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Der ängstliche Ministerialrat

© Marc Hecht


Schkeuditz war damals noch ein kleiner Flughafen, im Grunde nur eine Wiese mit einem Backstein-Tower, genau zwischen Leipzig und Halle gelegen.
An einem Abend im September 1990 landete dort eine Propellermaschine, eine Cessna aus Bonn.
Das Wetter war umgeschlagen, es hatte geregnet, der Flug war beschwerlich.
Heftiger Wind hatte das kleine Flugzeug hin- und hergeworfen.
Der Ministerialrat Cornelius E. Westing war erschöpft. Gleich nach der Ankunft wurde er zudem durchnässt vom Regen, denn ein Auto, wie man versprochen hatte, stand nicht bereit - niemand war da, um ihn in Empfang zu nehmen.
Schließlich war er in ein Taxi gestiegen. "Himmel noch mal", hatte er dabei gedacht.
Er saß im Fond und es tropfte noch immer in seinen Nacken, den nassen Mantel hatte er zwar umständlich ausgezogen - jetzt aber lag der Mantel über seinem Schoß und die Nässe kroch durch die Flanellhose über seine Oberschenkel. Er nahm den Mantel, faltete ihn und legte ihn neben sich auf den Sitz.
Dann sah er sich um. Sie fuhren durch Leipzig, quer durch die Stadt, am Goerdeler-Platz vorbei, die Straßenbahnschienen glänzten im trüben Laternenlicht, und die Häuser rundherum waren grau, heruntergekommen - überall Verfall, nicht für möglich gehaltener Verfall. Der Ministerialrat war einigermaßen fassungslos und erschrocken.
"Das tut man doch nicht", hatte er gedacht, "man lässt Häuser nicht so verfallen! Das gehört sich einfach nicht - Sozialismus hin oder her ... wenigstens anstreichen könnte man ja mal - von Zeit zu Zeit ... "
Fremd war das hier, ihm graute vor den nächsten Wochen.
Aber die Welt stand ja nun mal auf dem Kopf - da war nun gar nichts zu machen ... Bonn wird wohl nicht die Hauptstadt bleiben. Und jetzt schickten sie ihn also nach Leipzig ... als Ost-Koordinator ... du großer Gott ... das hier war anders als am Rhein ... er starrte aus dem Fenster ... gibt es hier überhaupt einen Fluss? Der Ministerialrat blickte umher ... die Pleiße ... natürlich ... die Pleiße ... wie das schon klingt ... reimt sich auf Scheiße ...
Im Grunde war Cornelius E. Westing nicht schnell erregbar - eher war er ein ängstlicher Mensch, kein Angsthase, natürlich, jovial, aber im Letzten doch eher furchtsam. Und jetzt, mit Mitte fünfzig - furchtsam auch vor solchen Veränderungen in seinem Leben.
"So, ... mir sin da ... ", der Taxifahrer sah fragend in den Rückspiegel.
Westing blickte umher ... "ja ... hier dann irgendwo in ein Hotel ... "
"Ham Se denn geens gebucht?", fragte der Taxifahrer.
"Nein, ... ich weiß nicht. Ich sollte ja abgeholt werden ... am Flughafen."
"Oijeh!", der Taxifahrer erklärte, dass es dann wohl schwierig werde ... so kurz vor der Einheitsfeier.
Cornelius E. Westing war auf der Stelle bestürzt: "Ach du liebe Zeit ... fällt Ihnen da denn überhaupt nichts ein?"
Der Fahrer hatte die Schultern gezuckt und gemurmelt, dass er etwas versuuchn könne.
Westing hatte genickt, dankbar. Schweigend saß er jetzt im Fond, bereits voller Angst, dass der Fahrer ihm kein Zimmer verschaffen könnte - und ihn dann mit seinem Problem und seinem Gepäck allein ließe. Am Armaturenbrett hatte der Fahrer Fotos von seiner Frau und von seinen Kindern befestigt - bestimmt liebte der Taxifahrer seine Familie und wollte bald nach Hause.
Der Ministerialrat war sehr beunruhigt. In Windeseile wuchsen die Probleme hier nur so hervor, seit er angekommen war.
"Schönes Auto", hatte er gesagt, um den Fahrer bei Laune zu halten.
"Nuja ... "
"Russisch?"
"Ja ... n Wolga."
"Hier hinten sitzt es sich wie auf einem Sofa."
Der Fahrer war dann doch ein wenig stolz: " ... und der frisst allet, ...
notfalls Marjarine!"
Der Ministerialrat hatte genickt, voller Bewunderung: "Toll!"
Sie hatten wohl ein Dutzend Hotels in der Stadt angefahren. Beim ersten Mal hatte der Ministerialrat seinen Taxifahrer noch begleitet, war mühsam und etwas kurzatmig aus der Taxe geklettert. Später jedoch war er sitzen geblieben - und der Fahrer hatte sich dann allein erkundigt, an der Rezeption, war jedoch stets erfolglos zurückgekehrt. Und der Fahrer hatte auch ein zweites und drittes Mal per Funk die Kollegen gefragt ... doch nein, niemand wüsste etwas ...
Schließlich war der Ministerialrat eingeschlafen.
