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Begegnungen in Ahle
Ad Majora Natus Sum
© Antonia Stahn
Wider Erwarten ist die Fahrt problemlos verlaufen. Nur ein einziger Stau von München bis ins westliche Münsterland. Und das an einem Freitag! Kaum zu glauben! "Schneefall bis in die Niederungen, gegen Abend Glatteisgefahr, fahren Sie bitte vorsichtig!", warnt eine angenehme Frauenstimme im Radio.
Christian hört nur mit halbem Ohr zu. In zehn Minuten hat er sein Ziel erreicht.
Ausfahrt Heek. Die Gedanken des Mannes sind hier noch nicht angekommen. Im letzten Moment nimmt er das Hinweisschild wahr, setzt den Blinker und fährt ab. Wüstes Hupkonzert holt ihn gänzlich in die Gegenwart zurück.
Durch Handzeichen versucht Christian sich zu entschuldigen.
"Eigentlich Blödsinn, die anderen Autofahrer können mich ja gar nicht sehen", murmelt er. "Hoffentlich fahren meine Hinterleute nicht auch nach Ahle. Egal. Dann entschuldige ich mich halt noch einmal!"
Ein Stück weit auf der B 70 Richtung Ahaus. Dann heißt es aufpassen. An der Abfahrt Ahle-Kapelle rutscht man leicht vorbei. Christian freut sich auf den kleinen Ort. Früher hat er dort häufig seine Ferien verbracht. Dank Beate. Denn die hat es als junge Frau der Liebe wegen hierher verschlagen.
"Mein Gott, Beate! Wieso denn einen Münsterländer? Weißt du, auf was du dich da einlässt?", hatte Onkel Georg ein wenig entsetzt gefragt.
"Klar, weiß ich das! Ich lebe schon lange genug in Bayern. Meiner Ansicht nach unterscheiden sich die bayerischen Buben nur durch ihren Dialekt von den westfälischen Burschen. Na ja. Und so einen wie den Bernd habe ich bei uns halt nicht kennengelernt, Vater", hatte Beate glücklich lächelnd geantwortet.
Und glücklich scheint Christians Cousine immer noch zu sein. Durch ihre natürliche, oft sehr fröhliche Art, hat sie im Handumdrehen die Sympathien der Menschen in der kleinen Bauernschaft gewonnen. Auch das ist bis heute so geblieben.
Christian liebt seine Cousine sehr. Ohne Beate wäre er heute nicht das, was er ist. Beate war da, als er Trost und Liebe brauchte. Sie hat ihm geholfen, sein Leid zu bewältigen. Mit der Zeit seinem Trauma die Schärfe genommen. Acht Jahre! Nein, noch nicht ganz. In diesem Alter sollte kein Kind auf der Welt ganz allein vor seiner toten Mutter stehen. Bis heute hat Christian es nicht verstanden. Er hat die Mutter gefunden, musste zunächst allein mit dem Schrecken fertig werden. Und dann durfte er sie nicht auf ihrem letzten Weg begleiten! Die Erwachsenen haben ihm, ohne darüber nachzudenken, den Abschied von der Mutter genommen. An psychologische Betreuung hat damals niemand gedacht. Der Junge hatte sich mit der Situation abzufinden. Er war ja nicht das einzige Waisenkind!
Mal unmittelbar, mal aus größerer Distanz. Beate hat sich eigentlich immer um ihren kleinen Cousin gekümmert. Sie war die Einzige, die ihm Briefe schrieb, sich für sein Leben im Kinderheim interessierte. Einmal hat sie ihn sogar dort besucht. Oh, ja! Sehr schnell hat sie verstanden, dass Christian sich in dem Heim bei den Nonnen nicht wohlfühlte. Allzu gern wollte sie ihn mit nach Hause nehmen. Ging natürlich nicht. Tante Rosa war krank und Onkel Georg von Herzen froh über seine erwachsenen Kinder.
