Unser Buchtipp
![]() ![]() Eine böse Überraschung aus dem Radio© Nicole DallingerIch genieße es, an solch lauen Sommerabenden wie diesem, gemeinsam mit meiner Familie auf der Veranda zu sitzen und die herrliche Luft einzuatmen. Lisa und Lena, unsere sechsjährigen Zwillinge, toben auf der Hollywoodschaukel herum. Ich habe uns einen vorzüglichen Wein aus dem Keller geholt. Tanja und ich stoßen an und nippen erwartungsvoll am Glas. Aus dem Radio tönen beschwingte Sommerlieder, wie etwa der Klassiker "Mendocino". Ich schwelge in alten Jugenderinnerungen und bekomme Lust zu tanzen. Prompt fordere ich Tanja auf. Unsere Mädels kichern ungehalten, während wir fröhlich über den rustikalen Holzboden schweben. In dem Moment als ich meine Frau schwungvoll im Takt herumwirble, wird die Musik unterbrochen. Eine ernste Stimme ertönt aus dem Radio: "Wir müssen aufgrund einer wichtigen Durchsage unterbrechen. Es wurde uns soeben von Meteorologen gemeldet, dass sich ein immenser Orkan direkt auf unsere Stadt zu bewegt. In etwa einer Stunde wird er sein Ziel erreicht haben. Wenn Sie mit dem Auto unterwegs sind, beeilen Sie sich nachhause zu kommen. Räumen Sie alle frei herumliegenden Gegenstände rund um Ihr Heim weg. Schließen Sie die Fenster und verlassen Sie Ihr Haus nur in äußerst dringenden Fällen. Lassen Sie ein Rundfunkgerät in Ihrer Nähe eingeschaltet, damit wir Sie weiter informieren können ..." Tanja und ich stehen uns wie gebannt gegenüber. Lisa und Lena stürmen auf uns zu und klammern sich an mich. Panik steht in ihren Augen geschrieben. Ich versuche cool zu bleiben, damit die Mädchen meine Anspannung nicht bemerken. Tanja streicht den beiden sanft übers Haar und sagt ihnen, dass es nicht so schlimm werden wird, wenn wir alle Anweisungen befolgen. Sie täuscht ebenfalls Lockerheit vor. Ich mache mich mit den Mädels auf den Weg, um alle Blumenstöcke, Hängesessel, Hängematte und etliches mehr, einzusammeln und vorübergehend in den Geräteschuppen zu schlichten. Tanja trägt währenddessen die Gläser vom Verandatisch in die Küche und sieht zu, dass im ganzen Haus die Fenster geschlossen sind. Anschließend kommt sie in den Garten und hilft uns beim Zusammenräumen. Mein letzter Rundgang bestätigt mir, dass nichts mehr herumliegt. Plötzlich fällt den Zwillingen auf, dass unsere Katze nicht da ist. Tanja und ich schicken die beiden ins Haus und versprechen ihnen, Mitzi zu suchen. Wir schauen auf jeden Baum und durchsuchen jeden Busch im Garten, während wir lautstark nach unserem Haustier rufen. Die Kinder schreien vom Fenster, auf der anderen Seite nach der Katze, jedoch ebenfalls ohne Erfolg. Seit der Radiomeldung sind dreißig Minuten vergangen. Wir geben die Suche nach Mitzi auf und beschließen ins Haus zu gehen um den Kindern zu erklären, dass die Katze sich heute Nacht bestimmt gut verstecken wird. Im Haus angekommen finden wir nur Lisa vor. "Wo ist Lena?" fragt Tanja verwundert. "Lena hat gesagt sie geht noch nach Mitzi suchen, aber ich darf es euch eigentlich nicht sagen." Nervös sehen Tanja und ich uns an. "Wo ist Lena genau hingegangen, hat