www.online-roman.de
www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Balzac - und ein alter Mann in Paris

© Marc Hecht


Zwei Tage hatte er im Ritz gewohnt - auf Verlagskosten. Doch jetzt wollten sie - bitteschön - das teure Logis nicht mehr übernehmen.
Bitteschön ... man hätte doch schon alles besprochen ...
Er aber wollte damals noch bleiben - in Paris. Doch im Ritz schmolz das Geld ohnehin nur so weg - und in jedem anderen Hotel letztendlich auch.
Deshalb war er in eine Pension gezogen, in der Rue de Raynouard. Ein kleines Zimmer war das, in dem alles nach Lavendelseife roch.
Immerhin, ein paar Straßen entfernt nur, in der Rue Berton, hatte Balzac gelebt.
Ein paar Stufen musste er hinabsteigen, bevor er vor dem Haus stand.
Ein Fuchsbau - wie es immer beschrieben wurde.
Mit einem Hinterausgang - zur Flucht vor den Gläubigern. Oft hatte er darüber gelesen - aber jetzt war es doch ein tiefer Schreck, im Grunde unfassbar.
In den folgenden Tagen schlenderte er durch Paris, saß an der Seine, sah die Bilder von Cezanne und Miro, die Gärten des Luxembourg, die ganze wunderbare Stadt - aber der Fuchsbau ließ ihn gar nicht wieder los.
Spät kam er dann zurück in seine Gegend, die er bei sich das Balzac-Viertel nannte. Die Abende verbrachte er in einem Bistro, nahe der Pension. Die Gäste aßen Suppe mit Weißbrot und tranken Wein. Er hörte zu, wie sie sich unterhielten.
Einmal kam ein alter Mann herein, er trug einen sandfarbenen Anzug und schlechtes Schuhwerk. Mantel und Schal übergab er sofort der Wirtin. Sie kannte ihn wohl und führte ihn an den Tisch, denn seine Augen waren schlecht, das graue Haar hing ihm zudem ins Gesicht.
Umständlich setzte sich der alte Mann und begann zu erzählen. Sein Gesicht blieb dabei gesenkt. Die Wirtin verschwand, der alte Mann bemerkte es nicht:
" ... Mutter war schon vierzig, ... ich sollte gar nicht mehr kommen ... ", er nickte, blickte vor sich auf den Tisch ... "jaja, ... und immer die Beine! ...
Die Augen - und immer die Beine! ... ", der alte Mann erzählte, ins Leere, ohne seine Umgebung zu sehen: ... "und dann haben sie mich wieder auf die Bahre gelegt und mich gespritzt ... eineinhalb Stunden hat's gedauert ... " Die Wirtin kam zurück und brachte ein Besteck und eine blaue Serviette.
"Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie kein junger Mann mehr sind", sagte sie, " ... an sich sind Sie doch gut beieinander!" Der alte Mann blickte auf, in die Richtung der Stimme. Dann winkte er ab:
"Neinnein, ... Mutter war schon vierzig ... ich hätte vielleicht gar nicht mehr kommen sollen ... Peut e'tre n' aurais je pa du venir ... "



Eingereicht am 10. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.