"Der kleine Bengel ist in dem Heim bei den Schwestern gut aufgehoben. Ich habe keine Zeit, mich um ihn zu kümmern! Und wenn er zehnmal der Bub meiner Schwester ist!" Zufällig gehört, verziehen, beileibe nicht vergessen. Später, als Beate es geschafft hatte, Christian aus dem von Patres geführten Internat in ihr Elternhaus zu holen, versuchte der Onkel seine Worte vergessen zu machen. Der Versuch schlug fehl. Im Laufe der Jahre gewöhnten Onkel und Neffe sich aneinander. Die Barriere aus Distanz und kalter Höflichkeit haben sie allerdings nie überwunden. Zur Überraschung aller hat der Onkel Christian in seinem Testament bedacht. Die Eigentumswohnung in München kam dem damaligen Studenten sehr gelegen. Mit dieser Wohnung und dem kleinen Erbe seiner Mutter ging es ihm wirtschaftlich gut. So konnte er sich voll und ganz auf sein Studium konzentrieren. Und sich auch die häufigen Reisen ins Münsterland leisten. Christian lächelt. Gestattet sich nochmals, die Vergangenheit aufleben zu lassen. Die Münsterländer! Für den jungen Mann von damals zunächst ein schwieriges Völkchen. Hart und kantig, oft zu schweigsam, aber sehr verlässlich. Damals wie heute wird eine Bitte oder Auftrag mit einem "Geht wohl" angenommen. Hinter diesem 'Geht wohl' steht ein aufrichtiges Ja mit allen Konsequenzen. Christian hat einige Zeit gebraucht, um diese besondere Antwort zu verstehen. Einen Sack Salz hat er mit Beates Verwandtschaft, ihren Freunden und Nachbarn nicht essen müssen. Die Leute aus der Bauernschaft haben den 'Studierten' aus München schnell akzeptiert. Bis heute nennen sie ihn stets mit einem liebevollen Augenzwinkern 'den jungen Doktor'.
"So jung bin ich auch nicht mehr", murmelt Christian. Langsam lässt er den Wagen am Straßenrand ausrollen. Er beschließt, sich einen Augenblick der Besinnung zu gönnen.
Denn beinahe hätte sich Christian an die dunkle Zeit erinnert. Mit diesen Erinnerungen will er sich heute nicht belasten. Ein kurzer Aufenthalt in der Kapelle hat bisher stets geholfen, Erinnerungen an die schwerste Zeit seines Lebens zu verdrängen.
Fünf Grad unter Null. Christian fröstelt. Er zieht seinen Mantel an und nimmt das kleine Päckchen vom Beifahrersitz. Lange hat er über sein Geschenk für Anne nachgedacht. Er kennt seine Großcousine vom Zeitpunkt ihrer Geburt. Dieses kleine Menschlein hatte sein Herz im Sturm erobert. Obgleich er damals glaubte, nur für Beate so etwas wie Liebe zu empfinden.
"Doch, ja! Anne wird verstehen. Eine Medaille, aus Bronze nur! Und der Scheck in meiner Brieftasche wird ihr auch gefallen", sagt sich Christian.
Dichter Nebel findet Nahrung in den Wiesen und Feldern, rund um den kleinen Flecken Ahle. Novembernebel, in dem sich Geheimnisvolles, manchmal Unerklärbares gerne versteckt.
Vor der alten Schule gegenüber der Gaststätte kämpft eine Straßenlaterne um ihre Daseinsberechtigung. Es gelingt ihr kaum. Christian macht das nichts aus. Den Weg zur Kapelle findet er auch im Dunkeln. Er ist ihn schon so oft gegangen. Mit raschen Schritten geht der Vierzigjährige an dem Gasthof vorbei. Auf der vierten Stufe vor der Doppelflügel-Portaltür des kleinen Gotteshauses bleibt er stehen, schaut zur Gaststätte hinüber. Niemand ist zu sehen.
Musik, Lachen und Kreischen. Geräusche, die nicht mal der stärker werdende Nebel dämmen kann. Der Polterabend ist also schon im vollen Gange. So früh? Es ist gerade mal siebzehn Uhr! Na ja! Zwei Hochzeiten werden morgen gefeiert. Beates silberne und deren Tochter Annes weiße. Die Ahler haben sich auf einen langen Abend eingestellt.
Unbewusst berührt Christian das kalte mit Eiskristallen behaftete Treppengitter, ertastet die eingefügten Buchstaben. A und O. Erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets. Alpha und Omega! Im Feld über der Tür sind A und O mit dem Christusmonogramm PX verbunden. Die Verbindung dieses Zeichens ist ein Glaubensbekenntnis. Ein Glaubensbekenntnis, das für Christian Eggert seit langem keinerlei Bedeutung hat.
"Und weshalb gehst du dann in diese Kapelle?"
Keine Antwort für die innere Stimme. Keine Lust, Zweifel aufkommen zu lassen! Bedächtig drückt Christian die schmiedeeiserne Klinke herunter und zieht einen Flügel der Kapellentür auf.
