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Das Ostblock-Auto

© Tommy Lachmann


Ein Traumauto war es nicht. Höchstens preisgünstig war er, der Wagen, aber das zählt schließlich auch. Der Wagen hatte vier Türen, vier Sitze, vier Räder und ein Lenkrad. Gaspedal, Kupplung, Bremse und Beleuchtung waren inklusive, aber viel mehr hatte dieses Modell aus den Ostblockländern nicht zu bieten. Er war funkelnagelneu, versteht sich und wenn der Wagen auf dem Parkplatz stand, sah er blendend aus. Deshalb hatte ich ihn vertrauensvoll gekauft.
Nur wenn er nicht stand war das so eine Sache, dann nämlich sollte er fahren, aber das wusste er offenbar nicht. Das, was er tat wenn er nicht stand, konnte man eigentlich mit "fahren" nicht bezeichnen.
"Wo hast du denn dieses Benzin getankt?", fragte mich ein Kollege, den ich mitgenommen hatte. - "Welches Benzin?", fragte ich erstaunt. - "Na dieses Känguruh-Benzin", lachte er fröhlich, "weil dein Auto so hüpft, oder fahren wir gerade auf der "Wellingtonstreet?"" Ich wusste genau was er meinte, denn ich war mir vom ersten Tag an mit diesem Auto wie ein Reiter vorgekommen. Schon während der Probefahrt waren wir regelrecht durch die Gegend gallopiert. Das aber störte mich kaum, denn ich hatte nichts gegen das Reiten, weil ich Pferde mag und mein Auto hatte im Gegensatz zu einem Pferd sogar noch ein Dach über dem Kopf. Dass es auch wesentlich mehr Pferdestärken als ein echtes Pferd besaß, war ein weiterer positiver Aspekt. Was also wollte ich mehr?
"Es ist doch logisch, dass dieser Ostblock-Wagen nicht an den westeuropäischen Standard heranreicht," hatte mir der Autohändler Meudler vertraulich ins Ohr geflüstert, "aber die da drüben fahren doch auch. Und bei diesem Preis! Was erwarten Sie denn?" Nun, ich erwartete, dass der Wagen fuhr, mehr nicht. Ob er an irgendeinen Standard heranreichte oder nicht, war mir völlig wurscht, denn ich bin kein Autofreak. Außerdem schluckte er nur knapp 6 Liter auf 100 Kmh.
Aber über das Pflaster sprang er schon zwei Tage später nicht mehr. Der Wagen sprang noch nicht einmal mehr an. Der Schlüssel drehte sich wie Watte im Schloss und das Auto blieb stumm. "Die Werkstatt muss her", dachte ich mir.
"Wir kommen übermorgen", sagte Meudler, der Händler dieses Ostblockmodells, "vorher schaffen wir es nicht. Wir haben einfach zuviel zu tun." - "Das ist kein Wunder, wenn Sie nur solche Autos verkaufen", schimpfte ich, "Sie kommen bitte sofort, ich brauche den Wagen dringend und zwar heute noch!" - "Wie gesagt, das geht nicht, wir haben zu tun und die anderen Kunden warten auch", sagte Meudler, "aber wir werden es trotzdem versuchen!" - Die Werkstatt kam drei Tage später. "Wir haben es doch nicht geschafft", bedauerte der Techniker Grösche.
Ich war stocksauer und sagte böse: "Die Heizung der Heckscheibe funktioniert übrigens auch nicht!" - "Die Heizung Ihrer Heckscheibe kann nicht funktionieren", sagte Grösche sehr überlegen, "denn Ihre Heckscheibe hat gar keine Heizung. Die würden wir Ihnen nachträglich einbauen, natürlich gegen Aufpreis. Bei diesem Niedrigpreis ihres Autos können Sie keine Heizung erwarten!" Dann hatte er meinen Wagen auf seinen Hänger geladen und war mit den Worten "bis übermorgen" losgerauscht.
