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Der Einweiser

© Marc Hecht


Es war fünf Uhr am Morgen. Die Sonne ging gerade erst auf, zwischen zwei Mietshäusern stieg sie empor, über der Turmstraße. Die ersten Strahlen fielen auf den Sammelplatz. Ein paar Dutzend Wartende, Arbeitssuchende, hatten sich bereits eingefunden, jeden Tag standen sie hier, um diese frühe Zeit, und hofften auserwählt zu werden. Aus allen Teilen der Welt kamen sie, Schwarze und Weiße, Russen und Türken, Vietnamesen, dunkelhaarige Europäer, rotgesichtige oder hagere Deutsche, jeden Morgen kamen sie hier zusammen, im Halbkreis um ein paar Bauwagen gedrängt, in schweren Stiefeln meist, mit schwieligen Händen, sie warteten und blickten auf die Tür des Bauwagens. Meist war es harte Arbeit, die auf diesem Platz vergeben wurde, und sie wurde - verhältnismäßig - sehr gut bezahlt.
Endlich trat ein Mann heraus, aus einem Bauwagen, ein dicker Mann. Er trug eine Jeans und ein weißes kurzärmeliges Hemd. So stand er da, obwohl es noch kühl war, am frühen Morgen. Er hielt dabei eine Mappe in der Hand, und in der anderen Hand hielt er einen Stift. Der Stift jedoch verschwand fast, zwischen seinen fleischigen Fingern. Und seine Krawatte reichte ihm nur knapp über den Ansatz des Bauches. Wie bei Oliver Hardy. Aber es war nicht lustig, auf diesem Platz, es ging um Arbeit.
*
Der dicke Mann rief die Jobs aus, für den heutigen Tag. Man hatte eine Nummer bekommen. Für jeden Job konnte man sich melden. Und die niedrigsten Nummern bekamen den Zuschlag.
Johann hatte auf seine Nummer geblickt. 37. Das war niedrig. Er wollte sie um Himmels willen nicht verjubeln, nicht beim falschen Job den Arm heben.
Die Rufe des dicken Mannes hallten über den Platz. "Du!...du!...", rief der Mann, und zeigte mit dem Stift durch die Luft und winkte sich die Leute heraus. Nach und nach traten sie vor, gaben ihre Nummern ab, einige dankbar, viele jedoch auch mürrisch.
Und Johann bekam einen Job, an diesem Morgen. Ganz großartig war es alles gelaufen. Mit der Nummer 37 konnte er warten, und er hatte gewartet - und jetzt ging es offenbar darum, gleich ein ganzes Lager zu räumen. In einer Großtischlerei. Weil dort eine neue Werkshalle dazugekommen wäre. Man müsse also sehr viel "schleppen", wurde erklärt, und innerlich hatte er jubiliert. Und es gäbe acht Euro die Stunde, hatte der dicke Mann gesagt - das war viel.
Er wollte "schleppen". Am liebsten hätte er 24 Stunden am Tag "geschleppt", es war so verdammt schwer geworden, überhaupt noch einen Job zu bekommen.
In den Wedding ging es, mit einem Lieferbus. Zu zwölft saßen sie auf den Bänken. Neben ihm saß ein dunkelhaariger, hagerer Mann. Aus Kroatien wäre er - und er hieße Petr - er lächelte, stolz, als wären allein schon sein Name und seine Herkunft eine ewig beruhigende Tatsache, und da solle doch passieren, was wolle... südländisch, stolz, unbeschwert saß Petr neben ihm, am frühen Morgen und lachte. Es roch schlecht, im Bus, es rumpelte und es war eng - aber Petr lachte, seine weißen Zähne leuchteten.
In eine große Lagerhalle ging es dann. Sie stiegen aus, betraten die Halle. Es roch würzig, und angenehm nach Holz und Harz. Tausende von Brettern und Platten, lang, kurz, dick, dünn, ganze Stämme und hauchdünne Scheiben; Holz in allen nur möglichen Varianten war hier gelagert, in hohen Regalen, bis unters Dach. Ganz unglaublich viel Holz. Gleich mehrere Tage Arbeit winkten hier.
Johann wurde schließlich zugeteilt. Ein Mann trat auf ihn zu, mit grauen Haaren - und auch seine Augen waren grau, erloschen und grau. Der Mann trug einen blauen Kittel.
Und "dies alles", erklärte der Einweiser, müsse also, kurz gesagt, von dieser Halle in die nächste transportiert werden. Und es wären oft ganz besonders wertvolle Platten und Bretter, deshalb müsse man sie sehr vorsichtig aus den Regalen heben, sie einwickeln und dann auf bereitstehende Hubwagen verfrachten. Aber vieles müsse auch bitte ausschließlich per Hand getragen werden, denn jeder Kratzer wäre eine Katastrophe.
Johann sah sich um in der riesigen Halle, eine endlose Arbeit! Großartig war das. "Na...dann mal los!", hatte er gesagt.
Der Einweiser sah auf und blickte ihm misstrauisch ins Gesicht. Man sagte hier nicht: ‚Na, dann mal los!' Das war ganz offensichtlich unangebracht, in den Augen des Einweisers. Man war Tagelöhner, im wahrsten Sinne. Ein paar Tage Arbeit gab es hier, und da quatschte man nicht so ein Zeugs. Wenn hier einer sagte, dass es losgeht, dann war es der Einweiser. Johann schalt sich und nahm sich vor, künftig besser aufzupassen. Es war schwierig geworden überhaupt noch Arbeit zu finden. Man wuchs, mit Mitte 40, schon langsam raus, aus der Schar der Tagelöhner, der vielen kräftigen jungen Männer, wenn es darum ging, harte - und besser bezahlte Arbeit zu bekommen. Dies hier war ein Glücksfall.
Sie trugen schwere Platten, allein, zu zweit, zu viert, schwere Platten, ellenlange Bretter, von einer Halle in die andere; die Ränder jedoch waren oft rauh und unbehandelt, mit bloßen Händen schwer zu transportieren. Johann hatte schließlich nach Handschuhen gefragt.
Handschuhe! Der Einweiser hatte ihn unwillig angesehen. Endlich jedoch hatte der Einweiser Handschuhe zugeteilt - aber so, als verteile er kostbarstes Porzellan.
Petr, der Kroate, hatte die Handschuhe genommen, er hatte harte schwielige Hände, und er streifte die Handschuhe nachlässig über. Ein anderer Kollege jedoch nahm sie, dankbar, und blickte zu Boden vor lauter Demut. Es war todtraurig. Der Einweiser führte sich auf wie der Weihnachtsmann. Und in Stalingrad hätten sie damals auch keine Handschuhe gehabt...
Es war harte Arbeit. Aber Johann hatte später lange nachgedacht, über den Einweiser. "Abgründe tun sich da ja auf", hatte er gedacht. Erschrocken. "Stalingrad!" Und er blickte zum Einweiser hinüber, verächtlich.



Eingereicht am 10. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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