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Eingereicht am
08. April 2007

Ein Märchen - oder so?!

© Lisa Woytowicz

Es war einmal ein Mädchen namens Anna, das lebte glücklich mit seinen Eltern in einem kleinen Dorf. Jeden Abend las ihre Mutter ihr ein Märchen vor, damit ihre Tochter gut einschlafen konnte. Mit ihren 13 Jahren war Anna eigentlich schon zu alt für so etwas, doch sie mochte die Geschichten über die Drachen, Feen, Zwerge und Hexen, die in fantastischen Welten lebten, wo Gut und Böse gegeneinander kämpften. Fabelwesen faszinierten sie dermaßen, dass sie ständig in den langweiligen Englischstunden bei Herrn Esig auf ihren Spiralblock zeichnete. Ihre Bilder gelangen ihr oft so gut, dass sie schon fast unheimlich echt aussahen, als würden die Figuren wirklich leben. Als sie sich wieder einmal, während Herr Esig einen scheinbar endlos langen Vortrag über die Industrialisierung auf Englisch hielt, langweilte, griff sie zu Bleistift und Radiergummi, kramte ein Blatt Papier aus ihrer Tasche hervor und begann zu zeichnen. Die Mine glitt wie automatisch übers Papier, auf dem ein Wolf immer weiter Gestalt annahm. Er hatte einen krummen Rücken, scharfe Zähne und war ausgehungert, sodass man seine Rippen deutlich erkennen konnte. Seine Augen schauten aufmerksam, als sei er auf der Suche nach Beute. "Mach den Rücken gerader", erklang auf einmal eine Stimme. Anna blickte auf. Hatte Katja, ihre Tischnachbarin, mit ihr gesprochen? Nein, die war völlig in ihr Sudoku vertieft. "Hey, ich rede mit dir!" erklang die Stimme ein zweites Mal, "Einen so extremen Buckel habe ich nun wirklich nicht!" Entgeistert starrte Anna auf ihre Zeichnung. Sie schüttelte den Kopf, blinzelte, da sie es nicht wahrhaben wollte, doch der Wolf hatte zweifelsohne mit ihr gesprochen. "Was ist jetzt? Bekomme ich nun endlich eine gesunde Haltung verpasst oder willst du, dass ich einen Bandscheibenvorfall erleide?!" Hastig zückte das verwirrte Mädchen ihr Radiergummi und korrigierte anschließend den kleinen Schönheitsfehler. Der Wolf fletschte zufrieden seine Zähne und als Anna gerade eben erleichtert ausgeatmet hatte, in dem Glauben, er wäre nun wieder ein ganz normales Bild, öffnete sich eine wie von Geisterhand gemalte Tür am unteren Ende des Blattes und der Wolf knurrte: "Komm schon, hier verpasst du sowieso nichts. So desinteressiert wie du aussiehst, kann deine aktuelle Tätigkeit nicht so wichtig sein." Anna stutzte, doch ihr Gesicht erhellte sich, als sie verstanden hatte, was der Wolf meinte. "Ich passe doch gar nicht durch Tür", wisperte sie, worauf Katja den Kopf hob, weil sie sich angesprochen gefühlt hatte, kurz darauf sich aber wieder ihrem Sudoku zuwandte. "Willst du jetzt da weg oder nicht?", fragte der Wolf eindringlich. "Naja", meinte das Mädchen, "eigentlich schon." "Gut, ich hoffe, du hast keinen allzu empfindlichen Magen", lachte der Wolf sich hinein. Augenblicklich verschwamm das Klassenzimmer vor Annas Augen und sie geriet in einen Strudel aus Licht und Farben. Ihre blonden Haare wehten ihr ins Gesicht und mit einem dumpfen Aufprall landete sie auf einem weichen Untergrund. Erstaunt und etwas verdattert schaute sie sich um. Sie saß auf einer Wiese, die von Blumen in allen Farben und Formen übersäht war. Die Sonne lachte vom Himmel und warf Lichtpunkte auf einen nahe gelegenen See. Schmetterlinge tanzten um Blüten herum, Bienen summten durch die Luft und die Vögel zwitscherten ihre schönsten Lieder. Ja, an diesem Ort konnte man es wirklich gut aushalten. "Schön, nicht wahr?" erklang es zu ihrer Linken. Schlagartig stand Anna auf. "Oh, Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken", meinte der Wolf. "Schon gut", stammelte das Mädchen, dem angesichts des gefährlichen Tieres das