Alles ist wie immer. Der überschaubare Gottesdienstraum mit seiner reichen Ausstattung vermittelt nach wie vor einen Ausdruck von Geborgenheit. Mit einem kleinen Seufzer lässt sich Christian auf der nächststehenden Kirchenbank nieder. Dämmerlicht beherrscht die Kapelle. Der prächtige Blumenschmuck rechts und links vom Altar ist nur schemenhaft zu erkennen. Agnes Brüggemann hat sicherlich wieder ganze Arbeit geleistet. Wie immer wird der Chorraum für die Hochzeiten morgen bestens ausgerichtet sein.
Sekundenlang bleibt der Blick des 'jungen Doktors' an der Aloysiusfigur aus Sandstein über der Sakristeitür hängen. Christian denkt an seine Zwiegespräche mit diesem Heiligen, Schutzpatron der Jugend. Ebenso Vorbild an Verzicht und Konsequenz. Der alte Pfarrer Böckmann hatte dem heranwachsenden Jungen aus München Aloysius nahe gebracht. Etliche Jahre war dieser Heilige Christians Vertrauter. "Wo warst du, als ich deinen Schutz brauchte?", hat Christian ihn, wenn die Erinnerungen allzu sehr schmerzten, häufig gefragt. "Wo warst du, als mein sogenannter Wohltäter nicht verzichten konnte?" Eine Antwort bekam der Jugendliche nie. Und doch fühlte er sich nach diesen Zwiegesprächen getröstet. Denn er fand Trost in dem feinen, asketisch anmutenden Gesicht des Heiligen. Güte und Wärme strahlte und strahlt es auch heute noch aus. Balsam für eine gequälte Seele.
Ein leichtes Hüsteln schreckt den jungen Mann aus seinen Gedanken. Erschreckt stellt er fest, dass er nicht allein ist. Im durch zwei Stufen erhöhten Chorraumbereich befindet sich die Ahler Madonna in einer elektrisch beleuchteten Nische. Die im Augenblick einzige Lichtquelle der Kapelle. Ein Mensch kniet dort, tief ins Gebet versunken.
Christian ist peinlich berührt. Die Kapelle ohne Gruß zu verlassen, ist ihm nicht recht. Vielleicht gehört der Fremde zu Beates Gästen.
"Ich werde mich vorstellen und danach diese Insel der Ruhe verlassen", nimmt er sich vor. Drei Schritte von dem Menschen vor dem Marienbild entfernt macht Christian mit einem leisen 'Hallo' auf sich aufmerksam und erkennt sogleich, weshalb er den Mann nicht wahrgenommen hat.
Ein Pfaffe! Ein Pfaffe im schwarzen Anzug! Moment mal! Diesen Hinterkopf kenne ich! Die Haare mittig gekämmt, im Nacken spitz zulaufend! Der Fremde steht auf, wendet sich Christian zu. Mit einem Mal nimmt die Stille in der kleinen Kirche überhand. Wortlos starren die Männer sich an. In den eisblauen Augen des Älteren dämmert unerwünschte Erkenntnis. Christian weiß, wusste es eigentlich sofort, wer da vor ihm steht. Schmanski!
Der Alte legt den Kopf ein wenig schief, schaut sein Gegenüber fragend an.
Sind es nur Sekunden, Tage, Stunden oder ist ein ganzes Leben? In den kalten blauen Augen des Alten verschwinden Gegenwart und Zeit. Achtundzwanzig Jahre scheinen ausgelöscht! Wie ein Film läuft das Geschehen von damals vor dem inneren Auge ab. Christian wehrt sich vehement gegen diese Bilder. Er versucht, den aufsteigenden Adrenalinstoß zu unterdrücken. Es gelingt ihm nicht. "Wer atmet hier so laut?", fragt er sich. Und plötzlich hört der Vierzigjährige jemanden sagen: "Zulassen, lass es endlich zu!"
Und so lässt er es schweren Herzens zu, spürt die verdrängte Seelenqual von damals mit aller Macht. Dennoch gelingt es ihm, die in schneller Folge ablaufenden Bilder aus der Vergangenheit mit den Augen eines Fremden zu betrachten. Abwartend, beinahe analytisch:
Ein Büro. Ausgestattet mit schweren, teuren Möbeln. An der Wand hinter dem Schreibtisch hängt ein Marienbild. Rechts und links von dem Bild sind Kerzenleuchter angebracht. Ein zwölfjähriger Junge befindet sich im Raum. Noch ist er allein. Immer wieder starrt er voller Angst auf die geschlossene Tür.
"Bitte, bitte, lass es schnell vorübergehen!", flüstert er.
Und dann ist es wie immer. Und wie immer kann der Junge sich nicht wehren.
Pater Schmanski öffnet die Tür: "Ach, da bist du ja, mein Lieber", sagt er freundlich und streichelt kurz die Wange des Jungen.
