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Unsterblichkeit im Gedächtnis der Nachwelt III. - Schon wieder ein Prosaisches Dramolett© Markus Kügle
DRAMATIS PERSONAE:
AKT III. - Der Tragödie dritter Teil
"Na, gut...", lässt der Dichter vernehmen. Er versteht zwar, was sie sagt, aber leider nicht, was sie meint. "Alles schön und gut. Aaaber..." Kalliope sieht ihn an und zieht ihre Augenbrauen nach oben.
"Aber...?", will sie wissen. "Was für ein 'Aber'?"
"Wo soll ich denn bloß einen passenden Protagonisten hernehmen?", mault Herostratos. Die Muse verdreht die Augen.
"Nimm halt einen aus der Mythologie! Da laufen sie doch massenhaft drin rum!"
Und richtig! Die griechische Mythologie ist mit ihren Göttern, Halbgöttern und solchen, die es gerne wären, eine wahre Fundgrube für Dramendichter, denen es so an der richtigen Inspiration fehlt. Da wären zum Beispiel: Herakles. Und Theseus. Und Perseus. Und Ödipus. Und Hektor. Und Orest. Und Agamemnon. Und Telemachos. Und. Und. Und...
"Ja, aber ...", wirft Herostratos an dieser Stelle ein. "Das wäre ja Diebstahl von geistigem Eigentum! Ich kann doch nicht so einfach irgendwas Bekanntes klauen!"
Da schüttelt Kalliope den Kopf. Und lächelt auch noch dabei.
"Halt' dich an tradierte Stoffe, aber hüte dich vor sklavischer Nachahmung!" (Später hat es ein gewisser Horaz genau so gesehen) Herostratos versinkt in tiefes Schweigen. Er denkt angestrengt nach. Leider muss er dann, nach einer halben Ewigkeit, zu seinem Entsetzen erkennen: Die anderen griechischen Schriftsteller haben schon sehr gewildert! Es ist fast keiner mehr da, über den noch nichts geschrieben worden ist!
"Wie heißt gleich wieder der eine Kerl da?", fängt er schließlich wieder an zu reden. Kalliope, die beinahe eingeschlafen wäre, wird aus ihren Gedanken gerissen.
"Hm?"
"Der, der in der Unterwelt seinen Stein durch die Gegend schieben muss?"
Herostratos legt seine Stirn in Falten.
"Syphillis?"
"Nee, ..." Kalliope muss überlegen. Dann: "Sisyphos! Der Kerl heißt Sisyphos!!"
"Gut!", verkündet Herostratos stolz. "Wenn das so ist, dann ist der da mein Protagonist!!"
"Na, gut!", spricht Kalliope mit herzlich wenig Begeisterung. "Wenn es sein muss,..."
Nachdem das dann soweit geklärt ist, wäre es ratsam, wenn man seine ersten Gedanken einigermaßen ordentlich auf ein Stück Pergament bringt. Ein grobes Konzept, um bei der weiteren Arbeit die Übersicht zu behalten. Mehr muss es nicht sein.
"Und was sollte dort ganz oben stehen?", erkundigt sich der Depressive Dichter.
Der Arbeitstitel! Da steht zumindest mal schon oben auf dem Blatt was drauf. Dann ist es auch nicht mehr sooo leer. Hat in erster Linie einen psychologischen Effekt. Dient zur Motivation! Und man kann das Kind beim Namen nennen!
"Sisyphossee?", kommt von Herostratos der Vorschlag.
"So wie Odyssee?" Kalliope zieht spöttisch die Augenbrauen nach oben. So wie sie jetzt guckt, gefällt ihr der Arbeitstitel überhaupt nicht. "Nicht sehr einfallsreich."
"Oder Sisyphostie?", startet Herostratos einen zweiten Versuch.
"So wie die Orestie?"
Herostratos nickt und schaut seine Muse gespannt an. Er erwartet Beifall. Den kriegt er aber nicht. Kalliope überlegt angestrengt...
"Ja! Oder: Warte mal!" Sie weiß nicht, wie sie sich am besten ausdrücken soll. "Nee, ist nicht unbedingt nötig. Die meisten deiner Kollegen sind da nicht so einfallsreich. Der Name der Hauptperson reicht meistens völlig für den Titel aus *****"
Also? Was tun?? Herostratos, der Depressive Dichter kritzelt 'Sisyphos' in die erste Zeile seines neuen Blatt Pergaments.
Der nächste Schritt ist die Auseinandersetzung mit dem Thema. In diesem Fall ist es auch glücklicherweise gar nicht so schwer. Es liegt quasi auf der Hand. Das ist also dieser Sisyphos. Und er hat sich mit den Göttern angelegt. Und dafür ist er bestraft worden. Also? Was ist das Thema? Die Moral von der Geschichte??
