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Die Katze
© Dorothee Labowsky
Umsichtige Leute pflegen selbst nach mäßigem Alkoholgenuss für die Heimfahrt ein Taxi zu nehmen. Und Umsichtig war Herr B. schon immer gewesen. So stieg er jetzt aus dem Taxi und schlug mit freundlichem Handgruß an den Fahrer die Wagentür zu. Dann sah er den Rücklichtern nach die sich, auf dem regennassen Asphalt blutrot spiegelnd, rasch entfernten. Er gähnte in seine hohle Hand und erstarrte. Da war etwas. Jemand beobachtete ihn. Er spürte die Kühle der fremden Blicke im Nacken wie einen Winterhauch.
So rasch es seine Müdigkeit zuließ, drehte er sich um, aber er konnte niemanden entdecken. Kein Mensch auf der nachtstillen Straße außer ihm. Nieselregentropfen warfen ein glitzerndes Netz über seine sorgsam gekämmten Haare. Die Hand mit dem Wechselgeld in der Hosentasche betrat er den Bürgersteig. Dann sah er die Katze. Im Licht der Straßenlaterne saß sie reglos da. Jeder seiner Bewegungen folgte sie mit ihren funkelnden grünen Augen. Er fröstelte. Er hörte die Katze leise schnurren, als wollte sie ihn in Trance singen. Sie hatte die Augen immer noch nicht von ihm abgewandt. Den Kopf hielt sie leicht schräg. Sie saß genau zwischen ihm und seiner Haustür. Er musste an ihr vorbei.
Wer hat denn schon Angst vor Katzen! Lächerlich!, rief er sich zur Ordnung. Er richtete sich auf, nahm die Schultern zurück und machte einen großen Schritt auf das Tier zu. Seine Schuhsohle klatschte aufs Gehwegpflaster. Die Katze blieb. Sie fauchte, sträubte ihr Nackenfell. Sie duckte sich und ließ ihre Eckzähne funkeln. Er blieb stehen. Einen Moment später schob sich die Katze, den Bauch an den Boden gedrückt, langsam, ganz langsam auf ihn zu.
Herr B. kniff die Augen zusammen. Er schüttelte den Kopf. Seine Frau war es, die Katzen liebte, er hatte sie immer gehasst. Und er wusste, warum. Katzen waren feige. Katzen griffen niemals Menschen an. Auch diese nicht. Bestimmt kam es ihm nur so vor, weil er nicht mehr ganz nüchtern war. Er hatte den Abend mit einer reizenden jungen Dame verbracht, deren Name ihm im Moment entfallen war, und dabei reichlich Rotwein getrunken.
Ja, es gab einen Grund zu feiern, den besten, den er sich denken konnte: Endlich war seine Frau beerdigt. Es hatte so lange gedauert, bis die Polizei ihren Leichnam zur Bestattung freigegeben hatte. Die ganze Zeit diese Angst, dass ihm die Beamten doch noch auf die Schliche kommen würden! Aber er hatte natürlich darauf geachtet, dass es keine Zeugen gab. Umsicht zahlt sich immer aus.
Er hatte ja auch keine andere Wahl gehabt! Wie hatte ihn seine Frau zuletzt abgestoßen! In ihren Augen war er immer ein Nichts gewesen. Wie sie immer den Kopf leicht schräg hielt und ihn mit spöttisch herabgezogenen Mundwinkeln ansah, wenn er ihr erzählte, er würde in seiner Firma bald befördert. Jedes Mal! Nur noch wegen dieses blöden Ehevertrages war er bei ihr geblieben - bei einer Scheidung hätte doch alles ihr gehört.
Und dann hatte sie ihm immer Vorwürfe gemacht wegen des Autounfalls, bei dem sie sich diese Narbe im Gesicht zugezogen hatte. Als wenn alles seine Schuld gewesen wäre, nur weil er einen winzigen Moment am Steuer eingenickt war! Der Andere hätte doch bremsen können, wenn ihm ein Wagen auf seiner Spur entgegenkommt! Er selbst war eben nicht ganz auf der Höhe, dafür muss man doch Verständnis haben. Welcher echte Mann lässt schon seine Frau fahren, nur weil er eine einzige Nacht über nicht zum Schlafen kam. Seine neue Freundin, die würde immer nur ihn am Steuer wollen. Darauf würde er achten.
Er hatte eine Verständnisvollere verdient. Eine Hübschere. Nicht wie seine Frau mit der hässlichen Narbe quer durch die Oberlippe.
Er war nämlich kein Nichts, so geschickt, wie er seine Frau aus dem Weg geschafft hatte. Einfach im richtigen Moment vor ein Auto gestoßen! Perfekt! Das war schon einen guten Rotwein wert.
Da war etwas zu seinen Füßen. Schnurrte wieder. Die Katze war ganz nah. Kauerte im Schatten unmittelbar vor ihm. Bewegte sich nicht mehr, sondern sah ihn nur an. Sie wartete noch. Ihre grünfunkelnden Augen fesselten seinen Blick und riefen die Angst, mit schneekalten Fingern seinen Nacken empor zu kriechen. Dann stand sie auf. Erschrocken taumelte er einen Schritt rückwärts. Versuchte nach ihr zu treten. Sie duckte sich, fauchte und krallte nach seinem Schuh. Wieder ein Schritt zurück. Er schwankte. Die Katze spannte sich. Sie schrie, als sie hoch in sein Gesicht sprang. Er wollte ausweichen, ruderte mit den Armen. Der Alkohol lähmte ihn. Er stürzte die Bordsteinkante hinab und fiel rücklings auf die Straße. Die Katze setzte ihm nach und zog ihre Krallen quer durch sein Gesicht. Er schmeckte Blut auf seiner Lippe. Gerade als er sich über die hässliche Narbe in der Oberlippe der Katze zu wundern begann, sah er zwei Scheinwerfer rasch, sehr rasch näher kommen. Bremsen kreischten. Die nasse Straße bot keinen Halt. Der Aufprall der riesigen gefurchten LKW-Reifen war fast schmerzlos. Alles war dunkel. Dass ihn der LKW-Fahrer, der sofort nach dem Unfall erste Hilfe leisten wollte, auf die Seite drehte, merkte er schon nicht mehr.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite aber saß eine schwarze Katze und leckte sich sorgfältig die blutigen Pfoten.
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Eingereicht am 23. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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