Herz gehörig in die Hose gerutscht. "Wie unhöflich von mir, dass ich mich noch gar nicht vorgestellt habe. Ich bin Drahreg", sagte das Tier und deutete eine Verbeugung an, "und du bist Anna, stimmt´s?" "Ja, aber woher…?", stotterte diese. " Ich weiß mehr über dich, als du denkst. Nimm da vorerst bitte einfach nur so hin, wie es ist, und wundere dich nicht. D ass du jetzt hier bist, ist kein Zufall." Anna wusste nicht, was sie von dieser Aussage halten sollte und nickte wortlos, obwohl sie gerne Genaueres erfahren hätte. "Wir müssen los", drängte Drahreg sie und als er ihren fragenden Gesichtsausdruck bemerkte, erklärte er, dass sie hier nicht bleiben könnte, da diese Wiese reine Täuschung sei. "Nichts von dem, was du hier siehst, ist echt. Die wahre Märchenwelt sieht völlig anders aus. Das alles hier gehört zum Reich Phantasien, der Traumwelt der Menschen und Tiere. Es stellt nur das dar, was wir gerne wären oder hätten. Diese Scheinwelt wird von zwielichtigen Kreaturen behaust, die die Gedanken aller Lebewesen manipulieren können, sodass man seinen größten Wünschen, Träumen und Hoffnungen nachhängt uns sie irgendwann nicht mehr von der Realität unterscheiden kann. Also lass uns schnell von hier verschwinden, denn ich glaube, dass du, ebenso wie ich, keine sonderlich große Lust hast, ihnen zu begegnen." Mit weit aufgerissenen Augen hatte Anna dem Wolf zugehört. Sie wollte so schnell wie nur möglich davonlaufen, nur wohin? Panik ergriff sie, als sie bemerkte, dass ihre derzeitige Situation nicht gerade die beste war. Sie war in eine ihr fremde, gefährlich Welt gelangt, war vollkommen verwirrt und war hilflos sämtlichen Gefahren ausgeliefert, deren Ausmaße sie sich besser nicht vorstellen wollte. Als wenn das schon nicht genug wäre, befand sie sich in der Gesellschaft eines sprechenden Wolfes der unheimlicher weise ihren Name kannte und so ausgemergelt schien, als käme Anna ihm gerade recht, um verspeist zu werden. Doch gleichzeitig musste sie ihm blindlings vertrauen und etwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass dies richtig sei, obwohl das zwar geschwächte aber immer noch mächtige und bedrohliche Tier sie jeden Moment hätte anfallen können. Schließlich fasste sie all ihren Mut zusammen und sagte entschlossen: "Gehen wir." Drahreg drehte sich auf der Stelle um und preschte über die Wiese, als sei der Teufel persönlich hint er ihm her. Anna hatte mit einer so plötzlichen Reaktion natürlich nicht gerechnet und hatte nun erheblich Probleme dem Wolf zu folgen. Sie rannte übers Gras und zertrat dabei einige Blumen, was ihr schrecklich leid tat, doch als sie einen kurzen Blick hinter sich warf, waren die Pflanzen gerade dabei sich wieder aufzurichten und standen so da, als wäre n nichts gewesen. Allerdings hatte das Mädchen keine Zeit sich darüber zu wundern, denn als sie wieder nach vorne schaute, musste sie feststellen, dass sie Drahreg aus den Augen verloren hatte. Der Wolf war wie vom Erdboden verschluckt. Anna blieb stehen, um sich zu orientieren, doch in dieser verrückten Welt, die Drahreg Phantasien nannte, sah alles gleich aus. Plötzlich hörte sie hinter sich ein Knacken und dann ein Rascheln. Angstschweiß lief ihr den Rücken hinunter. Hatte der Wolf nicht von zwielichtigen Kreaturen gesprochen? Sie wollte sich nicht umdrehen und einfach wegrennen, doch ihre Beine versagten ihrem Willen den Dienst und wollten nicht gehorchen. Eine Hand legte sich auf ihre rechte Schulter. Anna fröstelte. "Keine Angst, ich tue dir nichts", erklang eine zarte, melodische Frauenstimme, "Ich bin eine Fee." Anna drehte den Kopf. Die Fee war wunderschön. Sie hatte lange, dunkle Haare, eine Haut wie aus Porzellan und trug ein bodenlanges, mintgrünes Kleid, das ihre schlanke, zerbrechlich