Hart ist die Strafe der Götter! Oder?
Als nächstes...", doziert Kalliope, nachdem sie diesen Antrag angenommen hat. "... musst du dir über dein 'Schoh-Rä' im Klaren sein!"
Das bringt Herostratos dazu, einen Gesichtsausdruck aufzusetzen, der in etwa so aussieht, wie der einer kalbenden Kuh.
"Wie bitte? Was war das? Was soll ich?"
"Du musst dich entscheiden, ob dein Stück eine Tragödie sein soll.", erklärt ihm Kalliope. "Oder doch lieber Komödie?"
"Ach so."
Da ist guter Rat teuer. Da haben wir sie wieder: Die Qual der Wahl. Immer diese verflixten Entscheidungen. Herostratos beginnt zu überlegen. Und je mehr Gedanken er sich macht, umso unsicherer wird er. Manchmal ist es ratsam, gar nicht zuuu viel zu denken. Ein gewisses Maß an Intuition und Bauchgefühl sollte ein Künstler schon haben. Und darauf vertrauen (können).
"Also gut!", unterbricht Kalliope schließlich das ergebnislose Hirnzermartern von Herostratos. "Du schreibst ganz einfach eine Tragödie!" Die ganze Situation geht ihr langsam, aber sicher an die Nerven.
"Nicht doch lieber eine Komödie?", will der unsichere Dichter wissen.
"Und wenn schon...", tut die Muse diesen lahmen Einwurf ab. "Jede gute Komödie ist im Grunde eine Tragödie. Das passt schon."
Herostratos schreibt 'Eine Tragödie' unter seinen Titel. Als das geschafft ist, atmet Kalliope hörbar auf.
"Und dann können wir auch schon zum Ende kommen!" Ihre Stimme klingt stark nach Erleichterung. "Das Ende. Das musst du wissen, damit du weißt, wo du hin schreibst! Es ist das Ziel!"
"Das ist leicht!", gibt Herostratos von sich. Er ist froh, zur Abwechslung mal etwas zu wissen. "Das ist, wenn Sisyphos in der Unterwelt ist!"
"Gut!" Kalliope strahlt. "Dann schreib's gleich auf!"
Langsam, aber sicher wird es Zeit für die Struktur. Die dramaturgische Struktur der Handlung. Die beginnt mit dem Prolog.
"Schreib' dir das gefälligst auf!", kommandiert die Muse. Sie will jetzt endlich zu einem Ende kommen. "P-R-O-L-O-G-O-S!"
Herostratos kritzelt es eifrig hin.
"Um wen, oder was es hier überhaupt geht!", diktiert ihm die Muse als nächste Überschrift.
"Und dann..."
"Ja? Und dann??"
"Das solltest du langsam wissen.", erklärt die Müde Muse dem Depressiven Dichter.
"Aha." Unglücklicherweise weiß er es nicht. Calliope steht auf, stellt sich hinter Herostratos und beginnt, ihm die Schultern zu massieren. Dabei fällt ihr auf, wie verkrampft und angespannt er ist.
"Wir beginnen ...", spricht sie. "Mit einem Prolog im Himmel." Herostratos Gänsefeder kratzt über das Pergament.
Der Rat der Götter ist auf dem heiligen Berg Olymp zusammen gekommen. Und sie sprechen über Sisyphos.
"Das ist gut!", ruft der Depressive Dichter aus. "So ähnlich hat die Odyssee auch angefangen!" Calliope lächelt milde. Niemand weiß das so gut, wie sie.
"Und dann? Wie geht's weiter?"
"Weißt du das nicht??"
Herostratos schüttelte den Kopf. "Nein!", sagt er. Calliope verdreht die Augen.
Also: Zur Allgemeinen Aufklärung: Für alle, die es noch nichts wussten: Der Legende nach hat es Sisiyphos zweimal fertig gebracht, den Tod zu überlisten. Er wollte nicht sterben. Und hätte es beinahe geschafft. Deswegen hat er den Zorn der Götter auf sich gezogen. Weil er ihre Allmacht in Frage gestellt und sie lächerlich gemacht hat. Darum wurde er auch so hart bestraft.
"Gut!" Der Depressive Dichter nickt verständnisvoll. "Und was soll ich jetzt hinschreiben?"
"Jetzt hör' mir mal gut zu!" So geht das auch wieder nicht! Ich bin eine Muse und kein Ghostwriter. Ich soll dich inspirieren... Und nicht dir dein Stück schreiben!!"
"Ja, aber..."
"Kein Aber!", unterbricht die Müde Muse ihren Klienten. Mittlerweile ist sie schon ziemlich genervt. "Wenn du nicht mitarbeitest, kann ich dir gar nicht helfen!!"