"Nun, Christian? Hast du die Liste fertig? Ja, ja! Du hast die Messdiener für den morgigen Gottesdienst richtig eingeteilt. Gerade morgen muss der Gottesdienst reibungslos verlaufen. Vor dem Kardinal wollen wir uns möglichst keine Fehler erlauben, nicht wahr, mein Lieber? Ich habe erreicht, dass du nach dem Gottesdienst dem Kardinal vorgestellt wirst. Was sagst du dazu? Eine solche Auszeichnung bekommt nicht jeder Junge bei uns. Ich weiß, du wirst mir und auch unserer Freundin, der Mutter Gottes, danken!"
Schmanski zwingt den Jungen mit eisernem Griff auf die Knie. Dann zündet der 'Gottesmann' die dicken Kerzen zu Ehren Marias an und nimmt einen Rosenkranz zur Hand. Zehn elfenbeinfarbene kleine Perlen für das Ave Maria, eine große rubinfarbene Perle für das 'Vater Unser'.
Schmanski betet den Rosenkranz voller Inbrunst. Der Junge nicht. Immerzu starrt er auf die weichen, weißen Hände des Paters. Langsam, jedoch für Christian viel zu schnell, gleiten die Perlen durch die dicklichen Finger. Das letzte 'Vater Unser'! Der Junge beginnt zu zittern. Er möchte schreien! Wie ein dicker Kloß bleibt der Schrei im Hals stecken, als Schmanski sagt: "Mein lieber Junge. Nun wollen wir unsere Liebe vor Gott beweisen."
Eine halbe Stunde später dann: "Vergiss nicht, mein Junge. Wenn du mit anderen über unsere Liebe sprichst, wird dein Gebet nicht erhört. Gott wird deine Berufung nicht anerkennen. Er wird dir nicht erlauben, Priester zu werden!"
Priester zu werden! Priester zu werden! Diese drei Worte beendeten stets die Messdiener-Besprechung. Und diese drei Worte schafften es, damals wie heute, ein ungeheuerliches Dröhnen im Kopf auszulösen.
"Nein! Nie wieder! Diesen Schmerz will ich nicht mehr! Ruhig! Durchatmen! Hat dir immer geholfen", flüstert Christian und schaltet den Film im Kopf ab.
Der alte Mann schaut ihn besorgt an und fragt, seine Stimme klingt brüchig: "Was ist mit Ihnen? Sie zittern am ganzen Körper. Sind Sie krank? Kann ich Ihnen helfen?" Dabei berührt er leicht die Hand des anderen.
Ein Feuerstoss durchfährt den Körper. Wieder steigt das Adrenalin ins Unermessliche. Unmerklich weicht der Pfaffe ein paar Schritte zurück. Er hat plötzlich Angst. Der junge Mann strahlt Bedrohlichkeit aus. Schreck durchfährt den Alten. Er weiß jetzt, wer der Fremde ist. "Christian? Christian Eggert, nicht wahr? Mein Gott! Ich habe oft an dich gedacht, nie geglaubt, dass wir uns wiedersehen! Ausgerechnet hier, in dieser wunderschönen Kapelle! Wie geht es dir denn, mein Junge? Was ist aus dir geworden? Bestimmt führst du ein erfolgreiches Leben. Ich habe nicht vergessen, dass du mein bester Schüler warst. Weißt du noch, wie sehr ich dich im Deutschunterricht gefördert habe?"
'Gefasel! Nichts als Gefasel! Der Alte redet sich um Kopf und Kragen', denkt Christian zornig. Verächtlich schaut er den Mann an, misst ihn von oben bis unten. Schmale, abfallende Schultern, eher klein, nicht so riesig wie in der Erinnerung. Deutlich zeichnen sich Bauch und Hüften unter dem Gewand ab. Altmännerfigur! Vor so einem habe ich mal Angst gehabt? Merkwürdig! Seine Hände haben sich nicht verändert. Immer noch weiß und wabblig. Wie stets den Rosenkranz zwischen den Fingern!
"Sie! Sie werden nie mehr mein Junge zu mir sagen, Schmanski!", möchte Christian schreien. Der Kloß im Hals blockiert den Schrei.
Der alte Mann zieht sich mit kleinen Schritten zum Chorraum zurück.
Christian folgt ihm. Böse schaut er den verängstigten Alten an. In diesem Augenblick geschieht etwas Seltsames. Die eiskalten Augen Schmanskis zeigen Emotionen.
"Der hat tatsächlich Angst vor mir", stellt Christian fest.
