Leseprobe - Buchtipp

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Gottes kalte Gabe
Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

Zwergengünter

© Karin Reddemanne

Kurt Bitterloh sah aus wie der Berater des Präsidenten. Vor Jahren habe ich in einem dieser genialen Gespenstercomics, die ich damals massenweise auf dem Klo meiner schrulligen Tante Elsbett von Wickertsmühle verschlang, über das brutal-tragische Ableben des Beraters Johnny Anthony Moore gelesen, der den größenwahnsinnigen Präsidenten Alf E. Wright und seine verlotterte Bande nicht von einer riesigen Eselei mit schäbigsten nuklearen Folgen abhalten konnte.

Tante Elsbett wohnte in einer gigantisch großen Altbauwohnung mit Troddeln an den Türen, sieben gemeingefährlichen Katzen und einem idiotischen Ehemann, und ich verbrachte meine Jugend in dieser wonnigen Umgebung, weil meine egoistischen Eltern die Nase voll von meiner Erziehung hatten und lieber arbeiten gingen, anstatt sich um meine Psyche zu kümmern. Ich verbrachte tatsächlich sehr viel wertvolle Zeit im Bad, auch auf zugeklapptem Klodeckel, und las meine Comics, weil ich dort sicher war vor Tante Elsbetts Viechern und vor Onkel Gerhard. Dieser Johnny Anthony Moore, den ich ohne sinnlose Überlegung einfach mal so nenne, war ein hagerer, weißhäutiger Typ mit langen strähnigen Haaren und einem Gesicht, das unglücklicherweise irgendwann in eine gewaltige Druckerpresse geraten zu sein schien. Johnny sah geradezu gruselig genesungsbedürftig aus. Wie Kurt Bitterloh, einer der Setzer im Pressezentrum Minkhooven, in dem ich dank Onkel Oberarsch Gerhards immensem Einfluss in meinen Semesterferien als Kurierfahrer jobben durfte.

Das gefiel mir recht ordentlich. Ich hatte ziemlich viel Zeit zum Totschlagen, und so trank ich literweise schwarzen Kaffee und rauchte den Setzern und eben auch den Redakteuren vor Ort die Zigaretten weg. Ich galt ja als mittelloser Student, offiziell zumindest, obwohl hinter meinem Rücken recht derb getratscht wurde. "Von und zu Schnorrer!" Kurt Bitterloh nannte mich nicht so, da bin ich mir relativ sicher. Mir schmeichelte das rührende Vertrauen, das er mir, dem jungen Uni-Schnösel Jochen von Oberdoof, bei einem gemeinsamen Zigarettchen neben hammerharter Kaffeedröhnung im mittlerweile liebgewonnenen Pressezentrum Minkhooven schenkte. Urplötzlich, mittendrin im fachmännischen Geplänkel über die aktuelle Titelblatt-Brumme im Stadtanzeiger, deren Titten unüblich wirkten, wie wir einstimmig meinten, nahm jener Kurt Bitterloh mich also verschwörerisch zur Seite, faltete sorgfältig, fast ehrfurchtsvoll ein zerknittertes Blatt auseinander, das er aus der linken Arschtasche seiner khakifarbenen Cordhose gezaubert hatte, und las mir sein Gedicht vor. Ich korrigiere. Eins von seinen zahlreichen Gedichten. Allein, es sollte mir in diesem Moment Ehre genug sein, dieses eine kennenlernen zu dürfen. Es hieß "Zwergengünter", also Günter ohne th, was im Medienbereich als sehr wichtiges Kriterium dafür gilt, ob ein Journalist wirklich gut recherchiert hat oder eben einfach nur schlampig ist.

Kurt Bitterlohs Gedicht handelte vom bewegenden Schicksal eines Gartenzwerges, der im Frühjahr und Sommer und tatsächlich auch noch im Herbst im Vorgarten steht, nur eben im Winter nicht, was ihm sehr viel Kummer bereitet. Tragisch, die ergreifenden Schlussworte: "Nun ist es Winter, im Schrank verschwind't er, Zwergengünter."

Den sehr sensibel formulierten Anfang und den wirklich dann doch noch recht witzigen Mittelteil des Gedichts habe ich leider vergessen, mein Kopf war offen gestanden schon bei der plötzlichen dramatischen Wende gegen Ende des phantastischen Poems völlig leer, ich weiß gar nichts mehr. Einzig die letzten drei Zeilen haben sich fest eingebrannt in mein Hirn. Das meine ich nicht boshaft, ich habe Kurts geheime Leidenschaft, die Lyrik an sich, Weltliteratur im Groben auch, durchaus ernst genommen. Es lag mir fern, Zwergengünter kritisch zu zerpflücken, das kann ja jeder, ich nahm ihn als gegeben, von mir aus gut gegeben, denn ich sagte: "Mein Respekt, Meister." Damit brach ich mir ja nun keinen Zacken aus der Krone, damit tat ich ja auch keinem weh. Dachte ich so. Denkste! Eine Woche später erhielt ich die Quittung für meinen verdammten Respekt. Respekt! Selten so dämlich gelacht.

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Gottes kalte Gabe Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
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