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Eingereicht am
03. Juli 2007

Interpretationssache

© Stephanie J. Schultz

Kennen Sie das? Sie hören einen Satz wie "schön, dass du da bist" und denken, der andere freut sich. Weit gefehlt, er wünscht Sie zum Teufel. Leidvolle Erfahrungen, die man nicht alle selber machen muss. Deshalb hier eine kleine Lebenshilfe, um für die größten Katastrophen gewappnet zu sein.

Julian Biermann. Jung. Gut aussehend. Große, rehbraune Augen. Charmant. Ich begegne ihm auf dem Sommerfest unserer Firma. Fahre mit ihm in meinem BMW Z3 Zigaretten holen, habe drei Minuten später seine Visitenkarte im Handschuhfach. Na gut, das heißt noch nichts, seine Telefonnummer kann man schon mal jemandem geben, der einen so selbstlos nachts um eins zur Tanke fährt. Er will auch meine Karte. Klar, Leistung und Gegenleistung. Kein Thema, vielleicht findet er einfach das Auto geil. Ist es ja auch.

Zurück auf der Party weicht er kaum von meiner Seite. Muss nichts mit mir zu tun haben, womöglich findet er alleine nur nicht letzte Flasche Cabernet Sauvignon. Ist auch schwierig, die steht direkt unter der Bar. Gegen halb drei drohe ich trotz intensivsten Gespräches einzuschlafen - ganz schwach, bin schließlich erst morgens halb acht zum Aufbau des Festes im Büro gewesen und es ist jetzt lächerliche 19 Stunden später. Ist mir auch wirklich sehr unangenehm und beschämt teile ich mit, ich müsste langsam ins Bett.

Spontan ergreift Julian meine Hand, ein tiefer Blick aus braunen Augen bittet mich, zusammen mit zärtlichen Worten, um Himmels willen nicht zu gehen. Derart liebevoll festgehalten, bleibe ich gerührt sitzen. Geht auch nicht anders, meine Hand befindet sich in seiner und wird die nächsten eineinhalb Stunden einer intensiven Massage unterzogen.

Vier Uhr: der Wein ist alle, das Gehirn lahm und die Stimme heiser. Als Dankeschön für zwei Stunden weniger Schlaf nehme ich Julian mit Richtung Heimat. Kurz vor meinem trauten Heim bestellen wir ein Taxi, nach 10 Minuten naht der Abschied. Zärtlich nimmt Julian mich in den Arm, ein behutsamer Kuss auf den Mund und ein "schlaf gut und es ist schön, dir begegnet zu sein" lassen mich trotz lausiger 12° dahinschmelzen.

An Schlaf ist nicht zu denken, der Adrenalinspiegel wäre ausreichend für eine Nachtwanderung rund um die Alster. Morgens um 9.00 ist erste Putzschicht im Büro. Kein Thema, ich bin dabei, geduscht und munter wie ein Fisch im Wasser. Im Gegensatz zu meinen Kolleginnen, die, für mich völlig unverständlich an diesem herrlich regnerischen Samstagmorgen mürrisch 500 Gläser, mehrere hundert Besteckteile und was sonst noch so nach Partys rumliegt, wegräumen. Aber mein Erscheinen lässt alle erstrahlen, die händchenhaltende Kollegin von gestern ist wie die aufgehende Sonne. Meine Redebereitschaft wird um halb elf mit einer lieben " es ist schön mit dir gewesen" - sms belohnt.

Der Rest des Wochenendes fällt dem Schönheitsschlaf und der Erinnerung an Julian zum Opfer. Noch in Traumbilder versunken, erreicht mich Sonntagabend der Wunsch nach einem Treffen am nächsten Tag. In meinem und seinem Lieblingslokal. Muss man mal nüchtern sehen, alleine einen Rotwein trinken ist einfach scheiße, da gucken alle anderen immer so blöd. Und ich wohne ja um die Ecke. Könnte es auch auf mich beziehen. Die Einladung meine ich. Tue ich auch. Ist aber ein Fehler. Weiß ich nur noch nicht.

Montagabend. 21.30. Hatte schon Befürchtungen mit dem Date wird es nichts. Dumme Gedanken. Destruktiv. Überflüssig. Ich entsteige elegant wie eine Elfe meinem tief gelegten Sportsitz, da sehe ich ihn. Julian. Mein Herz macht einen Sprung. Würde für den doppelten Ochser reichen. Ich sollte mal über den Reitsport nachdenken. Aber nicht jetzt.

