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Klappe zu und Kaiserschnitt

© Otto Wendl


Es war soweit. Die Geburt unseres ersten Sohnes stand bevor. Christopher, mein ältester, hatte allerdings eine scheiß Lage. Ich habe mich im Krankenhaus dann aufklären lassen, des es zwar Steißlage heißt, die Probleme damit allerdings dieselben sind.
Auf jeden Fall, er lag verkehrt, mit den Füßen nach unten, er hatte sich nicht gedreht. Ich vermute, weil es damals noch keine Gameboys und Playstations gab. Da wir aber für die Entbindung schon in einem Krankenhaus in Wien angemeldet waren, verbrachten wir die kalkulierte Woche vor dem Entbindungstermin im Hause meiner Schwiegereltern, um dann im Falle des Falles oder bei eventuellen Komplikationen schneller in jenem Krankenhaus zu sein, das ungefähr 1km vom Haus entfernt lag.
Ich und meine Schwiegervater verbrachten die meiste Zeit mit Fernsehen oder Diskussionen, Manuela mit Essen und Kotzen und meine Schwiegermutter mit Kochen und Aufwischen. Eines Tages war es soweit. Während einer Schwiegermutters Aufwischpausen saßen wir alle gemeinsam vor dem Fernsehapparat und sahen uns eine Folge von "Traumschiff" an. Bei einer dieser besonders schmalztriefenden Szenen platzte mir der Kragen und Manuela die Fruchtblase. Seit diesem Tage empfehle ich "Traumschiff schauen" jeder Frau, bei der die Geburt überfällig ist.
Während also Schwiegermutter wieder ihrer gewohnten Tätigkeit nachging, rief Schwiegerpapa den Krankenwagen und ich fing an, für Manuela die Sachen zu packen.
Tatüütataa, sie waren da. Manuela wurde in den Krankenwagen gehievt und eins, zwei, drei, im Sauseschritt, war sie dort, wir durften mit.
Manuela wurde vom diensthabende Arzt untersucht und ein Kaiserschnitt wurde angeordnet. Manuela kam also in den OP und Schwiegervater fuhr wieder nach Hause, um noch ein paar persönliche Dinge für Manuela zu holen.
Ich plazierte mich inzwischen am Gang vor dem OP und wartete. Plötzlich ging die Türe auf und eine Schwester huschte mit einem Organ auf einem Silbertablett an mir vorbei. Panik ergriff mich und ich lief der Schwester hinterher.
"Hallo, Schwester, einen Moment bitte", keuchte ich.
"Wieso schneiden sie meiner Frau ein Organ heraus?", fragte ich entsetzt. Was ist passiert? Und was ist das überhaupt für ein Teil?
Die Schwester klärte mich darüber auf, das dieses Organ der Mutterkuchen sei und dieser verwertet werde.
"Na, Moment", protestierte ich. Soviel ich weiß, hat meine Frau keinen Anordnung für eine Organspende unterschrieben. Wie kommen sie dazu? Nein, nein, pflanzen sie ihr das sofort wieder ein. Und wieso heißt das Mutterkuchen, bin ich hier in einer Konditorei oder in einem Krankenhaus? Und wo ist mein Kind?
Der Mutterkuchen, meinte die Schwester sichtlich irritiert, oder auch Placenta genannt, wird nach der Geburt abgestoßen und ausgenommen,.
"Ahh, soo wie die Väter", meinte ich etwas zynisch. Die Augen der Schwester begannen zu funkeln.
Werden daraus die Placebos gemacht?, fragte ich beiläufig.
Nein.
Auch gut. Und wo ist jetzt mein Kind?
Das wird gerade gewaschen und untersucht, antwortete die Schwester schon etwas gereizt.
Wo?, fragte ich.
Dort, zischte sie und sie zeigte mit einem Finger auf eine Türe.
Ist es gesund?, fragte ich. Das es ein Junge ist, wußten wir ja schon vom Ultraschall.
Er wird gerade untersucht. Hören sie nicht zu? Schwester Oberin rauschte mit dem Organ auf dem Silbertablett ab.
"Ach ja, eine Frage noch", rief ich ihr nach.
Die Schwester drehte sich sichtlich unwillig wieder zu mir um, sah mich scharf an und pfiff ein "was ist" durch ihre Zähne. Mich wunderte, das dabei der Mutterkuchen nicht vom Tablett sprang und davon lief.
Wie geht es meiner Frau?
Gut, antwortete sie. Sie wird in diesem Moment genäht und kommt dann in das Aufwachzimmer.
Ok, alles klar, danke, rief ich ihr nach. Aber, Moment noch bitte, wo ist das Aufwachzimmer?
Weg war sie. Ignorante Person.
Ich stellte mich also vor die Türe, wo dahinter gerade mein Sohn untersucht und gewaschen wurde und wartete auf die untersuchungstechnische Niederkunft.
Endlich, endlich war es soweit. Die Tür ging auf und eine andere Schwester kam mit einem in weißes Leinen gewickleltem Baby im Arm heraus. Sind sie der Vater?, fragte sie mich.
Ich weiß nicht, antwortete ich. Ich das mein Sohn?
Christopher ..., ist das richtig?
Ja, das ist er. Stolz erfüllte meine Brust. Ich nahm meinen Sohn in die Arme und war selig. Er war hübsch, ganz der Vater. Ich habe einen Sohn gezeugt, ich, ich ganz alleine. Ich bin ein ganzer Mann. Naja, Manuela hat vielleicht etwas mitgeholfen, aber..., wo ist die überhaupt?
Ach ja, die wird ja gerade genäht. Wo ist jetzt dieses blöde Aufwachzimmer?
Nachdem mich die Schwester, die meinen Sohn aus dem Zimmer trug, darüber aufklärte, wo das Aufwachzimmer denn nun liege, ging ich mit meinem neugeborenen Sprößling dieses suchen. Dort angekommen, öffnete ich ganz sachte die Türe, denn ich wollte Manuela nicht erschrecken, was aber ohnedies nicht möglich gewesen wäre, da sie noch im Narkosedelirium lag. Neben ihr hockte der wieder eingetroffene Schwiegerpapa und hielt Händchen mit sich selbst. Mein Schwiegervater betrachtet entzückt den Kleinen und verabschiedete sich dann wieder, nachdem ja alles in Ordnung war und er nicht stören wollte. Als Manuela dann endlich die Augen öffnete, schielte sie um 25 Ecken und ich hielt ihr unseren Nachwuchs unter die Nase. "Na, ist er nicht gelungen?".
Ja, freute sich Manuela. Schau nur, wie er strahlt !
Schatz, das ist die Nachttischlampe, wies ich Manuela auf ihren Irrtum hin. Unser Sohn ist hier. Anscheinend war die Narkose noch nicht ganz abgeklungen.
Wie dem auch sei, ich war glücklich. Ich hatte eine hübsche Frau und einen gesunden Sohn, was will man mehr. Ach ja, und ich wurde alimentationspflichtig. Juchu.



Eingereicht am 12. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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