www.online-roman.de
www.ronald-henss-verlag.de

Humor lustige Kurzgeschichten Satire heitere Geschichten Glosse Persiflage

Schwierigkeiten beim Jüngerwerden

© Hans-Jörg von Büren


Es begann damit, dass mir eine Dame, die mit Sohn, Schwiegertochter und Enkeln unterwegs war, im Flughafenbus ihren Platz anbot. Einen drauf gab der Flight Attendant, der mir mit fürsorglicher Miene einen Spritzer vom Hemd wischte und die Serviette zurechtzupfte. War ich nun im Alterspflegeheim oder auf dem Flug nach New York? Richtig tief trafen mich aber erst die Blicke der Frau, die mich im Kennedy Airport erwartete. Dass sie mir am nächsten Morgen in die Unterhosen helfen wollte, gab mir den Rest. Ich beschloss, unverzüglich jünger zu werden, und flog zurück.
Die Oberärztin in der Schwarzwaldklinik, in die ich mich auf Empfehlung eines Bekannten begeben hatte, blätterte in den Berichten aus den Aufnahmeuntersuchungen. "Geboren am 26. Oktober 1931; da sind Sie jetzt ..." "Vierundsiebzig", sagte ich, hilfsbereit wie immer. "Und wie jung möchten Sie werden?" fragte sie. Ich zögerte keinen Moment: "Vierunddreißig." Man soll ja nie zu bescheiden sein. Frau Doktor lachte. "Das dürfte schwer fallen." Sie musterte mich. "Aber so auf fünfundfünfzig könnten Sie es vielleicht schaffen."
Auch das war kein Schleck. Noch vor dem frühen Frühstück musste ich barfuß über den mal taufrischen, mal regennassen Rasen traben. Um halb neun begannen die Therapien. Harte Hände kneteten mich von oben bis unten durch, als wäre ich ein Hackbraten; im Fitnessraum sollte ich die schlaff gewordene Haut wieder mit Muskeln füllen, gleichzeitig aber den Bauch loswerden, ohne dass sich neue Falten bildeten; auf einem dieser Fahrräder, die nach nirgendwo fahren, durchquerte ich Kontinente, mit der Rudermaschine die Weltmeere; nach der Sauna wurde ich gnadenlos ins Kaltwasserbecken geschickt; schon auf dem Weg zum Gymnastiksaal ermahnte man mich, statt gebeugt und schlurfend wieder aufrecht und federnd zu gehen; wie ein Storch auf einem Bein stehend übte ich das An- und Ausziehen von Beinkleidern, tief gebückt das Schnüren von Schuhen. An Zigaretten oder Alkohol war gar nicht zu denken. Erst nach sechs Wochen wurde das Regime etwas gelockert. Für die Massagen kam ich in Frauenhände, statt in die Sauna ins römisch-irische Bad, und zum Abendessen kriegte ich badischen Wein. Die Strafkolonie wandelte sich mehr und mehr zur Beauty Farm: Man legte mir Gesichtsmasken auf, belebte meinen Body mit prickelnden Gels, und meinen graugelben Haaren wurde mit einem Shampoo, das sich Belnonno nannte, Silberglanz verliehen. Weil meine Haut vor lauter Baden und Schrubben fast zu rosig geworden war, wurde ich zweimal wöchentlich ins Solarium gesteckt. Die DVD mit Western- und SF-Filmen, die man mir anfangs zum Player gelegt hatte, wurden durch solche mit Erotic Movies ersetzt, und statt mich zu Kniebeugen zu nötigen, tanzte die Gymnastiklehrerin mit mir Salsa.
Nach drei Monaten war es so weit: Ich konnte die Klinik verlassen, neun Kilo und dreißigtausend Euro leichter. Auch zwanzig Jahre jünger? Davon wollte ich mich zu Hause überzeugen, im gewohnten Licht und vor dem Spiegel, in den ich vor der Kur gespuckt hatte. Ich stellte das Gepäck ab, zog mich aus und trat vor den Unbestechlichen. Tatsächlich, da zwinkerte mir zwischen Lachfältchen, die man ihm gelassen hatte, ein von Sonne, Wind und Wetter gegerbter Bergsteiger, Hochseesegler oder Großwildjäger zu. Seine Arme waren nervig, aber rund, sein Bauch flach, seine Brust kein Busen mehr, der Speckgürtel verschwunden und die Pobacken fest und auf der richtigen Höhe. Auch der kleine Freund schaute ganz munter in die Welt.
Der Mann im Spiegel schmunzelte. Er lachte zu früh. Schon beim zweiten Discobesuch geriet ich in eine Drogenrazzia und musste meinen Ausweis zeigen. Da mir die Beamten nicht glauben wollten, dass ich vierundsiebzig und der Mann auf dem Foto war, nahmen sie mich auf die Wache mit. Überhaupt brachten Personalausweis und Pass Probleme. Ich musste sie ständig verbergen; vor allem Frauen wollen ja immer gleich das Foto sehen und kriegen dann auch das Geburtsdatum mit. Ich meldete den Ausweis als verloren und erhielt einen neuen. Den alten, der noch einige Jahre gültig gewesen wäre, ließ ich von einem Libanesen, den mir ein Ägypter empfohlen hatte, fälschen: geboren am 26. Oktober 1951. Die Drei in eine Fünf zu verwandeln, war keine Sache; die Nachahmung des amtlichen Prägestempels auf dem ausgewechselten Foto kostete etwas mehr. Auch sonst gab es Dinge, die