Ehrlich gesagt, ich bin nie gerne zum Friseur gegangen. Auch schon lange vor der Zeit, als ich endlich selbst bestimmen konnte und beschloss, überhaupt nicht mehr zum Friseur zu gehen.
Jetzt, wo ich darüber nachdenke, wird mir klar, dass Erinnerungen an den Friseur zu meinen ältesten Erinnerungen gehören. Wie weit sie genau zurück reichen, weiß ich nicht. Aber einige Vorstellungsbilder stammen sicherlich noch aus der Zeit bevor ich zur Schule ging. Das war in den frühen fünfziger Jahren.
Unser Frisör hieß Pfeifer, Philipp Pfeifer. Aber bei uns hieß er nur "de Peifer Filp" oder "de Piffri". Der Frisörladen war nicht weit von zu Hause entfernt, höchstens zweihundert Meter.
Zuerst musste man ein paar Treppenstufen hoch gehen, vielleicht sechs oder sieben. Links ging es in das Tante-Emma-Lädchen, in dem wir häufig einkauften. Als ich noch klein war, war die Theke riesig hoch; und die großen bauchigen Gläser mit den bunten Bonbons waren unerreichbar. In den Frisörladen ging es rechts.
Der Frisörladen war eigentlich nur ein kleines Zimmer. Aber auf ein Kind musste allein schon die eigentümliche Einrichtung einen tiefen Eindruck machen.
An der breiten Wandseite riesengroße Spiegel. Nach unten wurden sie abgeschlossen durch einen Wandtisch, in den zwei Becken eingearbeitet waren. Der mächtige Wandtisch war aus Holz, ob die Becken aus Marmor, aus Porzellan oder aus Metall waren, kann ich heute nicht mehr sagen.
Vor der imposanten Armatur zwei Stühle für Erwachsene. In der kindhaften Erinnerung erscheinen sie riesengroß und schwer. Ob sie tatsächlich gepolstert waren? Vielleicht waren es aber auch nur einfache Holzstühle? Ich weiß es nicht mehr.
Der Kinderstuhl war aus braunem Holz. Vier hohe schlanke Stelzen gingen vom Boden bis zum oberen Rand, wo sie an der hufeisenförmigen Lehne abschlossen. Knapp über dem Boden wurden die Stelzen durch Querhölzer zusammengehalten.
Auf dem Wandtisch und in verschiedenen Vitrinen tausenderlei Utensilien. Natürlich allerlei Scheren, Kämme und Bürsten. Verschiedene Tuben und Tübchen. Fläschlein mit Duftwässerchen, Parfüms. Eine Flasche aus dickem, goldbraunem Glas mit dünnen Querrillen. Unvergessen der Werbespruch "Es ist nie zu früh und selten zu spät für Diplona." Haarwässerchen und Haarwuchsmittel waren damals natürlich kein Thema für mich. Übrigens auch später nicht, als sich meine Haarpracht ziemlich rasch dünne machte. Eine besondere Faszination ging von dem Zerstäuber aus. Ein bauchiges Fläschlein, oben eine Metalldüse und daran ein rotbrauner Gummischlauch, der in einem dicken Gummiballon endete. Kurzes Drücken auf den Ballon - "pffff, pffff, pffff...." - und feinste Tröpfchen verteilten sich über das Haar und verströmten einen charakteristischen Duft.
Überhaupt war der ganze Raum durch einen charakteristischen Duft markiert. Ich würde ihn vermutlich heute sofort wiedererkennen; aber merkwürdigerweise kann ich ihn nicht beschreiben. Ich habe daran keine konkrete sinnliche Erinnerung. Ganz anders verhält es sich mit einer anderen Geruchserinnerung, die vermutlich meine allerälteste Erinnerung ist. Die hat aber nichts mit dem Friseur zu tun; und so werde ich darüber an anderer Stelle berichten.
Wir bleiben beim Piffri. In einem Herrensalon durften natürlich die folgenden Utensilien nicht fehlen: Rasierschaum, Rasierpinsel, eine Gummischale, in der der Schaum angerührt wurde, Rasiermesser und ein Lederriemen zum Schärfen der Klinge. Gelegentlich ließ sich einer der älteren Männer - alt erschienen damals alle Erwachsenen - rasieren. In der schwarzen Gummischale wurde der Schaum geschlagen. Dann der Bart kräftig eingeseift. Das Rasiermesser mit ein paar schnellen Strichen am Lederriemen geschärft; ritsch ratsch, ritsch ratsch, ritsch ratsch. Und dann vorsichtig, Strich um Strich die glatte nackte Haut freigelegt. Vermutlich floss auch ab und an Blut. Aber mich betraf das nicht.
|
Abenteuer im Frisiersalon
Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 978-3-9809336-0-5 |
Das Buch
|