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Weihnachtsfreude

© Marlies Woywod


Während der ganzen Vorweihnachtszeit dieses Jahres hatte es fast unaufhörlich geregnet. Nur ganz selten gab es einen Tag an dem sich die fahle Wintersonne einen Weg durch die dicken, grauen Wolken bahnen konnte.
An solchen regenfreien Tagen eilten die Menschen in die weihnachtlich dekorierten Geschäfte um rasch ihre Einkäufe für die Festtage zu tätigen. Zwischen Geschenke für die Lieben daheim aussuchen und die noch notwendigen Zutaten fürs Festessen besorgen sandten sie immer wieder einen prüfenden Blick gen Himmel. Doch obwohl aus den Lautsprechern der Geschäfte laufend „ Leise rieselt der Schnee“ und „White Chrismas“ erklang war von Kälte und Schnee nichts zu sehen. Stattdessen schob ein stürmischer Wind immer wieder schwere, dunkle Wolken über den Himmel, die jeden Moment sich öffnen und erneut eine Regenschauer über die Menschen ergießen konnten.
Die Stimmung der Menschen war gedrückt, denn dieses Wetter passte so gar nicht in die Adventszeit und eine richtige Weihnachtsstimmung wollte bei niemand aufkommen. Zumal in den Medien in den letzten Tagen vor dem Weihnachtsfest immer wieder die Sprache von drohendem Hochwasser in den Bächen und Flüssen der Umgebung und einer eventuellen Überschwemmung der angrenzenden Stadtgebiete die Rede war. Besorgt lauschten die Menschen den täglichen Wetterbericht und hofften auf einen baldigen Wetterumschwung.
Auch in unserer Familie war das Wetter in diesen Tagen eines der Hauptthemen. Wir waren zwar nicht unmittelbar vom Hochwasser bedroht, dafür wohnten wir zu weit vom Fluss entfernt, aber Auswirkung auf unsere kleine Familie würde es trotzdem haben. Mein Mann war Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr und musste im Falle einer Überschwemmung den davon Betroffenen zur Hilfe eilen. Doch bisher war noch keine Alarmierung über den sogenannten „ Piepser“ erfolgt.
Dieses neue Alarmierungsgerät, welches über Funk mit der Hauptwache der Feuerwehr unserer Stadt verbunden war, hatte mein Mann erst vor wenigen Wochen erhalten. Seitdem warteten unsere drei Kinder sehnsüchtig darauf das Gerät in Tätigkeit zu erleben und das eine Alarmierung über den „Piepser“ erfolgen würde. Doch die Tage verstrichen und das Gerät blieb stumm.
Am Morgen des 24. Dezembers schien eine Wetterbesserung einzutreten. Es regnete nicht mehr und auch der Wind hatte sich etwas gelegt. Und ab und zu fand auch ein Sonnenstrahl seinen Weg durch den wolkenverhangenen Himmel. Erleichterung wollte bei den Menschen aufkommen, aber schon in der Mittagszeit fielen wieder erste Regentropfen und schon bald regnete es wieder anhaltend und heftig.
Doch heute störte dieses unsere Kindern wenig. Auch das für ihren Vater noch keine Alarmierung über den „ Piepser“ erfolgt war interessierte sie nicht mehr sonderlich.
Schon zu Anfang der Adventszeit hatten sie ihre Wunschzettel geschrieben und hofften nun, dass das Christkind diese gelesen und ihnen ihrer großen und kleinen Wünsche erfüllen würde. Sehnsüchtig schauten sie immer wieder zur Uhr und zählten die Stunden bis zum Abend. Doch zuvor mussten sie noch zur Kirche um an der Kindermesse teilzunehmen. Wir nutzten diese Zeit immer um alles für den Heiligen Abend und die Bescherung vorzubereiten.
Und als Glockengeläut vom nahen Kirchturm das Ende der Messe verkündete, hatten auch wir unsere Vorbereitungen beendet.
Unter dem geschmückten Tannenbaum, an dem bereits die Kerzen leuchteten, lagen die liebevoll verpackten Geschenke, der Tisch war festlich gedeckt und aus der Stereoanlage erklang leise Weihnachtsmusik.
Mein Mann freute sich schon auf die überraschten Gesichter der Kinder, wenn sie die Geschenke auspacken würden. Er hoffte das es uns auch dieses Jahr wieder einmal gelungen war ihre großen und kleinen Wünsche zu erfüllen. Doch plötzlich wurde die Weihnachtsmusik von einem durchdringenden, grell-lautenden Ton überlagert.
Auf dem Sideboard vibrierter der „ Piepser“, ein rotes Licht flackerte rhythmisch an dessen Oberkante und eine emotionslose Männerstimme ertönte „ Einsatz mit Sonderrechte! Einsatz mit Sonderrechte!“
Völlig überrascht schaute mein Mann mich an.
„Schade! Nun wird die Bescherung wohl ohne mich stattfinden müssen.“
Bedauern und Enttäuschung klang aus seiner Stimme. „ Aber ich muss zum Einsatz, wer weiß was geschehen ist und wer unsere Hilfe benötigt! Die Kinder werden das verstehen. Es geht auch mal ohne mich.“
Ohne weitere Verzögerung, verließ er den Raum, eilte ins Schlafzimmer und zog er seine Uniform an. Verließ im schnellen Tempo das Haus und fuhr eiligst zur Feuerwache. Von dort würde er dann, zusammen mit seinen ebenfalls herbei geeilten Kameraden, zum Einsatzort fahren. Ich aber blieb völlig verwirrt zurück und überlegte wie ich den Abend allein mit den Kindern gestalten sollte.
