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Eingereicht am
17. August 2007

Sommersehnsucht

© Nicole Dallinger

Ich genieße das Ende dieses wunderschönen, heißen Sommertages, sitzend auf dem alten Holzsteg, der direkt von meiner Bootshütte auf den kleinen See hinaus führt. Meine Füße baumeln im klaren, lauwarmen See und lassen sich vom Wasser sanft umspülen. Die kugelrunde, knallrot leuchtende Sonne lacht mir zum letzten Mal an diesem Tage zu, während sie langsam hinter dem Hügel am anderen Ufer verschwindet.

Ich lehne mich zurück und lege mich vorsichtig auf das noch warme Stegholz, meine Füße noch immer das Wasser berührend, und bewundere den rosa bis tiefrot gefärbten Himmel, der die letzten Reste der bereits untergegangen Sonne präsentiert. Eine gerade aufkommende, leichte Brise, bringt den herrlichen Duft des Seewassers und der zarten Luft des lauen Sommerabends richtig zur Geltung. Und plötzlich ist sie wieder da - diese tiefe innere Sehnsucht in mir, die mir mein Herz fast zerspringen lässt.

Mit der urigen, alten Bootshütte am abgelegenen See, an dem sich rundum wunderschöne Landschaft ausbreitet, erfüllten wir uns unseren großen Lebenstraum - Anna, die Frau meines Lebens, und ich. Vor etwa zehn Jahren begegneten wir uns das erste Mal, es war Liebe auf den ersten Blick. Sie war mein Seelenpartner - lebenslustig und verträumt zugleich, kinderlieb, unternehmenslustig, fröhlich, aber vor allem hatten wir die gleichen Ziele und Träume.

Am liebsten erinnere ich mich an unsere wertvollen Stunden zu zweit, in denen wir vom Steg aus fest aneinander gekuschelt die traumhaft schönen Sonnenuntergänge betrachteten, und die anschließenden lauen Sommerabende vor der Hütte bei einem gemütlichen Glas Wein genossen. Es war uns nur ein einziger gemeinsamer Sommer auf unserer Bootshütte vergönnt.

Dieser endete prompt, als meine große Liebe plötzlich und sehr tragisch aus dem Leben gerissen wurde. Anna war noch so jung, zählte gerade mal neunzehn Jahre. Ich sehe ihr fröhliches Lachen noch vor mir, als sie mir voller Elan erklärte, dass sie heute alleine den See überqueren wollte. Sie stand in ihrem orange-gelb gestreiften Bikini vor mir, ihr langes, blondes Haar zu einem Rossschwanz zusammengebunden und ihre großen, grünen Augen strahlten nur so vor Lebenslust. "Bis später" rief sie mir Richtung See laufend mit einem fröhlichen Winken zu. Es gab kein "Später" - sie kam nie mehr zurück. Nachher konnte nur noch festgestellt werden, dass sie während des Schwimmens einen Krampf erlitt und deshalb ertrank.

Lange gab ich mir die Schuld an ihrem Tod. Ich hätte sie niemals alleine schwimmen gehen lassen dürfen. Von diesem schrecklichen Tag an gab es nichts anderes mehr für mich als Arbeit. Ja, ich verkroch mich regelrecht in jede Art von Arbeit. Unser Bootshaus am See wollte ich anfangs verkaufen, was ich letztendlich aber doch nicht übers Herz brachte.

Mit den Jahren wich langsam der Schmerz von meiner Seele und nach einiger Zeit begann ich, die Sommer wieder auf der Bootshütte zu verbringen. Nur an den Sommerabenden, an denen ich am See saß und die Sonnenuntergänge beobachtete, und anschließend ein Glas Wein vor der Hütte trank, fühlte ich erneut diese starke Sehnsucht in mir. Sehnsucht nach einer wiederkehrenden großen Liebe, die ich abermals auf Händen tragen könnte. Diese Sehnsucht nach einem ewigen Sommer im Herzen.

Das letzte Tageslicht erlischt, die ersten Sterne zeigen sich am Himmel. Langsam erhebe ich mich vom Steg. Ich nehme noch einmal einen tiefen Atemzug von der wunderbaren Seeluft und strecke mich in alle Richtungen. Das alte, raue Holz knarrt unter meinen Füßen, während ich zurück zur Bootshütte schreite. Mein langsamer, andächtiger Gang führt mich in die Hütte hinein, und wie jeden Abend zum Kühlschrank hin, um daraus eine gute Flasche Wein, und vom Regal nebenan ein Glas und einen Weinöffner zu nehmen. Gemütlich lasse ich mich auf den alten Schaukelstuhl vorm Bootshaus fallen, öffne behutsam die Flasche, schenke mir ein und nippe genussvoll am Glas. Wie schön wäre es jetzt, das klirrende Geräusch von zwei zusammenstoßenden Weingläsern zu hören und eine warme, zarte Hand in der meinen zu spüren. Wie viele Sommer werde ich noch alleine verbringen müssen um dieses ersehnte Glück nach Zweisamkeit nochmals spüren zu dürfen?

Anfang nächster Woche, zu Herbstbeginn, werde ich zurückfahren in die Stadt. Gestern hat mein alter Nachbar angerufen, dass er sich freut, wenn ich ankomme. Und, dass er Neuigkeiten für mich hat: in der leeren Wohnung neben mir sei eine allein stehende, hübsche, junge Frau eingezogen.

Ich denke jetzt schon an den nächsten Sommer auf meiner alten Bootshütte. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, meine Sommerferien nächstes Jahr in trauter Zweisamkeit in vollen Zügen auskosten zu dürfen und somit endlich meine starke Sehnsucht nach dem ewigen Sommer im Herzen stillen zu können.

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