Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
26. September 2007

Das brutale Schaf

© Karsten Gebhardt

Schon von Weitem sah ich das Schaf abseits von der Herde.

Kein Hirte war in Sicht, nur grelle Hinweisschilder an der Umzäunung als Warnung vor dem Strom.

Ein Rhönschaf auf einer Streuobstwiese mit aufsässigem Blick über der hängenden Unterlippe, so herausfordernd als wollte es mir eine reinhauen. Das linke Ohr zuckte beständig wie ein Stinkefinger. Dabei war es nur ein Knastbruder mit einem Zottelfell, als hätte es den Zaun berührt. Kein kastrierter Hammel sondern ein aufmüpfiger Bock, dem noch die Hörner fehlten.

Am Zaun blieb ich stehen und starrte zurück; gefangene Blicke wie in einem Duell. Wer abbricht, verliert.

Es hielt mit, obwohl ich wie ein Wolf zu heulen begann mit gefletschten Zähnen und verzogenem Gesicht.

Das blöde Vieh stand nur da und glotzte. Keine Spur von Panik.

Ein böser Traum dachte ich und kämpfte gegen meine zuckenden Lider an.

"Määähhh."

Es lachte mich aus mit einem höhnischen Blöken, das mich noch mehr provozierte. Genauso wie die zur Schau getragene Häme, die mich zu Grimassen verleitete, vor denen ich wohl selbst erschräke, wenn ich sie sehen könnte.

"Mähhhh."

Wieder war es passiert.

Ich zerplatzte fast vor Wut, hielt mich aber in respektierlichem Abstand zum Zaun. Wollte nicht aussehen wie das Schaf. Totgelacht hätte es sich.

Vielleicht war genau das beabsichtigt? Ein Schaf, das denken konnte. War so was möglich?

Von Judasschafen hatte ich gelesen. Dressierte Tiere, die vor den Schlachtungen warteten und die ankommenden Herden in den Tod leiteten.

"Mähhh."

Zornig kickte ich einen Stein nach dem Tauber auf dem Weg, der um seine Angebetete tanzte, die Flügel ausgebreitet, die Brust auf den Boden gedrückt, unverschämt glücklich gurrend an einem solchen Tag.

Steine werfen!

Der Erste versank wirkungslos im Gras, weit vor dem Schaf.

"Mähhh", brüllte es und trippelte näher heran.

Zu blöd, dieses Vieh, dachte ich schadenfroh und warf einen weiteren Stein.

Vorbei.

Ich warf alles über den Zaun, was in der Nähe lag. Äste, Steine, eine alte Flasche. Das Blöken im Nacken trieb mich an, bis ich schnaufend verharrte und um mich sah.

Nichts hatte getroffen.

Zähneknirschend starrte ich das Schaf an.

"Mähhh."

Es reichte. Spontan zog ich meine Jacke aus, bettete sie über den Zaun, bevor ich hinüberstieg, mit einem armlangen Stock als Waffe in der Hand.

Galoppierend stob der Paarhufer davon. Mit wippenden Backen, aus denen es herausköttelte.

Ich rannte hinterher, holte auf und hob den Stock zum Schlage.

Plötzlich wurde ich gepackt. Reißende Zähne in meiner Backe.

Blitzschnell blickte ich hinter mich.

Den Hund, dachte ich nur, den Hund habe ich vergessen.

"Määähhh", blökte das Judasschaf und hüpfte fröhlich auf der Stelle.

Kurzgeschichten unserer Autoren
Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten  Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-8-7 Schlüsselerlebnisse  Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-8-7 Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
Direkt beim Verlag bestellen

Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

Copyright-Hinweis: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.



»»» Datenschutzhinweis