Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
10. August 2007

Der Unsterbliche und der Tod

© Karsten Gebhardt

Einen Wunsch frei. Das hatte die holde Schönheit gesagt, die er eigentlich nur vor einem Sturz bewahrte.

Ob sie es sexuell meinte?

Eine reizende Vorstellung, aber unmöglich. Er hatte ja seine Eva. Zwar rundlicher und auch nicht mehr so adrett, aber das war er mit seinen fünfzig Jahren ja auch nicht mehr.

Nein, nicht sexuell. Eher so hinsichtlich Leben, Glück, Liebe oder Geld, war dann auch die Antwort dieser Fee gewesen, die er mit Husten unterbrochen hatte. Dicken blutigen Schleim. Wie immer.

Es ist bald vorbei, hatte der Arzt am Morgen noch gemeint.

Er hasste den Tod, war einfach noch nicht bereit. Mit fünfzig starb man doch nicht. Das war pietätlos. Ein Abgang noch vor der Rente. Die Beiträge die ganzen Jahre lang bezahlt und alles nur für Andere? Seine Eva voll im Saft und Frührentner, die nach ihr gierten? Denen sie erläge? Billigem finanziellem Nimbus?

Nein!

Unsterblich sein. Ja, das wäre vielleicht ein guter Wunsch. Die lange Nase würde er allen zeigen.

Erfüllt, hatte sie gesagt, bevor sie verschwunden war. Wie eine Sternschnuppe.

Noch immer hing ein Hauch von Brand in der Luft.

Ungläubig schüttelte er sich, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ein abstruser Tagtraum, nichts weiter, dachte Alfred und vergaß.

Bis sich die Zeit raffte und er nicht mehr älter wurde.

Eva wurde immer gebrechlicher. Genauso wie die Kinder.

Hohlwangig, mit dicken Altersflecken im Gesicht, blickten sie ihn zur Beerdigung der Mutter an. Die Gesichter einzige Fragezeichen.

Er strotzte vor Kraft, mimte Gebrechen wie ein Schauspieler. Auch bei der Bestattung der eigenen Kinder, der Enkel und Urenkel.

Längst war er dem Stammbaum seiner Familie nicht mehr zuzuordnen. Nur noch Onkel Alfred war er, von den Folgegenerationen gemieden, obwohl er irgendwie dazugehörte.

Genetisches Erbgut, säuberlich verteilt auf die Jahrhunderte, wenn auch nur noch in Spuren.

Dann kam der Glaubenskrieg, raffte Millionen von Menschen dahin.

Milliarden starben später beim Umkippen der Natur.

Die Kontinente verschoben sich. Eurasien wurde geboren. Als Tochter von Amereurasien. Vereinigte Kontinente in einer riesigen Insel, letzte Bastion der Menschheit, bevor sie unterging.

Die Saurier waren wieder da. Auch die Urmenschen. Diesmal blieb der Zufall aus. Sie blieben Affen.

Kraken wateten stattdessen aus dem Meer. Intelligent, mit drei Herzen und neun Gehirnen, und viel schneller mit ihren vier Armpaaren als die Menschen früher. Die neue Zivilisation, eine korrigierte Evolution.

Erst hangelten sie sich von Baum zu Baum, jagten Affen und schliefen in klitschigen Höhlen. Später wurden die Behausungen der Zukunft gemütlich und modern.

Dann schlug der Meteorit ein, machte alles zunichte. Die Erde zerplatzte wie eine reife Melone.

Alfred war im Weltraum. Die Erde zerstört. Schwebte im All. Ohne sich zu bewegen schoss er durch die Milchstraße, sah die Planeten des Sonnensystems, die langsam an ihm vorbeizogen. Den roten Mars. Jupiter und Saturn. Uranus und Neptun. Erreichte Pluto, der von der Menschheit nicht mehr als Planet akzeptiert worden war.

Ein Scheißwunsch war das damals, dachte er, der sich die Unsterblichkeit anders vorgestellt hatte.

Dann wachte er auf, blickte in Evas Gesicht über sich und war erleichtert.

Mit diesem Wissen war der Tod nur ein guter Freund.

Kurzgeschichten unserer Autoren
Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten  Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-8-7 Schlüsselerlebnisse  Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-8-7 Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Dr. Ronald Henss Verlag ISBN 3-9809336-3-6
Direkt beim Verlag bestellen

Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

Copyright-Hinweis: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.



»»» Datenschutzhinweis