. Nur wenige Sekunden
verlieren die Bilder aus der Vergangenheit an Schärfe.
Sophia atmet tief durch. Erneut muss sie Mut und viel Kraft aufbringen, diesen Beginn eines anderen Lebens in aller Klarheit zu begreifen.
Die Diagnose der Ärzte hat auch nach so vielen Jahren nicht ihren Schrecken verloren.
"Schwerer Schlaganfall mit linksseitiger Lähmung." Nach wie vor versteht sie das Leben nicht. Ausgerechnet sie! Eine begnadete Sängerin! Schnell verblasste der Ruhm. Die ‚guten Freunde' blieben aus. Seit gut vierzig Jahren lebt Sophia G. allein in der alten Villa. Pflege und Versorgung sind gewährleistet. Geld ist im Übermaß vorhanden.
Besorgt schaut Frau Sommer ihre Arbeitgeberin an, berührt zart die Hände der stillen, in sich gekehrten Frau.
"Frau G.! Ist alles in Ordnung? Sie sind so blass. Soll ich den Arzt rufen?" Verwirrt schlägt Sophia die Augen auf. Das Weihnachtslied ist soeben verklungen.
"Danke, Kinder!", sagt sie mit zittriger Stimme, "auch das habt ihr schön gemacht. Leider bin ich nun sehr müde. Kommt bitte morgen wieder! Dann gibt es eine richtige Feier-Kaffee-Tafel. Nur für euch und eure Oma. Es wird mir ein Vergnügen sein."
Die schwere Eichentür schließt sich leise hinter Frau Sonntag und den Kindern. Sophia ist wieder allein. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich einsam. Traurig schaut sie auf den kleinen, bunten Weihnachtsbaum. Winzige Perlen rollen über die alten Wangen. Sie bereiten den Weg für eine gewaltige Tränenflut.
Sophia weint. Weint um Verluste, die es eigentlich nie für sie gegeben hat.
Eingereicht am 09. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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