XXX
Übermorgen war es inzwischen längst geworden, doch von meinem Auto keine Spur. "Ist mein Wagen denn noch immer nicht fertig", brüllte ich unbeherrscht in den Hörer. - "Nein", sagte Meudler traurig, dass ich meinen Ton fast bedauerte, "nein, es tut mir leid, aber wir machen einen guten Service. Morgen vielleicht können Sie ihren Wagen wieder abholen, denn Ihre Inspektion ist fällig und wir stellen auch gleich noch die Zündung nach."
Es hatte etwas länger gedauert, aber nach wenigen Tagen stand mein Auto endlich wieder vor der Tür. Nach dem Einstellen der Zündung brauchte er jetzt statt sechs, acht Liter Benzin. "Das ist normal", sagte Meudler. - "Natürlich ist das normal", konterte ich ironisch, "wenn es auch noch Super wäre, könnte ich mir den Spaß gar nicht mehr leisten!" - "Wie witzig", geiferte Meudler. Er hatte keinen Humor.
Am nächsten Morgen war die gleiche Watte im Zündschloss, der Wagen sprang wieder nicht an. "Wenn der Wagen nicht kommt, muss wenigstens die Werkstatt kommen", lachte mein Nachbar schadenfroh. Meinen entrüsteten Anruf in der Werkstatt blockte Meudler gleich ab: "Ist doch logisch, dass Ihr Wagen nicht anspringt", sagte er gereizt, "die neue Heckscheibenheizung hat Ihre Batterie natürlich leergelutscht! Haben Sie denn darauf nicht geachtet?" - "Das glaube ich einfach nicht", war ich fassungslos. - "Das haben die doch verbockt", sagte mein Nachbar, "die müssen sofort kommen!" - "Die kommen sicher erst wieder übermorgen", sagte ich resigniert, besah mir aber liebevoll meinen hübschen Wagen, bis mein Nachbar erstaunt fragte: "Was hast du denn da für ein seltsames Muster vorn auf der Haube?" Kannte ich dieses Muster, oder kannte ich es nicht? Ich konnte es nicht sagen, denn das Muster sah gar nicht schlecht aus. "Ja, das ist ab Werk so", sagte ich deshalb lässig, "es ist wirklich ein hübsches Modell."
Die Werkstatt eilte nach zwei Tagen herbei. Ich zeigte fragend auf das Muster vorn in der Haube. "Ja, natürlich", erklärte Meudler, "alles wegen Ihrer blöden Heckscheibe. Beim Einbau der Heizung ist mir Ihr Wagen gegen meinen Heizkörper an der Wand gerutscht. Das kann schon mal passieren, aber ich hatte gehofft, Sie würden es nicht bemerken!" - "Das ist nicht Ihr Ernst", sagte ich ärgerlich, "wann ist der Wagen fertig", fragte ich dann hitzig. - "Das weiß ich doch nicht, bin ich Jesus" wurde Meudler bockig, weil ich ihn mit meiner Frage sichtlich überfordert hatte, "rufen Sie mich übermorgen an", knirsche er, "wahrscheinlich ist er bis dahin in Ordnung!" - "Auch die Beulen vorn?" - "Wo denken Sie hin, Mann", baute er sich vor mir auf, "das mit den Beulen kann dauern. Ich denke, Sie wollen mit dem Wagen fahren!"
