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Das Hochzeitsfoto

© Bernadette Reichmuth


Als ich Elisabeth Agostini kennen lernte, war sie 96 Jahre alt. Sie lebte seit ungefähr vier Jahren im städtischen Pflegeheim, wo ich soeben meine neue Stelle als noch junge, wenn auch nicht mehr ganz frisch gebackene Therapeutin angetreten hatte.
Wie es der Brauch erforderte, führte mich die Pflegedienstleiterin durch die Abteilungen und stellte mich jenen Patienten vor, die von meiner Vorgängerin betreut worden waren.
Im Schlepptau der Oberschwester betrat ich das Zimmer von Frau Agostini. Sie trohnte in ihrem Lehnstuhl am Fenster auf einem dicken Schaffellpolster und quittierte die Störung mit unverhohlen abweisendem, um nicht zu sagen feindseligem Gesichtsausdruck. Mehr noch als die Miene der alten Dame verriet mir die plötzlich zu angestengter Freundlichkeit hochgeschraubte Stimme meiner Begleiterin, dass diese beiden Frauen aus welchen Gründen auch immer nicht gerade Busenfreundinnen waren.
Mir hingegen schenkte das zusammengeschrumpfte Weiblein ihr erstes, huldvolles Lächeln.
 
Frau Agostini konnte nicht mehr allein essen, oder selbständig auf die Toilette gehen; sie brauchte zu jeder, noch so kleinen Verrichtung Hilfe.
Trotzdem wäre es nicht einmal der unerfahrensten Pflegehelferin in den Sinn gekommen, die alte Dame respektlos zu behandeln. Woran das lag, konnte niemand mit Bestimmtheit sagen.
Sprechen konnte sie nicht mehr. Was über ihre Lippen kam, war kaum mehr als ein angestrengtes, stimmloses Krächzen. Doch das flinke Spiel ihrer hellwachen Äuglein liess keinen Zweifel darüber, dass sie sehr wohl hören und verstehen konnte. Weil eine seltene, über Jahrzehnte fortschreitende Krankheit ihre gesamte Wirbelsäule versteift hatte, war es ihr unmöglich zu nicken oder den Kopf zu schütteln. So hatte man sich mit ihr auf die Blinzel-Kommunikation geeinigt: einmal blinzeln hiess ‚ja', zweimal bedeutete ‚nein'.
Es gab keine einzige Pflegekraft auf der Abteilung, die nicht alles daran setzte, als letzte Antwort von Frau Agostini ein ‚ja' zu bekommen, bevor sie das Zimmer verliess.
Das Foto entdeckte ich, als ich sie das dritte oder vierte Mal nach unserer wöchentlichen Sing- und Spielrunde in ihr Zimmer zurück brachte.
Frau Agostini beim Singen zu beobachten, war übrigens ein Erlebnis für sich.
Wie schon gesagt, hatte sie zwar keine Stimme mehr, um unseren Gesang zu begleiten, dafür tat sie dies mit ihrem ganzen Körper. Hin und her schwingend und mit den normalerweise bewegungslosen Fingern den Takt auf die Armlehnen klopfend, sah es aus, als ob sie in ihrem Rollstuhl tanzte.
Aber zurück zu dem Foto. Nachdem mir Frau Agostini die Erlaubnis dazu gegeben hatte, nahm ich das Bild beinahe andächtig in meine Hände. Es war ein kleines, vergilbtes Schwarzweissportrait und zeigte ein junges Paar am Tag seiner Hochzeit. Von einem weissen Schleier gekrönt, umrahmt von einer Fülle heller Locken, strahlte ein herzförmiges Gesicht dem Betrachter entgegen. "Siehst du, wie glücklich ich bin?" sagten ihre Augen, "und weißt du, wer der Grund dafür ist? Er ist es! Ist er nicht herrlich?" Er, der Herrliche, stammte zweifellos aus viel südlicheren Teilen Europas.
Dunkel, feurig und triumphierend stach sein Blick aus dem vergilbten Papier.
Oh ja, so eine blonde Signorina musste damals der Wunschtraum eines jeden Italieners gewesen sein! Aber dass ein gutbürgerliches schweizer Maitli, das Elisabeth Huber hiess, einen Sizilianer Namens Luigi Agostini heiratete, bedeutete zu jener Zeit bestimmt eine geradezu skandalöse Ausnahme. Weder Elisabets noch Luigis Familie dürfte über diese Hochzeit besonders glücklich gewesen sein ...
Als mein Blick sich von dem Bildchen wieder gelöst hatte und nun zu Frau Agostini zurückkehrte, sah ich sie mit stillen, in sich gekehrten Augen dasitzen. Über ihren zerknitterten Zügen lag ein Hauch ferner Traurigkeit.
Auf meine schüchterne Frage, ob sie das Foto selber auch noch anschauen wollte, blinzelte sie jedoch lächelnd zwei Mal und entliess mich mit einer hoheitsvollen Geste.
Aus ihrer Biografie wusste ich, dass sie seit über vierzig Jahren Witwe war.
War es nur die Erinnerung an den allzufrühen Tod ihres Mannes, der diesen fahlen Schleier über ihr sonst heiteres Gesicht gezogen hatte? Nun ja, man konnte annehmen, dass das freudige, erwartungsfrohe Weiss ihres Brautschleiers nicht nur mit den Farben erfüllter Liebe geschmückt, sondern war vom düsteren Grau enttäuschter Erwartungen durchwoben worden war.
Meistens bleiben sie nur auf dem Papier so blütenweiss und rein, die Brautschleier.
Frau Agostini bekam nicht oft Besuch. Ihre Tochter wohnte in einer entgegengesetzten Ecke der Schweiz. Zudem war sie selbst gesundheitlich angeschlagen. Andere Kinder gab es nicht. In regelmässigen Abständen kam ihre frühere Nachbarin und Freundin vorbei und brachte, der Jahreszeit entsprechend, einen Blumengruss mit aus ihrem Garten.
Am meisten Freude bereiteten ihr die Rosen, eine sehr alte, dunkelrot blühende, betörend süss duftende Sorte. Schon drei ihrer Blüten erfüllten das ganze Zimmer mit einem herzerwärmenden Zauber. Sogar die heruntergefallenen Blütenblätter dufteten noch. Frau Agostini liess sie jeweils auf einem Glasteller sammeln, bis sie ganz verdorrt waren.
Auch in der Nacht als sie starb, standen auf ihrem Nachttisch Rosen.
Es war nicht das erste Mal, dass mich die Nachricht vom Tod eines Patienten völlig überraschend traf. Auch in einem Pflegehein erfüllt der ‚Grosse Bruder des Schlafes' seinen Auftrag auf völlig unterschiedliche Weise.
Manchmal sitzt er tage-, ja sogar wochenlang geduldig wartend an einem Bett, bis der darin liegende Mensch seinen letzten Atemzug vollendet hat, und manchmal betritt er ganz leise und unbemerkt ein Zimmer, wo er seinen kleinen Bruder einfach mit einer Handbewegung wegschickt und an seiner Stelle Platz nimmt.
Genauso schnell und unerwartet war Frau Agostini gegangen. Gestern Nachmittag noch hatte ich sie im Garten vor der Cafeteria sitzen gesehen, zusammen mit ihrer Nachbarin. Und jetzt - war sie einfach nicht mehr da.
Aber vielleicht konnte ich mich ja noch von ihr verabschieden.
 
