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Eingereicht am
03. April 2007

OP- brutal!

© Gaby Schumacher

Am anderen Ende der Leitung hängt ein total verzweifeltes Etwas: "Mama, schluchz!", piept es mir entgegen.

Schlagartig wird mir klar, wer da offensichtlich in Not ist: Dieses zittrige, dünne Stimmchen gehört meiner Ältesten und das 'Schluchz' bedeutet, es geht um Leben oder Tod.

"Kleines, was ist denn passiert?"

"Püchen ist, heul, vom Schrank geplumpst, schnief, und jetzt hat er nur noch ein Auge. - Mamaa...!!"

Es klingt wie das SOS in Erwartung des drohenden Weltunterganges. Schließlich ist meine Tochter ja erst 27 Jahre jung und der gefallene Unglücksrabe ihr Teddybär, der früher einmal meiner war.

"Mama", tönt es weiter. "Bitte, hilf ihm. Es ist ja soo fuurchtbar, heuul... ?!"

"Nooch schlimmer kann der Weltuntergang auch nicht werden!", stelle ich fest, natürlich nur leise für mich, bin ja keine gemeine Mutter. Ich fordere sie auf:

"Schwing Dich ins Auto und bring mir den kleinen Patienten. Haste das Auge denn wieder gefunden?"

"D.., das ist untern Schrank gekullert. Ich bin drunter gekrabbelt und hab es mit der Krücke vom Regenschirm hervor gefischt, schnief."

"Des Regenschirmes!", korrigiere ich im Stillen.

In Anbetracht der dramatischen Situation schweige ich jedoch dazu.

Eine kurze Pause, dann spricht sie ein bisschen munterer:

"Püchens zweites Auge hat bei dessen Anblick richtig gestrahlt!"

Für ihre Fantasie kann meine Tochter nichts. Die hat sie von mir.

Eine halbe Stunde später klingelt es, mein Töchterchen mit dem bedauernswerten Teddy auf dem Arm steht vor mir und bemüht sich um tapferes Tränenunterdrücken, was ihr erstaunlich gut gelingt. Na ja, seit dem Unfall sind ja immerhin mehr als dreißig Minuten vergangen. Sogar Püchen wirkt auf mich nicht mehr so ganz frustriert. Vielleicht überwiegt in diesem Augenblick auch nur die Wiedersehensfreude mit seinem Ex-Frauchen.

Sein linkes Auge blitzt mich schelmisch an. Das andere kann das nicht. Es ist ja nicht mehr da, wo es hin gehört. Was ich stattdessen sofort bemerke, ist der kleine Rucksack, den das Kerlchen auf dem Rücken trägt.

"Weshalb bringt er den denn mit?", frage ich meine Tochter verblüfft.

"Da ist sein rechtes Auge drin. So geht es wenigstens nicht verloren!"

Ich fass es einfach nicht!

Vorsichtshalber geleite ich die Zwei erst einmal in die Küche und krame den Cappuchino und die Büchsenmilch aus dem Schrank. Den Kaffee für meine Kleine und die Büchsenmilch für Püchen als Trostleckerei. Beide schlürfen mit Begeisterung und beide beruhigen sich langsam.

Als der Puls meiner Tochter sich wieder normalisiert hat, schicke ich sie gen Heimat:

"Aber, Mama, du sagst mir doch sofort Bescheid, falls...!"

"Natürlich, Kind!", entgegne ich, schiebe sie zur Türe raus und schließe diese schleunigst wieder. Die Augen zur Decke verdrehend pruste ich los. Irgendwie erscheint mir das Ganze so verrückt...

Doch genauso fix werde ich dann wieder ernst und finde alles überhaupt nicht mehr komisch, sondern äußerst tragisch. Besorgter Miene eile ich eile zurück in die Küche, in der Püchen inzwischen vor dem Kühlschrank hockt und sich mit seiner Zunge übers Maul leckt. Wahrscheinlich denkt er, macht er das nur lange genug, dann regnet es Büchsenmilch.

Aber dummerweise steht ihm eine Operation bevor und da sollte er zumindest einigermaßen nüchtern sein. Erklären Sie dies aber mal einem Teddybären! Da das relativ blödsinnig wäre, spare ich mir diesbezügliche Bemühungen und bereite stattdessen alles für den komplizierten Eingriff vor.

