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Im Wartezimmer

© Katharina Britzen


Ich hätte mich ohrfeigen können. Einmal links, klatsch, einmal rechts, klatsch. Warum hatte ich mir für den heutigen Aschermittwoch keinen Urlaub eingetragen? Lag stattdessen mit Fieber und Schüttelfrost im Bett, ohne mit dem Pluderhosen-Sultan in der Karawane weitergezogen zu sein. Außer dieser drögen Kappensitzung, Prädikat miserabel, Humoristisches nur unterhalb der Lenden, war die fünfte Jahreszeit spurlos an mir vorbeigetrömmelt. Werner und ich hatten unserem Wohnzimmer während der tollen Tage ein neues Tapetenkleid verpasst. Retrolook. Und mir dabei, Gott weiß wo, vielleicht zwischen Tapeten und Kleister, einen heimtückischen Virus eingefangen.
Trotz Flanell-Schlafanzug und Omas selbst gestrickten Wollstrümpfen bibberte ich vor Kälte, und ein Kälteschauer nach dem anderen jagte über meinen Rücken. Die Skala des Fieberthermometers kletterte auf lebensbedrohende 39 Grad Celsius. Mir war sterbenselend zumute, und ich hatte nur einen Wunsch: schlafen, schlafen, schlafen. "Ich rufe in deiner Firma an, Eva, und melde dich krank", hatte Werner morgens versprochen, während ich fiebrig in den Vormittag hinein dämmerte.
Irgendwann wurde ich wach, und mein erster Gedanke galt den Kollegen. Oje! Nur zu gut konnte ich mir ihre anzüglichen Kommentare vorstellen. In meinen Ohren zwischen Hammer, Amboss und Steigbügel machten sich ihre spitzen Bemerkungen breit: "Wer saufen kann, kann auch arbeiten."
Wenn es nur ein Kater gewesen wäre ... Den hätte ich mit zwei Aspirin zum Teufel gejagt. Nützte alles nichts. Zu meiner Rehabilitation bei Kollegen und Chef musste ich mir eine Krankmeldung besorgen. In meinem Zustand ein Dilemma. Notgedrungen mobilisierte ich letzte Reserven und hangelte nach dem Telefon auf dem Nachttisch. Krächzend bat ich die Sprechstundenhilfe: "Brauche dringend einen Termin. Mich hat es erwischt. Fast vierzig Fieber."
Bei ihrer Antwort schnellte ich wie eine gespannte Weidenrute senkrecht im Bett hoch: "Wie bitte? Sie haben keinen Termin mehr frei? Soll ich mich etwas drei Stunden lang ins Wartezimmer setzen?"
Im Handumdrehen hatte sich meine Stimme von bemitleidenswert in aggressiv verwandelt. Nicht zu glauben! Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten und sollte in diesem Zustand in die Sprechstunde des Arztes. Wo ich doch, wenn schon nicht den Rettungshubschrauber, dann aber zumindest den Notarzt zu einem persönlichen Hausbesuch, erwartet hätte. Ja gut, ich war kein Privatpatient. Privilegien erwartete ich auch keine. Aber auch als gesetzlich Krankenversicherte hatte ich ein Recht auf lebenserhaltende Maßnahmen.
"... erinnern Sie Dr. Müller mal an seinen hippokratischen ..."
"... für elf. Ich trage Sie für elf Uhr ein. Aber stellen Sie sich auf Wartezeit ein. Hier ist es proppenvoll" stoppte mich die Giftnudel und hatte aufgelegt. Hin- und hergerissen zwischen meiner Reputation als nicht kleinzukriegende Arbeitskraft und meinem Widerwillen gegen ärztliche Praxen mit röchelnden, schniefenden Menschen entschied ich mich für den Arztbesuch. Ich schleppte mich ins Bad. Ach, wie gerne hätte ich mich jetzt in die heiße Badewanne gelegt anstatt unter der Dusche zu zittern. Und mich lieber mit Hausmittelchen kuriert. Heiße Milch mit Honig, heiße Zitrone. Besser nicht, allein bei dem Gedanken an Zitronen verstärkte sich das Kratzen in meinem Hals. Als eifrige Leserin der Gesundheitsratgeber tippte ich auf vereiterte Mandeln. Mindestens. Damit war nicht zu spaßen. Hatte ich mein Testament schon gemacht? Ach, in manchen Dingen war ich einfach zu nachlässig.