Und dann löst sich, zunächst zögerlich, bald immer schneller der Schrei. Nicht laut, wie erwartet. Nein! Wie eine Schlange dreht und windet er sich, ergießt sich zischend über den alten Priester: "Tu doch nicht so, Schmanski! Mein Ergehen interessiert dich ebenso wenig wie das deiner 'Lieblingsschüler' vor und nach mir, du pädophilies Schwein!"
Mit einem Ruck reißt Christian den Rosenkranz an sich und hängt ihn über seinen Zeigefinger. Hin und her, hin und her schaukeln die Perlen. Langsam verstärkt sich der Schwung. Bald rotieren die Gebetsperlen in unglaublicher Geschwindigkeit.
"So ein Ding habe ich in den vergangenen achtundzwanzig Jahren nicht mehr angefasst. Willst du wissen weshalb, Schmanski? Wenn ich solche Dinger sah, wurde mir speiübel. Ach was, übel? Kotzen musste ich! Immerzu! Gratuliere! Du hast es geschafft, Alter, meinen Wunsch Priester zu werden, im Keim zu ersticken. Deinetwegen kann ich bis heute weder Weihrauch noch Kerzen riechen, geschweige, mich lange in einer Kirche aufhalten. Gebete, vor allem das 'Vater Unser' bereiten mir stets Schmerzen. Seelisch wie körperlich! Somit fehlte mir das Handwerk- und Rüstzeug, Priester zu werden. Verstehst du doch, Alter! Nicht? Was sehe ich? Du hast Angst! Angst vor dem lieben Christian? Keine Sorge. Ich fasse dich nicht an, Dreckschwein!"
Der Alte zittert, wagt nicht, hoch zuschauen. Er zieht sich immer weiter zum Chorraum zurück. Wie hypnotisiert starrt er auf den kreisenden Rosenkranz.
"Aber, aber Christian. Hast du vergessen? Ich habe dich geliebt!"
"Geliebt!", schnaubt Christian wütend. "Du hast niemanden geliebt. Geliebt hast du nur dich selbst und deine schmutzigen, perversen Spielchen mit den dir anvertrauten jungen Menschen. Glück scheinst du auch zu haben. Bis heute hat dich niemand angezeigt. 'Bis heute' ist nun vorbei. Ich weiß, jahrelanges Schweigen ist und war mein Fehler. Pack dich schon mal warm ein, Schmanski! Sobald ich wieder in München bin, erfährt dein Laden eine Öffentlichkeit, die er sich bestimmt nicht gewünscht hat. Dann kann dein Oberhirte, der kleine Benedikt, sich gleich noch einmal öffentlich entschuldigen! Interessiert es dich tatsächlich, was aus dem zwölfjährigen Ober-Ministranten geworden ist? Kinderarzt und Psychologe. Ich kümmere mich überwiegend um Kinder, die solchen wie dir in die Hände geraten sind. 'Der Kinder tägliches Leid verhüte uns heute'. Dieser Satz müsste in deinem 'Vater Unser' stehen, Schmanski! Verstehst du nicht? Ist klar! Unrechtbewusstsein hat dich nie geplagt! Du hast ja nur Liebe geben wollen! Und dazu hast du dir Marias Segen erfleht, Pfui, Teufel!" Zornbebend steht Christian vor dem Alten.
Und immer schneller dreht sich der Rosenkranz. Plötzlich saust er über Christians Fingerkuppe, fliegt im hohen Bogen durch die Luft. Aufreizend langsam rutschen die Perlen am Rücken des heiligen Aloysius über der Sakristeitür, entlang. Das leise Rascheln, mit dem die Perlen ineinander fallen, erinnert an eine durch trockenes Gras huschende Schlange.
"Na, wenn das kein Zeichen ist, Schmanski. Schätze, Maria will deine Gebete nicht. Hat sie wahrscheinlich nie gewollt. Dein Rosenkranz hat einen passenden Platz gefunden. Da kann er liegen bleiben bis in alle Ewigkeit. Und noch etwas, Alter."
Christian greift in seine Jackentasche. Seine Finger zittern ungemein. Dennoch gelingt es ihm, die Medaille aus dem Päckchen zu nehmen. Drohend baut er sich vor dem alten Priester auf.
"Oh, ja! Selbstverständlich habe ich deine Hilfe im Deutschunterricht nicht vergessen. Selbstverständlich auch nicht den Wettbewerb! Hier, schau! Die Medaille habe ich immer noch. Dritter Platz! Eine Bronzemedaille für einen Zwölfjährigen! Und? Kannst du dich noch an den Spruch darauf erinnern? Ja? Sag' ihn! Langsam und deutlich! Die Heiligen hier hören dir bestimmt gerne zu."