ich nicht bedacht hatte. Um meine teuer und unter Schmerzen erworbene Form zu bewahren, musste ich wieder joggen und in Fitnesszentren den Schweißgeruch von Leuten atmen, die ich nicht ausstehen mochte. Vor allem aber wusste ich mit den fünfzigjährigen Miezen, die mir jetzt wieder zulächelten, nichts anzufangen. Zu jung! Wie sollte ich mit ihnen vom Paris der Nachkriegsjahre schwärmen, wo sie doch damals noch gar nicht geboren waren? Abgesehen davon, dass ich mein eigenes Alter verraten hätte. Das wurde zusehends ein Problem. Beispielsweise durfte ich, wenn eine der Damen sich als Fan der auch immer noch rollenden Stones bekannte, nicht damit angeben, dass ich 1964 deren erste LP gekauft hatte. Dafür hätte ja das Taschengeld eines damals Zwölfjährigen nicht gereicht.
Eines Tages holte ich frühmorgens die Zeitung herauf, mochte die Lügen der Politiker und die Berichte von Attentaten, Erdbeben, in Seenot geratenen Schiffen und so fort nicht lesen und kam schon bald zur unterhaltsamsten Seite, jener mit den Kontaktanzeigen. Eine war so unauffällig, dass sie mir auffiel. Zwei Zeilen nur: Sinnliche Frau, 68, wünscht sich einen Geliebten, nicht über 55. Darunter eine Telefonnummer. "Das ist es doch!" rief ich und griff zum Hörer.
"Moor", sagte die Frau am anderen Ende. Der Name und die Stimme wollten mir etwas sagen, aber ich kam nicht drauf. Ich entschuldigte mich für den frühen Anruf und fragte, wie wir uns kennenlernen könnten. "Komm einfach rüber", sagte die Unbekannte mit dem vertrauten Timbre. Sie gab mir ihre Adresse.
Ich duschte, warf noch ein Viagra ein und machte mich auf den Weg. Die Straße fand ich ohne Schwierigkeiten, die Hausnummer jedoch musste ich erraten, da sie von Efeu überwuchert war. Ein noch zur Hälfte lesbares Messingschild neben der Gartentür gab mir die Gewissheit, dass ich nicht Unschuldige weckte. MOOR stand auf der rechten Seite. Ich schob die Ranken nach links: ELENA MOOR. Nun fiel der Groschen. Die Moor! Bänkelsängerin, Kabarettistin, Chansonnière, die schweizerische Juliette Gréco, gefeiert auch in Wien, München und Berlin, dann auf einmal entschwunden, mit einem Kolumbianer, wie es hieß, der auf unserem Rasen Musik gemacht hatte und deshalb des Landes verwiesen worden war.
Ich ging zum Haus und klingelte. Es tat sich etwas im Schloss, und die Tür ging auf. Da stand sie. In ihre langen schwarzen Haare hatten sich ein paar graue Strähnen gemischt, aber sie war immer noch eine schöne Frau. Der Gurt des schlichten weißen Bademantels, den sie anhatte, teilte einen schlanken Körper. "Komm rein", sagte sie.
In der Mitte des Wohnzimmers stand eine Bockleiter. "Warte hier", sagte Elena. Da ich vermutlich etwas verdutzt dreinschaute: "Keine Angst, ich suche keinen Maler." Sie ging zur Küche und kam zurück mit zwei Kelchen, die sie oben auf die Leiter stellte, und einer Flasche Prosecco, die sie mir zum Entkorken reichte. Das gelang mir ganz gut; bloß hätte ich fast die Deckenlampe abgeschossen. Ich schenkte ein, und wir stießen an. "Meine Bar", sagte Elena. Durch die Leiter traf mich ein betörender Duft.
Das Bewerbungsgespräch, das manche Kontaktanzeigen befürchten lassen, mit Fragen zu Beruf, Hobbies, sportlichen Betätigungen, kulturellen Interessen, Rauchgewohnheiten und so fort fiel aus. Ob ich immer so früh aufstehe, wollte Helena einzig wissen. Das konnte ich reinen Herzens verneinen. Auch sie sei nur zufällig schon wach gewesen, sagte sie; ich hätte Glück gehabt, nicht angefaucht zu werden. Über die Leiter kam dieses maliziöse Lächeln, das schon vor vierzig Jahren die Männer verrückt gemacht hatte.
Wir redeten von allem und von nichts, Small Talk, Flirt an einer Bar halt. Dazwischen dudelte das Telefon, verspätete Freier vermutlich, aber Elena ließ es dudeln. Die Flasche war schon fast leer, als wir doch noch auf ihre Vergangenheit als Chansonnière zu sprechen kamen. Ich hätte sie schon damals bewundert und begehrt, sagte ich; bloß hätte ich als Teenager keine Chance gehabt, an sie heranzukommen. "Dann holen wir das nach", sagte sie und öffnete den Bademantel.
Beim Abendessen im "Colosseo" entdeckten wir eine gemeinsame Liebe: Italien. Wir beschlossen, den Stiefel mal richtig zu bereisen, kreuz und quer, mit leichtem Gepäck, zwei Monate lang. Drei Tage später waren wir im geliebten Land.
