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Ein schwingendes Leben

© Gaby Schumacher


(Kapitel 1)
Unsere Geburt verlangte unserer männlichen Hebamme, einem Schuster, viel Fingerspitzengefühl und Geschick ab. Sie lief in mehreren Phasen ab, der Näh-, der Nagel- und der Klebphase.
Zu Anfang waren wir noch nicht als das zu erkennen, was wir später mal vorstellen sollten. Da lagen nur ein Lederlappen, die Innen- bzw. die Untersohle und ein dicker, schiefer Holzklotz herum. Am Leder baumelten so eigenartige Strippen mit einem blitzenden, zierlichen, rechteckiges Etwas.
Später lernten wir, die Strippen hießen nicht Strippen`, sondern Riemchen`, und das blitzende Etwas war eine schicke Schnalle.
Doch wir sollten noch viel mehr erfahren:
Alle unsere Einzelteile wurden verklebt, vernäht und vernagelt. Schließlich hielt der Schuster in seiner Arbeit inne, stellte uns vor sich hin und betrachtete uns zufrieden.
"Na, ihr werdet manchen die Schau stehlen!", trumpfte er auf.
Wir versuchten, an unserem Leder-Metall-Leib herunter zu linsen. Wie wir wohl aussahen? Als ob der Herr und Meister diese Frage erraten hätte, hielt er uns einen Spiegel vor.
"Hm, nicht schlecht!", murmelten wir leise zwischen den Riemchen durch.
Unsere geschmeidige Lederhaut glänzte mit der Sonne um die Wette, und dies komische blitzende Ding namens "Schnalle" gab dem Riemchen den letzten Pfiff.
Gerade schon wollten wir vor Wonne klappern, da fiel uns der Holzklotz, jener schräge Turm zu Pisa, an unserem hinteren Ende auf. Was sollte das denn und wieso war der so enorm hoch, mindestens sieben Zentimeter??
"Den braucht ihr dringend. Das ist sozusagen euer Markenzeichen!" lachte unser Meister.
Dann wurde er wieder ernst:
"Keine Sorge! Alle eure Artgenossen tragen so etwas. Manchmal niedriger, manchmal höher. Je nachdem...!"
Wir hatten atemlos zugehört:
"Was meint der denn bloß jetzt mit je nachdem`?", raunten wir uns zu.
"Wiee?", machten wir verwirrt in seine Richtung.
"Also, ihr seid ganz außergewöhnlich edle Exemplare. Deshalb ist dieser Holzklotz`, wie ihr ihn nennt, auch so hoch ausgefallen. Richtig heißt der übrigens Absatz`!", setzte er lächelnd hinzu.
Uff, da hatten wir schon wieder etwas dazu gelernt!
Unser Herr und Meister trug uns zu "mehreren Brettern übereinander", einem Regal. Überrascht entdeckten wir da mindestens zwanzig ähnliche Pärchen. Fast sie alle trugen Absatz. Dort brav in Reih und Glied stehend, rührten sie sich nicht von der Stelle. Gleichmütig taten wir es ihnen nach.
Wenigstens wären wir nicht allein.
Scheu musterten wir die Anderen. Die mit ohne Absatz und erst recht die mit niedrigem oder auch etwas höherem Absatz. Unser Schuster hatte die Wahrheit gesagt. Wir waren etwas Besonderes. Einen soo hohen Absatz wie wir besaß kein zweites Paar.
Wir genossen diesen Triumph, doch nicht allzu lange. Mein Gegenpart entdeckte etwas. Etwas, dass vor jeweils vier der umstehenden Paare am Regal angeklebt war. Kleine Schilder waren es, auf die mit Druckbuchstaben sehr ordentlich etwas vermerkt war.
Jetzt regierte nur noch die Neugierde.
"Wieso haben die...und wir nicht??"
Die Entrüstung machte uns kecker. Wir lasen:
"Haus-, Halb-, Sport-, Regenschuhe...!" Verunsichert schauten wir uns an:
"Was bedeutet das denn?"