wirkende Gestalt umspielte. Wie hypnotisiert betrachtete Anna diese unglaubliche Erscheinung. So etwas anmutiges und hübsches hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie wollte ihr die Hand reichen doch auf einmal sprang ein wildes Tier zwischen zwei Grasbüscheln hervor und stieß die Fee zu Boden. Diese schrie kreischend um Hilfe, doch es ließ nicht von ihr ab. Die Schreie wurden immer leiser, bis sie nur noch ein Wimmern waren und letztendlich ganz verstummten. Blut tropfte aus den zahlreichen Wunden, die Drahreg der Fee zugefügt hatte. Regungslos lag sie nun am Boden und gab kein einziges Lebenszeichen mehr von sich. Anna stand da wie versteinert , unfähig irgendetwas zu sagen oder zu tun. Der Wolf betrachtete sein Opfer stumm und meinte nach einiger Zeit des Schweigens: "Auch wenn du mich jetzt für verrückt und brutal erklärst, möchte ich dir sagen, dass du mir wirklich dankbar sein solltest. Feen sind höchstgefährliche, intrigante, berechnende Wesen. Ich habe dir doch schon erzählt, was sie mit unserer Gedanken- und Gefühlswelt anrichten." Anna nickte betreten. Aber waren Feen nicht gut und erfüllten den Menschen Wunschträume? Ihr war kein Märchen, mit Ausnahme von "Dornröschen" bekannt, in dem Feen das Böse symbolisierten. Und bei "Dornröschen" war es schließlich auch die 13te Fee gewesen, die die Prinzessin als Kleinkind mit einem Fluch belegt hatte. Drahreg schien Annas Gedanken gelesen zu haben, denn er lächelte verständnisvoll und schlug vor, das Mädchen über die Feen weiter aufzuklären, sobald sie das Märchenwelt sicher erreicht hätten Anna war damit einverstanden und so gelangten die beiden, nachdem der Wolf das Mädchen zügig geführt hatte, zu einer großen Eichentür. Diese stand inmitten von Blumen und Gräsern und wirkte trotz ihres ungewöhnlichen Standorts nicht fehl am Platz. Drahreg öffnete sie wie von selbstverständlich und machte eine einladende Geste. Anna schaute sich noch einmal um und erkannte, dass Phantasien mit seinen Bewohnern andere durch seine perfekte Schönheit blendete und manipulierte, um von der Gefährlichkeit dieses Ortes abzulenken. Mit dieser Erkenntnis schritt Anna durch die Tür. Drahreg folgte ihr und schloss die Tür hinter sich fast geräuschlos. Augenblicklich veränderte sich die Welt um die zwei herum in einem so rasanten Tempo, dass Anna schwindelig wurde. Wenige Sekunden später stand sie in einer Wüste. Hier und da wuchsen ein paar Bäume und weiter entfernt konnte man Häuser erkennen. Überall waren Felsen, die spitz aus dem Boden ragten. "Ich habe immer geglaubt, die Märchenwelt sei ein Wald", dachte Anna laut. "Das denken viele, die nicht von hier kommen, entgegnete Drahreg und lachte bitter, "Das meiste, was in euren Märchenbüchern steht, entspricht absolut nicht den Tatsachen. Die Feen enthalten euch Menschen die wahren Geschichten vor. Sie verdrehen alles, damit sie in den Köpfen der Menschen besser dastehen. Glaubst du, ich, als einziger Wolf hier, wäre so klapperdürr, wenn ich sieben Geißlein, drei kleine Schweinchen und das Rotkäppchen mitsamt ihrer Großmutter gefressen hätte?" Das Mädchen musste widerwillig lachen. "Aber der Wolf ist in diesen Märchen immer gestorben", gab es zu bedenken. "Ja", erwiderte Drahreg, "das wurde um des guten Endes Willen dazuerfinden. In Wahrheit sind mir die drei kleinen Schweinchen ständig auf der Nase herumgetanzt, sodass ich sie irgendwann einmal für ein paar Stunden in ihre Häuser eingesperrt habe. Das Rotkäppchen habe ich nur ein einziges Mal ein bisschen erschreckt und auf die sieben Geißlein muss ich halt ab und zu aufpassen, damit ihre Mutter in Ruhe Besorgungen machen kann. Währenddessen spiele ich des Öfteren mit ihnen Verstecken." "Wirklich?", fragte Anna ungläubig. "Natürlich, außerdem