XXX
Übermorgen hatte ich wieder mal glücklich hinter mich gebracht und ritt nun mit meinem Auto unbekümmert durch die belebten Straßen. Weit vor meinem Ziel rasselte der Wagen plötzlich so laut, als habe mir jemand hinten dicke, meterlange Ketten angehängt. Dann zuckte er, begehrte noch einmal auf und blieb direkt auf der Kreuzung stehen. Die Werkstatt musste her. Diesmal kamen sie sofort, weil ich mit der Polizei und enormen Forderungen gegen sie gedroht hatte. Sie kamen gleich zu zweit. "Was machen Sie eigentlich immer mit ihrem Auto?" Meudler war offensichtlich zornig auf mich. - "Das ganze Getriebe ist im Eimer", sagte der mitgekommene Grösche vorwurfsvoll. Er kroch unter meinem Auto hervor: "Kein Tropfen Öl ist mehr drin." - "Das ist wirklich Ihre Schuld", schimpfte Meudler, "denn das hätten Sie an der Kontrollampe sehen müssen!" - "Ich denke nicht, dass ich verpflichtet bin, bei einem Neufahrzeug ständig das Getriebeöl zu kontrollieren", sagte ich ärgerlich. Grösche kroch in den Wagen und drehte an der Kontrollampe. Dann wälzte er sich wieder heraus und schüttelte seinen Kopf: "Die Birne ist auch kaputt." Meudlers Blick hätte Grösche gern getötet. - "Trotzdem," gnatzte er trotzig, um keine Schuld zuzugeben, "wir nehmen den Wagen jetzt mit." Dann stand ich wieder allein auf der Straße. "Diesmal kann es länger dauern", hatte er noch gerufen, als die beiden losgefahren waren. Die Worte klangen mir noch im Ohr wie der Schrei eines Raben in der weißen Schneelandschaft. Was bedeutete für diese Werkstatt länger?
XXX
Nach drei Wochen meldete sich Meudler: "Ihr Wagen ist fertig!" - "Haben Sie es endlich geschafft und ihn restlos fertig gemacht", fragte ich doppelsinnig, glaubte aber noch immer an einen guten Ausgang dieser Geschichte. Meudler erkannte weder den Witz in meiner Frage, noch reagierte er darauf. "Morgen, am Sonnabend, können Sie Ihren Wagen abholen."
Es war nicht nur Sonnabend, sondern die Werkstatt auch vorübergehend "GESCHLOSSEN", wie ein Schild weithin sichtbar verkündete. Dann entdeckte ich Meudler und Gröll im Imbissladen nebenan. Sie winkten mir fröhlich zu. Zeit für mich hatten sie nicht, denn ihrem Hauptgang folgte ein Dessert, dem sie sich lustvoll hingaben.
"Finden Sie Ihr Verhalten normal?" Meine Frage klang nach einer Stunde Wartezeit wohl etwas verärgert. Ärger aber wollten die zwei nicht. "Wenn Ihnen das nicht passt", sagte Meudler kämpferisch, "dann fahren Sie wieder nach Hause. Wir sind gar nicht verpflichtet, Ihnen Ihren Wagen am Wochenende herauszugeben. Auf Wiedersehen!"
XXX
"Wandlung", sagte mein Anwalt und "Schadenersatz, da machen wir was draus!" Die Klage war kaum eingereicht, da stand mein Wagen plötzlich wieder vor der Tür. Meudler und Grösche hatten ihn heimlich gebracht, um einer "Wandlung" zu entgehen. Den Briefumschlag mit dem Schlüssel fand ich im Briefkasten. Die Lüftungsschlitze an der Frontscheibe waren jetzt völlig zerschmolzen, da der Wagen bei ihnen offenbar zu lange in der prallen Sonne gestanden hatte.
Die Mühlen des Gesetzes mahlen sehr langsam und ich mochte das Risiko mit dem Ostblock-Auto nicht länger eingehen. "Gib das Ding doch einfach in Zahlung", sagte mein Nachbar, "und kauf dir einen vernünftigen Wagen."
