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Eingereicht am
06. Oktober 2007

Alle unsere Schuhe

© Ingrid Fölsl

Wechseln Sie die Schuhe und Ihr Leben wird sich ändern!

Solange Frauen Schuhe tragen, die der anatomischen Form des menschlichen Fußes nicht entsprechen, sind wir armen Füße die Leidtragenden. Wir will es schon stundenlang mit abgeknicktem Vorderfuß und hoch gezogener Ferse aushalten? Wir träumen nicht von Schuhen, die "einen schlanken Fuß" machen, sondern von Halbschuhen mit flachem Absatz. Diese Annehmlichkeit des Lebens genießen wir seit kurzem auch, nachdem wir alle Höhen und Tiefen, denen wir Füße ausgesetzt sein können, erlebt haben.

Wir wollen mit der Kindheit beginnen, jener Zeit, als der alljährliche Schuhkauf noch ein Ritual war; es begann mit der Feststellung, dass die Füße schon wieder gewachsen waren, führte zum feierlichen Besuch unseres Lieblingsschuhgeschäftes und wurde - als Lohn für so viel kindliche Geduld - mit dem Besuch eines Fast-Food-Restaurants beendet, in dem es ein Getränk gab, nach dessen Genuss das Kind glaubte fliegen zu können: Cola. Schuhe wurden natürlich auch gekauft: Vernünftige, bequeme, sorgfältig ausgewählte Markenschuhe. Gern hörten wir die Geschichte vom Schuhkauf in früherer Zeit: Das Wichtigste war, dass man die Schuhe auf Zuwachs kaufte, denn zu klein werden durften sie nicht so schnell. Um sicher zu gehen, wurde der Fuß "durchleuchtet"; im Schuhgeschäft stand wahrhaftig ein Röntgenapparat, in den man die zarten Kinderfüße samt neuem Schuh steckte und dann wie durch eine Zauberbrille das Fußskelett im Schuh sah. Zum Glück bleibt uns Füßen heutzutage diese schauerliche Prozedur erspart!

Nie werden wir die Zeit vergessen, in der eine besondere Art von Schuhen eine Rolle spielte: die Ballettschuhe! Als wir sie das erste Mal sahen, ahnten wir nichts Böses und fanden sie ganz hübsch mit ihrem seidenweichen, glänzenden Äußeren. Aber innen waren sie hart wie Stahl - und dann wurde auch noch verlangt, dass wir uns, obwohl von der Natur eindeutig für das horizontale Aufsetzen vorgesehen, in die Vertikale erheben sollten! Einige Monate machten wir diese Verrenkungen mit, wobei unser einziger Trost die schöne Musik war, zu der wir uns bewegen sollten; zeitweilig vergaßen wir durch den Zauber der Töne sogar die Unbequemlichkeit, der wir ausgesetzt waren. Wenn wir dann müde und strapaziert den Heimweg antraten, begannen wir wieder zu hoffen, dass auch dieses künstlerische Intermezzo nicht von langer Dauer sein würde.

Und so war es, glücklicherweise entdeckte unsere Herrin ihre Liebe zur Malerei, einer Kunst, die wir mit Begeisterung unterstützen, stellt sie doch an die Füße wenig Ansprüche. Unsere besten Freunde waren die Turnschuhe, allerdings lernten wir auch hier Arten der Fortbewegung kennen, auf die wir gerne verzichtet hätten: die Leichtathletik war mit Vorsicht zu genießen. Sobald in der Schule Sportunterricht angesagt war, warteten wir misstrauisch, was wohl dieses Mal wieder von uns verlangt würde. Da gab es zum Beispiel Weitsprung: nach vorne fliegen, um dann hart in der Grube aufzusetzen; wir fanden es ziemlich sinnlos.

Es kam aber noch besser: Plötzlich sollten wir nach kurzem, schnellen Anlauf hoch in die Luft steigen, über eine Latte schweben, um dann, weil wir leider nicht über Fähigkeiten von Vögeln oder Flugzeugen verfügen, mit dumpfem Aufprall auf einer Matte zu landen. Je höher der Aufstieg, desto tiefer (und härter) der Fall. Ganz lustig fanden wir zunächst die so genannten Ballsportarten, wurden doch die Füße hauptsächlich zum Rennen benutzt; als wir jedoch immer öfter ein paar rüde Tritte abbekamen, nur weil ein Ball über ein Netz oder in einen Korb befördert werden sollte, änderten wir unsere Meinung. Eines Tages sahen wir sogar Menschen, die mit ihren Füßen nach dem Ball traten; sicher würde der Trainer diese Gemeinheit gleich unterbinden, aber zu unserem Erstaunen feuerte er dieses Balltreten sogar noch an.