bin ich Vegetarier, nur da in Wüsten nicht gerade viel Pflanzen wachsen, suche ich oft tagelang nach etwas Essbarem." Vor einigen Stunden hätte Anna, hätte ihr jemand etwas von einem vegetarischen Wolf erzählt, der auch noch sprechen kann, demjenigen einen Vogel gezeigt, doch so langsam wunderte sie gar nichts mehr. "Was ist jetzt eigentlich der Grund, dass ich hier bin?", wollte das blonde Mädchen wissen. Drahreg schluckte. "Wir haben dich auserwählt", sagte er feierlich, "Du musst den Menschen in deiner Welt die Wahrheit über uns erzählen. Wir haben unser ganzes Vertrauen in dich gesetzt, seitdem Egiluda eine Vision von dir hatte. Ich bin jahrelang zwischen deiner und der Märchenwelt hin und her gereist, nur um dich zu finden. Außerdem ist das Triumvirat nur mit dir vollständig. Wenn es bei Vollmond zusammenkommt, können die Feen besiegt werden und Phantasien is t wieder nur die Welt der Denker und Träumer, und die Gedanken gehören wieder ganz und gar einem selbst und nicht irgendwelchen Feen, die sie beeinflussen und verändern." Anna musste die Informationen erst einmal verdauen. Ihr schwirrten tausend unterschiedliche Gedanken durch den Kopf. In den letzten Stunden war so viel passiert. Die Geschichte, von denen sie immer so fasziniert gewesen war, hatten sich als Lügen herausgestellt und nun sollte sie diese Lüge richtig stellen und die zu Schaden Gekommenen dabei unterstützten, die Urheber dieses Chaos zu beseitigen, damit die drei Welten, Phantasien, das Märchenland und ihre eigene Welt wieder ins Gleichgewicht kamen und alle ihrer Phantasie, ihren Gedanken, Ideen, Wünschen und Träumen wieder freien Lauf lassen konnten, die doch so wichtig für alle Lebewesen waren. Was wäre ein Mensch denn schon ohne ein Ziel, was er unbedingt erreichen möchte, ohne Träume, seien sie noch so unrealistisch, und ohne eine völlig eigene Kreativität? - Nichts. "Ich stelle mich meiner Aufgabe", ließ Anna nach ihrer kurzen Überlegung selbstbewusst verlauten. Sie atmete tief durch und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. "Gut, dann geleite ich dich jetzt zu Egiluda", sagte Drahreg und er lief in einem langsamen Trott auf die Häusergruppe im Norden zu. Anna folgte ihm gemächlich, als sie abrupt stehen blieb. Weinte da nicht jemand? Aus Angst, sie könnte wieder in eine Falle tappen, lief sie zügig weiter und rückte näher an den Wolf heran, der anscheinend nichts bemerkt hatte. Vorsichtshalber fragte sie ihn, ob er nicht ebenfalls jemanden weinen gehört hatte. Daraufhin blieb er stehen und lauschte. "Da hat sich wohl wieder so eine dumme Elfe einen ihrer Fingernägel abgebrochen", grinste er in sich hinein, "Die kleinen Biester stehen zwar auf unserer Seite, sind aber schrecklich eingebildet und zickig. Siehst du?", sagte er und deutete mit seiner linken Vorderpfote auf ein winziges, glitzerndes Wesen, das auf einem nahe gelegenen Stein hockte. Es war hellblond, trug ein goldfarbenes Kleid mit farblich passendes Ballerinas und jammerte vor sich hin. Das nicht gerade hübsche Gesicht war von Flecken übersäht, die von zahlreichen Tränen der Trauer über den abgebrochenen Fingernagel verursacht worden waren und aus einer Mischung aus Mascara und Make-Up bestanden. "Ihr Fabelwesen kennt Kosmetika?"., fragte Anna erstaunt. "Natürlich", antwortete Drahreg, "wir haben uns genauso weiterentwickelt wie ihr." "Hörst du wohl auf!", fauchte die Elfe, als der Wolf, als der Wolf sie anstieß. "Hat da jemand schlechte Laune?", gab dieser zurück, wobei die Frage, angesichts der Miene der Elfe, völlig überflüssig war. Sie zog einen Schmollmund. "Der Nagel wächst doch wieder nach", meinte Anna tröstend, obgleich sie so viel Theater für einen abgebrochenen Fingernagel als etwas übertrieben empfand.

