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Eingereicht am
26. September 2007

Mord im Kaufhaus

© Karsten Gebhardt

Die Mordlust hat mich wieder gepackt. Wie so oft. Und ich weiß, wie das endet. Enden wird.

Meine Aufregung kann ich nur mühsam verbergen in dieser Kaufhalle, dem riesigen Fresstrog, zu dem sie alle schleichen, um ihrer Lust am Kauf zu frönen. Abgepackte Nahrung in Tüten, Beuteln oder Flaschen. Die Jagd der Moderne. Hier muss nichts mehr erlegt werden. Alles schon tot und mit begrenzter Haltbarkeit.

Ein Ort, an dem Menschen sich verändern. Mutieren. Blicke, die gierig werden und ein Verstand, der abschaltet bis auf die unwillkürlichen Reflexe. Zombies und nur Überlebensinstinkte und Preise im Kopf. Verkommen und träge. Alle miteinander.

Niemand erkennt mich, obwohl ich schon mal hier war. Ein Skandal war das damals. Ich stand in den Zeitungen. Mit Foto. Berühmt. Hahaha. Aber ich bin entkommen. Und nun jage ich wieder.

Ich tingle durch die Regale, ziellos und langsam, schiebe meinen Einkaufswagen wie die anderen Kunden vor mir her und bändige mich. Es ist noch nicht soweit, mein Opfer noch unbekannt.

Suchend schaue ich mich um. Das lange Messer unter meiner Kutte drückt und die Spitze stößt leicht gegen die Hüfte.

Ein kleiner Schmerz im Vergleich zu früher, denke ich. Da hielten die Jäger noch ganz anderes aus. Ja, in der Urgesellschaft musste es schöner gewesen sein. Sicher auch ästhetischer. Frauen, die sich nackt über Beerenbüsche beugten und wilde Männer, die sie einfach nahmen auf dem Weg zur Jagd. Den Wurfspeer in der Hand, der später in den Hals irgendeines Rehs oder sonst was getrieben wurde. Das Abendmahl über Feuern oder einfach nur roh. Zähne, die das blutige Fleisch herausrissen und Furzen ohne Scham.

Wie diese Männer will ich sein. Zügellos und frei. Mein Messer im Fleisch verschwinden sehen. Saubere Stiche, die klaffende Wunden hinterlassen. Beherrscher der Natur im Lendenschurz.

Neben einer der Truhen bleibe ich stehen, tue so, als ob ich die Angebote studiere. Dabei lauere ich nur. Wer wird es diesmal sein? Langsam lasse ich meinen Blick durch die Kaufhalle schweifen. Mein Keuchen wird lauter. Ich muss aufpassen. Zu dumm, wenn es jemand bemerkt. Vorher.

Vor mir trippelt eine alte Dame. So schnell, als würde der Tod hinter ihr hereilen und mit der Sense nach ihr stochern.

Plötzlich bleibt sie stehen, reckt ihren dürren Hals wie ein Schwan, den Blick in eine andere Richtung. Perfekt. Ich schaue um mich. Niemand sieht herüber.

Jetzt!

Ich reiße meine Kutte auf, ziehe das Messer hervor und steche zu. Einmal, mehrmals. Immer wieder. Im Blutrausch und mit Schaum vor dem Mund.

Entsetzte Schreie um mich herum.

Mit jedem Stich spüre ich Befreiung in mir, die Gier erschlaffend wie eine Hure nach dem Finale.

Kein Blut zu sehen. Nichts. Wie immer.

Plötzlich spüre ich die Griffe. Sie packen mich und werfen mich auf den Boden.

Ich lache irre, kichere, brülle vor Freude. Es hat wieder geklappt.

Dann sind sie da, streifen mir die Jacke über. Verkehrt herum. Wie immer. Diese Idioten. Lernen es wohl nie, wie man sie richtig anzieht.

"Ausgebüchst is'ser uns wieder mal, dieser Verrückte", sagt der eine Wärter.

"Diesmal hat er drei frische Hühner zerstochen", antwortet der Filialleiter und starrt stumm auf das Gemetzel.

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