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Der Hypochonder

© Tommy Lachmann


Schon als Kind hatte ich von großen Schiffen und den Reisen über die Weltmeere geträumt. Irgendwann im zarten Alter von 25 Jahren las ich in einer Fachzeitschrift, dass auf der "Arosa" Leute meines Berufsstandes gesucht wurden und so hatte ich mich erwartungsvoll beworben.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Das Schiff namens "Arosa" sollte in 14 Tagen in Cuxhaven festmachen und mich an Bord nehmen. Ich war gespannt auf das bevorstehende Abenteuer …
Zuvor allerdings erwartete mich eine gründliche amtsärztliche Untersuchung in Hamburg. Die aber war für mich das schrecklichste Erlebnis! Schließlich erfreue ich mich als Hypochonder vieler Krankheiten und fürchte seit Kindesbeinen selbst jene, die mir noch gar nicht bekannt sind. Von einem Arzt würde ich da sicher einiges Neues erfahren, was ich überhaupt nicht gebrauchen konnte und genau deswegen scheute ich einen Arztbesuch wie der Teufel das Weihwasser. Um mir diesen schweren Gang zu erleichtern, hatte mich Wolfram, einer meiner besten Freunde, zu meiner bevorstehenden Tortour nach Hamburg begleitet.
Zwischen obligatorischer Urinprobe und der anschließenden Durchleuchtung meines Körpers lag eine Ewigkeit. Innerlich zitternd verdrängte ich die abschließende Besprechung beim Arzt und beneidete den Freund, wie er im Wartezimmer so gelassen am Tisch saß und in der Zeitung las. Ich dagegen hing schweißgebadet auf meinem ungemütlichen Stahlsessel herum und grübelte still vor mich hin.
Krankheit war immer ein wesentlicher Bestandteil meiner guten Erziehung gewesen, denn Krankheiten hatten Frau Mama stets als Repressalien für Ungezogenheiten gedient. Es stand immer die passende Erkrankung hinter dem entsprechenden Ungehorsam. Da ich kein pflegeleichter Knabe war, musste ich also inzwischen zwangsläufig von schwersten Erkrankungen befallen sein.
Nicht nur das verhältnismäßig harmlose Bohren des Fingers in der Nase, sondern auch das Berühren der meisten anderen Körperteile führte konsequent zu erschreckenden Folgen. Selbst die furchtbare "Geißel der Menschheit", wie Frau Mama sich ausgedrückt hatte, die Geschlechtskrankheit, lehrte mich bereits seit frühester Kindheit das Fürchten.
"Wofür bekommt man denn eine Geschlechtskrankheit, Mama", hatte ich damals ängstlich gefragt. - "Später", hatte mich Mama vertröstet, "später, wenn du groß bist und mal mit einem Mädchen - - - oder überhaupt, wenn du eine Freundin hast."
Ich kannte viele junge Männer mit einer Freundin und zählte sie Mama namentlich auf. "Und die haben jetzt alle diese Geschlechtskrankheit, Mama?" - "Nein, nicht alle und nicht zwangsläufig", sagte sie ausweichend, "aber man muss sich eben sehr vorsehen". Dann schien sie eine Weile nachzudenken und legte noch einmal nach: "Oder aber auch in einem Bordell." - "Was ist denn ein Bordell?" Ich hatte dieses Wort noch nie gehört, "ist das so ähnlich wie ein Rondell?"
Ein Rondell rund um das Lessingdenkmal kannte ich aus dem kleinen Park uns gegenüber, wo ich im Sommer oft mit Mama auf der Bank gesessen und die Blumen, nicht selten aber auch den Vogelkot auf den platingrünen Schultern des Mannes, den ich als Lessing noch nicht erkannt hatte, bewunderte.
Großvater, der am Tisch gehockt und unser Gespräch gespannt verfolgt hatte, rief fröhlich zu uns rüber: "Ja, mein Junge, so ähnlich ist es schon. Auch in einem Bordell geht es manchmal ziemlich rund!" - "Du musst wohl immer auf Krampf witzig sein", zischte Mama ihn an, "kannst du nicht mal deinen Mund halten, wenn ich mit dem Jungen solche ernsten Dinge bespreche?" - "Nur zu", hatte Opa gelacht, "ich bin ganz Ohr. Mach weiter so, ich amüsiere mich köstlich!"
"Hey", stieß mich Wolfram jetzt an, "hast du nicht gehört, du sollst zum Arzt reinkommen!"- "Wieso?" Noch immer war ich tief in meine Kindheit versunken, "woher weißt du das?" - "Sie haben dich gerade über Lautsprecher aufgerufen. Los mach zu, ich wollte Weihnachten eigentlich zu Hause verbringen!"