Glücklicherweise wurde diese seltsame Sportart anscheinend hauptsächlich von männlichen Wesen ausgeübt, so blieb uns ohnehin stressgeplagten Mädchenfüßen wenigstens das erspart.

Mit dem Status des Erwachsenwerdens wurde die zweifelhafte Freiheit genutzt, Schuhe ausschließlich nach modischen Gesichtspunkten auszuwählen. Wir hassten sie allesamt und gaben uns keine Mühe, unser Unbehagen zu verbergen, ja sogar, durch Druckstellen auf unsere missliche Lage aufmerksam zu machen. Dann kam der Umschwung: Wer lieber auf die Berge als in Tanzlokale geht, braucht Wanderschuhe: Bequeme wetterfeste Stiefel, mit denen man den steinigen Untergrund nicht spürt, wurden unsere Freunde. Also endlich Ruhe für die Füße? Die nächste Herausforderung für unsere Belastbarkeit lauerte ausgerechnet im Sport: Skistiefel, leider längst nicht so komfortabel wie Wanderschuhe, zwängten uns arme Füße in eine strenge Form. Welch ein Glück, wenn sie abends nach einem langen Skitag ausgezogen wurden! So richtig zufrieden waren wir nie, wenn wir, fest eingepasst in hohe Stiefel, den ganzen Tag auch noch den Skiern die Richtung geben sollten. Wir rächten uns damit, dass wir langsam immer kälter wurden, bis unsere Herrin fast kein Gefühl mehr spürte. Geschah ihr doch recht, wenn sie bei eisiger Kälte stundenlang am Lift anstand und die armen Zehen sich danach sehnten, endlich wieder bewegt zu werden. Der einzige Schwung, den wir schätzten, war der Einkehrschwung, denn dort in der warmen Skihütte kündigte ein heftiges Klacken der Schnallen das zeitweise Öffnen der Skischuhe und damit ein bisschen Erleichterung für uns an.

Am liebsten haben wir natürlich - gar keine Schuhe! Am Strand, im weichen warmen Sand, fühlen wir uns so richtig wohl. Und der Gipfel des Behagens ist erreicht, wenn uns das warme Wasser des Mittelmeers oder wenigstens eines Badesees umspült. Wir kennen dieses Wohlbehagen schon aus der Badewanne, wo wir uns in heißem Wasser so richtig entspannen können und anschließend noch mit einem Balsam verwöhnt werden - das ist wahres Glück!

Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass wir uns umso wohler fühlen, je leichter die Schuhe sind, die uns umgeben. Wir erinnern uns mit Schaudern an einen glühend heißen Tag in Budapest, an dem wir von morgens bis zum späten Abend durch diese große Stadt wanderten. Wir hörten noch, wie vorher Turnschuhe für dieses Unternehmen empfohlen wurden und waren einigermaßen zuversichtlich. Aber nein, weil sie so gut zum Sommerkleid passten, wurden Sandalen ausgewählt, ein Nichts von einem Schuh, bestehend aus einer dünnen Sohle und ein paar Riemchen.

Schon nach der ersten Stunde war klar, dass es eine Tortur werden würde. Aber es gab kein Zurück - wir mussten es zehn Stunden lang ertragen. Oh, wie sehnten wir uns nach einem erfrischenden Bad - oder wenigstens nach geeigneteren Schuhen! Nachdem wir endlich im Hotelzimmer angekommen waren, stürzten wir uns begeistert in die Badewanne und wären am liebsten nie mehr heraus gestiegen.