Der Küchentisch avanciert zum OP-Tisch. Püchen verschwindet, wie es sich bei einer anständigen Operation während der Adventszeit gehört, unter riesigen, grünen Weihnachtsservierten, die nur noch die leere Augenhöhle frei lassen. Das allerdings ist unumgänglich und äußerst wichtig, denn wo sonst soll ich, bitteschön, das arme Guckinstrument implantieren? Unter der Hinterpfote wirkte es doch reichlich deplatziert. Schließlich ist es kein Hühnerauge.

Erschüttert starre ich einen Moment lang auf jenes traurige Loch dort.

"Keine Angst, das haben wir gleich!", suggeriere ich dem vor Panik wie gelähmt da liegenden Bären.

Es kommt keine Antwort. Hat er bereits mit seinem Leben abgeschlossen? Da keine Zeit zu verlieren ist, ziehe ich mir meine Gartenhandschuhe an (wegen der Sterilität!) und stülpe mir zusätzlich den größten meiner Fingerhüte über den Zeigefinger der rechten Hand. Teddys Haut ist schließlich dick und eine Ledernadel piekt nicht nur am unteren Ende.

Ich stutze. Ich habe doch etwas Wesentliches vergessen... Was aber bloß? Ach ja, richtig, nooch ist der Bär ja bei vollem Bewusstsein.

"Nee, so geht' s ja nun wirklich nicht!", sage ich mir.

"Entschuldige, Püchen, aber das muss jetzt sein...!", flüstere ich dem armen Kerl zu, hole aus und verpasse ihm eine gepfefferte Backpfeife.

Sein linkes Auge sieht mich für einen Sekundenbruchteil überrascht an. Dann kippt sein Kopf zur Seite und mein Patient befindet sich im Traumland. Meine ja äußerst liebevolle Art und Weise, ihn zu narkotisieren, ist einfach umwerfend gewesen.

"Garantiert schluckert der dort jetzt eimerweise Büchsenmilch, während ich mich hier abmühe!", grummele ich.

Mit einigen kräftigen Stichen nähe ich das Auge wieder fest. Hoffentlich habe ich ihn mit meiner Aktion nicht dazu verdonnert, in Zukunft schielend durchs Leben zu traben. Ich hebe vorsichtig die Serviette ein wenig an. Nein, die Operation ist geglückt, das Auge sitzt richtig. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Die nachlassende Anspannung führt dazu, dass ich urplötzlich irritiert bin. Für einen kurzen Augenblick überfällt mich ein zweites Mal die Realität und damit zugleich eine schockierende Erkenntnis.

"Ich habe soeben einem Stück Stoff mit Sägespanfüllung eine runter gehauen!", murmele ich entsetzt vor mich hin und beginne, an meinem Verstand zu zweifeln.

Doch bevor ich mich noch selbst für Irrenhaus reif erklären kann, verwischt ein mitleidiger Blick auf das Zotteltier denselbigen für die Wirklichkeit. Ob der Bär wohl Wundschmerzen kriegen wird?

Pflichtbewusst rufe ich meine Tochter an. Anscheinend hat sie sich vor lauter Sorge um Püchen die ganze Zeit keinen Millimeter weit vom Telefon weg gerührt. Bange erkundigt sie sich:

"Mama, ist alles okay?"

Ich versichere ihr, ihrem Bären geht es gut. Ich spüre durchs Telefon, da schwebt noch eine Frage in der Luft und richtig, da kommt sie auch schon:

"Mama. Du hast ihn aber doch hoffentlich nicht ohne Betäub...!!?" "Für wen hältst du mich eigentlich... ?!", entrüste ich mich.

Stille in der Leitung. Es bleibt so still, dass ich davon ausgehe, es ist gut, dass ich nicht erfahre, was sie denkt.

Um allen ungerechtfertigten Zweifeln an meinem Charakter vorzubeugen, schleudere ich ihr, vielleicht ein wenig zu heftig, entgegen:

"Natürlich habe ich ihm vorher eine geklebt!" Hätte ich das besser anders formuliert??

Wiederum herrscht Stille. Diesmal ist es eine eisige Stille.

Dann ein unkontrollierter, irre wütender Wahnsinnsaufschrei: "Also wirklich, Mamaa...!!

Das Telefonat ist beendet.

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