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Eingereicht am
19. September 2007

Einer für die Arschlöcher

© Karsten Gebhardt

"Steuerfahndung."

Ich erschrak. Sie hatten mich erwischt.

"Kommen sie herein" hauchte ich nur.

Im Flurspiegel gegenüber konnte ich uns sehen. Den schwarzen Mann mit festem Tritt hinter dem Leichenblassen, der vornübergebeugt schlich wie ein Greis.

Dabei war ich vierzig. Ein Alter, wo der Sommer des Lebens erst begann.

Und nun das.

Der Herbst nur noch hinter schwedischen Gardinen? Nicht, dass ich sie nicht mochte. Erst letztes Jahr hatte Maria, meine Frau, bei Ikea zugeschlagen. Billig und gut waren sie und nicht aus Stahl, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass der Blick durch unsere Sprossenfenster wohl so ähnlich wäre.

Mit zittriger Hand deutete ich im Wohnzimmer auf die Couch und beobachtete unauffällig, wie er seinen spitzen Hintern in das Polster bohrte.

Ich nahm lieber einen Stuhl mit Armlehnen, stark genug, um mich zu stützen, falls es zu schlimm würde.

Was könnten sie herausgefunden haben? Das Geld in der Schweiz oder in Luxemburg? Meinen auffälligen Lebenswandel trotz des Spargehaltes, das ich dem Finanzamt angab? Die horrenden Rechnungen für meine neue Bürovilla frisiert wie unsere Pudel, mit Fellen so schwarz wie die Arbeit am Bau?

Alles war denkbar. Schließlich waren wir alle ja gläsern geworden. Obwohl, so gut wie ich mich tarnte, war ich eher Milchglas.

Was könnte er also wissen?

Ich beobachtete seine Vorbereitungen, das Wühlen im Koffer und dann ihn selbst.

Ein Unscheinbarer, wenn nicht diese hässliche lange Nase mit der Spitze wäre, die bei allem, was er sagte, wie ein Dirigentenstab tanzte. Bei der Begrüßung hatte ich es bemerkt. Genau die richtige Länge, um im Dreck rumzuschnüffeln. Und dann dieses süffisante Lächeln, das mehr ein Gesichtskrampf war.

Warum mussten gerade mir ständig solche Typen begegnen? Das ganze Leben schon kreuzten sie meinen Weg. Ich schien sie magisch anzuziehen. Als ob irgendeiner bei meiner Geburt an der Wiege stand und es festgelegt hätte: Einer für die Arschlöcher.

Jetzt war ich selbst eins. Auf dämliche Weise geoutet.

"Im Glück des Verbrechers lauert der Verrat und im Moment der größten Freude schlägt er zu. Immer dann, wenn man sich in Sicherheit wiegt."

Stumm gedachte ich einer der Regeln meines Vaters. Mein schwelgendes Glück hatte mir Scheuklappen vorgehangen und blind war ich ins Unglück gestürzt.

Er räusperte um Aufmerksamkeit mit einer Arroganz im Blick, die mich frösteln ließ.

Ängstlich starrte ich ihn an, der wie eine Spinne lauerte und einen Filzstift als Beutetier mit seinen dürren Fingern rollte.

"Sie sind also pleite und wollen nicht zahlen."

Ich? Pleite? Wie meinte er das? Irritiert sah ich ihn an.

"Wieso soll ich pleite sein?"

"Aber hier, diesen Brief haben sie uns doch letzte Woche erst gesandt?" Er reichte mit eines der Blätter über den Tisch.

Beklommen las ich und atmete befreit durch. Eine Verwechslung nur.

"Peter Hübner aus der Nummer 19 hat ihnen geschrieben. Ich bin Karl Hübner und das hier ist die Nummer 21. Nicht verwandt und nicht verschwägert. Der Peter Hübner ist aber vor einer Woche verreist."

Im Flur polterte es plötzlich. Ganz sicher war es Maria, die vom Einkauf kam.

"Oh, dann tut es mir sehr leid. Untergetaucht, soso ...", Maria kam herein, "... aber den Hübner kriegen wir am Arsch, den Verbrecher."

"Maria", stellte ich vor, "das ist die Steuerfahndung für Herrn Hübner."

Sie musste den letzten Satzteil davor noch gehört haben, denn sie wurde kreidebleich, ließ die Einkaufstüten fallen, und zeigte mit dem Finger auf mich:

"Ich habe damit nichts zu tun. Alles sein dreckiges Geld in der Schweiz und in Luxemburg. Und dass ich Ali und seinen Kumpels hinten am Bürobau das Geld immer bar geben muss, da hat er mich dazu gezwungen."

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