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Ein wundervoller Heiligabend?

© Nadine Wagner


Die Leute wurden verrückt am Heiligabend. Sie stürmten wie bekloppt die Geschäfte, um die letzten Geschenke einzukaufen. Aber eigentlich hatten sie doch genug Zeit gehabt, sich auf Weihnachten vorzubereiten und doch setzten sie sich diesem Weihnachtsstress aus. Kopfschüttelnd zwängte Natascha sich durch die riesige Schlange der Kasse im Supermarkt hindurch. Das, oder viel mehr derjenige, weswegen sie sich diesem Stress aussetzte, war nicht hier. Wahrscheinlich hatte er frei oder sonst irgendwas. Ach war ja auch egal, möglicherweise würde er sowieso nicht mir ihr reden. Wie konnte das alles nur so weit kommen?
Als sie draußen war, atmete sie erst mal richtig tief ein und aus. Frische Luft tat gut, auch wenn die Luft so kalt war, dass ihr Atem Wolken bildete. Der Weihnachtsduft lag in der Luft.
Sie schob die Hände in die Hosentaschen und ging wieder nach Hause.
Ihre Wohnung sah so verlassen aus, selbst der Weihnachtsbaum stand ungeschmückt im Wohnzimmer. Aber ER war nicht zurückgekommen, jetzt war er schon zwei Monate weg, hatte einfach leb wohl gesagt und war verschwunden. Ohne eine Angabe von Gründen.
Auf dem Tisch im Wohnzimmer lagen Bratäpfel. Klara hatte sie wohl für Natascha dorthin gelegt. Ihre Freundin versuchte sie so gut wie sie nur konnte aufzuheitern, aber das war nicht so einfach. Gerade als sie nach einem Bratapfel greifen wollte, fing das Telefon an schrill und laut zu klingeln. Sie meldete sich mit ihrem Namen, dabei hätte sie sich das sparen können, denn der Anrufer hatte wohl doch keine Lust mit ihr zu reden. Dann eben nicht.
Gerade als Natascha sich wieder ins Wohnzimmer gesetzt hatte, klingelte es an der Tür. Man konnte hier nicht mal in Ruhe Bratäpfel essen oder, geschweige denn Fernsehen, was sie jetzt auch mal gern machen würde. Eigentlich hätte sie jetzt am liebsten einfach nur ihre Ruhe. Aber nein, wer immer an der Tür war, klingelte sehr hartnäckig, so dass sie wohl doch einfach öffnen musste. Es war Klara, die mal wieder ihren Schlüssel vergessen hatte. Klara musterte Natascha eindringlich, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass sie dringend ein Bad bräuchte. Natascha solle sich nicht so gehen lassen und die ganze Leier von vorne. Unerträglich.
Natascha setzte sich auf die Couch und aß den Bratapfel, während sie durch die Programme schaltete. Klara labberte im Hintergrund etwas über IHN. Dann ging sie ins Bad und ließ sich Wasser einlaufen. Kaum war Klara im Bad verschwunden, fing es draußen an zu schneien. Es schneite erst ganz langsam, sodass nicht viel Aussicht bestand, dass es weiße Weihnachten geben würde. Aber dann kamen richtige, dicke weiße Flocken vom Himmel. Wann hatten wir das letzte Mal weiße Weihnachten? , fragte sich Natascha wehmütig. Sie konnte sich nicht daran erinnern, aber warum musste es dieses Weihnachten ausgerechnet sein? Sie hätte IHN so gern bei sich, er fehlte ihr. Er war der einzige Mensch, den sie gehabt hatte nach dem schrecklichen Unfall, wo auf einen Schlag ihre ganze Familie ausgelöscht wurde.
ER hatte hinter ihr gestanden, sie bei allem unterstützt was sie tat und sie getröstet. Und jetzt war er fort, ohne ein Wort, ohne einen Gedanken an sie zu verschwenden ... Eine Träne lief ihr unbemerkt über die Wange. Keine Frage sie liebte ihn, sie vermisste ihn und ja, sie brauchte ihn um glücklich zu sein.
