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Mein Tiertag

© Miriam Müller


Ich wache morgens in unserem Ferienhaus auf und über mir hängt eine Spinne an der Wand. Augenblicklich werde auch ich zur Spinne und krabbele aus dem Bett heraus und in die Küche, wo Mama, Papa und meine Schwester Lena schon beim Frühstück sitzen. Papa sagt, ich solle die Pantoffeln anziehen. Aber wo soll ich acht passenede Pantoffeln finden? Ich ziehe meine beiden eigenen an die Füße und ein paar Stoppersocken an die Hände. Ich habe nur vier Beine, eigentlich merkwürdig für eine Spinne. Bestimmt bin ich gestern schon LenA in die Finger geraten. Den Spinnen, mit denen sie spielt, fehlen nachher immer ein paar Beine. Bei mir sind es sogar vier, das macht mich unglaublich wütend. Ich krabbele auf meinen verbliebenen vier Beinen mit letzter Kraft zum Tisch und trete Lena gegen das Schienbein. Das hat sie nun davon - mir so etwas anzutun. Mama und Papa sind natürlich auf ihrer Seite. Was sie mir und meinen Verwandten angetan hat, interessiert mal wieder keinen. Jetzt muss die Spinne jedenfalls erst mal so tun, als ob sie ein Junge sei: gerade am Tisch sitzen, ein Brot essen und so was. Ein Glück, dass die Spinne sich so perfekt verstellen kann. Es scheint tatsächlich niemand zu bemerken, dass eine Spinne am Frühstückstisch sitzt, sonst gäbe es doch bestimmt einen Tumult und sie würden mich raussetzen.
Nach dem Frühstück krabbele ich in den Garten hinaus, wo mein Arbeitsplatz ist. Ich arbeite nämlich als Windrad. Hier in Dänemark gibt es viele solcher Strompropeller. Es ist kein einfacher Job. Ich muss immer gleichmäßig mit den Armen kreisen, bei viel Wind schnell, bei wenig Wind langsam. Das erfordert höchste Konzentration. Da darf einen keine blöde kleine Schwester stören. Aber das versteht sie nicht. Schon gibt es wieder Krach. Schnell werde ich zur Grille und hüpfe übers Gras davon. Lena will auch eine Grille sein. Meinetwegen. Wir hüpfen zusammen durch die Dünen und das Schilf. Sehr lange. Plötzlich habe ich einen Riesenhunger. Ich jaule laut den blassen Mond an und schleiche als Wolf zurück in den Garten, wo Papa grillt. Der Wolf nimmt die Fährte auf, die ihn direkt zum kleinen Tisch neben dem Grill führt. Der Wolf hält die Nase in den Wind, peilt die Lage und schnappt sich dann blitzschnell ein rohes Kotelett vom Tisch und schleift es im Rückwärtslauf über den Rasen. Papa brüllt den armen hungrigen Wolf an, entreißt ihm das Kotelett und befreit es vom Gras. Dann schickt er den Wolf die kleine Grille suchen. Soll das etwa der Ersatz für das Kotelett sein, eine Grille? Also Papa hat wirklich keine Ahnung von Wölfen, die fressen doch keine Grillen! Aber Papa ist nun mal der Papa, und so gehe ich Lena suchen. Sie liegt schlafend in den Dünen. Ich wecke Sie und wir gehen zusammen zum Mittagessen. Danach geht's ab zum Strand. Da ist ja superviel Seegras angeschwemmt worden. Sofort merke ich, wie ich schrumpfe und schneller als Lena piep sagen kann, bin ich in einen Marienkäfer verwandelt. Ich bin ein dicker Marienkäfer und muss gründlich, sehr gründlich, das Seegras nach Essbarem absuchen. Auf einmal kommt Papa - wie hat er mich so schnell entdecken können? - und fragt, ob ich mit ins Wasser will. Manchmal ist er doch zu komisch. Was soll denn ein Marienkäfer im Meer?! Aber ich beschließe, dass ich ja mal ein Füßchen in die Wellen halten kann und fliege mit. Kaum ist das Füßchen im kalten Wasser, verwandele ich mich in einen Eisbären, und Papa auch. Wir tollen im Wasser herum und schütteln uns das eiskalte Wasser aus dem Fell. Das macht Spaß. Doch was ist das? Auf einmal bin ich kleines nasses Vögelchen, das mit ganz kleinen Schritten an Land trippelt und sich in der Sonne aufwärmen muss. Nach ein paar Minuten in der Sonne gewinnt der Eisbär wieder die Oberhand, und ich stürze mich wieder in die Fluten. Dann bin ich wieder das kleine zitternde Vögelchen, dann wieder der Eisbär, das Vögelchen, der Eisbär, und schließlich wird das Vögelchen von Mama in den Handtuchkäfig gesperrt und kann kein Eisbär mehr werden.
Wieder im Ferienhaus angekommen, bin ich ein Feldhase, der im Garten in alle Ecken hoppelt und auf dem Gras herumkaut. Lena darf mich ein bisschen streicheln und mir eine Möhre geben. Zum Abendbrot muss ich mich kurzzeitig in einen Jungen verwandeln, um unter der Dusche direkt zu einer Robbe zu werden. Mama ist genervt von meinem Geschnaufe und Gepruste, aber dann darf sie sich eben keine Robbe im Bad halten. So was weiß man doch vorher. Dann gehe ich ins Bett. Als echter Hamster wühle ich mich natürlich einmal vom Kopfende zum Fußende durch die Decken und wieder zurück, krame unter dem Kissen zwei Kekse aus meinem Vorrat hervor und knabbere sie mit meinen zwei Nagezähnen. Das krümelt furchtbar. Aber was soll ich machen? Ich bin ja nur ein kleiner Hamster und sooo müde.



Eingereicht am 24. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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