"Aber ...", stottert Herostratos. "Ich weiß doch nicht, was ich da machen soll!"
"Dann bist du kein Dichter! Und wenn du kein Dichter bist, dann kann ich dir auch nicht helfen!!"
"Wer kann mir dann helfen?"
"In diesem Fall: Keiner!"
Calliope dreht sich um und will gehen. Das ist ihr jetzt alles zu blöd. Zu unproduktiv. Herostratos springt auf. Verzweiflung sorgt bei ihm für erhöhten Pulsschlag.
"Halt!", schreit er. "Bleib' gefälligst da!" Aber das will die Muse nicht (tun). Sie ist schon an der Tür, als Bewegung in den Dichter kommt. Er springt auf. Und um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, hechtet er ihr nach. Dann packt er sie ziemlich grob am Arm. Und zerrt sie an den Schreibtisch zurück. "Au!", kreischt Calliope. "Du tust mir weh!!"
"Dann stell' dich nicht so an!", brüllt Herostratos. "Hilf' mir, das da fertig zu machen!!"
"Nein!" So funktioniert das nicht. Mit Zwang und Druck kommt man(n) bei den Frauen nicht weit. Da ist dann eher das Gegenteil der Fall. Calliope reißt sich wütend los. Ihre Augen sprühen Funken.
"Mach' deinen Scheißdreck doch alleine!", zischt sie ihn an. Calliope ist erzürnt, aufs tiefste in ihrem Stolz verletzt und in ihrer Ehre gekränkt. Die Muse verlässt den Dichter und soll niemals mehr zurück kommen. Die Tür fällt hinter ihr krachend ins Schloß. Das war es dann.
Herostratos erhebt sich wieder aus seinem Alk-Traum. Er sieht sich um. Er ist allein. Niemand da. Und auf seinen Aufzeichnungen steht: Der Arbeitstitel. Das Thema. Das 'Schoh-Rä'. Und: Der P-R-O-L-O-G-O-S im Himmel. Mehr nicht. Und Herostratos hat immer noch, oder schon wieder, keine Ahnung, wie es weitergehen soll.
Das ist schlimm. Schlimmer als alles andere. Für einen Dichter das Schlimmste und Schrecklichste, was es im Leben nur geben kann. Sogar schlimmer, als von den Kiefern eines Krokodils kastriert zu werden, so wie einst ...
Herostratos überlegt kurz. Ihm fällt der Name dieses armen Kerls nicht mehr ein, dem das passiert sein sollte. Aber, ... Na ja, ist ja auch egal. Vielleicht ist es bei näherer Betrachtung auch nicht ganz sooo schlimm und schrecklich. Nicht im Sinne von körperlichen Schmerzen. Aber was die seelischen Qualen angeht, dürfte es in etwa hinkommen. So, oder ähnlich...
"Alles klar!", spricht Herostratos dann zu sich selbst, weil kein anderer und vor allem, keine andere mehr da ist. "So wie die Sache aussieht, wird das nichts mehr mit meiner großen Karriere als Dichter..."
Das war's dann wohl mit der schönen Idee von der "Unsterblichkeit im Gedächtnis der Nachwelt". Natürlich könnte man es noch probieren, nicht durch seine Werke unsterblich zu werden, sondern einfach "nur" durch die Tatsache, dass man nicht stirbt. (Frei nach einem gewissen Woody Allen, der sich "ernsthaft" darüber Gedanken macht, auf diese Weise unsterblich zu werden.) Aber: Alle bisherigen Ergebnisse von derartigen Versuchen sehen eher mau aus.
"Dann muss ich mir eben etwas anderes einfallen lassen, um unsterblich zu werden.", kommentiert Herostratos zynisch, als er seine Entwürfe verbrennt. "Wenn ich keine Anerkennung kriegen kann, dann will ich zumindest Aufmerksamkeit!"
Ein Zyniker ist bekanntlich "Nur" ein depressiver Idealist. Ein Idealist, der enttäuscht wurde....
EPILOGOS:
Ein paar Tage später brannte der große und herrliche Tempel der Artemis in Ephesus ab. Für alle, die es nicht wussten: Das Gebäude galt als eines der sieben Weltwunder der Antike. Und warum ging das Ding in Flammen auf? Es wurde angezündet! Von wem? Von Herostratos. Und: Warum? Er wollte berühmt werden. Aufmerksamkeit haben! Unsterblichkeit im Gedächtnis der Nachwelt und so...
Das war damals. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert. Und die Umstände. Aber die Grundproblematik ist dieselbe geblieben. Denn: Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ein gescheiterter Künstler versucht, sich anderweitig Aufmerksamkeit zu verschaffen!
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