Tiefe, dunkle Schatten unter den Augen, ohne weiteres Indizien für durchzechte Nächte, entdeckte ich bei einem Spiegelblick und frottierte mich unter Aufbietung letzter Kraftreserven trocken. Mit einem Mir-ist-alles-egal-Gefühl lenkte ich mein Auto zur Praxis meines Hausarztes, den ich bisher höchstens einmal im Vierteljahr wegen eines Pillenrezeptes konsultierte. Bislang war ich zur Freude des gesundheitlichen Solidarpaktes ein Exemplar robuster Gesundheit und schonte das Budget.
Ich schleppte mich zur Anmeldung, wo des Doktors Terminkalender mich mit einem "Da sind Sie ja. Ihre Versichertenkarte bitte" empfing und mit Verve ein grünes Häkchen hinter meinen Namen setzte, nachdem sie interessiert auf dem Bildschirm meine Daten überflogen hatte. Zum Glück gab meine Krankenakte nicht viel her. Umsonst geschnüffelt. Eine gewisse Häme konnte ich mir nicht verkneifen.
Als ich das Wartezimmer betrat, schlug mir trotz eingeschränktem Geruchssinn ein Duftgemisch aus feuchter Wolle, Schweiß, Menthol und nasequälenden Duftwässerchen entgegen. Wie Hühner auf der Stange quetschten sich in der Mehrzahl Frauen, ältere Mannsbilder und rotznasige Kinder auf rot gepolsterten Metallstühlen. Mein "Guten Morgen" ging im allgemeinen Gemurmel, Geniese und Gehuste unter. Ja, Gesichtsmasken wären angebracht gewesen in diesem Viren-Tummelfeld. Wie angekündigt stapelten sich die Patienten förmlich in diesem Mauseloch von Wartezimmer mit zum Teil zerfledderten Magazinen auf dem Glastisch in der Mitte. Mir blieb nur die Wahl zwischen Stehplatz und Stehplatz. Ich überlegte, im zugigen Anmeldebereich zu warten, reihte mich dann aber doch in den Stehplatz neben einem hüstelnden Mann ein, der mich aus den Augenwinkeln heraus taxierte. In Augenhöhe mit bunten Kinderzeichnungen ließ ich meine Pupillen unmerklich über die Anwesenden schweifen. Ich fuhr erschrocken zusammen, als aus dem Lautsprecher in der linken Zimmerecke direkt über mir die Ansage "Frau Meier, Ilse Meier, bitte ins Labor", schnarrte. Unter Ächzen erhob sich eine stark übergewichtige Frau um die fünfzig aus ihrem Stuhl. Kupferrote Kringellöckchen rahmten ihr rosiges, pausbäckiges Gesicht ein. Ilse Meier schlurfte mit geschwollenen Füßen ins Labor, wobei ihr enges rotes Oberteil jede Speckfalte bis hinunter zur Hüfte betonte und ein mächtiger Busen beim Gehen auf und abwogte. Alle Blicke waren ihr sicher.
"Ilse müsste unbedingt abspecken", zischelte eine Frau ihrem schnauzbärtigen Nachbarn linkerhand zu. Entweder hatte die Dame ein Dauerabonnement in einem Bräunungsstudio oder erst kürzlich Urlaub am Meer gemacht. Tiefbraun stachen ihre Gesichtszüge gegen die winterblassen, farblosen Gesichter der Wartenden ab. Falten, eher Furchen ähnlich, durchzogen ihr ganzes Gesicht. Eine dicke Schicht Puder hatte sich in den Poren festgesetzt. Die grellgeschminkten Augen rundeten das übertriebene Make-up ab. Dazu platinblond.