"Das dauert aber eine halbe Ewigkeit und ich habe mein ganzes Geld schon den Mistkäfern für ihre Bräunungscreme aus eigener Herstellung gegeben. Ich frage mich wirklich wie die das machen…", redete die Elfe auf sie ein. Schallend begann Anna zu lachen. Elfen waren scheinbar nicht nur abgrundtief hässlich, eitel und selbstverliebt, sondern auch noch dumm. "Ich habe mich sowieso schon die ganze Zeit gefragt, was hier so stinkt", meinte Drahreg trocken, worauf das Mädchen sich vor Lachen krümmte. Die Elfe schaute irritiert drein und kicherte anschließend grell, wobei sie beim Einatmen grunzte wie ein Ferkel. "Wir müssen weiter", sagte der Wolf mit einem Blick zu Anna, die immer noch gluckste. "Tschüssi, ihr Süßen!", rief die Elfe ihnen mit einem aufgesetzten Lächeln nach und Anna und Drahreg gingen weiter ihres Wegs. "Ist die immer so drauf?", wollte das Mädchen wissen. "Ja, ich weiß, sie ist schrecklich und es gibt noch viel mehr von diesen Viechern. Falls du irgendwann einmal einem ganzen Rudel von Elfen begegnen solltest, ignoriere sie am besten, versuche es zumindest, auch wenn man derartiges normalerweise nicht ignorieren kann. Ich kann diese oberflächlichen, arroganten, unschönen, falschen Wesen absolut nicht leiden. Sie sehen alle identisch aus und legen alle das gleiche Verhalten an den Tag. Also halte dich am besten von ihnen fern, wenn du nicht genauso werden willst wie sie", sprach Drahreg und Anna stimmte ihm in jedem Punkt zu, behielt dies aber für sich, da sie sich keine Feinde in der Märchenwelt machen wollte, falls um sie herum nicht noch irgendwo eine Elfe schwirrte. Von weiter her kam ihnen ein kleiner Mann entgegen. Der Wolf begrüßte ihn freundlich. Als der Zwerg das Mädchen erblickte, machte er große Augen und warf sich vor Anna auf die Knie. Danach stand er ächzend auf, ging um sie herum und fragte: "Drahreg, ist sie das? Dieses Menschenkind, von dem die gute Egiluda gesprochen hat?" Der Wolf nickte lächelnd. Der Zwerg zog seine Zipfelmütze vom Kopf, unter der eine Glatze zu Vorschein kam, die von weißen Löckchen umrahmt wurde. Er hatte lustige Augen und ein gütiges Lächeln auf den Lippen. "Darf ich euch zwei zu einer Steinpilzsuppe einladen?", kam es von ihm. "Gerne", sagte Anna, die jetzt erst bemerkt hatte, wie hungrig sie war. Drahreg schien die Einladung auch sehr gelegen und so führte der Zwerg sie zu seinem Häuschen, das nicht weit des wohl einzigen Waldstücks im Märchenland lag. "Warum frisst du dich nicht hier satt, hier wächst doch genug?", sagte Anna an Drahreg gewand. "Der Wald steht unter Naturschutz", knurrte dieser missmutig, während der Zwerg die Tür aufschloss. Der Raum, der sich dahinter auftat, war größer als Anna erwartet hatte. Er war einfach möbliert, aber gemütlich und für Personen von geringer Größe perfekt, sodass das Mädchen beim Durchschreiten der Tür seinen Kopf einziehen musste. Anna nahm an einem Holztischchen Platz und Drahreg legte sich auf den steinernen Fußboden. Währenddessen hantierte der Zwerg an seinem Herd und schien völlig in seine Tätigkeit versunken, als er schlagartig durch ein Fenster aus der Wohnküche sprang und in seinen Garten hinterm Haus stürmte. Man hörte ihn fluchen und ei dumpfes Geräusch, das Anna nicht einordnen konnte. Sie hatte sich durch die ruckartige Bewegung des Zwergs gründlich erschrocken. Drahreg hingegen war nicht einmal zusammengezuckt. Wenig später kam der kleine Mann wieder durchs Fenster hineingeklettert. "Diese Biester!", schimpfte er, "Ich hasse es, wenn man meinen mühevoll gezüchteten Rasen ruiniert. Sollen die Viecher doch