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Brief von Wiebke

© Otto Wendl


Ich bin Wiebke. Glaub ich. Habe letztens den Kerl der Pyjamazicke mit meinem Raucherhusten zum Schwitzen gebracht. Ob er noch auf Eject gedrückt hat, weiß ich nicht. Seine Alte hat ihn erwischt. Ist mir eigentlich auch egal, ich wurde schon beim Dreh bezahlt. Aber er dauert mich. Der Wichser. Ihm wurde schon bei der Geburt das Brandzeichen des perfiden Fortpflanzungstriebes tiefer in's himmelblaue Fleisch gedrückt als denen in zartrosa. Arbeiter oder Soldat, mehr gibt es nicht. Als Soldat wird Mann vorjustiert. Weibliche Soldaten ? Sie machen Scherze. Zumindest bei den Krabbelviechern aus Antz ist die Welt noch in Ordnung. Aber was wissen diese Mistviecher schon. Haben kein Gehirn, konservativ bis zur Posaune. Möge der Ameisenbär keine Gnade zeigen.
Ich steh jedenfalls auf diese zurückgewiesenen Instinktnagler. Brauche sie sogar. Sonst würde ich nicht für 19,99 über den Bildschirm flimmern und meine aufgeblasenen Milchdrüsen gegen die Scheibe drücken. Ich sehe genau, was danach abläuft. Wenn das Ritual der Selbstbesamung vollzogen ist, werde ich abgelegt und versteckt. Ist man als Frau ja gewohnt. Macht nichts, bin sowieso blond. Meistens lande ich im Regal dann gleich hinter IHREM Aphrodisiakum. George Clooney, Sean Connery, Brad Pitt oder Johnny Depp. Wenn seine Nüsse leer sind, verzieht er sich in's Schlafzimmer. Eine rauchen. Dann schiebt SIE sich was ins Gedankenloch. Habe das nie verstanden. Hat nichts mit Sex zu tun. Ein trockener Martini, serviert in der Oase am Spielplatz des Ölprinzen in der Hormonwüste. Dann bekommen die Gedanken Flügel, gleich einem Linienflugzeug zwischen Küche und Wohnzimmer. Die beengenden Fensterscheiben werden eingeschlagen, damit der Unterdruck den Alltagsfrust raussaugt. Durch die heruntergelassenen Sauerstoffmasken wird dann gierig der Stoff eingeatmet, aus dem die Träume von Blitzlichtgewitter, Coverstorys und unbegrenztem Kreditrahmen sind. Pretty Woman auf Lebenszeit. Noch 90 Minuten bis zum Absturz. Spielfilmlänge. Nein, danke, brauche ich nicht. Hab ja die Wichser. Und meinen Regisseur.



Eingereicht am 19. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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