Er erwachte, als der Fahrer bereits das Gepäck auslud. Ein kühler Windzug wehte durchs Auto. Westing nahm seinen Mantel und stieg aus. Dann zog er den Mantel an und sah sich um, zunehmend entsetzt: Graue, heruntergekommene, zehn- bis zwölfstöckige Hochhäuser starrten ihn an, ringsumher, humorlos, kalt, im strömenden Regen - und wo der Ministerialrat auch hinblickte - alles in dieser Umgebung war furchtbar.
Verständnislos hatte Westing auf seinen Taxifahrer gesehen. Der jedoch schien das Entsetzen nicht zu bemerken und freute sich, dass er überhaupt noch etwas zuwege gebracht hatte: "Sie ham n Zimmer - und gönn ooch frühstückn ... .und morjen finden Se denn was Richtjes ... "
Westing hatte genickt. Im nassen Trenchcoat, mit weißem Hemd, blauem Flanellanzug, Seidenkrawatte, Einstecktuch und modischen Slippern aus Italien folgte er im Regen seinem Taxifahrer, schweigend, auf eines der grauen Wohnhäuser zu.
Zwei Stunden zuvor, am Flughafen, hätte er so etwas nicht für möglich gehalten. Und hier stieg er jetzt eine Treppe aus Waschbeton hinauf, trat in ein Treppenhaus, grell beleuchtet, die Wände waren verschmiert, die Briefkästen verbeult, es roch säuerlich. Er zwängte sich, zusammen mit dem Taxifahrer und den vier Koffern, in einen kleinen, ramponierten, keinesfalls vertrauenerweckenden Fahrstuhl, der, wie ein Schild auswies, bereits 1968 erbaut wurde - vom Kombinat Takraf.
Sie fuhren bis in den fünften Stock und gingen einen langen Flur entlang.
Linoleum quietschte unter den Schritten des Ministerialrats. Er schämte sich jetzt ein bisschen für seine Garderobe. "Ein Marsmensch könnte hier nicht mehr auffallen", hatte er gedacht.
Es war spät, die Frau hatte wohl schon geschlafen, jedenfalls trug sie einen Morgenmantel. Sie traten ein und die Frau wollte dem Gast sofort den Weg zu "seinem" Zimmer weisen.
Westing jedoch legte zuerst die Koffer ab, gab der Frau die Hand und stellte sich vor. Die Frau nickte erfreut. Sie war Mitte vierzig, hatte graue Strähnen im Haar und ein verhärmtes Gesicht. Klein und schmal war sie, und sie wohne hier mit ihrem Sohn - der jedoch wäre nicht da - und ein Zimmer wäre somit frei, auch für länger ...
Der Ministerialrat hob abwehrend die Hände, nahm wieder sein Gepäck:… neinnein ... es ginge wirklich nur um heute Nacht ...
Der Taxifahrer folgte ihm ins Zimmer, und auch er stellte die Koffer ab:
"So ... na ... " Der Taxifahrer klatschte abschließend die Hände zusammen.
Westing zog sogleich seine Geldbörse aus der Innentasche: "Was bin ich Ihnen schuldig?"
"Nuja, allet zusamm ... die janze Fahrerei ..."
"200?", Westing hielt dem Taxifahrer zwei 100-Mark-Scheine hin.
Der Taxifahrer nahm die Scheine ... und bedankte sich wie jemand, der ein gutes Geschäft gemacht hatte. Die kleine Frau im Morgenmantel trat hinzu und sagte: "Das Zimmer kostet 25 Mark - und wenn Sie frühstücken wollen, nochmal sechs Mark."
Westing winkte wieder abwehrend ab, " ... morgen früh bin ich gleich weg ... " Er gab der Frau 40 Mark und als sie das Wechselgeld holen wollte sagte er still:
" ... achwas ... lassen Sie nur ... ich mache Ihnen so viel Mühe ... "
Der Taxifahrer verabschiedete sich und auch die Frau verließ schließlich das Zimmer.
Der Ministerialrat schloss die Tür und sah sich um. Ein merkwürdiges Zimmer war das. Das Bett war flach, aber frisch und weiß bezogen. Dann gab es noch einen Tisch und genau einen Stuhl. Und die Wände waren verschieden tapeziert, mal blau, die Decke war weiß und eine andere Wand war dunkelbraun. An den Wänden hing insgesamt genau ein Bild - direkt über dem Tisch. Ein Strichmännchen und ein kubischer Hund lachten darauf eine eckige Sonne an. Und darunter stand:
Sommer.
Sommer, was war im Sommer?
Er ging umher im Zimmer, die Koffer standen noch im Raum, er ging zum Fenster und sah hinunter auf eine breite Straße. Auch jetzt noch - in der Nacht - fuhren viele Autos vorbei, der Lärm drang hinauf ins Zimmer.
"Nichts Besonderes war im Sommer," dachte er dann.
Er stand vor dem Fenster und sah auf die Straße hinab. Sie glänzte im Regen.
"Ich höre auf", beschloss der Ministerialrat Cornelius E. Westing und nickte:
" ... ich bin zu alt für so etwas ... nächstes Jahr höre ich auf ... spätestens."



Eingereicht am 25. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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