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Im Monsoon

© Marc Hecht


Er war er jetzt drei Monate hier und das Land begann ihm zu gefallen. Als er ankam, im Mai, war es zu heiß. Und als er sich an die Hitze gewöhnt hatte, einen Hut trug und mittags im Schatten blieb, kam der Monsoon. Wolken zogen heran, bis sie morgens aufgetürmt über der Bucht standen.
Bald wurde er geweckt, wenn der Regen aufs Dach schlug. Der Wind fegte durch die Palmen und über die Veranda, tagelang jagten immer neue Regenschauer heran, sie prasselten herunter und der Wind trieb sie weiter.
Feucht und kühl wurde es, seine Wäsche war nicht mehr nach einer Stunde trocken, wie vorher in der Sonne; manchmal hing sie noch am Abend klamm über der Leine. Das war sehr ungemütlich, er überlegte manchmal fortzugehen; dorthin, wo kein Monsoon war.
Doch er blieb, las viel - und schrieb. Ein beschauliches Leben war das, er ging zeitig schlafen und wachte früh auf. Morgens spazierte er zum Strand und sah zu, wie die Fischer ihren Fang sortierten und die Netze aufspannten. Andere machten sich an Tauen zu schaffen, an Reusen oder an einem der schwarzen oder dunkelgrünen Segel.
Immer regnete es - aber der Anlandeplatz war voller Leben, am frühen Morgen. Die Boote wurden hier an Land geschoben, fünf, sechs Männer halfen jeweils, um sie über den Sand zu ziehen und den Fang zu entladen.
Jetzt, im Monsoon, war es wenig Fisch. Trotzdem - die Männer riefen durcheinander, ihre Stimmen zerrissen die Ruhe in der Bucht.
Später lag der Fisch dann bereit, manchmal waren ein paar Salme dabei, King-Fishes - dick wie Baumstämme. Der Regen tropfte von ihrer silbernen Haut. Katzen und Hunde umkreisten den Anlandeplatz, und dahinter saßen die Krähen, hüpften hin und her und warteten.
Die Frauen brachten den Fisch ins Dorf. In Körben trugen sie ihn weg vom Strand - auf dem Kopf. Flink ging das, sie stemmten ihre nackten Füße durch den nassen Sand.
Manchmal scherzte er mit ihnen und zeigte seine Narbe und erzählte, dass sie von einem Hai stammte. Ein harter Kampf wäre das gewesen. Stundenlang, mit einem Hai, so groß, dass sie drei von ihren niedlichen King-Fishes hergeben müssten. Die Frauen blieben dann stehen, im Halbkreis vor ihm, und lachten. Der Regen störte sie nicht, sie wischten ihr nasses Haar aus dem Gesicht und lachten.
Danach saß er auf der Veranda und las die Indian News. Er lieh sie von Timothy aus, seinem Vermieter. Timo hob alle Zeitungen auf.
*
Joana brachte das Frühstück. Sie streifte die Sandalen ab, bevor sie mit dem Tablett auf die Veranda kam.
"Your Breakfast."
Er legte die Zeitung beiseite. "Wo ist Timothy?"
"In Anjuna. Einkaufen."
"War er nicht fischen?", fragte er.
"No", sie zeigte auf die Wolken.
Bevor das schlechte Wetter kam, war Timothy jeden Morgen am Meer, dachte er, Timo konnte vom Strand aus fischen. Die Schnur hatte er dabei über ein Stück Nussschale gewickelt und am Ende mit etwas Blei beschwert. Als Köder benutzte Timo Krabbenfleisch. Jetzt kauft er den Fisch im Dorf. Der Monsoon ist für alle eine schlechte Zeit.
*
Die Wochen vergingen. War er noch ein Tourist? Ein Besucher, wie die anderen, die Engländer und Australier, die hier ein bisschen Zeit verbrachten und Parties am Strand feierten?
Die D'Souzas jedenfalls hatten ihn eingeweiht in ihre Angelegenheit.
Sie hatten ihn geweckt, als Timo starb.
In der Nacht hatte es an der Tür geklopft - es war Mrs. D'Souza. Hinter ihr stand Jane, mit einem Fuß auf dem anderen. Joana war an der Pforte geblieben, ihre Lampe blitzte durch den Garten.
So standen sie da, still, bis er herauskam, schweigend gingen sie hinüber ins Haus.
Timo lag auf dem roten Steinboden im Schlafzimmer. Er hatte noch gekämpft, mit dem Anfall, und er war dabei aus seinem Bett gefallen.
Mrs. D'Souza blickte zur Seite. Die Mädchen waren verschwunden.
"Ich bringe ihn in die Kammer", hatte er gesagt und Timo dann vorsichtig vom Boden und über die Schulter gehoben.
"Natürlich, jemand muss ihn vom Boden heben", hatte er gedacht, "die Frauen sind zu schwach."
Timo war noch warm, wie ein Schlafender.
Er legte den Toten in der Kammer ab, neben der Küche, behutsam, und bedeckte sein Gesicht mit einem hellen Stück Tuch, das über einem Korb lag. Es gab sonst keine Decken oder Laken, er verschloss die Tür und ging zurück zu Mrs. D'Souza, ins große Zimmer. Sie stand am Fenster, starr.
"Ich fahre nach Anjuna, ... Hilfe holen", sagte er.
Mrs. D' Souza schüttelte den Kopf. Die Mädchen wären schon auf dem Wege.
Er hatte genickt und sich verabschiedet, unbeholfen - und war dann schnell zurück gegangen, in seine Hütte.
Am nächsten Morgen sah er die alten Männer von Anjuna.
Sie saßen im Garten, einige auf der Steinbank, andere auf der Veranda, schweigend blickten sie zu Boden oder lehnten über ihren Stöcken.
Dann war Mrs. D'Souza aus dem Haus gekommen, sie trug ein schwarzes Kleid. Hinter ihr kamen noch eine Frau und ein Mann aus dem Haus. Die andere Frau war in einen schwarzen Sari gehüllt, mit Goldbrokat durchzogen. Der Mann trug feste Schuhe, ein Hemd, eine Krawatte und einen dunklen Anzug.
"Er soll morgen beerdigt werden, gleich morgen", sagte der Mann zu den Alten im Garten.
Die alten Männer nickten, murmelten - zustimmend - hoben aber kaum den Blick.
Wenig später brachten sie den Toten weg.
Auch dies war nun wieder lange her.
*
Was war er? Ein Blatt im Wind? Das sich treiben ließ, gleichgültig, aus welcher Richtung der Wind kam? Er wusste es nicht, er schrieb.
Und er mochte die D'Souzas, er freute sich, wenn Joana morgens mit dem Tablett kam und sein Frühstück brachte, wenn sie plauderten.
Joana blickte dann auf das viele Papier, jedesmal erstaunt, und sie versuchte zu lesen. Aber es war ja in deutscher Sprache, doch sie traute sich nie recht zu fragen.
Er zog sie deshalb häufig auf: Dies wären also alles Briefe an den indischen Schulminister, weil hier ein Mädchen so häufig die Schule schwänzte.
Joana sah ihn dann an und kicherte. Sie wäre doch nun schon 21 und seit Jahren nicht mehr in der Schule. Seit vielen Jahren, mähhnni Years.
So verging die Zeit. Der Monsoon war weiter gezogen und die Tage wurden wieder heiß.



Eingereicht am 11. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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