"Bluthochdruck, Diabetes, Atemnot. Das ist doch kein Leben, Dominik", hörte ich sie weitersticheln, als der Mann auch schon aufgerufen wurde und fluchtartig um die Ecke verschwand. Als der freie Stuhl unbesetzt blieb, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe, was mir gleich leidtat, denn mit Ilse hatte sich auch deren Körperwärme auf dem Stuhl breitgemacht. Sehr unangenehm. Aus meiner jetzigen Position konnte ich die Menschen noch leichter, ungenierter beobachten. "Mama, wie lange dauert es noch?" quengelte ein Lockenschopf und klappte gelangweilt das Bilderbuch mit den Eselsohren zu. Mir gegenüber hockte wie auf Kohlen eine sehr junge Mutter, deren Baby zu schreien anfing. Warum eine Praxis diesen Winzling einen derartigen Virenpool zumutete, verstand ich nicht. Sollte es eine Form der Abhärtung sein? Alle Anstrengungen der Mutter, ihr Kind zu beruhigen, Schnuller, Teeflasche, Liebkosungen schlugen fehl. Das Kleine schrie immer lauter. Die Gespräche im Raum ebbten ab. Eine Rabenmutter, las ich in so manchem Augenpaar, unfähig, den quengelnden Störenfried in den Griff zu bekommen. Auch bei mir zerrte das Geschrei an den Nerven, dennoch ermunterte ich die junge Frau:
"Gehen Sie doch raus. Die müssen Sie doch drannehmen." Verunsichert starrte die Frau in die Runde schaute und hektisch rote Flecken überzogen ihr blutjunges Gesicht. Ich lächelte ihr wohlwollend zu, und sie entschuldigte sich:
"Ich hab' doch keinen Termin, und hier herrscht Hochbetrieb." Das Kleine war mittlerweile einem Schreikrampf nahe. Bauchstreicheln, Rückenklopfen verfehlten vollends ihre Wirkung. "Mein Kinderarzt ist in Urlaub. Wenn man hier keinen Termin hat, muss man warten. Auch mit Kind."
Der Verzweiflung nahe wiegte sie ihr Kind, was mittlerweile krebsrot angelaufen war, beruhigend hin und her. Zwei weitere Kinder stimmten in den Weinchor mit ein. Schier unerträglich. Den Unmut der Anwesenden vor Augen, tat die junge Mutter dann endlich das Richtige. Sie knöpfte ihre Bluse auf und legte das Kind an die Brust. Das Kind entspannte sich augenblicklich. Warum sie das nicht gleichgetan hatte, verstand ich erst nicht, wurde dann aber eines Besseren belehrt. Eine Frau, Typ böse Schwiegermutter, mit hängenden Mundwinkeln und Habichtsblick konnte sich ihren Kommentar nicht verkneifen.
"So was hätte es zu unserer Zeit nicht gegeben. Einfach die Brust auspacken in der Öffentlichkeit. Nein, nein. Die jungen Leute von heute. Kein Anstand mehr. Wie die Tiere."
Gleich mehrere protestierten.
"So ein Unsinn. Stillen ist die natürlichste Sache der Welt. Dafür braucht man sich nicht zu schämen. Im Gegenteil. Bravo, junge Frau, dass Sie für Ihr Baby nur das Beste wollen", kommentierte eine weißhaarige, ihrem Aussehen nach etwa Siebzigjährige resolut und nickte der Stillenden lächelnd zu.
Ein Mann, der meinem sanftmütigen Opa glich, echauffierte sich und hielt einen Vortrag über natürliche Babynahrung: "Leider hat meine Frau unsere beiden Mädchen nicht gestillt. Stillen war damals verpönt. Bewusst von der Babynahrungsindustrie gesteuert. Muss man sich heute mal vorstellen. Das bedauert sie noch heute. Es gibt doch kein innigeres Band zwischen Mutter und Kind als Stillen. Sind wir doch froh, dass überhaupt noch Kinder auf die Welt kommen. Wann sieht man denn heutzutage noch stillende Mütter?"
Mit stolzgeschwellter Brust sah er in die Runde. "Ich habe vier Enkel. Für meine Töchter wäre außer Stillen nichts anderes in Frage gekommen. Alles gesunde, zufriedene Kinder."
Die Gegner des öffentlichen Stillens schwiegen und stierten grimmig vor sich hin. Auch die Platinblonde verzog ihre Lippen zu einem verächtlichen Strich. Ich fühlte mich zu schwach, um meinen Senf dazu zugeben, pflichtete aber im Stillen dem Mann mit den vier Enkeln zu und lächelte ihm zu. Zur allgemeinen Erleichterung wurden die Mütter, eine nach der anderen, mit den Kindern in die Behandlungszimmer gerufen.