Jetzt sitze ich bei Kerzenschein und einem Glas Cabernet Sauvignon Julian gegenüber und bemühe mich trotz Herzklopfens und Atemnot um geistreiche Konversation. Hoffe es gelingt mir. Na ja, immerhin gehen wir als letzte. Ok. Nur nichts überbewerten. So was heißt nämlich noch gar nichts. Vielleicht ist bei Julian bloß der Kühlschrank leer. Oder die Heizung kaputt. Oder der Fernseher vom Nachbarn dröhnt durch die Wohnung. Es gibt eine Menge Optionen, lassen Sie sich das gesagt sein.

Dienstag lauter liebe sms. Und Mails. Und ein Anruf. Womit habe ich das verdient. Ich fange an zu glauben, er mag mich wirklich. Halt! Fehler! An solcher Selbstüberschätzung darf man einfach nicht leiden.

Mittwoch das gleiche. Es ist abends um 21.00. Ich habe seit vier Nächten kaum geschlafen, der Ausstoß an Adrenalin hält mich fast ununterbrochen wach. Jeder der für eine Prüfung lernen muss, sollte sich direkt vorher verlieben. Das spart eine Menge Kaffee, Schwarztee oder wahlweise Red Bull. Da klingelt mein Handy. Im Display blinkt mir "Julian Biermann" entgegen. Ob ich Lust habe, mir seine neue Wohnung anzugucken. Klar. Wann denn? Jetzt? Aber sicher.

Schnell noch ins Bad. Make-up ist ok. Haare? Passt. Parfum? Welches nun? Frisch und neutral? Sinnlich? Verführerisch? Ich entscheide mich für klassisch. ck one. Kann man nix falsch machen.

Gut dass die Wohnung im dritten Stock liegt. Das erklärt fürs erste mein Herzklopfen. Das Sofa reicht gerade für zwei. Sehr schön. Wahrscheinlich könnte man mit der elektrischen Spannung zwischen uns Waschmaschine, Trockner und Backofen gleichzeitig betreiben. Der Wein ist gut, ein Rest von unserer Party. Entscheide mich trotz Übernachtungsangebot nach Hause zu fahren. Julian bringt mich zum Auto. Ganz Kavalier. Aber wer weiß, vielleicht möchte er einfach nur sicher sein, dass ich wirklich wegfahre. Diesmal zwei Küsse. Hm. Ist das nun ein gutes Zeichen? Oder bloß Zufall? Oder liegt es am Wein? Der Kandidat hat 100 Punkte - es liegt am Wein.

Der Donnerstag plätschert so dahin. Bekomme langsam Krämpfe in den Fingern vom vielen mailen, schließlich sollen alle Freundinnen- und das sind so an die zwanzig- an meinem Glück teilhaben und es ist nicht mehr als recht und billig, alle Anfragen ausführlichst zu beantworten. Gute Entscheidung, sehr zu empfehlen. Man muss dann nach Ende der Geschichte keine Auskünfte mehr geben, sondern kann sich auf das wesentliche konzentrieren. Auf die immer wieder enttäuschende männliche Rasse. Aber soweit bin ich noch nicht.

Freitagnacht. 0.30. Habe gerade ein paar Stunden im Sessel vor mich hingeratzt, da klingelt das Handy. Der geübte Leser erahnt den Anrufer. Julian Biermann ist auf dem Weg zum Kiez, Hamburgs sündiger Meile und hat Lust auf meine Gesellschaft. Das Herz rast und jubelt, nur zum Kaffeetrinken ruft er ja wohl nicht mitten in der Nacht an.

Freudige Umarmung zur Begrüßung. Festhalten. Arm in Arm durch die Straßen. Hand in Hand in die Bar. Der Raum ist eng. Ich spüre seinen Atem. Dann seinen Mund. Der Rest ist nicht jugendfrei. Morgens um fünf trennen wir uns schweren Herzens, Julians Übernachtungsbesuch hindert uns am gemeinsamen Übernachten. Aber Vorfreude ist die schönste Freude. Sagt man. Mit irgendwas muss man sich schließlich trösten.

Ich tröste mich bis Dienstagnacht. Man soll aufhören wenn es am schönsten ist. Auch so ein schlauer Spruch. Ein Scheißspruch. Wer hat den bloß erfunden? Julian findet ihn gut.

Geschmäcker sind eben verschieden. Interpretationen auch.

Ich glaube es war der Wein. Der war einfach zu gut.

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