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Fußflug

© Patricia Koelle


Als Lore Habermann vom Briefträger erfuhr, dass Frank Thiessen von nebenan 500 Euro im Preisausschreiben der Zeitung gewonnen hatte, freute sie sich ehrlich für ihn. Vielleicht würde das eine Bewegung in sein Leben bringen.
Er könnte sein verkommenes Haus damit streichen. Seit er es von seinen Eltern geerbt hatte, hatte es keine Farbe gesehen und war so grau wie sein Bewohner. Das Grau ging Lore auf die Nerven.
Er könnte einen Rasenmäher kaufen oder das vergessene Auto im Vorgarten verschrotten.
Es war sonst nichts gegen ihn einzuwenden. Jeden Tag ging er pünktlich in die nahe Drogerie und verkaufte mit freundlichem Blick Sonnencreme und Taschentücher. Einladungen zum Grillen oder Skat wies er zurück, aber höflich.
Ein Lächeln schien er nicht zu besitzen.
An milden Tagen saß er auf der Stufe vor seiner Tür und las. Wo der Rest seines Lebens blieb, wusste niemand. Und für Lore, die seit dem Auszug ihrer Kinder ein waches Auge auf die Nachbarschaft hatte, gab es nichts zu sehen. Eine ganze Himmelsrichtung, vollkommen verschwendet.
Sie machte ihm keine Vorwürfe. Schon seine Eltern waren verschuldet gewesen. Doch blieb seinetwegen eine kleine Traurigkeit in ihr, die sich so wenig verscheuchen ließ wie eine hungrige Mücke.
Der Gewinn schien bei Frank Thiessen zunächst nichts zu bewirken. Lore fragte sich, ob er wohl für einen mütterlichen Rat offen wäre, und musste von ihrem Robert daran erinnert werden, dass mindestens achtunddreißig Apfelernten vergangen waren, seit Frank Thiessen ein stiller Junge mit Kniestrümpfen und braunem Lederranzen gewesen war. Lore musste zugeben, dass er inzwischen nicht nur etwa unbeholfene eins achtundneunzig groß, sondern auch erwachsen war.
Dann kam der Donnerstag, der Lores Aussicht nach Westen völlig veränderte. Sie kam nach Hause und sah, wie ein Lastwagen aus der Einfahrt des Nachbarhauses bog. Ob sich der Junge eine Waschmaschine geleistet hatte? Die Chancen standen schlecht, dass sie es jemals in Erfahrung bringen würde.
Oben sah sie aus dem Fenster und erstarrte. Es war Anfang Oktober, und der Tag hatte einen solchen Biss, dass sie Handschuhe angezogen hatte. Nun vergaß sie, den zweiten wieder auszuziehen.
In der verdorrten Wildnis nebenan, die einmal ein Garten gewesen war, in dem ein Junge Murmelbahnen baute, stand ein Karton, groß wie Lores Schlafzimmer.
Als Lore abends vom Canasta zurückkehrte, lehnten die Reste neben Frank Thiessens Mülltonne. "Familientrampolin", las sie. "Durchmesser 4,30 m, Höhe 87 cm, 96 Federn."
Sie war außer Atem, als sie sich aus ihrem Fenster lehnte. Das runde schwarze Gebilde, das das Nachbargrundstück füllte, wirkte in der nebligen Dämmerung wie ein Teich. Wäre da nicht die Silhouette Frank Thiessens gewesen, der zwischen seinem Splitter Erde und dem silbernen Herbsthimmel wortlos auf und ab sprang, immer höher.
Er sprang noch, als Lore ins Bett ging. Sie konnte es am Quietschen der Federn hören.
Vier Wochen lang füllte Bewegung Lores Fenster. Frank Thiessen frühstückte im Schneidersitz auf dem Trampolin und sprang dann, bis er zur Arbeit ging. Punkt 16.15 war er zurück auf dem Trampolin. Er aß darauf, las darauf und schlief darauf mit einer Wolldecke, den Blick auf den zunehmenden Mond gerichtet.
Dazwischen sprang er, und wenn es hell genug war, konnte man sein Lächeln sehen.
Lore schämte sich nicht, gelegentlich ihr Fernglas zu benutzen. Sie schwor, so ein Lächeln habe sie ihr Leben lang nie im Gesicht eines Menschen gesehen.
Um ihn herum senkten sich in goldroten Wirbeln die Blätter des vergangenen Sommers. Manchmal bildete Lore sich ein, sie sprängen zwischendurch zurück an die Bäume, angesteckt vom Überschwang der Figur auf dem Trampolin.
Ein Chor von Grillen schwoll darunter im feuchten Gras und von oben fielen die heiseren Rufe der Kraniche auf dem Weg nach Süden. Es roch nach dem heimlichen Kartoffelfeuer der Kinder aus Nr. 21. Während Lore in ihrer Strickjacke fröstelte, sprang Frank Thiessen in Hemdsärmeln und barfuß. Seine enormen Füße, die sonst immer wirkten, als wollten sie woanders hin als er selbst, machten jetzt alles in ihm leicht.
Tage später fiel Regen, und Frank Thiessen saß ruhig unter dem Trampolin und lauschte auf das Trommeln der Tropfen.
Als die Bäume kahl standen, bewegte sich nichts mehr vor Lores Fenster. Nach drei Tagen schickte sie ihren Mann hinüber. Robert fand die Hintertür angelehnt und Frank Thiessen in seinem Bett. Er atmete nicht. Aber er lächelte.
Die Obduktion ergab, das Frank Thiessen einen angeborenen Herzfehler gehabt und seine Zeit nur geliehen hatte. Unter Tränen fragte Lore den Arzt, ob das Trampolin den Jungen umgebracht habe. Er versicherte ihr, dass dessen Leben ohnehin ein Wunder gewesen und dies ihm eher einen zusätzlichen Monat geschenkt hatte.
Draußen berührte der Rauhreif das Trampolin und malte auf dem schwarzen Gummi zarte Muster um die Abdrücke der nackten Füße Frank Thiessens, der auf 96 Federn sich und dem Mond so nahe gekommen war.



Eingereicht am 06. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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