Es erschien Fred, als wäre es noch gar nicht so lange her, dass Lena zum ersten Mal zu ihm kam. Sie mochte damals so an die vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Zum Glück befanden sich gerade keine anderen Kunden im Salon. Er erinnerte sich noch genau daran, wie sie weinte und schrie, als sie von ihrer Mutter ins Geschäft gezerrt wurde. Mit beiden Beinen stemmte sie sich dagegen. Die Haare klebten ihr schweißnass im Gesicht, und ihre Wangen glühten hochrot. Die Augen hatte sie ganz fest zugekniffen, und zwischen den Wimpern quollen unablässig dicke Tränen hervor.
Vermutlich ging es schon eine ganze Weile so, denn die Mutter schien völlig abgekämpft. Hilflos schüttelte sie das Mädchen und versuchte, das Geschrei mit Drohungen zu übertönen.
"Lena! Hör sofort auf! Wenn du jetzt nicht auf der Stelle still bist, kannst du was erleben!"
Aber das Kind reagierte überhaupt nicht.
"Wenn du weiter so brüllst, kommt der Frisör mit der Schere und schneidet dir nicht nur die Haare ab! Dann schneidet er dir auch noch die Nase ab!"
Die Lautstärke des Geschreis steigerte sich merklich.
Nun schaltete Fred sich ein. "Lena! Nicht wahr, so heißt du doch?", sprach er das kleine Mädchen freundlich an, doch es wich angstvoll vor ihm zurück.
"Du brauchst wirklich nicht bange zu sein! Pass auf! Wir setzen dich jetzt erst mal auf einen tollen hohen Stuhl. Mit dem kannst du sogar richtig rauf- und runterfahren."
Aber das Mädchen schrie nur noch lauter und klammerte sich am Bein seiner Mutter fest. Die versuchte vergeblich, das Kind abzuschütteln. Daniela, Freds Angestellte, war inzwischen hinzugekommen. Sie hockte sich neben das Kind und sprach ebenfalls beruhigend auf das Mädchen ein.
"Hör mir mal zu! Wir machen dich jetzt ganz schön! Und du kannst dabei zuschauen. Siehst du die vielen großen Spiegel, die wir hier im Laden haben?"
Sie griff nach Lenas Hand, aber das Mädchen begann, heftig um sich zu schlagen.
In diesem Augenblick gelang es der Mutter endlich, das schreiende Kind hochzureißen. Sie hielt es weit von sich ab, während sie zu Fred gewandt fragte: "Wohin damit?"
Fred deutete auf den Kinderstuhl, und dorthin trug die Mutter das Mädchen, das verzweifelt mit seinen Beinen ins Leere trat.
Zu dritt versuchten sie, das völlig verängstigte Kind zu bändigen. Daniela hielt mit beiden Händen seine Ärmchen fest, und die Mutter presste die Knie des Kindes auf den Sitz, während Fred sich bemühte, ihm einen Umhang überzuwerfen.
"Sieh mal, der liebe Teddybär auf dem Umhang!", versuchte er das Mädchen abzulenken, aber das Kind ließ sich nicht beeindrucken.
"Jetzt fahren wir dich nach oben, sieh mal, das macht Spaß!", versuchte Fred es erneut, aber wieder ohne Erfolg.
Da verlor die Mutter vollends die Beherrschung. Sie holte weit aus. Zweimal hörte man ein heftiges, klatschendes Geräusch. Für einen Augenblick war es ganz still im Raum. Dann schrie das Kind gellend auf und fing danach leise zu weinen an. Es strampelte jetzt nicht mehr, sondern saß stocksteif da. Die Mutter schien zufrieden.
Unwillkürlich atmete Daniela auf. Fred musste zugeben, dass auch er erleichtert war. Vorsichtig kämmte er dem verstörten Kind die dünnen blonden Löckchen durch. Vorsicht, Vorsicht! Es durfte nur ja nicht ziepen! Immer noch kullerten unablässig Tränen die Wangen des kleinen Mädchens hinunter.
"So, und jetzt schneiden wir dir die Haare!", sagte Fred und schnippte mit der Schere in die Luft.
Entsetzt riss das Kind die Augen auf und verfolgte angstvoll Freds Bewegungen im Spiegel. Als er die erste kleine Haarsträhne in die Hand nahm, fing das Mädchen so stark an zu zittern, dass Fred die Schere erst einmal wieder weglegte und sich neben den Stuhl hockte.
"Lena, warum hast du nur solche Angst?", fragte er leise.
Das Kind sah sich nach seiner Mutter um, die in der Wartezone in einer Zeitschrift blätterte. Dann flüsterte es Fred ins Ohr: "Wenn man etwas abschneidet, tut es doch weh!"
"Wie kommst du denn darauf?", fragte Fred.
"Wenn der Schneider den Daumen abschneidet, wie im Struwwelpeter, wenn ich lutsche", wisperte das Kind, "oder wenn du mir die Nase abschneidest, weil ich nicht leise bin."
"Hat das deine Mutter gesagt?"
Das kleine Mädchen nickte. Fred dachte kurz nach.
"Aber sicher hat sie dir doch auch schon mal die Nägel geschnitten, oder nicht?", fragte er dann.
Das Kind nickte wieder.
"Und? Hat das weh getan?"
Lena schüttelte den Kopf.
"Na, siehst du. Genauso wenig tut es weh, wenn ich dir die Haare schneide."
"Ist das auch ganz bestimmt wahr?"
"Ganz bestimmt! Ich verspreche es dir. Schau mal her!"
Fred hob eine seiner braunen Locken hoch und schnitt sie sich ab. Das Kind beobachtete ihn genau.
"Glaubst du, dass mir das wehgetan hat?"
Zögernd schüttelte das Kind den Kopf.
"Na siehst du! Und darf ich dir jetzt auch mal ein Löckchen abschneiden?"
"Nur eins?"
"Erst mal nur eins."
Die kleinen Finger des Mädchens umklammerten die Armlehnen des Stuhls so fest, dass die Knöchelchen ganz weiß wurden. Als die Schere näher kam, schloss es die Augen.
"Lena, du kannst die Augen wieder aufmachen", sagte Fred.
Er hielt dem Kind ein kleines blondes Löckchen hin. Fast ungläubig griff das Mädchen danach.
Bald darauf schallte lautes Lachen durch den Salon. "Schnipp!", rief Fred und reichte Lena ein kleines Büschel Haare, "Schnapp!" Jetzt fielen Haare auf den Boden. Und jedes Mal jauchzte das Kind auf.
"Lena!", klang es streng aus der Warteecke, "Nicht so laut!"
"Ach, lassen Sie doch!", rief Fred zu ihr hinüber, "Wir haben hier viel Spaß miteinander!"
Lena quietschte vor Vergnügen, als Fred ihr die nächste Haarsträhne abschnitt. Schließlich durfte sie sogar ihre Haare mit dem großen Besen selbst zusammenfegen. Und als sie dann auch noch zum Abschied einen gelben Lutscher bekam, strahlte sie über ihr ganzes kleines Gesicht.
An diesem Tag hatten Lena und Fred Freundschaft geschlossen, und diese Freundschaft hielt viele Jahre lang. Vielleicht war Lena Fred so sehr ans Herz gewachsen, weil er selbst keine Kinder hatte. Aber auch Lena hing an Fred. Ihren eigenen Vater kannte sie nicht. Lena hatte Fred einmal erzählt, dass er vor langer Zeit fortgegangen war und dass sie sich gar nicht an ihn erinnern konnte.
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Abenteuer im Frisiersalon
Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 978-3-9809336-0-5 |
Das Buch
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