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Liebe … ist viel mehr als nur ein Wort

© Antonia Stahn


"Mein Gott! Das arme Kind!" Ungewohnt sanfte Hände berühren den geschundenen, kleinen Körper.
Das Kind zuckt ein wenig zusammen. Seine Augenlider flattern gleich zarter Schmetterlingsflügel. Aber das kleine Wesen öffnet die Augen nicht. Angst! Angst vor den Händen, die vorsichtig den Kinderkörper abtasten.
Wo bleibt der Schmerz? Angstvoll wartet das Kind. Hände tu(e)n weh! Fazit aus bitteren Erfahrungen eines vierjährigen Lebens.
Große! Kleine! Weiche! Hände mit dicken Wurst - oder harten und dünnen Spinnenfingern haben sich des kleinen Körpers bemächtigt. Mama hat gesagt, dass sie es aus Liebe tun. Aber warum tut die Liebe so weh, Mama!
Von dem Geschehen in der Ambulanz bekommt das Kind kaum etwas mit. Zum ersten Male verspürt es Hände, die gut zu ihm sind. Ein neues, wohliges Gefühl durchflutet den kleinen Körper, lässt Schmerz und Angst vergessen. Hin und wieder stören Worte die Glücksmomente.
"Blutverlust! Sehr wahrscheinlich innere Verletzungen! Operation vorbereiten!"
Völlig entspannt liegt das Kind da. Den Stich der Injektionsnadel hat es ruhig hingenommen.
Sekunden nur währt die Dunkelheit. Sie verliert sich in einem strahlenden Licht. Mühelos verlässt der Geist den kleinen Körper, will in die Helligkeit hinein tauchen. Eine Stimme, ungleich schöner als das Licht, fordert die kleine Seele auf, zu bleiben.
"Halt! Warte mein Kind! Entscheide dich nicht zu früh. Nutze die Zeit, die dir gegeben wurde. Eine Reise in die Vergangenheit wird dich zum Ursprung des Seins führen."
"Was ist ein Ursprung des Seins?", fragt das Kind scheu.
"Die Liebe! Sie zu finden ist der Sinn deiner Reise", erklärt die Stimme.
Verzweifelt schüttelt das Kind den Kopf, stöhnt laut auf. "Bitte, bitte! Nie mehr will ich Liebe. Sie tut so weh!" Ein leichtes, sanftes Streicheln über die zarte Wange beruhigt das Kind.
"Nicht Liebe! Leid hat dein Leben bestimmt! Doch diese Zeit liegt hinter dir. Leb wohl, kleiner Mensch!"
Einige Augenblicke verharrt das Kind im zeitlosen Raum. Dann läuft es los. Schwerelos gleitet es durch die Jahrhunderte und sieht Menschen in der Lebensart ihrer Zeit. Soldaten, die mit Begeisterung - aus Liebe zum Vaterland - in den Krieg ziehen. Herrscher, die ihr Volk aus purer Liebe unterdrücken. Kirchenfürsten, die den Menschen mit aller Gewalt den Glauben an die Nächstenliebe aufdrängen. Kinder, deren Leid nicht enden will. Menschen deren Liebe mit Füßen getreten wird. Andere, die an verschwendeter Liebe zerbrechen. Der Geist des Kindes öffnet sich, wird groß und weit. Es versucht, die Menschen in ihrer Mannigfaltigkeit zu begreifen. Denn nicht nur Schlechtes sieht es: Menschen, die aufrichtig lieben. Kinder, die glücklich sind. Selbstlos Liebende. Menschen, die ohne Dank zu erwarten anderen helfen. Das Leben in seiner unendlichen Vielfalt bietet sich dem Kind dar. Angst, aber auch Freude erfüllen sein Denken. Unerwartet schnell ist die Reise zu Ende. Das Kind befindet sich im Jahre Null unserer Zeit. Sternenklar ist die Nacht. Menschen wandern über ein Feld. Ihr Ziel ist eine Grotte in den aufsteigenden Felsen. Ein freundliches Paar nimmt das Kind in seine Mitte.
"Komm mit uns, Kleines! Siehst du den hellen Stern hoch über der Grotte? Er ist ein Zeichen! Zeichen für das Wunder dieser Nacht. Der, auf den wir so lange gewartet haben, ist heute zur Welt gekommen. Wir, du und all' die anderen", der Fremde zeigt zu den vielen Menschen vor der Grotte, "sind auserwählt, ihn zu begrüßen."
Wohlmeinende Hände schieben nun das Kind durch die Menge bis zum Eingang der Felsenhöhle. Herzklopfen stellt sich ein. Lange betrachtet das Kind die drei Menschen in der Höhle. Das Neugeborene schläft in einer alten mit Stroh ausgelegten Krippe. Seine Eltern knieen rechts und links vor der armseligen Lagerstätte. Umgeben vom Habitus des Glücks. Die junge Mutter schaut zum Höhleneingang, entdeckt das fremde Kind in der wartenden Menge. Schlagartig erlischt der Glanz in den ausdrucksstarken Augen der Frau.
Voller Mitleid winkt sie dem Kind zu. "Nun mach schon! Sie möchte, dass du in die Grotte gehst!", flüstert jemand. Zaghaft zuerst. Kleine Schritte. Doch dann gibt das Kind seiner Sehnsucht nach. Bedenkenlos nimmt es die Hand der Fremden und klettert auf ihren Schoß. Nie gekannte Gefühle erfüllen das kleine Herz.
"Schau!", sagt die junge Frau, "das Baby erwacht! Du darfst es gerne einmal streicheln." Das Kind berührt die winzige Hand des Säuglings, streichelt sanft über die kleinen Finger.
"Oh! Ist das schön! Nie mehr möchte ich dieses Händchen los lassen! Es macht mich so warm und ich glaube, sehr froh! Solch ein schönes Gefühl hatte ich noch nie! Warum ist das auf einmal so?"
Maria drückt das Kind zärtlich an sich und sagt:
"Liebe ist es, die du empfindest, Kleines. Jesus, mein Sohn dort in der Krippe, hat sie in dieser stillen Nacht dir und allen Menschen unserer Welt zum Geschenk gemacht."
Die großen Augen in dem blassen Gesicht des vierjährigen Kindes weiten sich. Vorsichtig streichelt es noch einmal die Händchen des Neugeborenen und sagt verwundert: "Das ist Liebe!"
"Blutdruck fällt ab!", ruft die OP-Schwester aufgeregt. Hektik entsteht! Fieberhaft versucht der Chirurg die zerrissene Aorta im Unterbauch des Kindes zu schließen. Schwierig! Zu viele lose Enden!
"Herz - Kreislauf - Stillstand!", bedauert der Anästhesist.
Alle Wiederbelebungsversuche scheitern. Bedrückend laut drängt sich ein anhaltender Piepton in die Stille des Operationsraumes.
"Armes, kleines Ding", flüstert die OP-Schwester. Sehr behutsam wischt sie dem Kind den kalten Schweiß aus dem blassen Gesichtchen.
Merkwürdig! Routine stellt sich nicht ein. Tränen laufen der erfahrenen Frau über die Wangen. Es gelingt ihr nicht, die wundersam leuchtenden Augen des Kindes zu schließen.



Eingereicht am 07. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
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