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Der Weihnachtsspatz

© Patricia Koelle


Der Weihnachtsbaum war beinahe so groß wie die kleine Kirche, neben der die Menschen ihn aufgestellt hatten. Ganz auf der Spitze saß aufrecht ein Engel und breitete seine goldenen Flügel aus.
Auf dem Kirchturm saß ein kleiner Spatz und betrachtete den Engel. Der kleine Spatz sah aus, wie alle Spatzen in allen Städten. Er war braun und fiel nicht weiter auf. Er hatte nicht einmal einen Namen. Jeden Tag flog er mit seinen Geschwistern und Freunden von Dach zu Dach und auf dem Marktplatz herum, und niemand beachtete ihn. Nur selten warf ihm ein Kind einen Krümel zu.
Der kleine Spatz wäre sehr gern ein Engel gewesen, ein Engel mit goldenen Flügeln, auch wenn der nur aus Plastik war.
"Möchtest Du mich für eine Weile vertreten, kleiner Spatz?" fragte der Engel. "Ich habe nämlich etwas Wichtiges zu erledigen."
Der kleine Spatz fiel vor Schreck fast von der Kirchturmspitze.
Der Engel war ja gar nicht aus Plastik. Er war lebendig!
Der kleine Spatz konnte ja nicht wissen, dass die Engel auf den Weihnachtsbäumen, die neben Kirchen stehen, oft wirkliche Engel sind. Das ist deshalb praktisch, weil die Menschen ihre Sorgen meistens in der Kirche erzählen. So wissen die Engel gleich Bescheid, um wen sie sich kümmern müssen. Engel sind schließlich dazu da, den Menschen zu helfen, besonders an Weihnachten. Und zum Glück haben sie sehr gute Ohren.
"Du könntest für mich heute Nachmittag hier oben sitzen", sagte der Engel. "Dann könnte ich zu einem kleinen Mädchen fliegen, das getröstet werden muss. Sie heißt Katja und ist im Herbst von einer Schaukel gefallen. Beide Beine hat sie sich gebrochen und muss nun schon so lange im Bett liegen, dass sie vor Langeweile sehr traurig ist."
"Aber ich bin doch nur ein Spatz", sagte der kleine Spatz verwundert.
Es stimmte ja, dass er sich gerade goldene Flügel gewünscht hatte. Aber einen wirklichen Engel vertreten, das war doch was anderes. Er wusste nicht, ob er das konnte.
"Du brauchst bloß hier oben zu sitzen und die Flügel ausbreiten. Es wird niemandem auffallen", sagte der Engel. "Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Niemand erwartet einen Spatz, wo ein Engel sein sollte. Außerdem können wir ein bisschen nachhelfen."
Der Engel rückte also zur Seite und der kleine Spatz flog auf die Spitze des Weihnachtsbaums. Er musste sich gut festhalten, denn der Baum schwankte im Wind. Auf der Kirchturmspitze hatte sich der kleine Spatz sicherer gefühlt.
"Ein wenig aufrechter, bitte", sagte der Engel. Der kleine Spatz streckte sich und plusterte sich auf, bis er größer aussah.
"Und jetzt die Flügel ausbreiten", sagte der Engel.
Der kleine Spatz breitete die Flügel aus.
"Gut", sagte der Engel. Er griff in seine Hemdtasche und streute etwas über den kleinen Spatz. "Sternenstaub", sagte der Engel. Der kleine Spatz sah an sich herunter. Seine Flügel glitzerten jetzt wunderschön golden. Vor Stolz machte er sich noch ein wenig größer.
"Das ist zwar geschummelt", lachte der Engel, "aber die Menschen machen so was auch. Sie nennen es schminken".
Der Engel versprach, am Abend wiederzukommen, und flog eilig davon. Er freute sich, dass er jetzt nicht nur der traurigen Katja helfen, sondern auch dem kleinen Spatzen seinen Wunsch erfüllen konnte, einmal ein Engel mit goldenen Flügeln zu sein.
Der kleine Spatz platzte beinahe vor Stolz. Es fühlte sich gut an, so aufrecht auf der Weihnachtsbaumspitze zu stehen und auf den Marktplatz mit den vielen Menschen herunterzusehen, die eilig hin und her liefen. Unter ihm breitete der Baum seine Äste aus und die roten und goldenen Kugeln daran glänzten herrlich.
Eine Stunde verging, und noch eine. Zwei andere Spatzen saßen eine Weile auf der Turmspitze, aber sie erkannten den kleinen Spatzen nicht und hörten ihn auch nicht rufen. Es wurde langsam anstrengend, so aufrecht zu sitzen und die Flügel auszustrecken. Der Sternenstaub juckte auch ein bisschen. Der kleine Spatz hätte sich gerne geschüttelt. Eigentlich wäre er am liebsten mit seinen Freunden fortgeflogen, um zu spielen. Es war doch ganz schön einsam hier oben. Die Menschen konnte er nicht hören, denn Spatzen haben nicht so gute Ohren wie Engel.
Dann fing es auch noch an zu schneien. Der kleine Spatz fing an zu frieren. Er hätte sich gern unter das Kirchendach geflüchtet. Dort kannte er ein kuscheliges Plätzchen nahe am Schornstein.
Aber er hielt durch, obwohl der Engel längst hätte zurück sein müssen. Es wurde dunkel, und überall gingen die Lichter an und leuchteten durch den Schnee. Es sah sehr schön aus.
Doch der kleine Spatz wusste jetzt, dass er kein Engel sein konnte. Irgendetwas fehlte ihm dazu. Viel lieber wollte er ein Spatz bleiben.
"Entschuldige", sagte der Engel etwas außer Atem und landete mit einem unengelhaften Plumps neben dem kleinen Spatzen auf einem Zweig. "Es hat so lange gedauert, weil ich einfach keinen Erfolg hatte."
Der kleine Spatz schüttelte dankbar den Schnee und den Sternenstaub von seinen Flügeln und faltete sie zusammen. Er hüpfte beiseite, so dass der Engel seinen Platz auf der Spitze wieder einnehmen konnte.
"Konntest Du die kleine Katja nicht trösten?" fragte er.

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Die vollständige Geschichte erscheint im Herbst 2007 in dem Buch

Patricia Koelle
Der Weihnachtswind
Weihnachtsgeschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-01-2


Tipp:
Die Weihnachtsgeschichte "Der Engel am Ende des Himmels"
von Patricia Koelle in dem Buch
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-9-5
124 Seiten
9,90 Euro (D)



Eingereicht am 16. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
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