Flehend, voller Angst schaut der Alte Christian an: "Bitte, bitte Junge - es ist genug! Ich habe deinen Zorn verdient. Das weiß ich sehr wohl! Gerne möchte ich mein Vergehen ungeschehen machen. Bitte verzeih mir, Christian!"
"Das glaubst du doch selber nicht, Drecksack! Lass das Gesülze! Es zieht nicht mehr! Damit hast du früher die Leute rumgekriegt. Los, den Spruch will ich von dir hören!"
Schmanski steht etwa einen halben Meter vor der ersten Altarstufe im Chorraum. Hilflos breitet er ein wenig die Arme aus und sagt laut mit zitternder Stimme: "Ad Majora Natus Sum".
Ein winziges Lächeln schleicht sich in das alte Gesicht. Ein Lächeln, das in Christian Schmerz und Wut hochkochen lässt. Er kann und will sich nicht mehr zusammen nehmen.
"Ja! Ja!", schreit er zornig los. "Dein kaltes Lächeln, als du mir diese Medaille überreicht hast, oh, wie habe ich es gehasst!
'Ad Majora Natus Sum': "Zu Großem geboren! Und du Schwein hast mich so klein gemacht!"
Mit Wucht schleudert Christian dem alten Mann die Medaille ins Gesicht. Sie prallt ihm gegen die Stirn, fällt herunter, trudelt über die Steinfliesen und bleibt vor Christian liegen.
Der Alte gerät ins Taumeln. Er verliert sein Gleichgewicht. Vergebliches Rudern mit den Armen! Schmanski stolpert über seine Füße, schlägt der Länge nach hin. Schieres Entsetzen in den wässrigen, alten Augen. Mit Wucht knallt sein Hinterkopf auf die zweite Altarstufe. Laut! Schrecklich laut klingen die zerberstenden Schädelknochen. Fassungslos schaut Christian auf den reglosen Körper seines Peinigers.
"Das! Das wollte ich nicht!", möchte Christian schreien.
Kein Ton kommt über seine Lippen, Panik lähmt sein Denken. Trostvolle Panik. Sie fordert weder Tun noch Handeln.
Angstvoll blickt Christian zur Kapellentür. 'Da war doch etwas! Es kommt jemand - oder? Wenn, wo kann ich mich verstecken? Ehe ich die Beichtstühle erreicht habe, ist der Mensch in der Kapelle! Was mache ich nur? Die Sakristei! Hoffentlich ist die Tür nicht verschlossen! Oder tue ich einfach so, den Toten gerade entdeckt zu haben? Verdammt! Der Rosenkranz! Weshalb habe ich ihn nur an mich genommen? Ach, egal! Egal? Wird er gefunden, findet man sehr wahrscheinlich Spuren von mir. Ich muss ihn mir holen. Aber wie? Früher stand immer eine Leiter in der Sakristei'.
Niemand betritt die Kapelle. Christians Gedankenchaos endet in Nüchternheit. Schmanski ist tot.
"Und wieder hat er Glück. Er braucht sich nicht der Verantwortung zu stellen. Eine angemessene Strafe bleibt ihm erspart", stellt Christian traurig fest.
Trauer oder gar Mitleid für den alten Pater empfindet er nicht. Erklärungen geben oder Fragen beantworten will er schon gar nicht.
‚Sollen andere sich doch Gedanken über Schmanskis Tod machen'.
denkt er und bückt sich nach der Medaille.
Die Medaille hat einen hellroten Fleck auf der Stirn des Priesters hinterlassen. Es kostet Christian Überwindung, sich die Verletzung anzuschauen.
"Wäre er nicht tot, würde die Rötung bald verblassen. Zum Glück ist es keine offene Wunde. So sind Metallspuren wahrscheinlich nicht feststellbar", beruhigt er sich und erschrickt über sein weiteres Denken. Er hat sich vorgenommen, den ‚Unglücksfall' nicht zu melden. Voller Widerwillen schaut er kurz in die Schreck geweiteten Augen des Toten. Ekel und grenzenloser Zorn geben Christian den Mut, endlich zu handeln. Er wendet sich ab und geht mit raschen Schritten zur Sakristei.
Die Tür ist nur angelehnt. In dem kleinen Raum herrscht Zwielicht, verursacht durch die Straßenlaterne vor der Kirche. Eine Leiter gibt es nicht. Gedanken verloren starrt Christian auf das für den morgigen Tag ausgelegte Priestergewand.