sie etwas gesagt? Wir haben nicht mehr lange Zeit!" frage ich aufgeregt. "Ich weiß es nicht" fängt Lisa zu schluchzen an. "Schatz, du bleibst hier und bewegst dich nicht von der Stelle, ist das klar? Versprich es mir! Das Radio lassen wir eingeschaltet und du hörst genau zu was sie melden, damit du uns dann Bescheid geben kannst. Papa und ich werden noch mal rausgehen und Lena holen!" redet Tanja auf unsere Tochter ein. "Versprochen." Lisa kauert sich ängstlich in die Decke auf dem Sofa. Wir vermuten stark, dass Lena in den nahe liegenden Wald gelaufen ist. Sie weiß, dass Mitzi sich sehr gerne dort aufhält. Unsere Wege müssen sich trennen wir haben nicht mehr viel Zeit. Tanja läuft ins Gehölz hinein und ich jogge die Allee am Waldrand hinauf zum Jägerstand. Von da aus hat man einen guten Überblick. "Lena, Leeenaaa" höre ich uns beide fast im Takt rufen. Nichts, keine Antwort. Langsam steigt richtige Panik in mir auf. Ich laufe schneller und schneller und rufe immer wieder nach Lena. Die Rufe von Tanja werden immer leiser. Nur noch hundert Meter, dann habe ich den Jägerstand erreicht. Es ist unangenehm ruhig. Die Luft scheint komplett zu stehen. Ich höre nichts außer meinem Atem. Sogar die Schreie von Tanja sind verstummt. Es herrscht die sprichwörtliche "Ruhe vor dem Sturm". Mond und Sterne sind von dicken Wolken bedeckt, rundherum ist alles schwarz. Eine sehr unheimliche Stimmung, alles ist wie ausgestorben. Zügig klettere ich den Jägerstand hoch, als ich unerwartet ein leises Wimmern höre. Auf der vorletzten Sprosse angekommen sehe ich Lena zusammengerollt am Boden liegen und schluchzen: "Papa ich bin froh dass du da bist. Ich habe solche Angst. Mitzi habe ich nicht gefunden und ich dachte, dass bestimmt schon eine Stunde vergangen ist und der Sturm jeden Augenblick kommen wird." Ich werfe einen dankenden Blick gen Himmel. Dann umarme ich meine Tochter fest und belehre sie zugleich. Gemeinsam klettern wir die Stiege hinunter. Laut rufe ich nach Tanja. Lena schreit kräftig mit. Es scheint, als würde die Erde sich nicht mehr drehen und unsere Stimmen vom Schall nicht mehr weiter getragen werden, so still ist es. Keine Reaktion von Tanja. Leicht nervös schaue ich auf die Uhr. Es ist 20:35 Uhr. Mir bleibt die Spucke fast im Hals stecken. Es sind nur noch zehn Minuten bis zum ungefähr angekündigten Eintreffen des Orkans. Theoretisch gesehen könnte der Wirbelsturm also jede Minute hier sein. Mit Lena an der Hand laufe ich die Allee zurück, während ich ununterbrochen Tanjas Namen schreie. Aus der Ferne winkt und ruft Tanja uns endlich zu. Ein tiefes Gefühl der Erleichterung überkommt mich in dem Moment wo wir wieder vereint sind. Daheim angekommen, fällt Lisa ihrer Schwester um den Hals. Die Freude, Lena wieder bei sich zu haben, steht ihr ins Gesicht geschrieben. Lisa erzählt uns von den neuesten Radiomeldungen. Der Orkan "Felix" ist jetzt nur noch 30 km entfernt und hat an Stärke zugenommen. Zeitgleich dröhnen aus dem Radio die ersten Zusammenfassungen der argen Verwüstungen, die "Felix" in den Vororten angerichtet hat.