Viel Zeit blieb mir dafür nicht, denn hörte bereits ich die Stimmen unserer Kinder vor dem Haus. Ungeduldig klingelten sie an der Haustüre. Als ich öffnete drängten sie in den schmalen Hausflur und entledigten sich schnell ihrer Jacken.
Wie jedes Jahr erwarteten sie das ich die Zimmertür öffnen würde und wir gemeinsam ins Wohnzimmer gingen. Und ebenso erwarteten sie dort ihren Vater neben der Krippe stehend vorzufinden. Mit einem kleinen goldenen Glöckchen in der Hand unser Weihnachtsfest und die Bescherung einläutend.
Doch ich zögerte. Und sagte dann mit etwas zittriger Stimme: „ Ich muss euch etwas erklären!“
Erstaunt sahen sie mich an.
„ Wir müssen heute Abend leider ohne Papa feiern. Der Pieper ging los und er musste zum Einsatz. Aber alles ist vorbereitet und das Christkind...“ Ich versuchte geheimnisvoll zu lächeln, „ war auch schon da!“
Ich griff zur Türklinge, wollte sie in das Zimmer hereinlassen, als sich plötzlich Stefan, unser ältester Sohn, vor mich stellte. Mich dadurch hinderte die Türe zu öffnen.
„ Warte Mama“, er drehte sich zu seinen beiden Geschwistern um.
„ Papa hat sich so auf heute Abend gefreut. Und ihr wisst doch wie viel Freude er daran hat, wenn wir unsere Geschenke auspacken. Das können wir jetzt doch nicht ohne ihn machen. Das ist doch dann kein richtiges Weihnachtsfest für ihn. Dadurch nehmen wir ihm doch seine ganze Weihnachtsfreude!“
Erstaunt sah ich auf meinen zwölfjährigen Sohn. Wie meinte er das?
Auch Christian, sein ein Jahr jüngerer Bruder, schaute ihn neugierig an und fragte: „ Und was sollen wir jetzt machen?“
Für eine kurze Zeit herrschte Stille im Flur, während aus dem Wohnzimmer immer noch die Weihnachtsmusik zu hören war.
„ Wir warten mit der Bescherung bis Papa wieder zu Hause ist!“ kam der Vorschlag von Stefan.
Christian überlegte kurz und senkte dann zustimmend den Kopf. Und Daniela mein achtjährige Tochter, welche noch heute morgen die Zeit bis zum Abend nicht abwarten konnte, meinte trocken. „Warum nicht! Die Geschenke laufen uns doch nicht davon!“
Ich aber stand da und konnte nur staunen!
Waren das noch meine ungeduldigen, die Zeit nicht abwartenden Nervensägen von heute morgen? Diese drei Rabauken, welche selten, aber wirklich ganz selten mal, einer Meinung waren?
Nach dem nun feststand das die Bescherung verschoben werden sollte tauchte die große Frage auf wie wir das bewerkstelligen sollten. Das Wohnzimmer war nun mal der zentrale Raum unseres Hauses. Die Küche war zu klein das sich vier Person dort lange aufhalten konnten. Und die Kinderzimmer lagen im oberen Stockwerk. Anderseits wollten wir auch gemeinsam auf meinen Mann warten. Und so entschieden wir dann einstimmig, doch noch das Wohnzimmer zu betreten.
Und wieder musste ich über meine Kinder staunen.
Verlockend lagen die Geschenke, zum Glück alle schön verpackt, unter dem Weihnachtsbaum. Doch nicht eines meiner Kinder machte auch nur einen Schritt darauf zu. Versuchten noch nicht mal anhand der Verpackungen herauszufinden was sie beinhalteten. Sie ignorierten sie einfach. Und auch den Tellern mit den liebevoll ausgesuchten Süßigkeiten schenkten sie keine Beachtung.
Wir setzten uns an den Wohnzimmertisch und spielten, bei leiser Weihnachtsmusik, um die Zeit nicht lang werden zu lassen „ Mensch ärger dich nicht“.
Die Geduld der Kinder wurde auf eine harte Probe gestellt. Es dauerte vier Stunden bis mein Mann, verschmutzt, müde und erschöpft, vom Einsatz zurückkehrte. Die befürchtete Überschwemmung des nahe am Fluss gelegenen Stadtteils war eingetroffen. Mein Mann hatte, zusammen mit seinen Kameraden, überflutete Keller und Tiefgaragen auspumpt und Häuser mit Sandsäcken abgedichtet.
Doch seine Müdigkeit verschwand mit einem Schlag als wir ihm mitteilten, dass wir mit der Bescherung, auf Wunsch der Kinder, bis zu seiner Rückkehr gewartet hatten. Und nach dem er geduscht und umgekleidet war konnte endlich die so lange verschobene Bescherung stattfinden.
Unsere Kinder konnten endlich ihre Geschenke auspacken. Die Freude bei ihnen war groß, denn fast jeder ihrer Wünsche waren in erfüllt worden. Und auch wir Eltern erhielten liebevoll ausgesuchte Geschenke von unseren Kindern.
Aber das schönste und kostbarste Geschenk an diesem Weihnachtsabend war für meinen Mann das seine Kinder mit der Bescherung auf ihn gewartet und ihn so seine Weihnachtsfreude bewahrt hatten.



Eingereicht am 15. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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