sonst wo ihre Tunnel graben, aber nicht in meinem Garten!" "Er redet von Maulwürfen", erklärte Drahreg, der Annas ratlosen Gesichtsausdruck bemerkt hatte, "Solche Anfälle bekommt er des Öfteren." Der Zwerg grummelte noch ein bisschen in seinen Bart hinein, doch als er kurz darauf die Suppe servierte, war sein Ärger verflogen. "Und du bist also Anna", sagte er, nachdem er sich hinge setzt hatte. "Noch jemand, der mich kennt, ohne mich jemals zuvor gesehen zu haben", dachte das Mädchen bei sich. "Ich bin übrigens Werner", stellte sich der Zwerg vor, während er seine Suppe schlürfte. "Es erfüllt mich mit tiefstem Stolz, dich meinen Gast nennen zu dürfen. Du bist wirklich unsere letzte Rettung." Folgend hielt der Zwerg einen Vortrag über Pilzsorten, wie man sie zubereitet und wie man am besten Maulwürfe einfängt und sie möglichst qualvoll sterben lässt. Anna lauschte gebannt uns aß dabei genüsslich ihre Suppe. Drahreg verdrehte nur genervt die Augen. Er hatte den Vortrag schon zu oft hören müssen, sodass er ihn schon halb auswendig aufsagen konnte. Werner war völlig begeistert, dass er jemanden gefunden hatte, der ihn ernsthaft interessiert und nicht nur aus Höflichkeit zuhörte und so zog sich das Essen bis in die frühen Abendstunden hin. Der Wolf war zwischenzeitlich eingenickt, doch als er die Dämmerung einbrach war er hoch geschreckt und hatte Anna gedrängt, langsam wieder aufzubrechen, da sie ja noch Egiluda vor dem Morgengrauen erreichen mussten. Sie verabschiedeten sich eilig von Werner, dem Anna noch stundenlang hätte zuhören können, dass er eine ganz einzigartige, spannende, lebendige Erzählweise hatte. Im Halbdunkeln sahen die Wege und Felsen in Annas Augen völlig anders aus und als Drahreg plötzlich stehen blieb und verlauten ließ, sie hätten sich verlaufen, war dem Mädchen zum Weinen zu Mute. Hoffnungslos setzte sie sich auf einen Stein und senkte den Kopf. War jetzt alles umsonst gewesen? "Es tut mir so leid", murmelte Drahreg immer wieder und lief ziellos umher, als suche er nach einer Spur oder einem Pfad, der sie wieder Richtung Hauptstraße gebracht hätte. Der Boden unter Anna begann sich auf einmal zu regen. "Wer hat sich denn da auf meine neuen Schuhe gesetzt?" ertönte eine tief grollende Stimme. "Petrus!", rief der Wolf halb lachend, halb erleichtert. " Du hast doch so viele Schuhe, da kommt es auf das eine verdreck te Paar nun wirklich nicht an. Du kommst uns gerade recht. Bring uns bitte ganz schnell zu Egiluda. Es geht um Leben und Tod!" "Drahreg, alter Freund!", erwiderte der Riese, der gerade dabei war sich aufzurichten. Anna blieb der Mund vor Staunen offen stehen, als er in voller Größe vor ihr stand. "Also, ich muss dich wirklich sehr bitten! Du weißt doch, dass mir meine Schuhe heilig sind und dass Schnelligkeit nicht gerade meine Stärke ist. Außerdem habe ich heute bis auf das tapfere Schneiderlein noch nichts gegessen." Dabei stieß er Anna in die Rippen, die sich mit Schmerz verzerrtem Gesicht die Seite rieb. "Das war ein Witz!" sagte Petrus und lachte dröhnend, wobei Anna nicht verstand, wo der Grund zum Lachen lag. Der Riese schien dies aber in kleinster Weise zu realisieren. Das Mädchen wollte gerade nachhaken, als Drahreg ihr einen warnenden Blick zuwarf, der ungefähr "sag besser nichts, sonst dauert es noch länger" bedeuten sollte. Daraufhin schloss Anna den Mund wieder. "Also, hilfst du uns jetzt?", fragte Drahreg. "Natürlich", antwortete der Riese, "ich muss nur noch eben etwas essen und dann…" "Dafür haben wir nun wirklich keine Zeit!", unterbrach der Wolf ihn. "Aber wenn ich