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Der Große Lenin

© Marc Hecht


Edgar saß in der Kneipe, gegenüber der Volksbühne - ich sah ihn schon durch die großen Fenster; er saß am Tresen, und er sah immer mehr aus wie Lenin: der gleiche Spitzbart, der kahle Schädel, die bösen Augen.
Natürlich, Bier und Wodka mussten es sein, wie früher. Edgar bestand darauf.
Fast zwei Jahre lang hatten wir uns nicht gesehen. Aber er räsonierte und erzählte, vom ersten Moment an, und schien auf das, was ich sagte, kaum zu achten. Anfangs wurde ich etwas wütend. "Er kann wohl nur noch aus seiner Welt erzählen", dachte ich, "der Große Lenin. Für fremde Welten hat er offenbar keinen Platz mehr, in seinem kahlen Schädel."
"Du kennst doch noch die Schwuchtel ...", konnte Edgar zum Beispiel sagen. Ich hatte verständnislos den Kopf geschüttelt, erschrocken.
Hässlich sah er aus, seine Lippen waren vor Bösartigkeit und Kälte geradezu verzerrt. Über nichts und niemanden konnte er offenbar noch ohne Verachtung sprechen - das war auch früher schon so, in Ansätzen - aber es hatte sich ganz erheblich verstärkt.
Und alle seine Feinde sprach er mit Schimpfnamen an. Die Schwuchtel, die Ratte, der Arsch... das war alles nicht schön. Ich sah ihn an, Edgar, den Großen Lenin, erschrocken - es war ihm das widerfahren, hatte ich gedacht, was unserem Beruf seit je her vorausgesagt wird: Wer es zu lange macht, wird zynisch und böse. Und Edgar war jetzt lange dabei, sehr lange.
Er war stets Reporter geblieben, Polizeireporter. Jetzt ging er auf die 50. Und erzählte von seinen Blut-Stories: Und ein Ehepaar hätte sich also umgebracht, irgendwo bei Leipzig, eine Riesenstory... der Große Lenin trank, eifrig, fuhr fort: ...und die beiden wären also pleite gewesen, restlos, denn ihren letzten Kredit, 50.000 Euro, hätten sie komplett ins Casino geschleppt - und alles verloren; und dann hätten sie sich umgebracht, das heißt, der Mann hätte zuerst die Frau und dann sich selbst umgebracht; die Frau mit Tabletten, in der Badewanne; sich selbst dann mit einem Revolver, direkt in den Mund; eine riesige Schweinerei hätte an den weißen Rauhaar-Tapeten geklebt...
Ich starrte Edgar an und merkte, wie sehr wir uns entfremdet hatten; mein alter Freund Edgar - aber ich rümpfte jetzt fast ein bisschen die Nase.
Da saß er, plötzlich böse und alt, fast wie ein fremder, ein unsympathischer Mensch.
Wir tranken den letzten Wodka, und dann wollte er noch in einen Puff. Und ich sollte mitkommen: "Um der alten Tage willen"; ich lehnte ab, überrascht, erschrocken. In den Puff! Himmel, ich war seit ewiger Zeit nicht mehr im Puff; seit Mona sowieso nicht, aber auch davor lange nicht.
Edgar tat mir leid. "Mit dir ist eben nichts mehr los", hatte er schließlich gesagt, die Schultern gezuckt, übertrieben resigniert, "...hätte ich nicht von dir gedacht", fügte er hinzu, traurig, als wäre ich hoffnungslos verloren, "mit dir ist ja gar nichts mehr los!"
Er tat mir leid, er hatte niemanden, er war durch und durch Reporter - und dann konnte man niemanden haben - und jetzt war er böse und alt. Ich wusste, als wir uns vor der Kneipe verabschiedeten, spät in der Nacht, als der Große Lenin mit mächtiger Schlagseite davon marschierte, runter zum Alexanderplatz, dass er jetzt noch allein in einen Puff gehen wird, und mit einer oder zwei Nutten verschwindet; ein kurzer Umweg auf dem Nachhauseweg. Es war traurig und lustig zugleich.



Eingereicht am 10. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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