Nach wie vor herrschte in der Praxis Hochbetrieb. Ein einziges Kommen und Gehen. Leere Stühle blieben keine Minute unbesetzt. Eine halbe Stunde wartete ich bereits. Ich kuschelte mich noch enger in meine warme Jacke und fröstelte vor mich hin. Mit halbem Ohr lauschte ich dem Gemunkel rundherum. Kein Zweifel, hier kannte man sich. Diskretion schien ein Fremdwort zu sein. Ungeniert palaverten sie über Fußpilz, Furunkel und Myome. Schlimmer noch, ohne Anzeichen von Sensibilität wetteiferten sie hemmungslos mit ihren Krankengeschichten, als handele es um eine Olympiade gesundheitlicher Schicksalsschläge. Ich hätte mir Kopfhörer gewünscht, um den Kreislaufstörungen, den Schilddrüsenüberfunktionen, den Krampfadern und letztendlich diesem Imponiergehabe zu entkommen. Aber in diesen knapp zwanzig Quadratmetern hätte jeder Schwerhörige gut und gerne auf sein Hörgerät verzichten können.
"Mir haben sie in alle Venen Katheter gelegt. Raucherbein. Sonst würde ich schon lange die Radieschen von unten begucken. So was von verstopften Venen hätten sie in den letzten dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Mein Körper ist das reinste Schnittmuster. Ein Wunder, dass ich noch lebe."
Allein diese vier Sätze des Magermolchs genügten, um gleich einen lang anhaltenden Hustenanfall loszutreten, bei dem er von rot nach dunkelblau anlief. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Ich runzelte die Stirn, als ich seine gelben Fingerkuppen bemerkte und öffnete gleich die Schublade Kettenraucher. Wie Recht ich hatte! Schon fingerte Raucherbein aus seiner Hosentasche ein Päckchen Zigaretten, stopfte dieses wieder zurück und kramte stattdessen das Asthmaspray heraus. Es zischte kurz, als er es sich in den Mund sprühte.
"Rauch' noch eine, Rudi. Dann wird es gleich besser", lästerte sein Nachbar, ehe wir Anwesenden Zeuge dessen Krankheitsgeschichte wurden: "Was glaubst du, mein Lieber, was die Magenspiegelung ergeben hat? Magengeschwüre. Und was für Dinger. Nur Haferschleim die nächsten Wochen. An ein kühles Blondes oder einen Klaren ist im Traum nicht zu denken. Dazu eine entzündete Bauchspeicheldrüse, mein Lieber. Das sind Schmerzen. Dagegen waren die Foltermethoden der Indianer reinste Zärtlichkeiten", setzte er dem asthmatischen Rudi eins drauf, der zwar so gut wie keine Luft bekam, dafür aber schmerzfrei war.
"Pankreatitis", wiederholte er gedehnt. Rudi protestierte hustend.
"Mich hat es in diesem Winter schon dreimal erwischt", stöhnte ein kleiner Mann mit vollem Haar und schniefte fortwährend in seine Tempos. Interessiert schaute ich hoch. Ein Leidensgenosse?
"Mit solchen Kinkerlitzchen belästigt man keinen Arzt. Dem rückt man mit Grog zuleibe, Fritz", tadelte Rudi sein Gegenüber, ehe ein Hustenanfall ihn am weiteren Reden hinderte und uns vor weiteren Details bewahrte.
Ob ein Unfall schuld war, hatte ich noch nicht ausgedacht, als ein Dritter mit weißer Kopfbinde, gedämpfter Stimme und gequältem Gesichtsausdruck erzählte:
"Bei mir haben sie vorletzte Woche einen Gehirntumor entfernt. Bin dem Sensenmann in letzter Sekunde von der Schippe gesprungen. Hätte meine Frau mich wegen unerträglichen Kopfschmerzen nicht zum Arzt gejagt, säße ich heute nicht mehr hier. Egon Wirz weilte dann nicht mehr unter den Lebenden."
Hier machte er eine bedeutungsvolle Pause. Den Blicken der Wartezimmerinsassen nach zu urteilen rangierten Gehirntumore offensichtlich auf der Krankheitsskala ganz, ganz weit oben. Ich fühlte mich in dieser Runde von Minute zu Minute unwohler. Wo war ich hier gelandet? In den Vorhof der Hölle. Hatte ich eigentlich ein Recht, hierzusein? Mit so was Profanem wie Halsschmerzen und Fieber zwischen all den Todgeweihten rings herum. Erste Gewissensbisse machten sich breit, und ich erwähnte schon, den "Saal" zu verlassen. Doch ich blieb, und weitere Einzelheiten zerrütteter Gesundheit blieben mir nicht erspart.