In jenen Jahren war das Sterben eine sehr heimliche Angelegenheit in den Pflegeheimen und Spitälern gewesen. So rasch, als gälte es die Spuren eines Vergehens zu verwischen, wurde ein Zimmer geräumt, die wenigen Habseligkeiten des Verstorbenen zusammengepackt und er selbst in einen kleinen Raum im Kellergeschoss gebracht, wo er aufgebahrt blieb, bis er abgeholt wurde - was meist in den frühen Morgenstunden geschah.
Doch an diesem Tag hatte ich ‚Glück'. Frau Agostini war noch nicht abgeholt worden. Ich stand vor der Glasscheibe, die den Besucherteil vom Aufbahrungsraum trennte und betrachtete die stille Gestalt, wie sie in ihren viel zu grossen Sonntagskleidern dalag, mit Schuhen an den Füssen, die sie jahrelang nicht mehr getragen hatte.
Aus ihren gefalteten Händen streckte ein kleiner Strauss Blumen immer noch frisch und lebendig seine gelben und weissen Blütenköpfe in die Höhe.
Aber wo waren die Rosen? Das konnte doch nicht sein, dass man ihr zwar Blumen in die Hände gesteckt, ihre geliebten Rosen jedoch vergessen hatte?!
Schnell verliess ich den Raum und hastete in den zweiten Stock hinauf, wo gerade die Frühstücktabetts wieder eingesammelt wurden. Die Schwester blickte mir verwundert nach, als ich mit kurzem Gruss an ihr vorbei huschte.
Natürlich waren Frau Agostinis Bett und ihr Nachttisch bereits fortgebracht worden.
Als ob die Bewohnerin dieses Zimmers eine Ferienreise antreten wollte, standen eine Reisetasche und ein kleiner Koffer abholbereit vor dem Schrank.
Wo sich wohl das Foto befand, fragte ich mich flüchtig. Aber wegen dem Foto war ich ja nicht hier.
Ah, da standen sie, auf dem Tisch, weit geöffnet und ihren wundervollen Duft verströhmend, auch wenn niemand mehr hier war, ihn zu geniessen: die Rosen aus dem Garten der Freundin.
Schnell nahm ich den Strauss aus der Vase und begab mich wieder in den Keller.
Der für alle Türen des Heimes passende Schlüssel gewährte mir auch den Zutritt hinter die Glasscheibe des Aufbahrungsraumes. Ich trat näher und betrachtete ihr elfenbeinernes Antlitz.
Plötzlich begann das Bild vor meinen Augen zu verschwimmen, und ich tastete mit der freien Hand nach dem Taschentuch. Ja, da war es wieder. Ganz deutlich konnte ich es sehen, dieses glückselige, erwartungsvolle Strahlen.
Als hätte der Tod alle die vielen, auf dem Tag ihrer Hochzeit aufgetürmten Jahre einfach mit sich genommen und zurückfallen lassen in den dunklen Strohm des Vergessens und der Zeit.
Behutsam zupfte ich die Blütenblätter von den Rosen, umrahmte damit Frau Agostinis eingeschlafenes Gesicht und streute sie über ihre altmodische, weisse Spitzenbluse.
Und für den kaum wahrnehmbaren Augenblick eines Herzschlages hörte ich das perlende Lachen einer jungen Frauenstimme.

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