Nach einer Minute des Nachdenkens kam ich auf die wohl nur einzig richtige Erklärung:
"Du, das sind schlicht und einfach deren Namen. Die haben Namen und wir nicht!!" Beleidigt entschieden wir, am nächsten Morgen unseren Meister so lange zu löchern, bis wir eine zufriedenstellende Auskunft bekamen.
(Kapitel 2)
Sehr früh am nächsten Morgen betrat unser Meister sein Geschäft. Währenddessen wir Regalbewohner noch schläfrig ins Helle blinzelten, war er dagegen schon putzmunter und voller Tatendrang.
Erinnert Ihr Euch?
Gestern hatten wir, mein spiegelverkehrter Zwilling und ich, doch diese eigenartigen Schildchen mit den für uns total unbekannt klingenden Aufschriften entdeckt. Heute würden wir unseren Meister, den Schuster, deswegen zur Rede stellen.
Nach etwa einer halben Stunde bot sich eine günstige Gelegenheit. Kein Kunde da, unser Schuster machte Frühstückspause. Also, ran an den Feind! Unsere Lederhaut hob und senkte sich zitternd, so tief atmeten wir ein letztes Mal durch, beovr wir mit unserer Aktion starteten.
"Meister!", sprach ich ihn an und versuchte, mit fester Stimme zu reden, um möglichst souverän zu wirken. Nicht, dass der am Ende glaubte, es mit Angsthasen zu tun zu haben.
"Na, habt ihr euch schon mit den Anderen bekannt gemacht?", fragte der doch tatsächlich noch so ganz unschuldig. Dem würde die Unschuld noch vergehen!
"Ja, haben wir!", klackten wir wie aus ein- und demselben Riemchenloch heraus.
"Hm, und da haben wir etwas entdeckt...," hub mein Zwilling an.
Er ließ seine blitzende Schnalle als aufforderndes Zeichen an mich, jetzt zum Angriffe überzugehen, noch mehr aufblitzen als sonst. Ich kapierte sofort und schoss zur Bestätigung ein grelles Blinken zurück.
"...Was uns nicht so ganz gefiel, um nicht zu sagen, weswegen wir echt sauer sind!", setzte ich eins drauf.
Verunsichert guckte unser Meister mehrmal erst meinen Partner an, dann mich und umgekehrt:
"Was sollte das sein...?", forschte er nach.
"Also, vor den Anderen kleben Schilder. Auf denen stehen Namen. Vor unserem Stellplatz klebt kein Namensschild. Warum nicht??!"
"Genau, wieso nicht? Wir sind doch angeblich besonders edle Exemplare. Und ausgerechnet die bleiben dann ohne Namen...??", warf ich ihm vor.
Unser Schuster wand sich wie ein Aal, wusste offensichtlich keine halbwegs vernünftige Ausrede zu seiner Verteidigung vorzubringen und entschied sich so für die Wahrheit:
"Entschuldigt, dass war mein Fehler. Ich hab`s schlichtweg vergessen!", gab er es zu. Das schlechte Gewissen war ihm deutlichst anzusehen.
So einfach käm` er uns nicht davon. Gleich hatten wir auch schon die passende Idee:
"Eigentlich, Meister, steht uns jetzt eine Entschädigung für diese lange Nacht zu, die wir unbenannnt neben all den Namensträgern im Regal verbracht haben. Schließlich hätte das unserem noch neugeborenen Selbstwertgefühl sehr schaden können."
"Hat es aber gottlob nicht!", sagte ich mir in Gedanken.
"W..was verlangt ihr?"
Der Schuster stand da vor uns, mittlerweile ein gebrochener Mann.
"Wie wäre es mit einem ganz persönlichen Vornamen für jeden von uns? Damit fielen wir deutlich aus dem Schuhrahmen."
"Zudem möchte ich auch endlich wissen, welche Schuhart wir vertreten. Das hast Du uns immer noch nicht verraten!", bearbeitete mein Zwilling den armen Mann.
Vor lauter Ärger kräuselte sich inzwischen schon unser sonst so wunderbar glattes Oberleder. Der Schuster registrierte das und erscharak:
"Bitte, bitte nicht!". flehte er.