Da saß der Herr Doktor nun im weißen Kittel hinter seinem Schreibtisch und ich deutete artig eine leichte Verbeugung an. "Guten Tag, Doktor", sagte ich gespielt forsch, nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen hatte. Den "Herrn" vor dem Doktor lasse ich ganz bewusst weg, denn zum einen gehe ich davon aus, dass der Doktortitel mir ohnehin einen Herrn präsentiert, zum anderen aber gaukle ich mir durch diese vertrauliche Anrede eine gewisse Sicherheit vor.
Der Doktor nickte flüchtig ohne aufzusehen und befahl: "Bitte den Oberkörper freimachen.................."
"Schon wieder", dachte ich, "hat denn diese Auszieherei nie ein Ende?!" Und schon zeigte der Arzt entsetzt auf meine freie Brust: "Was ist denn das? Haben Sie das schon lange?" - Der Schreck fuhr mir durch sämtliche Glieder, bis in die große Zehe hinunter und ich spürte, wie sich meine Kehle eng verschnürte. - "Ist es etwas Schlimmes? - Ist es noch heilbar? - Habe ich noch eine Chance - Doktor?"
Ich hatte diese Worte nur herausgequetscht, doch der Arzt musste mich genau verstanden haben, denn er sah mich nun durchdringend an und ich fühlte mich wie das Kaninchen vor der Schlange. "Nein", sagte er dann nach langer Zeit ganz ernst, "nein, es ist nur ein Pickel, nichts Schlimmes."
Gott sei Dank! Aber wieso hatte er dann erst so entsetzt geguckt? Wollte er nur nicht offen reden? Mich vielleicht noch etwas schonen, bevor er mit der bitteren Wahrheit herausrückte? Dann aber hatte sich der Arzt erhoben, war zu mir herumgekommen und ich spürte plötzlich sein Stethoskop auf meinem Rücken. "Einatmen - - - ausatmen - - - husten Sie mal - - - nun stecken Sie mal die Zunge heraus". - Auch das noch. Diese Tortour schien sich in alle Ewigkeit fortsetzen zu wollen. Plötzlich hielt der Mediziner eine kleine Taschenlampe in der Hand und leuchtete mir in die Augen.
Nein!...Es reichte mir und ich wollte genau in diesem Moment sagen, dass ich aufgebe. Sollte doch ein anderer auf diesen verdammten Kahn gehen. Ich wollte nur noch weg hier, holte tief Luft, um mein Vorhaben laut herauszuschreien, doch der Arzt kam mir zuvor: "Bitte setzen Sie sich da drüben auf die Liege", sagte er und schlug mir dann, kaum dass ich verängstigt platzgenommen hatte, mit einem kleinen Hämmerchen derart gegen die Kniescheiben, dass meine Beine gen Zimmerdecke flogen, als hätten sie dort oben das Heil dieser Welt entdeckt. Mein Herz schlug wie wild und ich verfluchte diese ganze verdammte Seefahrerei und dachte wieder neidisch an Wolfram, der nun draußen im Warteraum gemütlich hinter seiner Zeitung saß.
"Sie dürfen sich jetzt wieder anziehen und dann setzen Sie sich bitte noch einmal zu mir an den Tisch", hörte ich den Doktor sagen und zitterte wie Espenlaub, weil ich noch immer nicht gehen durfte. Was wollte er denn nun noch von mir?
Der Arzt hatte sich wieder hinter seinen Schreibtisch gesetzt und sah mich still an. Plötzlich, als habe er darauf gewartet, bei mir genau die richtige Stelle zu treffen, kam seine Frage wie ein Geschoss und ließ mir das Blut in meinen Adern gefrieren: "Waren Sie schon mal geschlechtskrank?"
Diese Frage haute mich derart vom Sockel, dass ich für eine ganze Weile stumm blieb. Geschlechtskrank? Ausgerechnet ich? Da kannte mich dieser Mann aber schlecht, mich und meine Frau Mama! Geschlechtskrank? Ich - - - paah - - - bei dieser Erziehung? Neeee, dazu war ich immer viel zu vorsichtig gewesen und hatte mich selten genug an ein Mädchen herangetraut. Aber sah ich denn etwa schon so schwer krank aus, dass mir dieser Medizinmann diese "Geißel der Menschheit" überhaupt zutraute? Ich hatte auf seine Frage inzwischen mit hochrotem Kopf ein leises "Nein" geflüstert, aber der Doktor gab noch lange nicht auf: "Sehen Sie, Geschlechtskrankheiten kommen auf einem Schiff natürlich viel häufiger vor als anderswo", sagte er dann. - Wie bitte? Mein Herz wusste gar nicht mehr, wo es noch hinrutschen sollte. Tja, das war es dann wohl endgültig, - - - Seefahrt adé! Was sollte ich denn jetzt noch auf einem Schiff, wenn dort die meisten Leute geschlechtskrank waren? Aber das kapierte ich nicht und wollte den Grund dafür wissen. "Aber wieso denn ausgerechnet auf einem Schiff..................?" - "Sie kennen doch das schöne Lied von dem Seemann, der in jedem Hafen eine Braut hat", lächelte der Doktor jetzt sympathisch, "so geht es den meisten Seeleuten und Sie können sich sicher denken, dass da keine echten Bräute warten, sondern die Mädchen in den Bordellen gemeint sind! Ein richtiger Matrose, der etwas auf sich hält, geht in jedem Hafen erst mal in den erstbesten Puff."