Museen, Dome und andere Gemäuer mieden wir konsequent; dafür lernten wir Dutzende von Menschen kennen. Eine Jagdgesellschaft, die uns in einem Dickicht im Piemont beinahe erlegt hätte, lud uns als Entschädigung für den ausgestandenen Schrecken zu ihrem Abendessen ein, beginnend mit diesen köstlichen mit Trüffeln gefüllten Agnolotti und endend mit einer sammetweichen Grappa, begleitet von Geschichten aus hundert Tälern und Tälchen. Auf einem Dorfplatz in Umbrien spielten wir mit Einheimischen meines früheren Alters alle bocce, und Elena, die sich als Naturtalent erwies und alle gegnerischen Kugeln ins Jenseits beförderte, ließ es sich nicht nehmen, vor Don Pasquale, der uns von der Kirchentür aus zugeschaut hatte, die Beichte abzulegen und zu gestehen, dass ihr vielleicht der Teufel die Hand geführt habe. Weil ich am Rand eines Fußballfelds in der Campania an der richtigen Stelle gestanden hatte, konnte ich später im "Bar dello Sport" bezeugen, dass dem Libero der lokalen Mannschaft zu Unrecht die rote Karte verpasst worden war. Er lud mich zu seinem Polterabend ein; Elena wurde zusammen mit seiner Mutter und der Braut ins Kino geschickt. Sie hätten nachher in einer anderen Bar lange über die Männer gesprochen und viel gelacht, sagte sie, als ich um drei zu ihr ins letto matrimoniale schlüpfte.
Dass aus den documenti, die wir in Herbergen und Hotels abgeben mussten, hervorging, dass Elena vierzehn Jahre älter war als ich, schien ihr nichts auszumachen. "Du bist halt mein Gigolo", sagte sie. "Die Frauen beneiden mich." Umso mehr belustigte es sie, dass ich beim Wandern, Radfahren und Schwimmen hinter ihr blieb. "Giovanotto!" rief sie mir beim Aufstieg zum Stromboli zu. "Schon außer Atem?" Ich wiederum musste dauernd rechnen, um mich nicht zu verraten. Konnte ich ein Autogramm von Fausto Coppi erhalten haben; durfte ich wissen, seit wann es die Pille gab? Echt in Verlegenheit brachte mich Michele, ein Fischer in Vernazza, der mich 1954, als die Cinque Terre noch ein Geheimtipp waren, nachts mit aufs Meer hinaus genommen hatte. Es müsse eine Verwechslung sein, sagte ich, als er mich begeistert begrüßte. Das schmerzte; gute Freunde soll man nicht belügen, und ich hätte gerne ein Glas mit Michele getrunken. Er schüttelte nur sein graues Haupt und verschwand in einer Seitengasse. Elena hatte zum Glück nicht viel mitbekommen, da sie gerade Strohhüte probierte.
Unsere Liebe war so wie der Herbst, den wir erlebten, voll reifer Genüsse. Ich wurde süchtig nach Elenas zartem Fleisch. "Gut gelagert halt", sagte sie, als ich ihr das gestand.
Meinen fünfundfünfzigsten Geburtstag feierten wir in Apulien. Ich hatte einen Schiffer in Vieste mit einer Handvoll Euro überredet, sein Ausflugsboot, das seit Saisonende vertäut und zugedeckt im Hafen lag, wieder flott zu machen und uns zu den Grotten zu fahren. Da wir uns auf zwei davon beschränkten, glaubten wir, noch in Ruhe zu Mittag essen zu können. Ich hatte gerade eine Seezunge skelettiert, als jemand "Elena!" rief. Ein Mann eilte über den Platz und auf uns zu. Er küsste Elena links-rechts-links, begrüßte beiläufig auch mich und setzte sich an unseren Tisch. "Darf ich?" fragte er, als er saß. Ich kannte ihn: Eugen Karl, Musiker und Kabarettist auch er, Partner von Elena in einem Duo, das 1968 in Zürich Straßentheater gemacht und sich zeitgemäß "Karl Moor" genannt hatte.
Das Gespräch der beiden drehte sich denn auch um jene Zeit. Ich durfte da nicht mitreden können; dabei hatte ich als Sonderkorrespondent Daniel Cohn-Bendit und Rudi Dutschke interviewt und auch über die - wie unser Chefredaktor sie nannte - hiesigen Metastasen der Bewegung berichtet. Mein Denkfehler an jenem frühen Morgen wurde mir schmerzlich bewusst. Inzwischen arithmetisch geübt sagte ich nur, ich hätte damals als Sechzehnjähriger an einer Demo vor dem als Jugendhaus beanspruchten leeren Warenhaus teilgenommen und sei in dessen Keller von der Polizei verprügelt worden. Allmählich begann mich Eugens Nostalgiegequassel zu nerven. Ich blickte auf die Uhr und sagte zu Elena, nun müssten wir zum Hafen gehen. Natürlich wollte der Leimtopf mitkommen, aber ich hatte vorgesorgt. Die Polipetti in casseruola, die ich ihm empfohlen hatte, müssen ein Weilchen auf kleinem Feuer schmoren. Sie kamen, als wir gingen. Ich vergaß nicht, Eugen guten Appetit zu wünschen.
Unsere Zeit in Italien ging zur Neige. Elena hatte sich, zusammen mit anderen Altstars, für ein Neujahrskonzert in Berlin verpflichtet. Ohne Eile, auf Umwegen und mit Abstechern fuhren wir nach Norden. Kurz vor dem ersten Schneefall durchquerten wir die Alpen. Nach einer Woche in Zürich trennten wir uns im Flughafen mit einem langen Kuss. Eine Weile noch hatten wir uns fast jeden Abend am Telefon; dann kam dieser Brief:
Ciao Giovanotto,