‚Immer teuer, immer nobel! Nur das Beste ist gut genug für euer Kasperletheater', denkt er und nimmt unbewusst ein kleines Messdienerkleid vom Haken. Klinke und Tür sind schnell abgewischt. Fußspuren auf den Bodenfliesen nicht vorhanden.
Christian schaut sich um. Alle Spuren beseitigt! Nein! Die Kirchenbank! Eilig wischt er über das dunkel schimmernde Holz. Dann geht er noch einmal zu dem toten Priester und sagt halblaut:
"Weißt du, Gottesmann. In den vergangenen Jahren habe ich mir von ganzem Herzen deine Vernichtung gewünscht. An deinen leiblichen Tod jedoch nie gedacht. Dich der Öffentlichkeit auszuliefern, dein scheinheiliges Gesicht einige Tage in allen Medien erscheinen zu lassen, dich einfach an den Pranger zu stellen, wäre mir eine Genugtuung gewesen. So habe ich bis heute gedacht.
Dein Tod hat meine Wünsche in Frage gestellt und mich gleichzeitig etwas gelehrt: Deine Bestrafung hätte mir mein Seelenheil nie zurückgegeben. Die Fähigkeit, aufrichtig zu lieben, bekäme ich dadurch nicht zurück. Endlich habe ich verstanden, Alter. Es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der mich von dir befreien kann!
Und dieser eine Mensch bin ich! Irgendjemand wird dich in absehbarer Zeit finden. Heute oder morgen. Unwichtig! Denn für dich gibt es keine Zeit mehr!"
Erstaunlich sanft breitet Christian das kleine Messdienergewand
über Schmanskis Gesicht aus.
Ohne Hast geht er dann zur Tür, öffnet sie einen Spalt breit. Der Nebel ist noch dichter geworden. Ungefähr dreißig Meter liegen zwischen Kapelle und Gasstätte. Ein Auto fährt vor. Fröhliche Stimmen und Türenschlagen sind zu hören. Abwartend bleibt Christian auf der Treppe stehen. Sein Pulsschlag beschleunigt unangenehm. Erleichtert schaut er dem langsam davonfahrenden Auto nach.
"Schätzungsweise zwanzig Meter Sicht, die Leute können mich nicht gesehen haben. Und weshalb sollten sie auch nur einen Blick für die Kapelle haben. Sie wollen nichts anderes als feiern", beruhigt er sich und geht mit schnellen Schritten zu seinem Wagen.
Automatisch startet er den Motor und schaltet das Licht ein. Am liebsten möchte er sofort losfahren, zurück nach München.
Andererseits will er Anne und Beate nicht enttäuschen. Sie haben sich so sehr über seine Zusage gefreut. Christian schaut zur Uhr.
Siebzehn Uhr dreißig. Kann das sein? Die Sache mit Schmanski hat doch Stunden gedauert! Nicht einmal eine halbe Stunde ist seit dem vergangen!
Und doch weiß er genau: Das Leben hält sich nicht an Zeiten. Ohne Vorwarnung - von jetzt auf gleich - verändert es Welten, teilt Schläge aus, mit denen niemand rechnet.
Christians Gewissen hat eine Lösung gefunden. Das Geschehen in der Kapelle wird auf einen Satz reduziert. 'Die Sache mit Schmanski'.
Vier Worte, die sich sofort im Unterbewusstsein verankern, den erlebten Schreck, Angst und Zweifel verdrängen. Die Kunst des Verdrängens hilft dem Vierzigjährigen seit nunmehr achtundzwanzig Jahren das Leben zu meistern. Sie wird ihm auch jetzt helfen, die Zeit in Ahle zu überstehen. Kurz entschlossen nimmt er die Medaille aus seiner Jackentasche und legt sie ins Handschuhfach.
'An dieser Auszeichnung haftet ausschließlich meine Vergangenheit. Anne wird die Medaille nicht bekommen. Sie bringt kein Glück! Die Kleine hat alles Glück der Welt verdient. Mein Scheck wird es vielleicht unterstützen', überlegt Christian.
Er schaltet den Motor ab und steigt aus. Wie aus dem Nichts steht plötzlich jemand vor dem Wagen.
"Na, so was! Ist nicht möglich! Der junge Doktor! Endlich angekommen", sagt, bzw. lallt Ortwin Blenckers. "Ich glaub, Beate hat sich schon ein wenig Sorgen gemacht. Scholl ich dich hinbringen? Innen Saal, mein ich."
"Danke, Ortwin! Nett, dich zu sehen. Wie geht's denn so?"