"Wissen Sie", sagte mir der erste Autohändler, dem ich meinen Wagen als Anzahlung für einen Neuen angeboten hatte, "der Wagen sieht ja ganz nett aus, nur die da", er zeigte mit dem Daumen in Richtung Osten, "sind nicht einmal imstande, eine runde Felge herzustellen. Das müssten Sie doch gemerkt haben, denn diese Wagen reiten alle mehr, als dass sie fahren!" - "Nöö", sagte ich, um meinen Wagen aufzuwerten, "das wäre mir bei meinem Auto sicher aufgefallen!" - "Sind Sie denn nie mit dem Wagen gefahren?" - "Selten", sagte ich, "er ist nur wenig gelaufen. Was würden Sie mir dafür denn bieten, wenn ich bei Ihnen........?" - "Nichts", fiel er mir ins Wort, "gar nichts, denn dieses Auto würde ich nie wieder loswerden...."
Die Angebote der nächsten Händler fielen kaum günstiger aus. Eine Firma aber, die gerade neu mit einer japanischen Automarke eröffnet hatte, bot mir dann fast die Summe, die ich für mein Ost-Auto bezahlt hatte. Der Handel war sofort perfekt! Diese Firma aber war nach knapp einem Jahr wieder vom Platz verschwunden..............
XXX
Drei Monate später hatte das Gericht zum Termin geladen! Meudler und Grösche saßen schon vor dem Richter, als ich mit meinem Anwalt den Saal betrat. "Nun berichten Sie mal, meine Herren", sagte der Richter nach der Eröffnung des Verfahrens. -
"Ein supergünstiges Auto in den Händen eines Querulanten", erklärte Meudler. - "Es fuhr ganz einfach nicht", warf ich bescheiden ein. - "Man kann für diesen Preis nichts anderes erwarten", sagte Meudler. Das kostete ihn Punkte, obwohl der Richter keine Mine verzog. - "Der Wagen ist auseinandergefallen", brachte ich sachlich, "und Herr Meudler hat ihn mir in seiner Werkstatt obendrein verbeult!" - Meudler wand sich ungemütlich. Der Richter sah mit Pokerface von einem zum anderen. "Die Beulen müssen Sie beseitigen", sagte er dann zu Meudler und Grösche. Grösche nickte ergeben, Meudler grinste hinterhältig, denn er wusste ja, dass ich den Wagen längst in Zahlung gegeben hatte. "Die Beulen können nicht mehr beseitigt werden, Herr Richter", wollte ich erklären, doch "......ich bin noch nicht fertig", sagte der Richter, "bitte unterbrechen Sie mich nicht!" - "Aber Sie müssen doch wissen, Herr Richter......." - "Sie müssen mir nicht sagen, was ich wissen muss", reagierte der Vorsitzende sauer und mein Anwalt trat mir unter dem Tisch gegen mein Bein. Ich setzte mich darüber hinweg und brüllte laut und ungehalten: "Das Auto ist gar nicht mehr da! Das müssen Sie doch...." - "Das ist nicht Gegenstand der Verhandlung", brüllte der Richter zurück, funkelte mich böse an und warnte, "wenn Sie noch einmal...." Und mein Anwalt trat mir den nächsten blauen Fleck ans Bein. Doch nicht er, sondern diese grenzenlose Unlogik machte mich stumm, mir fehlten einfach die Worte........
"Urteilsverkündung ist am 27. Juli", hörte ich dann den Richter sagen und glaubte es nicht. Das war erst in 6 Wochen! Ich war enttäuscht. Dann war die Verhandlung geschlossen.
XXX
"Im Namen des Volkes" - Ich hatte den Prozess gewonnen! Auch meine Schadenersatzforderung hatte man mir zugebilligt und alle Kosten ersetzt. Ich war zufrieden.
Im Urteil aber wurden Meudler und Grösche verpflichtet, die Beulen aus meinem Wagen bis zum 12. August zu entfernen! "Ach, du lieber Augustin", schüttelte ich innerlich den Kopf und schlug die Hände über ihm zusammen, "was für ein Urteil! Was für ein Richter! Nie, nie, nie wieder einen so niedlichen Ostblock-Wagen!"


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Eingereicht am 04. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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