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Verständnis

© Raissa Pasichnyk


Für sie war ich immer nur ein Mensch zweiter Klasse. Minderwertig. Eine Geschiedene. Wer wollte, konnte vorbeischauen. reden. Das Herz ausschütten. Auch sie schaute gelegentlich vorbei. Dafür war ich ihr gut genug. Sie vertraute mir ihre Geheimnisse an - wenn auch unter Vorbehalt. kein Geheimnis ausplaudern, ein Leben lang. Ich willigte ein. Hörte zu. Fühlte mit, gab Ratschläge, leistete Schwüre. Immer zweimal: einmal zu Beginn der Beichte und einmal am Ende. Sie war es stets zufrieden. Und sie ging, wissend, dass der Mensch nur ein Leben hat. Umtausch nicht möglich. Genauso kam es dann. Sie wurde krank. Schwerkrank. Ihr Mann verließ sie, weil er es nicht mehr aushielt. Die Kinder waren in alle Winde zerstreut. Sie war allein. Litt sehr. Ich half ihr, so gut ich konnte. Magerte selbst dabei ab. Schließlich pflegte ich sie doch gesund. Langsam kam sie wieder zu Kräften. Fand die Sprache wieder. Ihre ersten Worte werde ich nie vergessen: "Jetzt hast du es mir gebührend gedankt", sagte sie. Unverwandt blickte sie mir in die Augen und fügte verständnisvoll hinzu: "Nicht umsonst habe ich dir meine Geheimnisse anvertraut."



Eingereicht am 14. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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