"Wie soll ich denn dann einen Käufer für Euch finden?"
Ein paar Minuten Bedenkzeit gönnten wir ihm notgedrungen. Zu seinem Glück war er ein fixer Denker. Bald kam seine Antwort:
"Ihr seid wirklich edle Schuhe, nämlich Tanzschuhe. Ihr werdet wunderschöne Räumlichkeiten kennen lernen und Euch auf wertvollem Parkett zu romantischer Musik im Kreise drehen. - Das ist noch längst nicht allen Schuhen vergönnt," ergänzte er hastig, um uns zu versöhnen.
Prompt glättete sich unser Leder, verrauchte unser Zorn. Verflixt, der wusste, wie er mit seinen Pappenheimern reden musste!
"Und was ist mit dem Namen...?!", bohrten wir hatnäckig.
Eine Sekunde des Schweigens, dann schlug der Schuster vor:
"Was haltet Ihr von Isabelle`? Zwillinge teilen doch alles. Eine von Euch hieße Isa`und die Andere Belle`?"
Wir erklärten uns einverstanden. Zur Buße erlegten wir ihm auf, sofort das betreffende Schildchen zu schreiben und unter unseren Logenplatz dort auf dem Regal anzubringen.
Er beeilte sich sehr damit. Kurz darauf hing der betreffende Zettel da, wo es schon längst hin gehört hätte. Der Schuster hatte sich sehr viel Mühe gegeben. Unser Namensschild war eindeutig das Schönste von allen.
Der Frieden zwischen uns war damit erneut besiegelt.
Kapitel 3
Wisst Ihr noch...?
Wir Zwei hatten erfolgreich unsere Rechte geltend gemacht und unser Schuster geknickt die ganze, alleinige Schuld auf sich genommen.
Er hatte uns, seine elegantesten Vorführobjekte, doch tatsächlich dort im Schuhregal ohne Namen stehen lassen. All die Latschkameraden da neben uns führten so hochtrabende Titel wie Sportschuh` oder auch Halbschuh`. Zu seinem Glück bügelte er diese Beleidigung uns gegenüber schnellstens aus. Andernfalls hätten wir ihn auch eindrücklichst mit unserem Absatz gepiesackt!!
Ein schlechtes Gewissen bewirkt manchmal wahre Wunder: Er spendierte uns wirklich ein Namensschild der Extraklasse. Zur Wiedergutmachung bekamen wir nämlich jede von uns beiden noch einen zweiten Vornamen. Mein Zwilling hiesse ab heute zusätzlich Belle` und ich Isa`.
Ihr hättet die gehässig-neidischen Blicke der Anderen sehen sollen. Wir würdigten diese Neidhammel keines Blickes mehr. Mit denen zu reden, war eindeutig unter unserer neuen Würde. Vor Stolz strahlten wir mit der Deckenlampe des Geschäftes um die Wette. Wir waren jetzt Wer, und das sogar zweifach!
Jedem, der es wissen wollte oder auch nicht, stellten wir uns vor:
Isa - Tanzi von Schuh
und
Belle - Tanzi von Schuh.
Das Von` verliehen wir uns selber.
Jetzt fehlte Belle und mir nur noch ein richtiges Zuhause.
Kapitel 4
Da standen wir nun, die neugeborenen Prinzessinnen der Klapper-High-Society und langweilten uns. Allzu viel passierte nämlich am nächsten Tag im Geschäft unseres Meisters nicht. Na ja, immerhin wurden jeder von uns, Latschschuh oder auch nicht, ab und zu von den Kunden ja doch etwas genauer begutachtet.
"Anscheinend wollen die alle so richtige Treter. Schon wieder...Turnschuhe!!", rümpfte Belle geringschätzig ihre Schuhspitze. Nachdem ich die zukünftigen Besitzer jener Artgenossen genauer betrachtet hatte, stand für mich fest:
"Gottlob, dass die nicht uns gewählt haben. Schrecklich, wie die rum laufen!" Vor Abscheu zitterte mir meine kleine, elegante Schnalle.