Nach dieser Erfahrung hofften wir, dass es besser würde, zumindest wurde dies hoch und heilig versichert. Allerdings hatten wir uns zu früh gefreut, denn es gibt ja so viele Möglichkeiten, seine Füße zu malträtieren. Wir glaubten, nicht recht zu hören, als über Absatzhöhen von 6, 8 oder gar 12 cm diskutiert wurde. Wir schworen uns, diese Torheit auf keinen Fall mitzumachen. Aber obwohl wir uns am Anfang aufs Stolpern verlegten, war unsere Herrin doch geschickt genug, bald elegant und sicher auf 6 cm hohen Absätzen zu gehen. Ja, wenn es nur kurze Strecken gewesen wären, aber die Wege wurden immer länger. Wir machten uns durch Hühneraugen bemerkbar, schließlich wurden die armen Zehen an ihrer empfindlichsten Stelle mit dem gesamten Körpergewicht belastet, aber leider verfügen wir über keine hörbare Stimme, mit der wir unseren Wünschen Ausdruck verleihen können. Wenn unsere Herrin in den Spiegel sah und ihre Pumps hin und her drehte, hätten wir ihr gerne gesagt, dass sie ohnehin schon groß genug gewachsen war. Als wir dann wieder mit ihr durch die Stadt marschierten, sahen wir allerdings unglaubliche Dinge, die uns klar machten, dass uns noch vieles erspart geblieben war: Andere Füße mussten auf hohen dicken Sohlen steif und unbeweglich einher gehen - Plateausohlen nannte unsere Herrin das bewundernd. Als sie einen schrecklichen Augenblick lang laut darüber nachdachte, ob so etwas auch für sie geeignet wäre, verweigerten wir ihr beim Passieren eines Rinnsteins flugs den Dienst, so dass sie beinahe gestolpert wäre, wenn nicht ein fremder Herr sie geistesgegenwärtig aufgefangen hätte. Darüber waren wir ganz froh, denn wir wollten natürlich keinen verstauchten Knöchel riskieren. Verwundert waren wir allerdings über die Art der Fußbekleidung des Retters:

Plateausohlen für Männerschuhe. Wenn es möglich gewesen wäre, hätten wir die dazu gehörenden Männerfüße ausgelacht. Auch die Blicke unserer Herrin, die der männlichen Fußbekleidung galten, waren nicht sehr schmeichelhaft. Wir hatten das Gefühl, dass diese Torheit damit aus dem Rennen war.

Wirklich glücklich sind wir jetzt, nachdem unsere Trägerin (haben wir schon erwähnt, dass sie bildhübsch ist?) eines Tages in einem weißen Kleid mit (hohen!) weißen Schuhen in die Kirche ging, um mit einem Mann vor den Altar zu treten. Wir müssen gestehen, dass uns seine Schuhe sofort begeistert haben, auch wenn sie ziemlich groß sind: Sehr bequem aussehende, glänzende Halbschuhe, auf denen ihr Träger offenbar sicher durchs Leben schreitet. Wir waren ihnen schon öfter begegnet, von unserer Seite war es Liebe auf den ersten Blick. Wir wussten sofort, dass mit diesen wunderbaren Schuhen Ruhe in unser Leben einkehren würde, zumal nach der Hochzeit (so nannten sie das Erlebnis in der Kirche!) der Trend eindeutig zu bequemeren Schuhen ging, wie wir sie uns schon immer gewünscht hatten. Allerdings bemerkten wir nach einiger Zeit, dass unsere Herrin zunehmend schwerer wurde, einige Kilos hatte sie schon zugenommen, was auch wir zu spüren bekamen. Es war uns gar nicht aufgefallen, dass sie jetzt mehr essen würde, obwohl ihr Mann neulich abends sehr spät noch zur Tankstelle geschickt wurde, um Essiggurken zu besorgen, nach denen es unserer Herrin dringend gelüstete. Ob es nun an den sauren Gurken lag oder an etwas anderem, es wurde davon gesprochen, dass das "freudige Ereignis" unmittelbar bevorstand. Und tatsächlich war unsere Herrin bald darauf wieder rank und schlank wie zuvor, wir steckten meist in sehr bequemen Schuhen und, halten Sie sich fest, die Ursache ihrer Gewichtszu- und -abnahme war ein kleiner Mensch gewesen, der jetzt strampelnd in ihren Armen lag.

Wir haben uns sofort in seine winzigen zarten Füße verliebt, von denen jeder mit fünf rosigen Zehen und fünf winzigen Zehennägeln ausgestattet ist. Da wurde uns klar, dass wir auch einmal so ausgesehen haben mussten. Am liebsten hätten wir dem kleinen Wesen zugerufen: Sei gut zu deinen Füßen, du brauchst sie noch lange!

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