Klara kam aus dem Badezimmer. Skeptisch drückte sie Natascha die Hundeleine in die Hand. Bei dem Wetter wolle sie nicht vor die Tür. In dem Moment drehte sich der Schlüssel im Schloss um, und die dritte im Bunde kam nach Hause. Lizzy war über und über mit Schnee bedeckt. Natascha fand den Gedanken nicht so prickelnd, gleich genauso auszusehen. Aber sie hatte auch keine Kraft sich zu wehren und ein bisschen Ablenkung würde ihr ganz gut tun. Mit einem Pfiff lockte sie den großen, treuherzigen Altdeutschen Schäferhund an. Mühsam hielt sie den Hund zurück, der verzweifelte versuchte Lizzy abzuschlabbern, die immer noch an der Haustür stand und sich vom Schnee befreite. Draußen angekommen, zog Natascha sich die Jacke, die sich im Vorbeigehen gegriffen hatte, über. Lächelnd ließ sie sich die Schneeflocken ins Gesicht vom Wind blasen. Dann fuhr ER vorbei. So lange war sie schon ohne ihn. Es war nicht mehr auszuhalten ... Nur was sollte sie denn tun? Ans Telefon ging er nicht, wenn sie anrief und die Tür öffnete er auch nicht, wenn sie davor stand. Lizzy und Klara hatten schon Recht, sie konnte ihn nicht zwingen, wenn er nicht wollte. Und er wollte nicht, dass hatte er jetzt oft genug bewiesen, auch wenn sie denn Grund immer noch nicht kannte.
Mit großen Schritten ging sie wieder zurück ins Warme, nachdem sie eine Runde ums Haus mit dem Hund gegangen war. Lizzy und Klara saßen auf der Couch und sahen sich irgendwas in der Glotze an. Mit einem Blick auf die Uhr sah sie, dass sie doch länger draußen gewesen war, wie sie dachte. Der Tag war ziemlich schnell vergangen. Bescherung gab es keine mehr, da die anderen beiden es mal wieder nicht hatten abwarten können, ihre Geschenke aufzupacken.
Nächste Woche würde es hektisch zugehen, es zog noch eine Mitbewohnerin ein, die Klara und Natascha schon länger kannten, Tina. Lizzy hatte Tina noch nicht kennen gelernt, weil Lizzy diejenige ist, die eigentlich nur zum Schlafen heim kommt und ansonsten bei ihrem Freund ist.
An der Tür klingelte es. Da keiner der anderen sich bequemte die Tür zu öffnen, blieb das wohl auch an Natascha hängen. Natascha nahm an, dass es Lizzys Freund sei, tippte nur auf den Türgriff, sodass sich die Tür öffnete und ging wieder in die Küche zurück, ohne nachzusehen, ob er es wirklich war. Durch die Tür hörte sie aufgeregtes Stimmengemurmel, und dann hörte sie wie jemand in die Küche kam. Ist euer Film schon zu Ende? , fragte sie ohne sich umzudrehen. Als ihr eine sehr bekannte Stimme antwortete, musste sie erst mal kräftig schlucken, bevor sie sich umdrehen konnte. In der Tür stand ER. ER fing an sich zu entschuldigen, dafür dass er sie im Stich gelassen hatte und einfach nicht mehr mit ihr geredet habe. Als sie in Tränen ausbrach, nahm er sie in den Arm und küsste sie. Soll das bedeuten, dass du mich doch noch liebst?, schluchzte sie. Als Antwort bekam sie nur einen langanhaltenden Kuss. Am Ende war dieser Heiligabend doch was Besonderes geworden, es schneite und ER war wieder da und nichts und niemand würde sich mehr zwischen sie stellen können.



Eingereicht am 16. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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