Ich muss ein solch dummes Gesicht gemacht haben, dass der Doktor nun lachte: "Keine Sorge, Sie müssen ja nicht in ein Bordell gehen, wenn Sie das nicht wollen, niemand wird Sie dazu zwingen. Ich möchte Sie lediglich auf die Gefahren hinweisen. Keiner weiß, wie sauber es in einem Hafenbordell irgendwo am Ende der Welt zugeht. Da hat man sich rasch mal etwas eingefangen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!"
Ja, daran erinnerte ich mich gut, denn dieser Spruch gehörte zu Frau Mamas geflügelten Worten. Weil ich nun schon mal hier war, der Doktor für mich inzwischen auch ein wenig menschliche Züge bekommen hatte und wir ohnedies beim richtigen Thema waren, wollte ich nun wenigstens genau wissen, wie es sich denn mit einer Ansteckung verhielt. Diese Frage hatte mich schon lange beschäftigt.
"Infizieren ohne Verkehr", schüttelte der Arzt seinen Kopf, "nein, keine Sorge. Ein Infizieren beispielsweise auf der Toilette? Ammenmärchen! Alles Ammenmärchen!" Plötzlich beugte er sich über seinen Schreibtisch zu mir rüber und sagte vertraulich: "Heute ist eine Geschlechtskrankheit auch nicht mehr das, was sie früher einmal war. Ein, zwei Spritzen und alles ist wieder in bester Ordnung. - - - Sie sollten es nur nicht verschleppen!"
Seine Art klang jetzt fast wie eine Empfehlung und ganz offensichtlich ging er nun davon aus, dass auch ich früher oder später................., aber nein, da kannte mich der gute Doktor wirklich schlecht! "Alles O.K. mit Ihnen", sagte der Arzt dann endlich, stand auf und reichte mir die Hand, "ich wünsche Ihnen allzeit gute Fahrt auf der "Arosa"!"
Damit war ich entlassen und konnte es nicht glauben. Ich sollte tatsächlich gesund sein? Draußen wartete noch immer treu und brav mein Freund Wolfram: "Na, was ist nun mit dir?" - "Der Arzt sagt zwar ich sei gesund", zuckte ich mit den Schultern, "aber ein Arzt ist schließlich auch nur ein Mensch und wahrscheinlich hat er sich bei mir gründlich geirrt!" -
"Quatsch, du bist und bleibst ein verdammter Hypochonder", winkte Wolfram genervt ab. Aber das beruhigte mich auch nicht sehr. Dann sah ich zur Uhr, überlegte und fragte: "Was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag? Bis zum Abend dauert es noch ein Weilchen." - "Ich weiß", sagte Wolfram, "aber wenn ich schon mal in Hamburg bin, will ich auch auf die Reeperbahn und richtig was erleben. Was meinst du? Nachher lassen wir hier mal so richtig die Sau raus!" - "Aber nicht in einem Puff", lachte ich, "der Arzt hat mir gerade schlimme Sachen erzählt!" - "Nein, aber an einer Imbissbude", sagte Wolfram, "und zwar sofort, ich habe nämlich einen erbärmlichen Hunger!" - "Warte nur noch einen Moment, vorher müssen wir erst noch zu meinem neuen Brötchengeber in die Ferdinandstraße!"
Die Ferdinandstraße, der Sitz der "Hamburg-Amerika-Linie", war gleich um die Ecke und eine Stunde später hatte ich mein Seefahrtsbuch.
"Ich bin mit dir in die Ferdinantstraße gekommen", erklärte Wolfram, "dafür kommst du jetzt mit mir in die Herbertstraße, denn die möchte ich wenigstens mal sehen, wenn ich schon mal hier bin", sagte mein Freund, nachdem er zwei und ich vier dicke Bockwürste in einer Fressbude auf der Reeperbahn verschlungen hatten. "Was ist denn in der Herbertstraße los?" - "Sag bloß, du weißt das nicht", wunderte sich Wolfram, "das ist doch Hamburgs berühmtes Bordell!" - "Ach so, ja jetzt, wo du es sagst", fiel mir ein, "gehört habe ich auch schon mal davon. Und da willst du unbedingt rein?" - "Wenigstens mal durchgehen, mal gucken!" - "Wenn du schon mal hier bist", blödelte ich, "da werden sich die Nutten aber freuen, wenn sie dich sehen und du gar nichts von ihnen willst, wo sie doch so auf deine Kohle stehen." - "Meine Kohle kriegen die sowieso nicht, mein Lieber", sagte Wolfram, "keine Sorge, aber gucken kostet ja nichts." - "Nein und vor allem", lachte ich, "macht es nicht so rasch geschlechtskrank!"


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Eingereicht am 23. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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