"Willst das ehrlich wissen oder tuscht du nur so? Nee, lass mal Doktorchen. Brauscht nicht antworten. Ich glaub, ich geh jetzt nach Hause. Die Körner haben mich mal wieder geschafft. Du, wie schpät ist es denn? Wat, erst sechs? Mann, so schnell war für mich ein Polterabend noch nie zu Ende! Meine Alte wird sich freuen! Mach's gut, Doktor!"
Langsam schlurft Ortwin durch den Nebel davon.
Im Schankraum geht es hoch her. Raucher und Nichtraucher stehen in einvernehmlichem Miteinander vor der Theke. Einziges Gesprächsthema aller Beteiligten ist das Rauchverbot. Dass die Raucher sich eine Zigarette nach der anderen anzünden, stört niemanden. Nicht einmal die sonst beinahe militanten Nichtraucher. Während so einer interessanten Diskussion will sich niemand mit Kleinigkeiten aufhalten!
Beate geht an dem Menschenpulk vor der Theke vorbei und ruft fröhlich: "Puh, der blaue Nebel hier ist ja dichter als der weiße draußen, Leute!"
"He, Beate! Willst du nach dem jungen Doktor gucken?", ruft einer.
Beate nickt. In diesem Moment öffnet sich die Wirtshaustür.
"Mensch, Christian! Endlich!" Voller Freude und Erleichterung umarmt Beate ihren 'kleinen' Cousin.
Im Saal herrscht Hochstimmung. Junge wie Alte drehen sich zu Walzerklängen. Wie bei jeder Feier sorgen Paul und Josef Teckentrup für die Musik. Akkordeon und Geige. Klingt manchmal ein bisschen schräg, stört aber niemanden.
Anne fliegt ihrem 'Lieblingsverwandten' um den Hals und stellt ihm ihren Bräutigam vor. Christian ist angenehm überrascht. 'Netter Kerl dieser Martin Böckmann. Kein Wunder. Er gehört ja auch zum Böckmann-Clan, der früher in Ahle gewohnt hat', denkt Christian.
"Ist dein jüngster Onkel auch hier, Martin?"
"Klar doch! Eigentlich müsstet ihr euch begegnet sein. Willi wollte nur mal eben wohin, du weißt schon, Christian."
Anne zwinkert Christian zu und schnappt sich ihren Martin.
Viele wohlmeinende Augenpaare beobachten den Tanz der Brautleute.
"Hi, Medizinmann! Wie ist es denn so?"
Erfreut dreht Christian sich um und antwortet. "Hi, Rechtsverdreher! Und bei dir?"
"Geht wohl", erwidert Willi mit breitem Grinsen. Beate stimmt in das Gelächter der beiden Jugendfreunde ein. Bald lacht der ganze Saal, und keiner weiß so recht, weshalb.
Marie-Theres hat nichts gegen die Dauer-Unterhaltung ihres Mannes mit Christian. Sie steht auf und sagt fröhlich: "Quatscht ihr nur. Ich suche mir einen Tänzer. Wetten, dass ich gleich mehrere finde?"
Davon ist Christian überzeugt. Nachdenklich schaut er der hübschen, zierlichen Frau seines Freundes nach.
Wille lacht und sagt gelassen: "Keine Sorge, Christian. In solchen Situationen ist der Münsterländer davon überzeugt, dass ein gutes Schwein nie vergisst, wo sein Trog steht. Apropos Trog. Wo übernachtest du heute? Bei Beate. Hätte ich mir denken können. Morgen möchte ich dir etwas zeigen, Chris. Du erinnerst dich doch noch an meinen Onkel, Pfarrer Bernhard Böckmann? Stimmt. Wir haben tolle Zeiten mit ihm erlebt. Obwohl er schon ziemlich alt war als er nach Ahle kam, für uns Kinder und Jugendliche hat er sich verdammt viel Zeit genommen. Weiß du noch? Die untere Etage in seinem Haus? Bis auf einen Raum hat er sie den jungen Menschen aus Ahle überlassen. Spielhölle haben wir die Räume genannt. Spielautomaten, natürlich nur mit kostenlosen Chips zu bedienen. Und wir beide, Christian! Flipper und Kicker! Darin waren wir unschlagbar! Christi Himmelfahrt ist an das mit Onkels Hilfe erbaute Pfarrheim eine Gedenktafel angebracht worden. Hat er verdient! Trotzdem. Ist nicht besonders viel, was von so einem engagierten Menschen bleibt, meinst du nicht auch?"
Christian nickt. Für Sekunden drängt sich Schmanski in sein Bewusstsein.
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Eingereicht am 11. Februar 2008
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