www.online-roman.de
www.ronald-henss-verlag.de

Humor lustige Kurzgeschichten Satire heitere Geschichten Glosse Persiflage

Thalenbachs Fest

© Hanns M. Glygg


Josef Thalenbach fürchtet sich nicht vor dem Sterben. Der Tod hat für ihn den Schrecken verloren. Ließ er ihm früher Raum, Zeit, Bangigkeit, - so hat das Erscheinen des Sensenmannes nunmehr für ihn jegliches Grauen verloren. Sprintete er einst bereits beim geringsten Anzeichen einer nur in entfernten Ursprüngen erkennbar nahenden Erkältung stehenden Fußes zum Arzt, um sich entsprechend seiner angeschlagenen Gesundheit sofort und kompromisslos behandeln zu lassen; - so bleibt er heute gelassen, ruhig, - nein, geradezu entzückt und wartet auf die Dinge, die da kommen mögen.
Mit gezielten Handlungen hat er sich auf den irgendwann in näherer oder weiterer Zukunft unausbleiblichen Besuch von Gevatter Hein eingestellt, gewissermaßen immunisiert. Das letzte einschneidende Erlebnis eines Menschenlebens lässt Josef Thalenbach nunmehr kalt. Er stahl dem Tod die Show.
Um auf alle Eventualitäten eingerichtet zu sein, kaufte Thalenbach sich einen veritablen Eichensarg, stellte jenen Kasten in sein Arbeitszimmer und legte sich jeden Abend dorthinein. Eingewöhnung nimmt der Ungewissheit die Beklemmung, sagen die Psychologen. Eingewöhnung, Annäherung ist ein Fundament, auf dem es sich geruhsam warten lässt.
Übrigens, - Thalenbachs Frau Gerlinde, selbst bei hervorragender Gesundheit und bereits von Geburt an lächelnde Optimistin mit lachendem Herzen, sah den Vorbereitungen sowie der dadurch erfolgenden Abhärtung ihres Mannes mit unverfälschter Abgeklärtheit zu.
Wenige Wochen nach dem Kauf des Totenschreins beschloss Josef Thalenbach, seinen nächsten Schritt zu wagen. Er lud zum Leichenschmaus. Zum Totenmahl. Zum "Fell versaufen". Schauplatz dieser nur für uns Unbeteiligte makaber anmutenden Feierlichkeit war der Festsaal eines gediegenen Landrestaurants in der Nähe von Osnabrück. Hier wurde eine opulente Tafel geschmückt und an deren Kopfende der Totenschrein aufgebahrt.
Thalenbach lud zahlreiche Kollegen aus dem Sozialamt Osnabrück, in welchem er seine Brötchen, die Miete und die Busfahrkarte verdient, zu dem Fest ein, bat jedoch gleichzeitig darum, von vorgezogenen Kranzspenden abzusehen, da die Veranstaltung lediglich vorbeugenden Charakter habe. 32 Amtskollegen sagten sofort zu, der Büroleiter verstieg sich spontan zur Ankündigung, die bereits für zukünftige Fälle des Erlebens des Ablebens eines Mitarbeiters vorbereitete Trauerrede zu halten. Einzig die Sekretärin des Chefs, von der man allerdings bereits seit geraumer Zeit munkelte, sie gehöre einer Religionsgemeinschaft an, bei denen Feiern nach dem Ableben verpönt seien, sagte ab.
Während des Festmahls streute Josef Thalenbach eine launige Rede ein, in welcher er die Gründe für die Gesellschaft darlegte, sie als sein Mittel gegen den gleichmachenden Todesschreck beschrieb. Die Sozialhilfebeamten und Angestellten applaudierten ihm. Daraufhin musste er sich in die Totenkiste legen und wieder heraussteigen, mehrfach. Wieder und wieder beklatschten die Kollegen ihn.
Krönung des Treffens jedoch sollte Thalenbachs Sargmodenschau werden, hierfür hatte er sich prächtigst ausstaffiert. Im gediegenen, dunkelblauen Zweireiher von Boss, zusammen mit einem durch türkischen Maßschneider eigens angefertigten schwerseidenen Oberhemd mit massivgoldenen Manschettenknöpfen, präsentierte sich der Lebende bereit für seinen Gang in die dunkle Ewigkeit. Für diesen zukünftigen Tag ließ sich Thalenbach sogar einen Hut fertigen. Zentral platziert, zwischen Salat, Schweinebraten und Knödeln, zwischen Rinderrouladen, Kartoffeln und Sauerkraut, denn nichts war Josef Thalenbach zu teuer für das Fest seines Ablebens, bot er sich seinem kollegialen Publikum immer aufs neue dar.
Gerlinde Thalenbach saß übrigens während der gesamten Vorführung mit spöttisch hochgezogener rechter Augenbraue an der Stirnseite des Tisches und wirkte deutlich gefasst.
Die Stimmung stieg, brandete durch das Lokal. Selbst außenstehende, nicht geladene, zufällige Besucher des Restaurants zollten dem braven Nichtverstorbenen ihre Hochachtung für diese glänzende Idee, mit der er dem Schnitter Sensenmann seine Verachtung offenbarte und sich stählte. Glas um Glas wurde ihm zugeprostet, musste er mithalten. Ein Krächzen aus seiner Kehle, ein Räusperer, - alles geriet zum Anzeichen des baldigen Hinscheidens und ward verlacht.
Zu vorgerückter Stunde, knapp nach Mitternacht, wurde es Josef Thalenbach zu viel. Mit einem seligen "Das war´s, Freunde" sank er in den Sarg und verblieb dort. Trotz lauter werdender Da-capo-Rufe. Keine Regung. Der eiligst herbeigerufene Notarzt diagnostizierte akute Alkoholvergiftung und ließ ihn mit Sirenengeheul ins Krankenhaus bringen. Dort pumpte man ihm den Magen aus, infusionierte alkoholfreies Blut und bereits nach drei Tagen erfreute Thalenbach sich, abgesehen von geringen Nebenwirkungen, bester Gesundheit. Er konnte das Krankenhaus verlassen und war von nun an gegen seine Todesangst gefeit.
Gerlinde Thalenbach, die sich notabene weiterhin über ihre stabile Konstitution freute, hatte die Zeit bestens genutzt und die Wohnung sowie alle Konten geräumt. Dem Vernehmen nach lebt sie heute in Oberbayern als Haushälterin an der Seite eines schmucken katholischen Pastors.


Kurzgeschichten unserer Autoren
Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken. ISBN 3-9809336-8-7   Schlüsselerlebnisse  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  ISBN 3-9809336-6-0   Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken. ISBN 3-9809336-8-7   Schlüsselerlebnisse  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken.  ISBN 3-9809336-6-0   Der Mann, der vergewaltigt wurde und andere Geschichten  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken. ISBN 3-9809336-8-7
Direkt beim Verlag bestellen


Eingereicht am 30. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.

Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.
amazon

Aus unserem Verlag
Schlüsselerlebnisse Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken. ISBN 3-9809336-6-0
Plötzlich sah die Welt
ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse

Edition www.online-roman.de
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-6-0
8,90 Euro (D)


Buchtipps