"Gammelshirt über ner durchlöcherten Jeans und auf dem Kopf nen Filzhut!"
Uns schauerte es.
Um die Langeweile zu vertreiben, lenkten wir uns mit selbstverständlich hoch intelligenten Gesprächen ab, diskutierten über alles mögliche. Themen gab es noch und noch. Aber irgendwann ging uns doch der Stoff aus und wir verstummten.
Eine kurze Zeit später brachte eine Kundin ihre Schuhe zur Reparatur. Zwar waren es etwas elegantere Exemplare, Sandaletten oder so, jedoch konnten sie sich dennoch in punkto Schönheit nicht mit uns vergleichen. Aber wer könnte das schon?
Wahrscheinlich kein einziges anderes Paar Schuhe auf der ganzen Welt.
"Was ist mit Euch denn passiert?"
Typisch Belle. Der guckte die Neugierde aus sämtlichen Riemchenlöchern.
Ach herrje, die Zwei wirkten ja völlig deprimiert:
"Wir brauchen neue Absätze."
Es stimmte, deren Aussichtstürme waren ja noch viel schiefer als unsere.
"Das bedeutet nageln!`," dachte ich mtleidig.
"Woher kommt das bloss, dass die Dinger bei denen so schief sind?", fragte ich Belle.
Sie wusste es auch nicht.
Ich grübelte und grübelte und erklärte es mir dann so:
"Bestimmt, weil die Erde rund ist! Marschiert man lange genug auf ner Kugel herum, sind die Absätze bald schief getreten. Sie reagieren dann arg beleidigt. Um ihren Frust los zu werden, klacken die dann unmissverständlich sauer herum." Ja, ich war felsenfest davon überzeugt, so und nicht anders wäre es.
Stolz verriet ich Belle diesen meinen überragenden Geistesblitz.
Die erklärte mich einfach für verrückt:
"Quatsch, du spinnst!"
Aber eine bessere Begründung fiel ihr auch nicht ein.
Eigentlich wollte ich diese wichtige Erkenntnis ja mit all den anderen Schuhen teilen. Wegen Belles niederschmetternden Widerspruches aber behielt ich denn doch meine Weisheit lieber für mich.
So verging der erste Tag, ohne nennenswerte Ereignisse, eben so ganz ohne Aufregungen.
"Mist, wenn unser ganzes Leben so verläuft, dann...!?", knurrte ich leise.
"Klick- klack!", machte es nervös neben mir. Das kam von Belle.
"Isa - hab` doch etwas Geduld!", redete sie mir ganz ungeduldig zu.
Dann, nach einer Mini-Pause:
"Morgen ist auch noch ein Tag!", tröstete sie mich und auch damit sich.
Sie ahnte ja gar nicht ,wie sehr das zutraf. Nicht allein, dass mit dem nächsten Morgen natürlich ein neuer Tag anbrach, sondern vor allem, dass endlich etwas Entscheidendes passierte.
Unser Meister öffnete seinen Laden gegen neun Uhr. Schon zehn Minuten später betraten zwei Frauen das Geschäft. Sie hatten viel Ähnlichkeit miteinander:
"Bestimmt Mutter und Tochter!", vermuteten wir.
Wir musterten sie kurz und waren uns schnell sicher:
"Du, Isa, das ist unsere Chance! So wie die aussehen und gekleidet sind, kaufen die garantiert nicht diese doofen Latschen von gegenüber. Die suchen etwas Schickes!"
Richtig, das junge Mädchen überflog beide Regale mit einem flüchtigen Blick, der dann tatsächlich an uns hängen blieb.
"Mutti, die sehen ja toll aus! Passen die, dann nehm` ich sie!", jubelte es laut los.
"Klick, klick!", machten wir jetzt beide, total aufgeregt.
Unser Meister zwinkerte uns unauffällig zu. Sofort nahmen wir noch mehr Haltung an als bisher.
"Ist denn der Absatz nicht doch ein wenig zu hoch!?", zweifelte die Mutter.
