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Schlüsselerlebnisse

Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-6-7

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Sauna wäre gut

© Karsten Gebhardt

Ich hatte Zeit und suchte nach Entspannung. Eine mit Hitzewallungen und Kälteschocks zugleich.

Sauna, beschloss ich, das wäre gut. Zwischendurch einen knackigen Salat mit gegrillter Hühnerbrust und anschließend im Ruheraum bei indianischen Weisen abnicken.

Um elf Uhr öffnete sie immer, und die ersten Stunden war sie für gewöhnlich leer. Ideale Bedingungen für mich Einsiedler, der ich mit meinen dreißig Jahren bereits war. Ich wollte es einfach nicht ertragen, das menschliche Gewusel mit all seinen Abgründen und nervenden Geräuschen. Plärrende Kinder und lautstarke Rentner, so fehl am Platz wie die muskelgestählten Supermans mit narzisstischer Eigenliebe inmitten draller oder vertrockneter Leiber, alle miteinander gebreitet in exhibitionistischen Posen, nackt wie Gott sie schuf. Schweiß, der in Strömen lief und womöglich noch auf mich spritzte im Grätschen nach der Aufgusskelle oder beim Schaben fremden Fleisches an meinem Leib.

Horror war das und keine Entspannung, denn mein Körper war einfach nicht geeignet für eine öffentliche Präsentation. Obwohl ich existierte, war ich unsichtbar und liebte den Bonus des Unscheinbaren. Nur nicht auffallen war meine Devise. Unauffällig mitschwimmen im Strom des Lebens und einfach mitheulen, auch als Pudel unter Wölfen. Die Einsamkeit war meine Gespielin. Eine ideale Gattin, still und geduldig. Eine, die ohne Vorwurf den Mantel des Schweigens über mich deckte und Dinge verbarg, die nur mich etwas angingen.

Zwei Stunden später saß ich nackt auf der oberen Reihe in der Biosauna bei fünfundachtzig Grad und schwitzte vor mich hin. Allein. Deswegen musste ich den Bauch auch nicht einziehen und pulkte ungeniert in meinem Nabel. Niemand da, der mich bewerten könnte.

Glücklich schaute ich durch das einzige Fenster nach draußen und erblickte die hüllenlose Frau unter der Außendusche.

Erinnerungen an Rubens wurden wach und mit ihnen noch was ganz anderes.

Erschrocken starrte ich an mir herab. Eine derartige Reaktion hätte ich nicht erwartet, zumal die Frau mit ihren Proportionen überhaupt nicht in mein Beuteschema passte.

Dann bückte sie sich plötzlich und presste telepathisch ihren Leib in mein Gehirn. Ich explodierte fast und keuchte den Schweiß sogar aus den Lungen.

So konnte ich nicht raus, obwohl mein Kreislauf bereits mahnte.

Abwarten, dachte ich und setzte mich vorsichtshalber auf die unterste Bank.

Doch auch hier wallte die Hitze wie eine eilfertige Hure. Nicht geeignet für ein kurzzeitiges Entkrampfen.

Pikiert starrte ich auf meinen Lümmel, als ich Schritte hörte. Watschelndes Klatschen auf dem steinernen Gehweg, Badelatschen in einem Rhythmus, der Gefahr bedeutete.

Hastig drückte ich die Beine zusammen, klemmte meine Peinlichkeit zwischen die Oberschenkel und verharrte in unauffälliger Pose.

Die Tür ging auf. Die erfrischende Kühle von außen wurde mir vergällt durch das Model, das freizügig ein Handtuch von sich riss und auf die Holzbank hinter mich legte.

Erstickend keuchte ich auf, verbarg das unanständige Geräusch in gekünsteltem Husten.

Das letzte Blut aus meinem Gehirn schoss in die Lenden.

Raus ins Kühle, schrie mein Verstand unentwegt, doch so konnte ich nicht aufstehen.

Heiß presste sich die Wurst zwischen meinen Schenkeln und keck lugte der Kopf hervor. In echtem Schmerz verzerrt krümmte ich meinen Oberkörper, um den Wahnsinn an mir zu verbergen.

Aschfahl beobachtete ich sie unauffällig, um zu sehen, ob sie mein Leid vielleicht bemerkt hätte.

Ich litt tausende Qualen und versuchte Ablenkung in Gedanken an Blumen, alte Frauen und Hinterteile dicker Männer.

Das Atmen war nur noch flach möglich und eher ein Flimmern. Noch immer perlte sich der Schweiß auf mir, obwohl ich mich bereits mumifiziert fühlte, eingesogen in mein Geschlecht, dass prangte wie noch nie.

Längst war die Sanduhr abgelaufen. In Gedanken summte ich die Titelmelodie von Biene Maja und zwang meinen Blick durch das Fenster auf den Wald. Die Baumkronen wogten vor und zurück. Ungeeignete Bewegungen für eine wirkungsvolle Entspannung.

Verdammt. Nur eine Frage der Zeit, wann ich kollabieren würde.

"Spanner tot in der Sauna gefunden." Was wohl meine Frau bei solchen Schlagzeilen denken würde?

Das Wunder geschah. Ich regte mich ab, der Druck ließ nach.

Glücklich starrte ich auf das Erschlaffen des Verräters.

Dann ging die Tür erneut auf und Sex flutete den Raum. Acht Frauen mit Leibern, von denen schon einer tödlich gewesen wäre.

"Studentinnentag", tönte es aus einem der Körper, bevor ich ohnmächtig wurde.

"Er war schon ganz blau", reagierte die junge Schwester auf mein Erwachen, "und wir mussten handeln bei ihrer Dauererektion. Wir haben Ihnen mit einer Spritze Blut abgesaugt. Hauptsache, sie erigieren nicht wieder. Dann müssten wir operieren."

Benommen horchte ich in meinen Körper. Der Schmerz war weg.

Dann fiel der Stift der Schwester runter und sie bückte sich ...

"Notoperation", brüllte der Arzt.

Eingereicht am
09. Oktober 2007

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