Plötzlich bläst ein enormer Windstoß gegen unser Heim. Es geht los - das ist der Beginn der abscheulichen Rache der Natur gegen die Menschheit, die uns ihren Zorn in einem unvergleichbaren Ausmaß spüren lässt. Es ist furchtbar mit ansehen zu müssen, wie das lebensnotwendige Element Luft, zu einem zerstörenden Monster heranwächst. Wie ein grauenvoller Drache fegt der Orkan in diesem Moment um unser Haus, versucht mit größter Gewalt uns zu umzingeln und an allen Öffnungen und Spalten herein zu kommen. Das alte Holz unserer Außenmauern, knarrt erbärmlich und durch das geschlossene Wohnzimmerfenster dringt ein höhnischer Hauch des aggressiven Windes, zu uns herein. Zügig sucht Tanja alte Stofffetzen zusammen, um das Fenster abzudichten. Daraufhin lässt die unberechenbare Kraft der Natur herausfordernd unsere Fensterläden fast im Takt mit voller Wucht gegen die aufschreienden Holzwände knallen. Tanja läuft in die Küche und sucht nervös aus dem Kasten alle möglichen Kerzen und Zündhölzer heraus, die sie finden kann, ebenso die Taschenlampe. Batterien für den Radio erspäht sie leider keine. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis der Stromkreis zusammenbrechen wird. In diesem Moment pustet das vermeintliche Höllentier seinen Atem mit einer derartigen Wucht durch den Abluftkanal im Badezimmer nebenan, dass wir erschrocken aufspringen. Ich hole sofort meine Werkzeugkiste vom Keller, montiere die Abdeckung herunter und stopfe den Kanal mit Altpapier aus. Lisa und Lena weinen. Sie haben sich beide eng an ihre Mama gekuschelt. Diese flüstert ihnen tröstende Worte ins Ohr. "Seit einigen Minuten hat Orkan "Felix" die Stadt erreicht. Er fegt mit über 150 km/h sämtliche Bäume und Stromleitungen nieder. Felix hat in dieser kurzen Zeit bereits eine beachtliche Menge an Dächer abgedeckt. Es fliegen etliche Dachsteine durch die Luft, bleiben Sie im Haus..." verkündet das Radio und blitzartig ist es mucksmäuschenstill und stockfinster. Der Strom ist weg. Die Laute des Sturmes in der Stille klingen wie grollende Töne des Weltuntergangs. Das Holz knarrt lauter. Gemeinsam zünden wir die Kerzen an. Blitzartig ertönt ein schallender, mitreißender Knall. Kaum haben wir uns vom ersten Schock erholt, kracht es wieder, diesmal noch viel lauter. Tanja hält die Kinder noch fester im Arm. Ich springe auf und laufe zum Fenster. Ich traue meinen Augen nicht. Nach einer kurzen Zeit des Entsetzens winke ich Tanja sprachlos zu mir. Die enorme Himmelsgewalt hat unseren kräftigen Nussbaum entwurzelt und ihn unbarmherzig auf unseren kleinen Schuppen, welcher mit Gartengeräten und Blechtonnen gefüllt ist, niederfahren lassen. Es ist ein schrecklicher Anblick. Weiters wird ein in der Dunkelheit undefinierbares, riesiges Etwas von der monströsen Naturgewalt mit voller Kraft gegen alle festgewurzelten Gegenstände geschleudert. Es fühlt sich an als ob ein starker Blitz unseren Körper durchzucken würde, und uns Erdenmenschen zu kleinen, vor Angst zitternden, erbärmlichen Kreaturen erstarren lässt. Wir beschließen gemeinsam zu beten. Ich weiß, dass uns nur die Kraft des Gebetes helfen kann, den Orkan ohne weitere, größere Schäden zu überstehen. Gebete haben unsere Familie immer zusammengehalten. Wir sind gläubige, christliche Menschen. Unsere Entscheidung fällt einstimmig auf den Rosenkranz. Ich merke, wie meine Frau und ich während des Betens immer entspannter werden und unsere Kinder immer müder. Langsam nicken die Mädchen ein - Gott sei Dank. Tanja und ich sitzen die ganze Nacht hellwach neben unseren schlafenden Mädchen. Das Monster verliert nach und nach an Kraft und löst sich - im wahrsten Sinne des Wortes - langsam wieder in Luft auf. Um 6:00 Uhr früh hat sich die Natur vollkommen beruhigt. Langsam wird es hell und man kann vom Fenster aus bereits arge Verwüstungen erkennen. Die Mädels schlafen immer noch tief und fest. Tanja und ich beschließen hinauszugehen um zu sehen, was der Zorn der Natur alles angerichtet hat. Erschöpft öffne ich die Haustür. Ich schrecke zusammen, als knapp neben meinen Füßen unsere Katze Mitzi quietschvergnügt hereinspringt. ![]()
Eingereicht am ![]()
Unser Buchtipp
![]() |
© Dr. Ronald Henss Verlag Home Page