"Du musst beim Tanzen auch vernünftig auf ihnen laufen können." "Mutti, fürs Walzertanzen brauch` ich genau so hohe Absätze. Alles andere sieht bekloppt aus!", tönte es selbstbewusst.
Jetzt kam der große Moment. Die junge Dame streifte uns über. Beide schmiegten wir uns ganz zärtlich und geschmeidig um ihre Füße:
"Nimm uns!", flehten wir im Stillen.
Sie drehte sich ein paar Male um sich selbst, besah sich im Spiegel und juchzte:
"Die sind todschick, die will ich!"
Mit dieser Aussage bestätigte sie unsere Meinung von unserem Äußeren ja nun ganz ausdrücklich.
Zufrieden bemerkte ich:
"Belle, die ist klug. Die hat erkannt, wie toll wir sind!"
Außerdem passten wir wie angegossen. So erging es ihr zu ihrem Glück nicht wie Aschenputtels Stiefschwestern im Märchen, die sich dafür erst die Zehen abhacken mussten. (Den Prinzen bekamen sie trotzdem nicht. Pech für sie. Den kriegte Aschenputtel.) Wie gesagt, mittlerweile schlug mein Selbstwertgefühl Purzelbäume.
Belles übrigens auch.
Kurz und gut:
Wir wechselten den Besitzer, landeten in einem weich gepolsterten, uns angemessen schicken Pappkarton und danach in einer flotten Einkaufstüte.
"Macht`s gut, Ihr Zwei!", verabschiedete sich im Hintergrund unser Meister noch von uns, aber das kriegten wir nur noch so am Rande mit.
Kapitel 5
"Gleich zuhause trippelst du am besten stundenlang auf diesen Stelzen rum, damit du dich an deren Absatzhöhe gewöhnst...Bis Samstag ist es ja nicht mehr lang!", riet die Mutter ihrer Tochter.
"Isa - Michaela also heisst sie!", flüsterte mir Belle zu.
"Hübscher Name!", brummelte ich. Aber hübsch fanden wir sie auch so.
Unser neues Zuhause gefiel uns auf Anhieb.
Garantiert schützten uns unsere zwei Vornamen und dass wir sogar von` hießen, davor, uns zusammengepfercht mit -zig anderen Schuhpaaren (übrigens fast alles ordinäre Treter!) die Enge in dem winzigen Abstellraum hinter der Eingangstüre teilen zu müssen.
Unter den missgünstigen Blicken jener gemeinen Schuh-Armada trug Michaela uns in ihr Zimmer. Streng prüften wir dessen Einrichtung und befanden sie für hoch wohl geborene Prinzessinnen wie uns als wirklich recht angemessen. Entzückt geradezu waren wir von dem breiten Standspiegel.
"Vor dem findet dann Michaelas Modenschau statt!", sagten wir uns.
"Und wir sind mit von der Partie!" Wir strahlten.
Fünf Minuten später bereits fand die Premiere statt. Michaela konnte es offensichtlich gar nicht erwarten, uns wieder an und unter ihren Füßen zu spüren, streifte uns über und tänzelte vor dem besagten Spiegel auf und ab.
"So, jetzt üben wir drehen`!", klärte sie uns auf.
In den ersten Sekunden klappte es ja noch so gerade, aber dann rutschten uns fast die Sohlen weg vor Schwindel. Oder lag das etwa an dem glatten Parkett?
"Isa, Belle, so ähnlich wird das am Samstag sein. Nur drehen wir uns dann noch viieel länger!" Michaela verdrehte die Augen, ihr Gesicht leuchtete.
"Hm...oh..oh!", machten wir, da wir nicht recht wussten, was wir davon halten und wie wir uns also dazu auslassen sollten.
"Hach, wird das schöön!!"
Michaela wirbelte nur so im Kreis herum und sang dabei lauthals:
"La, la, la, la ,laa, la, la, la, laa,.. La, la, la la, laa, la la la laa, usw. …." Uns durchzuckte ein ordentlicher Schrecken. Das klang verdächtig nach `Kaiserwalzer` und der war lang. Plötzlich waren wir uns nicht mehr sicher, ob wir Michaelas Vorfreude teilten.