Du hast mir den schönsten Herbst meines Herbstes beschert. Es war wundervoll, noch einmal geliebt und begehrt zu werden, und wir hatten so viel Spaß auf unserer Backpacker-Reise. Aber vielleicht habe ich mich mit dem Inserat, auf das Du im Morgengrauen antwortetest, ein wenig übernommen. Der Altersunterschied war doch zu groß, es fehlten die gemeinsamen Erinnerungen, vor allem an diese hoffnungsvolle Zeit mit JFK, Nikita, Johannes, Woodstock - meine Jugend halt.
Hier in Berlin habe ich Eugen wieder getroffen. Wir haben uns erneut zu einem Duo zusammengetan und beschlossen, die deutschsprachigen Siedler in Nord- und Südamerika zu besuchen. Sorry, ich weiß ja, dass Du Eugen nicht magst, aber er ist besser als Du denkst, und es verbinden uns so viele Erlebnisse.
Mehr möchte ich nicht sagen. Leb wohl, Giovanotto, es war schön mit Dir.

Elena
Was nun? Ich liebe doch diese Frau! Dieser Brief trägt ihren Duft! Bitte, Herr Doktor, was soll ich tun?



Eingereicht am 24. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.

Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.
amazon

Aus unserem Verlag
Schlüsselerlebnisse Edition www.online-roman.de  Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken. ISBN 3-9809336-6-0
Plötzlich sah die Welt
ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse

Edition www.online-roman.de
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-6-0
8,90 Euro (D)


Buchtipps