www.online-roman.de
www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Der Ehrentag

© Marc Hecht


Ein paar Helden von einst saßen vor ihr, direkt, nur eine Reihe vor ihr. Berühmte Leute, sie kannte sie alle - aber oft ist es so: Bei solchen Berühmtheiten entdeckt man dann Mängel, Nachlässigkeiten - die man gar nicht für möglich gehalten hätte. Und das beschäftigt einen, viel mehr, als bei nicht berühmten Menschen.
Sie wusste dies damals aber nicht. Sie war eingeladen, als Opfer der Diktatur.
Und sie hatte sich fein gemacht dafür, war zum Friseur gegangen, trug die Brille mit dem Goldrand und eine Perlenkette und einen dunklen Seidenblazer. Der Blazer hatte auf der Bahnfahrt in die Stadt gelitten und jetzt schämte sie sich ein wenig für die Falten. Still saß sie in der dritten Reihe, und die Helden von einst saßen dicht vor ihr. Einer jedoch hatte Schuppen auf dem Jackett, und ein Anderer war auf etwas abgelaufenen Schuhsohlen daher gekommen. Sie hatte das gesehen - verwundert. Einen kleinen Schreck hatte sie sogar bekommen.
Dann jedoch hatte sie überlegt, dass es wohl unwichtig wäre, für diese Leute, Kleidung und solche Sachen. Kleidung - oder ein paar Schuppen auf dem Jackett. Trotzdem - es war merkwürdig, sie hätte das nicht gedacht.
Und der Saal, die anderen Gäste, der Anlass - ansonsten war alles sehr feierlich: den Helden zu Ehre, die dicht vor ihr saßen.
Der Bürgermeister trat auf die Bühne. Hocherfreut wäre der Bürgermeister, weil er den Jahrestag der Freiheit eröffnen dürfe, und weil Freiheit wie das vielzitierte täglich Brot wäre - doch keine Freiheit ohne Zivilcourage. Und viele der Anwesenden verkörperten dies ja geradezu ... hätten ein Regime hinweggefegt ...
Sie hörte zu, still, in der dritten Reihe, ein Regime ..., überlegte sie ... das klang so finster ... nach Lateinamerika ..., ein Regime hinweggefegt ... und heute haben sie Schuppen auf dem Jackett, oder abgelaufene Schuhsohlen ...
Sie hatte ihren Bruder verloren. Vor 30 Jahren schon. Ihr Bruder wurde erschossen, als er fliehen wollte, aus seinem Land. Der Bürgermeister war nie gegen dieses Land, ...und jetzt nennt er es Regime - dachte sie noch einmal.
Der Bürgermeister hatte seine kleine Rede beendet, es wurde geklatscht, der Bürgermeister trat ab. Auch sie klatschte. Auch die Helden klatschten. Alles war sehr feierlich. Aber die Schuppen auf dem Jackett, die abgelaufenen Schuhe - dies ging ihr gar nicht wieder aus dem Kopf.



Eingereicht am 11. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.