"Was da wohl auf uns zukommt...?", überlegten wir bange.
Die Tage vergingen wie im Flug. Es wurde Samstag.
Unsere Galgenfrist neigte sich ihrem Ende zu.
Am Samstag staunten wir Bauklötze. Michaela rannte hektisch vom Bad in ihr Zimmer und wieder zurück. Wieder und wieder. Diese Aufgeregtheit steckte an. Uns kribbelte es im Leder. Alle zwei Minuten schielten wir zum Spiegel.
"Isa, sitzt meine Schnalle auch richtig?", hauchte Belle.
"Super!", behauptete ich und linste zu meiner.
Inzwischen hatte Michaela den ganzen Inhalt ihres Kleiderschrankes auf ihr Bett gepfeffert, ausgesucht und mucksend verworfen.
"Nee, zu diesen Kleidern passen die neuen Schuhe ja nun wirklich nicht!" Nach sage und schreibe zwei Stunden war endlich die Entscheidung gefallen. Michaela würde in einem Traum aus königsblauer Seide übers Parkett schweben.
Endlich brachen wir auf.
Die Tanzschule erstrahlte in heller Festbeleuchtung. Aus dem riesigen Saal tönten schon die ersten romantischen Klänge. Belle und ich sahen nur flüchtig auf all die Pracht und widmeten uns dann verstohlen dem Anblick all unserer Konkurrentinnen da an den fremden Füßen.
"Belle!", raunte ich meinem Zwilling zu.
"Haste die da gerade gesehen, die mit all dem Blinkerzeug auf ihrem Riemchen? Furchtbar!" Nein, hier brauchten wir uns wahrlich nicht zu verstecken.
Der Chef der Schule hielt eine kleine Begrüßungsansprache und bekam viel Beifall sowie fröhliches Lachen zur Antwort. Damit war der Ball eröffnet.
"So, jetzt beweisst mal, dass ihr das Geld wert seid!", lachte Michaela.
Und schon drehten wir uns im Tanze.
"Au!", maulte ich kurz darauf und schoss wütende Blicke auf eine neben mir her hopsende Sandalette, die so gar nicht elegant unbekümmert auf meiner Schuhspitze gelandet war. Gottlob war` s nicht ihr Absatz gewesen!
Tapfer machten wir trippelige Tanzschritte, Runde um Runde.
"Klick-klack, klick-klack!".
Das konnten wir leider da nicht verhindern.
Nach einiger Zeit, unsere Sohlen waren schon grauschwarz vor Anstrengung, ereilte uns unser Schicksal. Wir hatten ja gehofft, der Kelch könnte wider Erwarten doch noch an uns vorüber gehen.
Ganz groß wurde er angesagt, mit Jubelrufen aus Jungmädchenkehlen begrüßt:
"Kaiseerwalzer!!"
Wir waren uns klar darüber, der gäbe uns den Rest!
Begeistert drehte sich Michaela im Kreise. Weniger begeistert folgten wir notgedrungen unserer Pflicht, sie dabei trittsicher zu unterstützen.
"Belle, dieser verflixte Tanz bringt mich noch um. Hoffentlich ist der bald zuende!" Belle kam nicht dazu, darauf das Passende zu sagen.
Sie konzentrierte sich aufs Takthalten.
Ich weiss nicht, wie lange es dauerte. Ich weiss nur, dass ich nichts mehr wusste. Ich war kurz vorm Wegknicken, so schlecht war mir mittlerweile von der ewigen Dreherei.
"La, la, la...!"
Da passierte es. Belle fühlte sich ganz offensichtlich auch nicht mehr imstande, die Richtung zu halten, schlingerte bedenklich hin und her.
"Isa, ich kann nicht mehr!"
"Durchhalten, irgendwann ist auch der längste Tanz zuende!"
Während einer schnellen Drehung um die eigene Achse drohte mir dann fast der Lederinfarkt. Belle hatte den Takt und, ach...wie schrecklich, zusätzlich zuerst die Balance, dann Michaelas Fuß verloren. Aber leider nicht den Schwung des Kaiserwalzers.