nichts esse, laufe ich doch langsamer. In einem so geschwächten Zustand besteht bei mir akute Verschlumpfungs- und Versumpfungsgefahr, Alarmstufe Rot! Wenn man dies nun eine mathematische Gleichung setzt, relativiert sich das Ganze, aber man müsste euer Körpergewicht noch dazuaddieren, was die Sache wieder erheblich erschwert. Ich habe also drei verschiedene Möglichkeiten, etwas zu tun: 1. Ich helfe euch ohne vorher etwas zu essen, was mich stark schwächt und verlangsamt…" "Noch langsamer?", dachte Anna laut und fing sich einen vorwurfsvollen Blick von Drahreg ein. Petrus ließ sich jedoch nicht beirren: "2. Ich esse vorher eine Kleinigkeit und helfe euch, was aber den Nachteil hat, dass ihr zu spät kommen könnte oder 3. Ich helfe euch nicht und kann in Ruhe essen gehen…" "Komm endlich auf den Punkt", knurrte Drahreg, der allmählich die Geduld verlor. "Die 3te Möglichkeit erübrigt sich sowieso, daher entscheide dich bitte schnell (wobei er das Wort "schnell" extrem betonte) für die erste oder zweite." "Ich nehme die vierte", sagte der Riese gedehnt, worauf der Wolf mit den Augen rollte und Anna genervt aufstöhnte, "Ich bringe euch so schnell wie möglich zu Egiluda und esse einfach auf dem Weg." "Das ging ja ausnahmsweise schnell", meinte Drahreg ironisch aber erleichtert, als der Riese ihn auf seine Schultern hob. "Finde ich auch". gluckste dieser und Anna musste grinsen. Petrus war ihr trotz seiner trotteligen, naiven Art, irgendwie sympathisch. Er hob das Mädchen ebenfalls hoch und setzte sich mit riesigen, aber gemächlichen Schritten in Bewegung. Anna genoss die Aussicht und als der Riese sie vor der Häusergruppe absetzte, wäre sie gerne noch einmal auf seinen Schultern getragen worden. "Vielen Dank", sagte sie und Petrus dröhnte: "Hab´ ich doch gern gemacht." Egiluda erwartete sie schon ungeduldig vor ihrem Haus. Der Vollmond war inzwischen aufgegangen und warf gespenstische Schatten auf Annas helles Haar. Die Frau trug ein langes, rotes Gewand, das kompliziert gewickelt war, ähnlich einer altrömischen Toga. "Salvete, amici!", sprach sie sehr langsam und getragen. Ihre dicken dunkelblonden Haare wurden von ihrer Hand aus dem Gesicht gestrichen. "Sei gegrüßt, alte Kräuterfrau", sagte Drahreg mit einem Augenzwinkern. "Wir müssen uns beeilen", sagte Egiluda und schritt in einen in den Sand gezeichneten Kreis. Anna und Drahreg folgten ihr und ihre Körper bildeten ein Dreieck. "Anna, auf deinen Schultern lastet eine große Verantwortung. Bist du sicher, dass du dich ihr stellen willst?" fragte die Hexe sie und betrachtete sie aus ihren stahlblauen Augen eindringlich. "Ja", sagte Anna entschlossen. "Amen", sprach Egiluda und rief mit ausgebreiteten Armen: "Prophezeiung, wir taten, was du v erlangtest! Das Triumvirat hat sich bei Vollmond versammelt und den die Wesen des Märchenlands sind bereit den Feen den Kampf anzusagen! Prophezeiung, erfülle dich!" Es blitzte und donnerte und Anna wurde durch die Luft gewirbelt. Augenblicklich saß sie wieder in ihrem Klassenzimmer, wo Herr Esig immer noch seinen Vortrag hielt und die Klasse vor sich hindöste. Ein Glücksgefühl erfüllte Anna. Sie lächelte zufrieden. Sie konnte die Wahrheit nun überall verbreiten und die drei Welten würden somit wieder ins Gleichgewicht kommen. Die Feen waren hoffentlich für immer und ewig besiegt und vernichtet. Ein Wehrmutstropfen blieb ihr jedoch: Sie hatte sich nicht von Drahreg verabschieden können, den sie lieb gewonnen hatte. Der Wolf auf dem Papier vor ihr lächelte und zwinkerte ihr zu.

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