"Bei mir wurde die Galle entfernt. Gallensteine so groß wie Kiesel ", brachte sich ein griesgrämiger dürrer Typ mit pomadisierten Haarsträhnen ins Gespräch, ohne mit dieser Äußerung auch nur ein Quäntchen Aufmerksamkeit zu erlangen, denn jeder von uns starrte zur Tür, in der ein Hüne von fast zwei Metern auftauchte. Aufgrund seiner gesunden Gesichtsfarbe, die leicht violett schimmerte, vermutete ich jemanden, der sich viel im Freien aufhielt. Sein linker Arm wurde von einer ursprünglich weißen Binde, jetzt blutgetränkt, gehalten, und er polterte ohne einen "guten Tag" los, als er, seiner Mimik nach zu urteilen, im Wartezimmer vertraute Gesichter sah. "Na, ihr Hypochonder. War euch zu Hause wieder langweilig? Müsst ihr dem Doktor immer seine Zeit stehlen, wie." Seine Verdächtigungen schienen in dieser Runde niemanden zu belasten.
"Welchem Massaker bist du denn entkommen, Walter", wollte der Grippekranke wissen, mit dem ich mich gerne solidarisiert hätte. Der Asthmatiker lästerte: "Beim Kartoffelschälen Feindberührung gehabt, wie?"
"Ach, Larifari. Hab' heute Morgen Kaminholz gespalten. Dabei ist mir die Axt ausgerutscht und in den Arm gefahren. Ging durch bis auf den Knochen."
Mir wurde ganz flau im Magen. Da lief dieser Walter unbekümmert mit tiefklaffender Wunde durch die Gegend und tat so, als hätte er mit der Axt Blutsbrüderschaft geschlossen.
"Hat geblutet, als hätte man eine Sau abgestochen. Hätte mich um Haaresbreite selbst amputiert. Schwein gehabt."
So manch einer im Wartezimmer bewunderte ihn wie einen Helden. "Tut doch bestimmt weh", erwiderte der Mann namens Fritz und bot ihm sogar aus lauter Mitgefühl seinen Stuhl an.
"Papperlapapp. Bleib bloß sitzen. Bin doch keine Memme. Ein richtiger Mann muss Schmerzen aushalten können. Arztbesuche sind Weiberkram. In den letzten zwanzig Jahren war ich nicht einmal beim Arzt. Nichts für mich, aber meine Alte gab keine Ruhe", wiegelte er die Fürsorge der andern ab.
Ich dachte nur, was für ein Angeber, was für ein Macho und der Wunsch, wegzurennen, wurde immer größer. Was wollte ich eigentlich hier? Wenn ich nicht innerhalb der nächsten Minuten drankäme... Genervt folgte ich weiter der martialischen Märchenstunde.
"Damit darf man nicht spaßen, Walter", mischte sich jetzt Frau Sonnenbraun ein und sie fuhr fort: "Du brauchst bestimmt eine Tetanusauffrischung. Und wenn der Schnitt so tief ist, muss genäht werden."
"Bestimmt nicht", wehrte Walter ab, als die Lautsprecherstimme ihn auch schon in Behandlungszimmer eins bat. Mein Adrenalinspiegel stieg parallel mit dem Fieber. Dieser Naturbursche war doch eben erst gekommen. Ohne Termin. Wurde hier mit zweierlei Maß gemessen? Ich zog in Erwägung, ein Exempel zu statuieren und die Praxis unter Protest zu verlassen, Krankenschein hin, Krankenschein her, als Frau Sonnenbraun ins Schwärmen geriet:
"Ja, ja der Walter. Der ist ein richtiger Mann, ein Kämpfer. Den bringt so leicht nichts aus der Fassung", als gleich darauf ein markerschütternder Schrei aus einem der Behandlungszimmer drang und von gleich auf jetzt den allgemeinen Lärmpegel von mindestens achtzig Dezibel auf Null runterfuhr. Selbst die Telefone unterbrachen diese Stille nicht. Nach dem ersten Schreck strömten wir allesamt auf den Flur. Was war passiert? Indiskret drängten wir zum Behandlungszimmer, aus dem wir den Schrei vermutet hatten und erkannten einen bleichgesichtigen Walter Mager, der gerade wiederbelebt wurde. Bevor der Arzt uns hinausscheuchte, beruhigte uns mit den Worten: "Keine Sorge, alles in Ordnung, Herr Mager wählte für die Tetanusimpfung lediglich eine Vollnarkose."


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Eingereicht am 15. Februar 2007.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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