"Hiieelf mir, Isa!", klickte sie hilflos.
"Wie denn? Ich kann ja nicht. Ich muss weiter!", quietschte ich zurück.
Ehe Michaela und erst recht ich fix eingreifen konnten, sauste Belle ganz allein vor aller Augen und sämtlichen, entsetzt starrenden Schuhspitzen quer übers Parkett, zwischen den Beinen der Tanzpaare hindurch bis zum anderen Ende des Saales. Dort stand gottlob ein hilfsbereiter Herrenschuh, der sie heranschlittern sah, einen raschen Schritt vorwärts machte und sie bremste. Ein seehr schicker Herrenschuh...
Unterdessen versuchte ich aufgeregt, Michaela zum Handeln zu bewegen:
"Klack, klick, klick!"
Doch bei der lauten Musik schien sie es nicht zu bemerken oder wollte es auch nicht.
Mich total hiflos fühlend, musste ich mir zusätzlich noch anhören, wie sie zu ihrem Tanzpartner sagte:
"Macht mir gar nichts. Dann tanze ich eben weiter mit einem Schuh!" "Die hat mich einfach ignoriert und der blöde Kerl lacht dazu auch noch!" Ich war wütend.
"Wie kann sie nur soo herzlos sein?", dachte ich.
Mehr noch zu überlegen oder auf passende Rache zu sinnen, blieb mir leider nicht die Gelegenheit. Ich war ja nur eine Schuh und hatte zu gehorchen.
"La, la, la...!!"
Nach ein paar Drehungen kam mir die Erleuchtung:
"Eine Runde heisst Runde, weil es immer rund geht. Also kommen wir gleich bei Belle vorbei!" Das beruhigte mich etwas.
Mittlerweile hatte mein Zwilling sich wieder etwas berappelt und musterte den Bremserich etwas genauer, noch ein wenig verschämt, um sich dann, wie es sich für eine Schuhprinzessin gehört, standesgemäß bei ihm zu bedanken:
" Das war aber nett...!", fing sie an.
Dabei blieb es aber dann auch. Sie hatte nämlich gleich mir festgestellt, dass ihr Gegenüber ein ungewöhnlich attraktiver Herrenschuh war. Ihre Schnalle blitzte ihn an. Das war zwar gegen jeglichen Schuh-Knigge, aber da leider nicht mehr zu verhindern. Ganz eindeutig hatte es meinen Zwilling tüchtig erwischt. Dass Leder ihres männlichen Gegenübers glänzte auffällig strahlend zurück.
"Arme Belle!", dachte ich traurig.
"Sie sieht ihn doch wahrscheinlich nie wieder."
Endlich blieb Michaela neben ihrem verlorenen Schuh stehen und bückte sich, um Belle aus dieser mehr als peinlichen Niedriglage zu befreien.
"Einen Moment!", sprach sie da eine freundliche Stimme an.
Der Besitzer des schönen Herrenschuhes beugte sich rasch, hob Belle auf und legte sie in Michaelas ausgestreckte Hand. Michaela sah ihn lächelnd an:
"Das ist aber lieb...!" Komisch, die stockte ja fast so wie eben Belle. Sollte sie sich etwa auch...?
"Meine Güte, der lächelt ja genauso herzlich zurück!" Mein Herz klopfte.
Mein Gespür trug mich nicht. Michaela und der junge Mann kamen ins Gespräch, unterhielten sich dann pausenlos und verstanden sich prächtig. Als es ans Abschiednehmen ging, fasste der junge Kavalier ihre Hand und bat sie um ein Wiedersehen.
Gar nicht mehr der übermütige Wildfang, hauchte Michaela schüchtern:
"Ja. Ich würde mich freuen."
"Belle, ahnst du, was das für dich bedeutet... ??" Ich brauchte sie nur anzusehen.
"Sie wird ihn wiedersehen.
Sie ist glücklich!"
Da war auch ich glücklich.



Eingereicht am 20. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
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