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Sarah stieg vom Pferd und gab dem Stalljungen die Zügel in die Hand. "Reib ihn gut ab und gib ihm ordentlich Wasser." Dann wandte sie sich dem Haus zu, dessen graue Fassade sich mächtig von der Parkanlage abhob. Sie pflückte im Vorbeigehen eine der roten Rosen, die in voller Blüte standen. Der herrliche Duft hob ihre Laune etwas, die schon seit Tagen auf dem Nullpunkt angekommen war.
Ohne jede Anstrengung nahm sie die Treppenstufen, die zum Eingang von Schloss Dragonstone führten. Die junge Frau war eine herrliche Erscheinung, von zierlicher und doch nicht zu übersehender Gestalt. Sie schüttelte ihre braune Mähne, als die Hausdame ihr am Eingang ein Glas Wasser entgegenhielt. Siebenundzwanzig Jahre war Sarah nun alt und aus ihren grünen Augen hätte eigentlich die pure Lebensfreude blitzen sollen. Aber seit einigen Wochen lagen dunkle Wolken über dem sonst so blauen Himmel über Cornwall. Die Geier umkreisten das Gut, das Sarah so sehr liebte und dessentwegen sie sich auf die arrangierte Heirat mit John eingelassen hatte. Sie hätte die Wahl gehabt, denn viele Bewerber hatten um ihre Hand angehalten. Der narbige Captain Andrew Cart, ein Seefahrer von der Königin Gnaden hatte genauso vor ihr gekniet wie der Sohn des Richters Smith, der immer korrekte und charmante James. Captain Andrew hatte ihr Herz eigentlich schon besessen, aber Sarah hatte sich im letzten Moment gegen ein Leben als Seefahrerwitwe auf Zeit entschlossen. Eine Stunde nachdem Sarah ihm mitteilte, dass sie John heiraten würde, ging Andrew zurück auf sein Schiff und ließ sich nur noch selten in der Gegend blicken. Der Sohn des Richters aber, mit seiner glühenden Verehrung für Sarah, war in Verzweiflung versunken, als sie ihm den Korb gab. Er hatte zu trinken und zu spielen begonnen. Sein Vater bezahlte ihm mehrere Male die Schulden und warf ihn schließlich aus dem Haus. Seither hatte man James nicht mehr in der Gegend gesehen.
Das Gut, das John von seinem verstorbenen Vater, Lord Daniel, geerbt hatte, hatte es Sarah schon seit ihrer Kindheit angetan. Ihr eigenes Elternhaus lag zehn Meilen entfernt. Dort hielt sie wenig, seit ihre Mutter gestorben war und Vater bald darauf wieder geheiratet hatte. Sarah mochte ihre Stiefmutter nicht, und es brach ihr fast das Herz, wenn sie den Eindringling auf Mutters Platz sitzen sah. Als sie die Schule beendet hatte, wusste sie nicht, was sie mit dem Leben anfangen sollte. Einer Arbeit nachzugehen kam ihres Standes wegen nicht in Frage und zuhause hielt sie es nicht mehr aus.
Und so hatte sie den Antrag angenommen, den der schüchterne John ihr während eines Festes vor sechs Jahren gemacht hatte. Sie konnte ja nicht ahnen, wie ihre künftige Rolle als Gutsbesitzerin aussehen sollte. Nun wusste sie es, und es war zu spät. Sarah dachte mit Schaudern an den linkischen Versuch, ihr in der Hochzeitsnacht die Unschuld zu nehmen. Die Ehe wurde in dieser Nacht nicht vollzogen, und später hatte John sich niemals mehr im Schlafgemach seiner Gattin blicken lassen. Der hochgewachsene, hübsche, schwarzhaarige John zog anderweitige Vergnügen dem ehelichen Beischlaf vor. Oh nein, es waren nicht etwa gekaufte Kurtisanen, mit denen er Sarah betrog. Dagegen hätte sie sich wehren können mit den Mitteln, die jeder auch nur halbwegs hübschen Frau zur Verfügung standen. Der stille John zog es vor, sein Bett mit männlichen Gespielen zu teilen. Es waren junge Männer wie er, mit denen er sich Nacht für Nacht vergnügte. Anfangs hatte er wenigstens noch nach außen hin den Anstand gewahrt, aber seit ein, zwei Jahren versuchte er nicht mehr, seine Neigungen zu verbergen. Eine Scheidung kam für Sarah nicht in Frage, denn niemals hätte sie es fertiggebracht, zu ihrem Vater zurückzugehen. Hier war ihr Heim, und das würde es auch bleiben.
Sarah durchquerte die Eingangshalle, an deren Wänden die Porträts von Johns Ahnen hingen, und sie öffnete die Tür zur Bibliothek. John saß an dem langen Mahagonitisch über den Büchern des Guts.
"Guten Morgen, John, wie steht es?" Sarah versuchte, den Satz gelassen klingen zu lassen, aber ihr Blut kochte.
John zuckte mit den Achseln. "Wir schaffen es noch bis Oktober, aber über den Winter auf gar keinen Fall. Wenn die Kartoffeln nicht angehen, kann ich keine Pacht eintreiben, wovon sollen unsere Bauern diese denn bezahlen? Ich kann sie ja nicht verhungern lassen."
Sarah nickte. Sie warf ihm nicht vor, dass er das Geld verprasst hatte mit seinen Liebhabern und auch nicht, dass er ein schlechter Gutsherr war. Sie sagte, was sie sich während des Ausritts zurechtgelegt hatte: "John, ich fahre über den Sommer zwei Monate ans Meer, vielleicht fällt mir dort eine Lösung ein." Eine Antwort gar nicht erst abwartend drehte sich auf den Abätzen ihrer Reitstiefel um und verließ die Bibliothek.
Am nächsten Morgen machte sie sich auf den Weg. Bei ihr in der Kutsche saß ihre Zofe Sophie, eine Vertraute noch aus Kindertagen. Die gutmütige, hilfsbereite Sophie hätte alles für ihre Herrin getan. Auf dem Kutschbock saß der alte Kutscher Joseph, der ebenfalls aus Sarahs Heimat stammte.
An der Wegkreuzung, die Reisende in alle Himmelsrichtungen führte, hielt der Kutscher an. Es hieß, nach den Wagenrädern zu sehen und an einem kleinen Bachlauf die Pferde zu tränken. Als es Zeit war weiterzufahren, rief Sarah ihre Diener zu sich. Fast hochmütig war ihr Ton, als sie erklärte, dass die Reise nicht in den Süden führte. "Wir fahren nach Norden und unterwegs werden wir übernachten, so oft es nötig erscheint. ICH sage euch, wo es lang geht und wann wir angekommen sind."
Der Kutscher und die Zofe sahen sich an und wagten kein Widerwort. Noch nie hatte ihre Herrin in diesem Ton zu ihnen gesprochen.
Nach drei Tagen kamen sie in einer großen Stadt in der Mitte von England an. Beim letzten Halt vor den Stadttoren hatte Sarah Joseph befohlen, das Familienwappen der Kutsche zu verhängen. Sie verbot ihren Dienern auch, irgendjemandem zu verraten, wer ihre Herrin sei.
Sarah mietete ein kleines Haus am Stadtrand. Dieses verließ sie nur wenn es unabdingbar war und nur in einer Verkleidung, in der sie von niemandem erkannt werden konnte.
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